Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. Das lebhafte jüdische Interesse Oskar Straus' ist" bekannt. Es' sind erst zwei Wochen her, daß ihn die „Jto" in ihre neu gebildete „Geographische Kommission" berief. Da die Einwanderung ihm nunmehr untersteht, so werden sicher die jetzigen Chikanen gegen die Einwanderer baldigst in Wegfall kommen. 0 feuiMim. 0 Getrennt und Vereint. Ans dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Rüben schämte sich der Tränen nicht, die seinen Augen entströmten. Mit seiner verkrüppelten Hand drückte er warm die des Christen. „Stenko Jablowsky," sprach er ernst, „eine höhere, geheimnisvolle Macht hat Dich den rechten Weg geführt, und Dil kannst der Menschheit große Dienste leisten, wenn Du die Erkenntnis, die Dir geworden, in Deinen Kreisen verbreitest! Es ist auch wahr, Dil hast mir viel Leid zugefügt-doch ich habe Deine aufrichtige Rene gesehen, und ich trage Dir keinen Haß nach; ich vergebe und verzeihe Dir von ganzem .Herzen, so wahr ich an den gerechten und langmütigen Gott meiner Väter glaube. Und nun, Stenko, sage mir alles von meinem Sohne, damit ich seinen Spuren nachgehen kann." „Ich habe alles ausgezeichnet, und Du sollst es haben, noch ehe dieser Tag zu Ende geht." Das war das Letzte, was Rüben von dem Manne gesehen oder gehört. Als die Türe sich hinter ihm geschlossen hatte, da faltete Rüben seine Hände, und die Augen zum Himmel gerichtet, betete er: „Ewiger Gott, Du vergiltst jedem nach seinen Taten! Oh, sei auch diesem gilädig lind barmherzig! Dein Wille geschehe!" Zwei Tage später trat er seine Reise nach Tanger an und nahm Blume mit sich, die Hulda von ihrer Kindheit an gepflegt. Jablowsky blieb in Charkow, um die nötigeil Schritte sofort zu tun. Da keiner der jungen Leute jemals ein Pferd bestiegen, mußte diese Kunst ihnen erst beigebracht werden. Es mußte natürlich alles geheim gehalten werden, und darum verniieden cs die zukünftigen Gendarmen, sich in der Oeffentlichkeit zu zeigen. So lvaren sie Tag und Nacht nur auf sich selbst 'angewiesen, und ihre Seelen schlosseil sich darum noch mehr aneinander. Ezra gab sich init voller Vertraulichkeit ganz dem Freunde hili; in Zcinachs Wesen hingegen kam manchmal eine Verschlossenheit und Traurigkeit zlim Vorschein, die Ezra mit Unruhe erfüllte. Sicherlich lvar es nicht Furcht vor dem Unternehmen; denn Zemach sehnte die Entscheidungsstunde ebenso herbei wie Ezra selbst —; nein, hier scheint ein Geheimnis anderer Art das Gemüt des Freundes zu bedrücken, und das machte auch 'Ezra nachdenklich und befangen. -l. K a p i t e l. Je näher die Entscheidungsstunde kam, desto unbegreiflicher war Zemach'S Bcnehine», das Ezra große Sorge bereitete. Wer war er? Er zeigte doch bisher eine» solchen Eifer, so viel Teilnahme für Hulda's Geschick, und nun dieses scheue und bedrückte Wesen! Ja, wer war er? Schon oft waren seine Züge Ezra wunderbar bekannt vorgekommen, besonders wenn er angeregt sprach. „Sicherlich," dachte Ezra oft, „muß ich ihn schon gesehen haben, oder wenigstens jemand, der' ihm auffallend ähnlich sicht — — Wer ist er und was geht jetzt mit ihm vor? Es war Ezra schon aufgefalle», daß Zemach jede Anspielung auf seine Vergangenheit geflissentlich mied und jede Frage nach dieser Richtung Unbeantwortet ließ —. Was ging in, ihm vor, und warum diese Niedergeschlagenheit? — Schon oft hatte sich Ezra vorgenommen, ihn direkt danach zu fragen; doch wenn er den tranrigen Ausdruck des Freundes sah,- verließ ihn -wieder der Mut. Jetzt aber, wo die Freudigkeit des eigenen Herzens lvuchs, da wollte er auch den Freund heiter sehen, und darum war er fest entschlossen, bei der nächsten Gelegenheit die Sache zur Spräche zu bringen und durch keine Schroffheit sich wieder abweiseu -zu lassen. Und bald war aüch die Gelegenheit da. " Ezra sprach wieder von den Vorzügen Hulda's, daß er-in ihr die Frau gefunden, die allein im, stände Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ist, sein Leben zu beglücken und wie seine Eltern ihr Hans und Herz öffnen werden. Schweigend hatte Zemach zngehört und hatte es kaum gemerkt, wie ihm die Tränen aus den Augen stürzten. Als Ezra es wahrnahm, ergriff er die Freundeshand und sprach: „Zemach, mein Bruder, so will ich Dich nennen, eine höhere Macht hat uns für einen höher» Zweck znsammengesührt. Seit Wochen sind wir Freunde, 'knd unsere »Seelen eins geworden; und doch Tenne ich Dich so wenig und weiß nichts von Deinem Leben. Täglich drängt sich mir die Ueberzengung auf, daß ich Dich schon einmal gesehen; in meiner geistigen Bildcr-Galerie" — Ezra versuchte zu scherzen — „da trage ich eine 'Aehnlichkeit mit Dir herum —! Woher kommt das? Zemnch, Bruder, darf ich Deinen Kummer nicht wissen, nicht mit Dir teilen?" „Die Aehnlichkeit ist 'sicherlich nur eine Einbildung von Dir," erwiderte dieser mit einem schwachen Lächeln; „wäre der Bote Zions nnt einem solchen berühmten Chasan wie Du schon früher zcksammcngetrosfen, dann hätte wohl keiner von beiden jemals wieder diese Begegnung vergessen. Gewiß täuschst Du Dich mit dieser Aehnlichkeit," sprach Zemach zurückhaltend. „Und doch bin ich überzeugt. Deine Gesichtszügc schon irgendwo gesehen zu haben. Vielleicht war cs ein naher Verwandter von Dir —." „Ich habe tveder nahe, noch andere Verwandte in der Wett . . . .! Und wer mir einen solchen zeigen könnte, der müßte eine überirdische Macht besitzen," erwiderte dieser traurig. „Keine Eltern und keine Angehörigen?" forschte Ezra absichtlich. „Keine — —; ich stehe allein 'in der weiten Welt — —! Aber, bitte, frage nicht weiter; ich kann Dir doch keine Auskunft geben." Und als er Ezra's Teilnahme bemerkte, fuhr er milder fort: „Freund, verstehst Du denn nicht meinen Kummer? Kannst Du nicht begreifen, was meine Seele bedrückt -?" „Oh ja, ich verstehe und teile ihn auch. Aber sage mir doch, der Name „Zemach ben David", er läßt doch auf Deine Bekanntschaft mit Deinem Vater schließen-," drängte der Chasan weiter. „Du berührst den wunden Punkt meines Lebens, das Geheimnis meines Daseins, das ich seit Jahren vergeblich zu ergründen suche. Was noch undeutlich in meiner Erinnerung schwebt, ist ein kleines Schiffchen auf einem große» Wasser, wo ich fürchterlich weinte, bis ein Mann mich auf ein großes Schiff mitnahm, mir freundlich znredete und dann mich einem alten Ehepaar in einer großen Stadt übergab. Der Mann hieß David und seine Frau Tinah. Sic lehrten mich sie inniglich lieben und Gott zu danken, daß er mir solche fromme Menschen als Eltern gegeben; damals wohnten toir in Odessa und siedelten später nach Konstantinopel über. Als für den, den ich für meinen Vater hielt, die letzte Stunde gekommen war, offenbarte er mir von meiner Herkunft, so viel er selbst wußte, und übergab mir einen Talisman, den ich um den Hals getragen, als ich ihm übergeben wurde. Seine gute Frau folgte ihm bald ins Jenseits nach; die braven Menschen hatten mir alles Hinterkassen, was sie besaßen. Ich stand nun allein in der Welt; doch brauchte ich nicht zu verzweifeln; denn außer dem kleinen Vermögen hatten meine Pflegeektern mir noch eine sehr gute Bildung und Erziehung auf die Lebensreise mitgegeben. Ich ging nach dem heiligen Lande, Und nach vielen Bitten wurde mir die Mission eines Boten übertragen, die ich, ich darf es Ivohl sagen, mit Treue ausübe; allerdings verfolge ich auch dabei den Nebenzweck, die Stelle zu finden, wo einst weine Wiege gestanden." „Was Dir aber bisher noch nicht gelungen ist," ergänzte Ezra. „Nicht gelungen,", wiederholte Zemach träunierisch; „tvie sollteman auch eine Nadel in einem Heuschober finden-!" „Wenn man wenigstens den Nanien des Stromes wüßte, das könnte vielleicht zu einem Resultat führen. Hast Du denn nichts', das darauf chindeutet? Du sprachst doch vorhin von einem Talisman. DaS ist es denn?" fragte Ezra weiter. ( „Was ich besitze ist ein Amulett, das leider stumm bleibt und auf alle meine Fragen keine Antwort zu geben vermag--." Seite 5 „Vielleicht doch; alles was zwischen Himmel und Erde existiert, kann sich für uns nützlich erweisen, wenn wir den richtigen Gebrauch davon machen und cs verstehen, in der richtigen Spräche anzureden. Ich denke mir, dieses war bei dem König Salomo der Fall, und darum war er mich der weiseste der Menschen;" sprach der philosophisch angehauchte Chasan gedankenvoll. „In welcher Sprache würde er wohl ein Ding wie dieses angeredet haben?" fragte Zenrach, indem er ein herzförmiges Amulett zum Vorschein brachte. Es war aus Elfenbein geschnitzt und hatte auf der einen Seite eine Hand eingraviert, deren Fläche den hebräischen Buchstaben „R" in kleinen Edelsteinen zeigte. ' . ' : H, Ezra betrachtete es' aufmerksam von allen Seiten, während Zemach ihm gespannt gu sah. „Was mag nur dieses „3k" bedeuten?" murmelte er. Könnte es iricht auch s,Rubcn" heißen? Er spricht doch fortwährend von einem Sohn, der in der Desna ertrunken sein soll-! Das ist es ja auch, daß ich mich von der ersten Minute so zu ihm 'hingezogen fühlte und darum auch mit solchem Eifer mich seiner Sache hingab — —! Doch Jablowsky's Versicherung, daß er von dem Kinde weiß, beraubt mich' wieder aller Hoffnung — —. Ich habe den Mann nie vorher gesehen- Ezra blickte überrascht auf; ihm ahnte, daß die Sache doch nicht jede Begründung entbehre. Er war auch überzeugt, daß das Amulett hohl war und in seinem Innern sicherlich des Rätsels Lösung enthielt. „Hast Du schon jemals versucht, es zu öffnen?" fragte er. „Es läßt sich nicht öffnen; es ist aus einem Stücke gearbeitet." „Dann müßte es schwerer sein; ich glaube ganz bestimmt, daß es hohl ist. Ich an Deiner Stelle würde es längst versucht haben." „Nicht um alles in der Welt möchte ich cs zerbrechen," tvehrte Zemach E,>räs Beginnen. „Auch nicht bei der Möglichkeit, dadurch eine Spur von Deinen Eltern zu erlangen?" fragte Ezra ungeduldig. „Eine solche Möglichkeit ist leider ausgeschlossen; dazu ist es ja auch zu winzig — —. Für mich ist es nur darum'von unschätzbarem Wert, weil ich das Gefühl habe, daß es die Hand meiner Mutter war, die es mir um den Hals gehängt." „Auch ich bin der Ansicht und denke mir, daß sie damit einen bestimmten Zweck .hatte. — —. Zemach, ich bitte Dich, laß uns den Versuch machen, es zu öffnen," und dabei zwängte er schon den Nagel des Daumens in den Rand ein. Zemach sprang erregt aus. „Tue es nicht, Ezra! Es ist das einzige Erbstück, welches ich von meinen unbekannten Eltern besitze — —1“ In seiner Hast cs dem Freunde zu entreißen, fiel es zur Erde, und lag-in zwei Hälften da-. Beide griffen sie danach — — und jeder sah aus seinen Teil, ein wohlgelungencs Porträt: eines jungen Mannes und einer jungen F-ran —.— anscheinend im ersten Glücke einer jungen Ehe. Aaum hatte Ezra einen Blick darauf geworfen, als er einen Freudenruf ansstieß, der Zemach's Blut zu Eis erstarren ließ — — — —. „Das ist ja Hulda's Vater — — und das sicherlich ihre Mutter! Deine Eltern — —'! Ach, Zemach, mein Herz ahnte es ja schon längst, daß Du Ruben's Sohn bist-Hulda's Brudermein Bruder — —!" (Schluß folgt.) Oüenbacbtr Druckluft-Anlage Telefon 123. OffeobaCh 8. II. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichroinlgung. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Gnach.) Samstag, den 3. November (— 15. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M 4 Uhr 35 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 50 M n. Berlin 5 Uhr 20 Min. Der Wochenabschnitt Wajeiro erzählt zunächst von den drei Engeln, welche zu Abraham kamen, um Jsaks Geburt zu verkünden. Abrahani bewirtet sie freundlichst und ist so das Bild aufrichtiger Gastfreundschaft und edler Menschenliebe. Diese zeigt er auch im weiterhin erzählten Ereignisse vom Unter-