Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Seite 3. Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Zur Jeschiboh-Frage in Ungarn. Den Leseric dieser Blätter dürfte es noch in Erinnerung sein, daß vor etwa zwei Jahren die Jeschiboh-Frage hierzulande aufgcrvllt wurde, und zwar in einer Weise, die wirklich geeignet gewesen, diese akute Frage, wenn auch nicht einer endgültigen Lösung znzusühren, so doch in ein neues Stadiunl zu bringen'. Die Bewegung ging aus den Kreisen der Jeschiboh-Jünglinge hervor, also aus dem Kreise derer, die die Frage am meisten berührt. Dieser Umstand mußte der Sache eigentlich nur zum Vorteile gereichen, indem die Bewegung als eine spontane Reaktion gegen die traurige Lage, in welcher die „Bachurim" sich befinden, angesehen werden muß. Und dieser Umstand ist es auch, der dieser gerechten und guten Sache die Sympathien all derer, die an dem Fortbestand der Thora und am Thoralernen noch Interesse haben, erworben hat und auch erwerben mußte. Denn man müßte blind sei», um nicht zu sehen, daß Hand in Hand mit der allgemeinen Nichtachtung, unter welcher die Thorajüngcr Unter den obwaltenden Verhältnissen zu leiden haben — ganz abgesehen von der materiellen Notlage, in der sie sich befinden — auch die Nichtachtung der Thora selbst geht. Man sollte daher meinen, daß die maßgebenden Kreise der ungarischen Orthodoxie, vor allem die Leiter der Partei, das sogen. 100er Komitee, sich der Sache bemächtigen und irgend einer Realisation zuführen würden. Das Bestreben der „Bachurim", einen Landesverband der Jcschiboth zu begründen und durch eine neue Jeschiboh-Ordnung das leider noch immer bestehende „Schnorrsystem" zu verhindern, ist doch, so wichtig es an sich für den Weiterbestand der Jeschiboth ist, nach der anderen Seite harmlos genug, als daß etwa hiervon irgendwelche nachteilige Konsequenzen befürchtet werden könnten. Das weitere Verlangen der Initiatoren der Bewegung, daß die bescheidenen Bedürfnisse der jungen Leute, die von ihrem Elternhause nicht genügend unterstützt werden können, durch Beiträge der einzelnen Gemeinden gedeckt werden mögen, ist auch keine ungebührliche Forderung, wenn in Betracht gezogen ivird, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Aufwand der einzelnen Leute fiir Bachurim und Jeschiboh ein größerer ist, als er bei cinein kleinen Beitrage zu der Gemeindesteuer ausfallcn würde. Man braucht nur eine Rundfrage au die einzelnen Gemeinden zu richten; das Ergebnis würde zweifellos zu Gunsten der neuen Bewegung ausfallen. Es sind keine Neuerungen, die hier geschaffen werden sollen, wie auch keine für die Gefährdung des Thoralerucns resultierende Folgen hiervon besürchtet werden können. Es handelt sich nur darum, etwas System in die bisher systematisch gehegte Systemlosigkeit zu bringen. Und doch sehen wir, daß von leitender Stelle nichts zur Förderung der neuen Bewegung getan wird. Als gelegentlich der vor etwa zwei Jahren stattgefundencn Landesversammlung der ungarischen Orthodoxen an die damaligen Leiter der Versanimlnng das Ansinnen gestellt worden ist, sich der Angelegenheit anznnehmen, wurden die Bachurim damit vertröstet, daß seitens des 100er Komitees eine besondere Kommission mit der Prüfung der Angelegenheit betraut werden soll, die dann auch über die weiter zu unternehmenden Schritte zu beraten hat. Nun ist trotz mehrfacher Urgierung lange Zeit weder von einer Kommission, noch von etwaigen Schritten zu hören gewesen, die geeignet wären, diese höchst notwendige Aktion zu einem Resultate zu führen. Und all dies, oder besser gesagt, all dies nicht, ohne daß von Seite der Leitung etwas gegen die Bewegung geltend gemacht ivorden ist und gemacht werden könnte. Warum wird dann aber nicht gehandelt? Warum wird angesichts des jammervollen Zustandes, von dem die leitenden Kreise ebenso Kenntnis haben, als' die davon Betroffenen, warum wird angesichts des gewaltigen Chilul Haschen: nichts getan, um demselben nach Möglichkeit zu steuern? Warum sollen sich nicht einige Rabbiner oder Laien — mit welchem Epitheton man die Talmide Chachomim, die kein Rabbineramt. bekleiden, belegt — finden, die diese heilige Sache zu der ihrigen machen, für sie agitatorisch tätig sind und sie schließlich zu einem Programnipuukt der Leitung der orthodoxen Kanzlei machen? Nach langem Warten haben sich die Bachurim vor etwa einem Jahre nochmals mittels eines Rundschreibens an die Mitglieder des 100er Komitees gewandt. Das Ergebnis hiervon war, daß es sich in einer beratenden Sitzung, die anderen Dingen galt, einige Minuten lang auch mit dieser Frage beschäftigt hat. Das Ergebnis dieser Beratung siel auch darnach ans. Es wurde den Bachurim in Empfehlung gebracht, in allen Jeschiboh-Orten einen Unterstützungsverein zu begründen, im übrigen sich aber den Anordnungen des Komitees zu fügen, das die weitere, eingehende Beschäftigung mit der Frage ad calendäs Graecas verschoben hat. Es wird, wie man sicht, trotz der zugegebenen und jedenfalls aufrichtigen Sympathie der leitenden Kreise sür die Sache wieder fortgcwnrstelt werden. Und doch sollte man sich in diesem Falle sagen, daß ein Säumen in dieser Frage schon deshalb die größte Gefahr in sich birgt, weil schließlich die jungen Leute, die Bachurim, das Traurige ihrer Lage erkennend, von der Jeschiboth sortbleiben werden. Welche Perspektive dies für den künftigen Stand der Thora in Ungarn eröffnet, lehrt das Beispiel anderer Länder, das abschreckend genug ist. F. Die Woche. Das Ministerium Clenrenceau ist eifrig an der Arbeit. Es geht an die Abschaffung per Todesstrafe, der Kriegsgerichte u. a. in.; es ist entschlossen, mit dem letzten Rest des alten Zopfes, der dem buntscheckigen Ministerium des altersschwachen Tarrien anhing. völlig ausznrnumcu; kurz — es ist ernstlich gewillt, eine g a n z e Arbeit, eine demokratische Arbeit des Rechts und der Gercchtiglcit zu leisten. Wird dieser Wille wirklich zum Durchbruch kommen? Werden die linken Gruppen des französischen Parlamentes diesen Willen stützen? — Wer könnte diese Frage mit Bestimmtheit beantworten! Es wird sich zeigen müssen, ob das Werk des wirklichen DemokratismnS, von dem die Linke den Mund so voll hat, höher als alle gekränkte Eitelkeit und persönlicher Groll steht. Selbst der hartnäckige Widerstand der Kirche gegen das TrennnngSgesctz — eine nicht zu verkennende Schwierigkeit — kann überwunden werden, vorausgesetzt, das; der republikanische Block sich wieder findet und dem Ministerium seine Folgschaft nicht versagt. Was bedeutet der eventuelle Sieg des neuen Ministeriums für uns Juden? Ein Sieg des Rechtes und der Gerechtigkeit war von jeher ein Sieg des Judentums. Ferner wird der Sieg der Regierung der Kirche Respekt vor der Demokratie, die sie als gnanlitö uögliable zu betrachten pflegte, beibringen. Sonst war sie gewohnt, nur die Autokratie als eine Macht anzncrkennen, vor der man sich beugen muß. Gewiß ist es kein leichtes für die Kirche, der Demokratie aufrichtig zu dienen — schon deshalb nicht, weit es nicht angängig ist, eine entgegengesetzte zweifache Politik zu treiben, hier der Autokratie mit ihrer Gewalt und ihrer Klasscnpolitik, dort der Demokratie mit dem Recht und der Wahrheit zu dienen. Allein es gibt noch einen andern Weg für die Kirche und zwar — gar keine Politik zu machen, niemanden außer der Religion zu dienen. Vielleicht wird eine gehörige Lektion die Kirche ans diesen einzig gangbaren Weg führen. Desgleichen sei hier zu erwähnen: Ein Ministerium Clemenccan wird sich schwerlich dazu, hergebcn, einer blutrünstigen Regierung, wie diq^ russische Negierung cs ist, eine Anleihe zn machen. Wird doch dadurch das Hooligantnm zur dauernden Herrin der Situation werden, und die Deniokratie ivird alsdann in den Hooligans den eigentlichen Verbündeten zu sehen haben. Und noch eins für uns Juden: ist es eine Genugtuung, Männer, die für unsere Ehre gekämpft und gelitten haben, an der Spitze der französischen Nation zu sehen! * * * Auch die Demokratie Oesterreichs scheint endlich zu ihrem Rechte zu gelangen. Die Wahlreforni, die das allgemeine Wahlrecht an Stelle des ungleichen Wahlrechtes setzte, ist nach einer siebenmonatlichen ArbcitSdauer des Wahlreformansschnsscs so gut wie erledigt. Was nicht zu erwarten war, scheint doch Tatsache zu werden. Die Gerechtigkeit schickt sich auch 'hier an, den Sieg über das II n r e ch t davon zn tragen, das Volk ist eben im Begriff, feinet hm von de »Privilegierten vorweg genom mene Selbständigkeit zu erobern! Und Ungarn, die zweite Hälfte des von den Habsburgern regierten Staates? — Während in Oesterreich das Volksrecht, die Freiheit die Oberhand erlangt, scheint in Ungarn der C h a u v i n i s m u s immer mehr empormucher» zu wollen. Ein kleines Beispiel, das charakteristisch für die Stimmung Ungarns ist, möge angeführt werden: Bei der Beratung eines zur Annahme gelangten Gesetzentwurfes betreffend die I n d u st r i e f ö r d e r u n g, brachte Abg. C z e r n o ch einen Antrag ein, zu § 1, der von „Länder der ungarischen Krone" spricht, zn setzen: „Länder der heilige n ungarischen Krone". Darauf erklärte Handelsminister Kossuth namens der Regierung, diesen Antrag anzunehmen. Der Chanvinismus ist eben Trumpf und was noch schlimmer ist, der Klerikalismus ist sein Verbündeter. Es scheint, daß letzterer das beste Geschäft dabei macht. Daß die Freiheit und bas Recht unter diesen Umständen am schlimmsten fahren, braucht nicht gesagt zu werden. Und die Juden? Wo Freiheit und Recht zn kurz kommen, kann ihre Lage unmöglich erfreulich sein. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Zum Siudium der Bedüisnisse der jüdischen Bevölkerung in P a l ä st i n a bezüglich Errichtung neuer Kindergärten und Schulen oder der .weiteren Ausgestaltung bestehender Institute hat der H i l s s v e r e i n der Deutschen Juden eine kompetente pädagogische Kraft entsandt. Aus dem Berichte dieses Herrn sei ein Abschnitt wiedergegcben, der sich ans den von: Hilfsverein der Deutschen Juden subventionierte» Kindergarten in S a f e d bezieht: „Mein erster Besuch in Safed galt dem Kindergarten. Wie überall in Palästina, hat diese Institution mich hier gute Resultate gezeitigt. Mit ca. 60 Zöglingen eröffnet, zählt der Kindergarten gegenwärtig 81 Zöglinge (75 Mädchen und 9 Knaben) und das Komitee erwartet das nächste Semester eine weitere bedeutende Steigerung der Frequenz. Vom Beginn an hat sich hier keinerlei Feindseligkeiten gegen die Anstalt bemerkbar gemacht. Bei einem Besuch des Kindergartens glaubt man sich außerhalb Safeds versetzt. Die Zöglinge halten sich sauber, sind munter und frisch, weichen nicht scheu den Blicken des Besuchers aus, antworten auf alle Fragen laut und präzise und Unterhalten sich miteinander im Schulhofe nur in hebräischer Sprache. Der Kindergarten hak drei Klassen, von denen die obere mehr eine. Schulvorklasse ist, in welcher die 6—8jährigen Zöglinge von der tüchtigen ersten Lehrerin, Frl. Lewin, auch im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden. Das Lokal befindet sich in guter Lage und besteht aus 5 Zimmern, welche einen gepflasterten Hof einschließen." Berlin. „Bezalel". In der Sitzung des Komitees, an der folgende Komiteemitglieder teikgcnommen haben: Julius Bode «stein, S. H e p - n e r, Berthold I sr a e l, Direktor L e w y, James Simon, Är. Paul Nathan, Dr. Zchottländ e r, Dr. s. S ö s k i», Hermann Struck u. Pros. Marburg, wurde der Bericht über die bisherige Entwickelung der Knnstgcwerbe-Schule in Jerusalem vorgelegt. Ans dem Berichte ergab sich, daß die Schüler bereits iin ersten Semester erfreuliche Fortschritte gemacht haben. Besonderes Interesse erweckten die von Prof. Schatz cingesandten Photographien, die die höhere und niedere Klasse, die einzelnen Ateliers, die Abendschule, die Spinnerei, Gipsgießerei usw. darstekken. Die Wbilbungen der Schüler-Arbeiten ließen ersehen, wie weit besonders die Schüler der höheren Klasse im Modellieren nach der Natur bereits vorwärts gekommen sind, und zeigten originelle und recht gelungene Versuche, hebräische Buchstaben zn stilisieren, wie überhaupt, für Teppiche Muster zn entwerfe», die eine spezifisch jüdische Note haben. Erwünschte Ausdehnung ivird die Schule erfahren können durch die Ausführung dos von der Zionistischen Jahrcskonferenz iir Köln gefaßten Beschlußes, ein den Zwecken des Bezakel entsprechendes Schulgebäude in Jerusalem zu errichten. Es sind sodann die für einen vorteilhaften Absatz der Teppiche, deren Produktion in Palä-