Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. stina bereits diesen Winter beginnen soll, erforderlichen Vorbereitungen in Beratung gezogen werden. Vorliegende fachmännische Urteile stimmteil darin überein, daß angesichts des fast unbeschränkten Absatzgebietes der Tcppichwaren, die palästinensische Teppichindustrie, richtig emgeleitet, Tausenden von Familien einen einträglichen Erwerb schaffen wird.. Um dem Bezalcl eine breitere Basis zu schaffen und seinen vielen Gönnern die Möglichkeit zu geben, in bauernden und engeren Beziehungen zu demselben zu verbleiben, hat das Komitee beschlossen, den Bezalel als Verein zu begründen Und durch Eintragung ins Vereinsregister Korporationsrechte für ihn zu erwerben. Zur Aenderung der Satzungen in diesem L-inne ist eine Kommission, die ans den Herren Dr. Paul Nathan, Zaines Simon und Prof. Marburg besteht, gewählt worden. Mitglieder-Anmeldungen nimmt der Vorsitzende des „Bezalel", Prof. Marburg, Berlin W. 15, Uhlandstraße 175, entgegen. Berlin. Eineinhalb Millionen für ein Friedhofsgeländc. Die Jüdische Gemeinde beabsichtigt, wie wir hören, zur Anlegung eines neuen Friedhofes in der Nähe von Lankwitz Gelände von 100 bis 120 Morgen Größe für etwa eineinhalb Millionen Mark zu erwerben. Cuffel. Im Reichstagswahlkreise Weimar ist das Kartell der drutschsozialen Antisemiten, Christlichsozialcn, Konservativen, der Mittelstandsvercinigung und des Bundes der Landwirte perfekt geworben. Eine Vertraucnsmäniierversaminlung dieser Parteien hat den deutschso-ialcn Oberamtsrichter Gräf aus Geisa als Reichstagskandibaten proklamiert. Jin Falle seiner Wahl wird sich Gräf der Wirtschaftlichen Vereinigung anschlkeßen. ' Augsburg. Ein Jubiläum feiern dieser Tage die Inden Augsburgs. Es sind nämlich 50 Jahre verflossen, seit den Jude» hier die endgültige Aufnahme gewährt und das Bürgerrecht verliehen wurde. Leicht wurde . cs ihnen aber nicht - gemacht. Wer sich aufnehmen lassen wollte, mußte als Großhändler eingetragen sein und ein Vermögen von wenigstens 10 000 Gulden Nachweisen. Stuttgart. Nach der endgültigen Febstellung der Zählung vom 1. Dczcinvcr 1905 zählt Württcmberg unter 2 302179 Personen 12 053 Juden. Hamburg. Hertz Joseph Levy-Stiftung. Dir im Jahre 1854 am Großncumarkt von Herrn H. I. Levy s. Ä. gegründeten Freiwohnungen für Israeliten entsprachen nicht mehr den Bedürfnissen der Neuzeit. Die Verwaltung hat deshalb die Een Häuser im März d. Js. hergnterreißen und zwei schöne Neubauten mit je drei Stockwerke» an deren Stelle errichten, lassen, in denen 19 Familien Unterkunst finden. Eine jede Familie hat eine abgeschlossene Etage für sich, bestehend aus mehreren Zimmern, geräumiger Küche, Speisekamincr usw., teilweise sogar mit Balkon. Zu jeder Wohnung gehört ein abgeschlossenes Bodengelaß; außerdem Benutzung der gemeinsamen Trockenböden, Waschküchen, Badezimmer.usw., die in jedem Gebäude enthalten sind. Der freigebliebene Teil des Hofes ist in eine hübsche Gartenanlagc verwandelt, so daß man wohl sagen kann, daß den Bewohnern dieses Stiftes im Inneren der Stadt eine bessere und gesündere Frei» wohmmg nirgends geboten werden dürfte. Stettin. Kürzlich sollte hier die Gründung eines Zentralverbandes für Lcibesvflege stattfindeii. In der konstituierenden Versammlung sprach der Referent Stadtschulrat Prof. Dr. Rühl, Schriftführer des deutschen Turnvcrbandcs, es offen aus, was die. T u r n v e r c i n e oft zu beschönigen suchen. Rassen-und K l a sse n h a ß seien es, die gerade innerhalb der Vereine für Leibeszuchtarbeit eine ungeheure Rolle spielten und dadurch diesen edlen Bestrebungen den Boden zu unterwühlen, drohten. Oppeln. Synagogen-Gemeinde-Verb and des Regierungsbezirkes -Oppeln. Im Regierungsbezirk Oppeln mit einer Gesamt-Einwohnerzahl von über' 2 000 000, darunter etwa 20 000 Juden, befinden sich 39 Synagogen-Gemeinden mit 18 Tochtergemeindcn. Don diesen sind. 27 Hauptgemeinden mit 14 Tochtergemeindcn Mitglieder des Verbandes. Die außerhalb des Verbandes stehenden Gemeinden sind bis auf Leobschütz Klcingemeinden, welche offenbar ihren Beitritt deshalb nicht erklären, .Werl es ihnen schwer wird, den Jahresbeitrag auszuLringcn. Alle Versuche der Verbandslcitung, die Gemeinde Leobschütz zum Beitritt zu beivegcn, sind bisher erfolglos gewesen. Die Verbands - Leitung — Vorsitzender: Amtsgerichtsrat Glogaucr in Tarnowitz — richtet ihr Augenmerk besonders auf den Religioiisunterricht; leider sind aber die Einnahmen nicht derart, daß sie auf diesem Gebiete das leisten könnte, was sie leisten möchte. Oesterreich-Ungarn. Wie». Der antisemitische Direktor Franz Wortner, dem das Malheur passierte, eine Lehrerin j üd i scher Religion an seiner Schule angestellt zu sehen, ließ dieselbe zu sich rufen und befahl ihr, beim Morgengebet mit. den Kindern auch das .Kreuzzeichen mitzumachen. Hoffentlich wird der Bezirksschulinspeftor das Nötige veranlassen. Wie». Aus dem Nachlaß des Herrn Siegln und Reitzes f. A. gelangen infolge testainen- FrÄüffuMr ZssraeWscheS Familienblati. torischer Bestimmung 400000 Kr. für wohltätigeZwecke zur Verteilung. Hiervon erhalten je 40000 Kr. der Verein von Wiener Börsebesuchern zur Unterstützung hilfsbedürftiger Mitglieder, die Israelitische Allianz, das Rudolfinerhaus; je 30000 Ke. die Witwen- und Waisenfonds des Journalisten- und Schriftstellervcrcines „Concordia", der Philanthropische Verein; 20 000 Kr. das Spital der israelitischen Kultnsgemeinde und je 10000 Kr. das Kaiser Franz Josefs-Ambulatorium, das Karolinen-Kinderspital, die Israelitische Armcnanstalt, die Wiener Freiwillige Rkttungsgescllschaft, der Kaiser Franz Josefs- Jnbilänmsfonds zur Unterstützung hilfsbedürftiger Börsenmitglieder, ferner die Vereine „Lupnsheilstätte", „Wiener Settlement", Verein zur Erhaltung und Förderung des ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitnts. Eine große Anzahl ivciterer Institute und Vereine erhalten Beträge von 5000 Kr. und darunter. Wien. Die Vorbereitungen für die anfangs Dezember stattfindenden Wahlen in den Wiener Kultus Vorstand sind in vollem Gange,, und in diversen Wahlkonventikcln werden Herz und Nieren und auch die Schwere des Geldsackes der einzelnen Kandidaten geprüft, die sich uin ein Vorstehrrmandal bewerben. An Bewerbern ist üllcrdings kein Wangel, aber soweit die Namen der neuen Kandidaten bis jetzt bekannt wurden, befindet sich unter denselben keine einzige hervorragende Persönlichkeit mit ausgeprägter Individualität, und trotzdem fast ein Drittel der Mandate zur Wahl gelangt, wird an der bisherigen Zusammensetzung des Vorstandes im.wesentlichen wenig geändert werden. Mährisch-Dstrau» 27. Oktober. In der letzten Sitzung des Kreiswahlkomitees zur Aufstellung eincs Kandidaten für die kommenden Landtagswahlen, gab der Freialldcntsche Kandidat F r c i ß l e r folgende Erklärung Äb: „Es ist unrichtig, daß die Frcialldeutsche Partei den Juden die persönliche Ehre abspricht; sie will nur den überragenden Einfluß der Inden und nickst den berechtigten bekämpfen,. und zwar wurde dieser Punkt nur deshalb seinerzeit im Programm der Freialldeutsche» ailfgeiiomiiien, weil bekanntlich die Deutschlibcralc Partei seinerzeit große Fehler insbesondere in nationaler Hinsicht beging und weil beim Hervortretcn eines kräftigen völkischen Lebens die jüdische Wählerschaft an der liberalen Herrschaft fest» hielt, so daß daraus die Folgerung gezogen werden mußte, die Inden haben an diesen Fehlern wesentlichen Anteil. Das Absprcche» der persönlichen Ehre und Satissaktionssähigkeit des Juden bildet weder einen Programmpunkt der Freialldeutschen, noch entspricht' cs »icincr persönlichen Ueberzeugnng." Diese Erklärung hat natürlich die Juden ganz kalt gelassen und cs wurde seitens des jüdischen Wahlkomitees beschlossen, an der Kandidatur des LGR. Dr. Ehrlich sestzuhalten. Pretzburg. Die Anstalt zurHeranbildung i s r. Krankenpfleger hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens einen Ruf erworben. Die von der Anstalt ausgebildeten Krankenpflegerinnen, welche bei Kranken ohne Unterschied der Konfession ihren Dienst machten, ivurden auch außerhalb Preßburgs gesucht und waren zu jeder Zeit vergriffen. — Augenblicklich hat die Anstalt? drei Pslcgcrinncnstellcn ausgeschrieben. Die Pflegerinnen werden im erste» Jahre theoretisch und praktisch ausgcbild'et. Während dieser Zeit bckonimen sie nächst unentgeltlicher Verpflegung ein Honorar von 12 Kronen monatlich. Nach einem Jahre jedoch, wenn sic nach erfolgreicher Prüfung als Stammpflegerinneir lebenslänglich ausgenommen werden, erhalten sie außer gänzlicher Verpflegung und Oberkleidung ein Jahresgehalt von 240 Kr., welches von 3 zu 3 Jahren bis 500 Kr. steigt. — Die Anstalt versendet an die jüdischen Gemeinden Zirkulare, damit dieselbe» ihr zur Krankenpflege geeignete Personen empfehlen und dieser — in unsere Monarchie einzigen — derartigen Anstalt Unterstützung angcdcihen lassen. Krakau. .Kaljeh machen kann auch eine Katz'", sagt ein jüdisches Sprichwort. Hetzereien finden nur zu leicht Gehör — und so haben denn auch die Chassidim und die Assimilanten ihr Ziel erreicht: die Statthalterci hat den Auftrag erteilt, die von Herrn Dr. Jung gegründete jüdisch e R e ä l sch u l e zu schließen, weil die Schulleitung einige Formalitäten nicht genau nach Vorschrift erfüllt hat. Lemberg. Wäbrend die Zahl der Juden Galiziens sich 1857—69 um 28»/« und 1869—80 um 220/'o vermehrt hat, hat sie 1880—90 nur um 12 o/o und 1890—1900 nur um 5°/o zugenommen. In Galizien haben im Jahre 1890 772 213 Juden gelebt und iin Jahre 1900 811371. An dieser ungünstigen Wendung ist die stärkere Auswanderung infolge der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der galizischen Juden schuld. Rußland. Petersburg, 26. Okt. Im Prozesse gegen den Arbciterdeputiertenrat erklärte in der gestrigen Verhandlung der Verteidiger Rechtsanwalt Grusenberg, er besitze die Kopie eines Schreibens des früheren Direktors des Po liz eidepartemen ts und späteren Gouverneurs von Esthland von Lopuchin vom 27. Juni 1906, worin dieser dem Mi »ist er Präs idente n Stolypin M itt ei lnn g en ii ber d ie O r g a n i sa- Nr. 42. tion eines Pogroms gegen die Juden und die Intelligenz von Petersburg im Oktober 1906 durch die Obrigkeit mit Hilfe des Schwarzen Hundert machte. Aus' Ersuchen des Präsidenten unterließ es der Verteidiger den Brief vorzulesen, beschränkte sich auf kurze Mitteilungen und beantragte die Vorladung Lopuchins als Zeugen. Dieser könne vor dem Gerichte bestätigen, daß der Direktor des Polizei-Departements Ratschkowski gedruckteProklamationen habe verbreiten lassen, und zwar: In Petersburg durch den bekannten Führer des Verbandes russischer Leute, Dubrorin, in Moskau durch den Redakteur der „Moskowskija Wjedomosti" Gringmut, in Orel durch einen Beamten des Generalgouverneurs und in Wilna durch den Polizeimeister. Er habe auch die Polizei des Reiches geleitet, nachdem er schon längst durch einen kaiserlichen Befehl seines Postens, enthoben war. Petersburg, 27 Okt. Da der Gerichtshof den Antrag der Verteidigung, das Schreiben Lopuchins an Stokypin den Prozeßakten bei'zuschließen und Lopuchin als Zeugen vorzuladen, ablehnte, so legte nbieVerteidigerihrAmt nieder und verließen d emonstrativ den Saal. Petersburg, 27. Oktober. In der gestrigen Sitzung der Zentrumsgruppe des, Staatsrates gelangte die Frage der p o li ti schon G lei ch sie klung der Inden zur Verhandlung. Die Ansichten darüber waren geteilt. Graf Reitern bestand darauf, daß die politischen Rechte der Juden sofort anerkannt werden sollten, während Balascheff im Gegenteil empfahl, die Gleichstellung der Inden mit den Russen zu vermeiden. Dann wurde mit 28 gegen 16 Stimmen beschlossen, die jüdische Frage nicht gesondert, sondern zusammen mit der Frage der Gleichstellung der Rechte aller Nationalitäten in der Bevölkerung Rußlands zu verhandeln. Wilna. Das Bildungs-Mini st eri um hat dem Direktor des hiesigen Bildungs-Rayons mitgeteilt, daß es für zweckdienlich hält, den Juden die Erlaubnis zur Errichtung von Privatschulen jeder Art und Handwerkerschule n zu gewähren. Diese Erlaubnis dürfe auch den jüdischen Gemeinden gegeben werden. Das Bildungs- Ministerium glaubt, auf diese Weise dem Bildungsbedürfnisse der Juden entgegenzukommen, ohne die russischen Schulen in die „Gefahr" zu bringen, eine große Anzahl' Juden äufzunehmen. Kiew. Der hiesige Rabbiner Lurje hat die Erlaubnis zur Errichtung einer jüdischen Realschule erhalten. Hömel. Rufs sch e Rechtsprechung. In der hiesigen Zeitung „Trüb" hatten drei Juden seiner Zeit erklärt, daß der Doktor Saleski bei dem Januar-Pogrom jüdisö^ Frauen und Kinder, die sich vor dem Brande retten wollten, ins Feuer treiben hieß. Dr. Saleski hatte daraufhin die drei Juden verklagt, und in dem Prozesse, der jetzt hinter verschlossenen Türen stattfand, sind diese, trotz mehrerer Zeugen, die ihre Aussagen bestätigten, zu Gefängnis verurteilt'worden. Schweiz. Zürich. Die fortgesetzten Ausweisungen der russischen Inden ans unserer Stadt haben unter diesen Unglückliche» ein furchtbares Elend zur Folge, besonders da die meisten der Ausgewiesenen von der Hand in den Mund lebten und die Reise Nach Amerika — den einzigen Weg — nicht erschwinge» können. Jüngst ist ein Arbeiterverein unter dem Namen „Brüderlichkeit" gegründet worden, der das Seinige zur Linderung der Not tun will. Der erste Unterhaltungsabend, den er veranstaltete, brachte einen Reingewinn von 93 Frcs. Frankreich. Paris. Am Donnerstag, den 18. Oktober, fand eine Sitzung des Pariser Konsistoriums statt, welcher die Vertreter fast sämtlicher Gemeinden des Konsistorialbezirkes beiwohnten. Es wurde der Beschluß gefaßt, in sämtlichen Gemeinden Kultus vereine zn gründe». Jedem dieser Vereine wird es freistehen, sich dem allgemeinen Kultusverbande anzuschließen oder 'nicht. ■ Amerika. Rew-Aork. Ein jüdischer Minister. In das Kabinett ist zum ersten Male ein Jude eingetreten. Präsident Roosevelt hat den ftüheren Botschafteram türkischen Hofe Os kar Str oms/zum Sekretär (Minister) für Handel und Industrie ernannt. Oskar Straus ist 1850 in Otterberg (Bayern) geboren, kam als Knabe von 4 Jahren mit seinen Angehörigen nach Amerika. Er widmete, sich dach Besuch der Columbia-Lateinschule und der Columbia- Universität in Newyork zuerst der jnrijkischen Laufbahn, trat aber später in das Porzellan- und Glasgeschäst seines.Vaters ein. Seine politische Tätigkeit begann er gelegentlich der Wahl Cleveland's zum Präsidenten im Jahre 1884, und drei Jahre später wurde er Botschafter jn Konstantinopel. Nach dem Tode des Expräsidenten Harrison wurde er 1902 als dessen Nachfolger zum Mitgliede der Friedenskonferenz im Haag ernannt.