Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 42 Wer aber Handwerker ansbildet, ruft einen Stand ins Leben, der, kaum geboren, dem Todeskampf verfallen ist, weil er ein unbrauchbares Glied an unserem Wirtschaftskörpcr ist und somit kein Recht mehr zum Leben hat. Gewiß, wir müssen schaffende Kräfte zeugen, aber das Schaffen ist von dem Handwerksmeister längst auf die großen Betriebe übergegangen. Selbst wenn diesen oder jenen Handwerker die Gunst des Schicksals davor bewahren sollte, daß ihn der Strudel des Expropriationsprozcsses und des Konkurrenzkampfes in den unersättlichen Schlund des Fabrikbetricbcs wirbelt, so würde ihm doch von dem einst so großen und lveiten Felde des Handwerks lediglich das Gebiet der Reparaturen bleiben, und ihm wäre doch nur,!vie Naumann in seiner „Neudeutschen Wirtschaftspolitik" sagt, das dürftige Los beschieden, den großen Betrieben zu folgen, „wie der Aehrenleser dem Trupp der Schnitter. Auch wenn seine Tagesernte nicht schlecht ist, so kann er doch immer nur nehmen, was übrig bleibt, nachdem die Garben der Großen in Meitze und Glied stehen." Die Judenheit aber hat zu ernste Pflichten gegen sich selbst, als daß sie ihre Kraft und ihre Geldniittel an solche Sisyphusarbeit verschwenden dürfte: eine Anzahl Parasften, Flickschuster und Flickschneider als günstigstes Ergebnis eines enormen Aufwandes an Geld und Arbeft. Zn den weitaus nreisten Fällen wird aber der jüdische Handwerker ebenso wie der christliche dem Gesetze der Expropriation zum Opser fallen, und in das düsterste aller Lebensschicksale, das trostlose Proletarierelend des 20. Jahrhunderts geschleudert werden. Oder, was man bekämpfen will, wird gerade an Ausdehnung gewinnen: der Hausierhandel. Fast kein Handwerker nänckich kann heute ohne den Betrieb eines kleinen Ladengeschäfts notdürftig leben. So verkauft der Schuhnmcher in seinem Laden überwiegend fremde Produkte, der Schneider hält Tuche feil, Buchbinder handeln mit Tinte, Feder und Papier usw., und je mehr das Ladengeschäft in den Vordergrund tritt, desto unbedeutender wird die eigentlich gewerbliche Tätigkeit des Handwerkers. Was ist nun natürlicher, als daß der Jude in dieser handelsgeschäftlichen Seite des Betriebes das Hauptfeld seiner Tätigkeft erblicken wird? „Der jüdische Handelsgeist", mag er sich nun seit dem babylonischen Exil, wie Ruppin annimmt, oder erst durch die im Mittelalter erfolgte Kompression der Juden in die spekulativen Berufe entwickelt haben, muß jedenfalls als eine Tatsache in Rechnung gezogen werden. Ohne Rücksicht hierauf den Inden in den Handwerkcrberuf hincinzudrängen, ist ein Frevel gegen „das, die ganze Welt beherrschende Gesetz, daß jeder von seinen Fähigkeiten den für ihn vorteilhaftesten Gebrauch zu machen" (Ruppin) berechtigt ist. Und der Jude würde trotz aller Gegenmittel diesen Gebrauch machen, das heißt vom Handwerk iviedcr zum Handel übergehen. Bei Mangel an Kapital sind jedoch die Chancen des Gelingens auch hier gering. Die großen Warenmagazine mit ihrer kostspieligen Reklame, ihren glänzenden Schaufenstern und ihrer bunten Auswahl, kürz, das überall siegreiche Großkapital schlägt auch die kleinen Geschäftsinhaber aus dem Felde. Die Miete für einen gut gehenden Laden kann er auf die Dauer nicht erschwingen, und daher wird er sich durch das Beziehen von Wochen- und Jahrniärkten zu Helsen suchen. Vom Wanderladen ist es aber nur ein Schritt znm Hausierhandel. Vergrößerung des Ucbclstandcs wird also der Erfolg des vermeintlichen Heilmittels sein. Aber cs gibt wahrlich in Rußland, Rumänien und Galizien schon viel zu viele, die, Handwerker und Hausierer in einer Person, jährlich zu Tausenden durch das Gespenst des Hungertodes von einem Erdteil zuni andern getrieben werden. Ihre Zahl noch zu vergrößern, ist geradezu eine Frivolität, und das Bestreben, „»täglichst alle Arten von Handwcrk" — wie es das Ziel der israelitischen Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Erziehungsanstalt zu Ahlem ist — unter oen Juden zu verbreiten, bedeutet nichts weiter als den Ansang zu jenem circulus vitiosus, der vom Hausierhandel durch den Handwerkerstand hindurch wieder zum Hausierer oder aber zum Fabrikarbeiter führt. Bedenkt man außerdem die Hindernisse, welche dem jüdischen Handwerker durch den im Handwerkerstände herrschenden antisemitischen G.ist erwachsen; die Schwierigkeit des Beitritts zu Rohstoff-, Werkzeug-, Magazin- und anderen Genossenschaften, die Schwierigkeit des Absatzes nsw., so ist cs erklärlich, wenn der Jude noch weit schneller auf jener schiefen Ebene abwärts gleitet als sein christlicher Standesgcnosse. Die Ausbildung jüdischer Handwerker ist also kein Mittel, das geeignet wäre, den allein wünschenswerten Erfolg, die Hebung des jüdischen Volkes, herbeizuführen. So erfreulich es auch ist, daß sich die Erkenntnis Bahn gebrochen hat, nicht durch Almosen, sondern nur mit sozialpolitischen Maßnahmen könne der Judennot abgeholsen werden, so kann doch die richtige Therapie nicht getroffen werden, wenn die Diagnose nicht den wahren Grund der Krankheit erkannt hat. Die ungleiche Bcrufsverteilung ist nicht das Grundübel unseres Zustands, sondern nur eine der schädlichen Folgen unserer abnormen Lage in der Mitte fremder Völker. Diese Wurzel des Uebcls gilt cs zu beseitigen, und, um der positiven Arbeit in diesem Sinne einen Stein aus dem Wege zu räumen, schien mir die vorangehende negative Kritik notwendig. Die Not droht unscrm Volke den Tod, und da würde Kurpfuscherei zum Verbrechen; da muß hinter jeder Maßnahme die ganze Bildung unseres Jahrhunderts stehen, und diese zwingt uns ja mit majestätischer Macht die Parole auf: Siedelungsgcnossenschaften in Palästina auf der Basis landwirtschaftlicher Produktivgcnosscnschaftcn! Gotthclf Cohn, ounä. zur. Kiel. (Verb, im K. Z. V. Hasmonaea.) Zum Jahrestage der russischen Masienpogrome. Zum Jahrestage der russischen Massenpogrome gibt der Hilfsverein der deutschen Juden folgenden Bericht: Der 30. Oktober, der Jahrestag des frcihcitverhcißcnden Zarcnmanisestes, ist auch der Jahrestag der furchtbaren Massenpo groin e in Rußland. Die Wunden, die durch diese Metzeleien den russischen Inden geschlagen wurden, sind noch lange nicht vernarbt. Jahrzehnte noch wird die ganze russische Judenheit unter dem schweren Schlag, der sic getroffen hat, zu leiden haben. Haben doch in 540 Ortschaften des weiten Rußlands von jenem Tag bis heute grausame Judcnmctzcleicn stattgesundcn. Die Größe des Jammers, der in einem einzigen Jahre gestiftet wurde, drückt sich grell in folgenden Zahlen aus: Ausgeplündert oder sonstwie in ihrem Vermögen geschädigt wurden (einschließlich Siedler) 38 225 Familien mit 162 700 Personen. Der gesamte V e r m ö g e n s s ch a d c n, der entstanden ist, beträgt 52119705 3kübel. Erschlagen wurden 985 Personen. Die Zahl der Verwundeten beträgt viele, viele Tausende, die Zahl derjenigen, die durch ihre Verwundung einen dauernden Schaden an ihrer Gesundheit genommen haben, allein ist 1492. 380 Frauen wurden Witwen, 211 Kinder sind voll- — und 1328 halbverwaist. Solchen Schäden gegenüber muß naturgemäß jede .Hilfsaktion unzureichend bleiben. Aber doch war auch die Größe der Opfcrwilligkeit im höchsten Grade erfreulich; sie betätigte sich ans die Schreckensnachricht aus Rußland hin bei den Juden aller Länder, und auch viele nichtjüdische Kreise haben sich in hochherziger' Weise betätigt. Es war, wie der folgende kurze Rückblick zeigen mag, ein schweres Werk, die gesammelte» Hilfsgeldcr in geordneter Weise dem gesteckten Zwecke dienstbar zu machen, zumal eine Zeit lang und gerade in der Zeit, als die .Hilfe am dringendsten notwendig war, jeder Verkehr in Rußland unterbunden war. Auf eine Anregung des Hilfsvereins der deutschen Juden, die von Lord Rothschild und Jacob H. Schiff, Rewyork, aufs wärmste unterstützt wurde, vereinigten sich ans einer Konferenz in London am 14. November 1905 sämtliche jüdischen Hilfsorganisationen zu gemeinsamer Arbeit. Eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Nathan vom Hilssverein der deutschen Juden, Berlin, C. Stettauer vom Russe Jewish Komitee, und Herrn Feinbcrg von der Jca in Petersburg, bereiste unter den schwierigsten Verhältnissen, während des großen Eisenbahn- und Poststrcikes die geschädigten Ortschaften und sorgte für zuverlässige Nachrichten, für schnelle Hilfe und für eine zweckmäßige Organisation. Sämtliche geschädigten Orte wurden in^ eine 3ieihe von Bezirken eingekeilt, die dem russischen Zentral-Komitec in Petersburg unterstanden. Dieses wiederum arbeitete in Gemeinschaft mit dem beini .Hilfsverein der deutschen Juden von den Organisationen eigens errichteten Zentralberichtbureau und dem Russe Jewish Komitee in London unter Sir Samuel Montague. Nachfolgend sind mit den später hinzugekommenen Bialystok und Siedler die einzelnen Bezirke aufgesührt, der Schaden, der entstanden ist und die Hilfe, die geleistet werden konnte, verzeichnet : Bezirke Gesamtschaden Geleistete Hilfe Rubel Rubel Odessa 11091442 1896170 Kiew 7 805 754 868084 Ekaterinoslaw 12 088 500 798814 Poltava 1063000 164184 Krementschug 1110 000 218 686 Homcl -2167 576 225 987 Elisabethgrad 1232 395 92 400 Rommy 2 500 000 189 400 Rostow 6 000 000 268 801 Tschernigow 1428375 155 974 Moskau 4 209 842 611441 Taurien 400 000 40525 Petersburg 331122 90 774 Bialystok 386 698 224 858 Siedler 246 300 40 000 *) 51 341 003 R. 5 886 038 R. Die Geldmittel sämtlicher Organisationen flössen in eine gemeinsame Kasse, die unter der Verwaltung von Lord 3lothschild in London stand. Aus dieser Zcntralkasse, zu der die amerikanischen Organisationen 51 Prozent und die europäischen 49 Prozent beitrugen, wurden nach den Vorschlägen des Petersburger Komitees und des Zentralberichtbureaus des .Hilfsvereins der deutschen Juden die Nntcrstützungsgelder für Rußland gewährt. Mit besonderer Sorgfalt wurde die Versorgung der unglücklichen Waisenkinder in die Wege geleitet. 115 Kinder konnten, nanientlich durch die aufopfernde Mitwirkung der Groß- Loge für Deutschland, in westeuropäischen und überseeischen Ländern in gute Pflege und in Erziehung gegeben werden. So erhebend auch die Großartigkeit des Hilfswerkes bei diesem ungeheuren jüdischen Unglück wirken muß, so hat doch eine Besserung der Lage der russischen Juden bedauerlicherweise dadurch nicht herbeigeführt werden können. Denn nach wie vor drohen unseren Glaubensgenossen in Rußland die schwersten Gefahren. Die Nachrichten, die der Hilssverein der deutschen Juden aus Bialystok und Siedler und Warschau erhält, lauten noch innner sehr traurig. Noch trauriger aber sind die Zustände im Süden Rußlands, hauptsächlich in Odessa und Kischinew. Jeden Augenblick können neue Pogrome ausbrechen. Darum bleibt cs Pflicht der jüdischen Organisationen, sich stets gerüstet zu halten. *) vorläufig.