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Neue jüdische Presse · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Israitkfrtrter Sfrurlitifiiira fmnilifnlilatt. < - " "— -1-- » Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Nngam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4-- AedaKtto« «nd HeschLfrsstel Srankfurt a. m. Lleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße P-r-fo» 10507. ajPvfVWw^vVvf ♦ y wt jj v>y* . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. MO „ Platz- und Datrn-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis »ach Ueberrinkunft. 1 - i. — — ' 4. Jahrgang. Freitag, den 21. Vkvsodvsn 5667 (9. November 1996). No. 43. Das ist die Theorie dieser Erz-Reaktionäre. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die konservativen und liberalen Parteien in Rußland, von I. b. E. — Brief aus England. — Preßstimmen. — AusallerWelt. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dein Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Bunte Chronik. — W.ochen-Kalcnder. — Familiennachrichten. — Vereins-Kalender. Die konservativen und liberalen Parteien in Rußland. Von I. b. E. I. Abgesehen von der seit etlva einem Jahrzehnt existierenoen sozialistischen Organisation, die wir bereits vor längerer Zeit an dieser Stelle behandelten, gibt es in Rußland noch viele Parteien und Parteichen, die in der letzten Zeit entstanden sind. Es ist leicht begreiflich, daß sie nur ein Prototyp der politischen Begriffs- und Gefühlsverworrenheit seiit können, Noch sind sie zu jung, als daß sie wisseir könnten, Ivas sie eigentlich wollen. Und die Situation ist zu verioickelt. Das Volk ist politisch ungeschält und läßt sich von jedem belehren. Und es ist intellektuell ausgehungert — und frißt alles, ivas es tiitr bekommt. Mait kann daher auch nichts anderes erwarten, als ein kunterbllntes Durcheinander der inannigfaltigen Schattierungen des politischeit Lebens. Es tobt der blutige Kampf. Es dröhnt die Erde, es bebt der Himnrel. Das Meer ist aus seinen Fugen heraus, — Und es kracht die alte Burg. Bombendonner aus deni einen Lager, doch knallt auch die ehrwürdige mittelalterliche .... Peitsche. Und stolz blinkt der Galgen. Das moderne und das neue Leben sind schon eingezogen, doch das alte Leben — nicht ausgezogen. Sie stehen sich gegenüber. Beide ausgerüstet vom Scheitel bis zu den Zehen. Das Leben des einen ist der Tod des anderen: das wissen sie beide. Keine Schonung, keine Duldung. Eine wütende Schlacht. Blut hie, Blut da. Es zittert das Licht. Die Finsternis will nicht weichen. Die Toten wehren sich in der Gestalt ihrer Kinder. Alt, alt ist die Gruft und schauerlich, schauerlich. Furcht ringsum. Gar vielmals stieg man mit Licht hinunter — und es erlosch bald. Es Wachen die Toten, um jedes neue Licht zu ersticken. Die Menschen wissen es nicht, dieses Geheimnis. Sie meinen: es ist ihre Hand, die handelt; ihre Stimme, die spricht. Und wissen nicht, daß sie Totengräber sind und von Kadaver sich nähren. ... Es rötet sich der Himmel. Und immer frischer die Luft. Selbst eine Fackel erlischt nicht mehr. Und es sterben aus die Toten. . . . Und nun die Prosa: Väter und Söhne. Traditon und Revolution. Die Väter möchten ewig leben. Und die Söhne möchten von neuem geboren werden. Es klafft eine tiefe Kluft, unüberbrückbar ist sie. Erbitterte Feinde, sie können sich nicht versöhnen; sie dürfen es nicht. Und es Uirren die Waffen. Hie verrostet, aber reich an Hebungen, da frischer, aber unerfahren. Auf beiden Seiten ein Getümmel, ein Brausen und Sausen. Weiß nicht, was man wollen soll; man hört nicht, was man selbst spricht; geschweige, was andere sprechen. Ein Gemenge und Gedränge, der Mensch erkennt sich selbst nicht. Man vergißt sich selbst, jeder Mensch ist nicht er, sondern ein Stück Massensuggestion. Daher die kleinlichen Parteiinteressen, die Konkurrenz in Verleumdungen. So die poetische und prosaische Atmosphäre der politischen Parteien ini gegenwärtigen Rußland. Die konservativen-und liberalen Parteien. Sie lassen sich in drei Haüptgruppen einteilen, analog wie in Westeuropa: in Rechte, Zentrum und Linke. Von der extremen Linken kann hier abgesehen werden, da wir von ihr bereits gesprochen haben. Die extrenr rechtsstehenden Parteien können reduziert werden auf die „heilige Allianz des nationalen S e l b st s ch u tz e s". Dieser gehören die „echt russischen Leut e", die „schwarzen H u n d e r t s ch a f t e n" und noch kleinere Parteichen an. Sie werden von der Regierung unterstützt, materiell und moralisch. Sie proklamieren die Unerschütterlichkeit des alten Regimes, wünschen keine Reformen, es sei denn ganz minimale. Ihr Standpunkt ist ein religiöser, richtiger ein kirchlicher. Der Zar ist das „Väterchen" der griechisch-orthodoxen Kirche, alle anderen Kirchen und Religionen sind fremde. Und nur „echte russische Leute" dürfen als Söhne des „Väterchens" betrachtet und behandelt werden. Juden sind die echten n i ch t r u s s i s ch e n Leute, die Feinde Rußlands. Sie müssen unschädlich gemacht werden. Wie aber? Einschränkung ihrer Rechte? Man versuchte es — und es half nichts. Ausweisung? Sechs Millionen Menschen kann man ja nicht so leicht aus einem Lande herausjagen. Dann ist die Regierung nicht zuverlässig genug. Sie hat Geld nötig — und kann nicht unelegant sein. Denn Westeuropa verkehrt nur mit anständigen Leuten. Standesgemäß. Also bleibt nichts übrig, als selbst die Sache in die Hände zu nehmen. Die Regierung soll ihre Rolle nur hinter den Kulissen spielen. Sie kann dann noch viel mehr leisten. Das Konto aber übernimmt das Volk. Kurz: Pogrome — Volksrach e. Da kann niemand chm etwas anhaben. Prostitution und Antisemitismus sind auch in Westeuropa keine Schande. Im Gegenteil, sie werden von hier aus nach Rußland transportiert. Jedenfalls werden die feigen Finanziers der Kulturwelt eine Ausrede haben können: das Volk ist unzivilisiert, die Regierung aber will es erziehen lassen. Und mehr als eine Ausrede brauchen sie nicht; abgesehen freilich von den hohen Prozenten.... Ihre Praxis kennen wir zur Genüge. Sie sind sehr konsequent, sie handeln nach ihren Ansichten. Das Vaterland ist in Gefahr, die Kirche mit chm. Die alte Ordnung und die alten Traditionen verlieren immer mehr ihren Boden. Das russische Volk verliert den Glauben. Daran haben Schuld — die Juden. Die Intellektuellen der russischen Sozialdemokratie waren vorzugsweise Juden. Sie standen stets an der Spitze; sie waren auch stets die ersten Opfer. Kein Mensch kann es bestreiten: jedenfalls in den ersten Zeiten war ihr kulturelles Niveau bedeutend höher als das des echt russischen Volkes. Sie bildeten das Volk aus, fie erzogen es in dem Freiheitsgedanken. Und es wurde abtrünnig, von seinem Gott und seinem Zaren. Also! Der ehrliche Reaktionär muß die Juden hassen, es ist sein primitives R e ch t. Und um so mehr die Reaktionäre in Rußland — und noch im gegenwärtigen Moment. Das Leben ist in Gefahr; Bomben vorne, Bomben hinten — bisher war es doch nicht. Wer schuf diese neue Zeit? Er sieht sich um, der Anhänger des Zarentums: überall Juden. Freilich mehr Christen, doch prozentualiter? Aber er treibt hier gar keine Statistik. Er weiß nur, seine Brüder waren ganz anders gesinnt. Wer waren die ersten Propheten? Wer hat den ersten Lichtstrahl in die russische Volksmassc hineingebracht? Aber auch davon abgesehen. Gut, seine Brüder verfielen selbst der Sünde, gleichviel — die Juden aber helfen ihnen in diesem Frevel. Juden — fremde Leute, diekeineVaterlaudsliebe haben; keine Vaterlandsliebe haben können, wenn sie noch Ehrgefühl haben. Juden also — die russischen Patriotismus heucheln. Das kann wahrlich einen ehrlichen Nationalisten beleidigen. Er muß es hassen, wenigstens verachten. Und er haßt und verachtet den Juden auch ohnedies genug; denn eine ganze Weltanschauung trennt sie von einander. Ja, man muß sich von dem reaktionären Vorurteil befreien, als ob der Reaktionär stets keine Weltanschauung hätte. Grade weil er es bisweilen ernst mit seinen Ueberzeugungen meint, >veil sie ihm eine Herzenssache sind — muß er seine Gegner hassen. Denn ein Gegner in einerHerzenssache ist einFeind. Und Fanatismus ist keine Sünde, wenn er ehrlich ist. Wer nur kein Anhängsel der öffentlichen Meinung ist; >ver sich vor ihr nicht schämt und nach seiner Meinung handelt; wer eine Idee aufrichtig denkt und fühlt; wem ein Gedanke sein intimstes Leben bedeutet; wem ein Gefühl das heißeste Blut kostet — der kann nicht Fanatiker sein. Wer sich selbst für seine Idee zu opfern imstande ist, muß ihr gar oft auch andere opfern. Und man muß es ihm verzeihen. Ein Schwächling wäre er, täte er es nicht. Toleranz ist Luxus. Und nicht jeder kann sich diesen Jdeensport gestatten.

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