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Neue jüdische Presse · 1906-11-02 · Heft 42 (2.11.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 42 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ar ♦ ♦ <——' ■ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MonnementspreiS pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der-Post abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— L_____* He-aKristt ««d Geschäftsstelle: SrsnXfurt s. m„ Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße v-r-fa« 10507. Heea«sgsSep: Kaks Geis, --— . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeil«. 25Pfg. Die Reklamezeile.. . wo ., Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberevckunft. ■ - - ' 4 Jahrgang. Freitag, den 14 Chescnwan 5667 (2. November 1866). No. 42. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Unzweckmäßigkeit der Ausbildung von jüdischen Handwerkern. — Zum Jahrestage der russischen Masienpogrome. — Zur Jeschiboh-Frage in Ungarn. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Wochen- Kälender. — Familiennachrichten. Die Unzweckmäßigkeit der Ansbildung von jüdischen Handwerkern. Die Erkenntnis des Kausalzusammenhangs zwischen der abnorm starken Beteiligung der Juden an Handel und Industrie und ihrer in der Kriminal- und Gesundheitsstatistik hervortretenden De-' generativ» mußte alle, denen das Wvhl und Wehe des jüdischen Volkes am Herzen liegt, dazu führen, eine gesündere Berufsgliederung desselben anzustreben, und viele sehen ein sicheres Heilmittel seiner sozialen Krankheit darin, möglichst viel Juden besonders dem Hausier- und Kleinhandel zu entziehen und auf den goldenen Boden des Handwerks zu stellen. Dies Bestreben findet zurzeit in Deutschland einen besonders starken Ausdruck in der lebhaften Agitation für eine von Moritz Simon in Ahlem bei Hannover gegründete Handwerkerschule. Wenn nun auch bei dem geringen Umfang, in welchem die Handwerkerausbildung in dieser Anstalt vorläufig betrieben wird — aus ihr gingen in der Zeit von 1892—1904 nur etwa 150 Handwerker hervor — von einer volkswirtschaftlichen Wirksamkeit noch keine Rede sein kann, so ist doch eine ernste Prüfung der Frage berechtigt, ob es zur Hebung des jüdischen Volkes überhaupt zweckmäßig ist, im großen Maßstabe Handwerker auszubilden. Die erste Voraussetzung für die Bejahung dieser von wenigen großen und allgemeinen Gesichtspunkten aus zu entscheidenden Frage wäre .die Existenzfähigkeit des Handwerkerstandes. Die wirtschaftliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts mit ihrer fortgeschrittenen Technik, mit ihrer durch den vergrößerten Bedarf notwendig geworwordenen Massenproduktion durchs Dampf und Maschinen hat aber das Gegenteil gelehrt und das Wort vom goldenen Boden des Handwerks Lügen gestraft. Auf fast allen Gebieten ist bereits das Handwerk durch den Fabrikbetrieb verdrängt worden. Diese Umwandlung in der Produktionsweise ist keine künstliche, durch äußere Kräfte hervorgerufene, sondern folgt mit Naturnotwendigkeit aus dem Organismus des Wirtschaftslebens. Meisterhaft hat Marx in seinem „Kapital" jenen Uebergang vom Handwerk zum Fabrikbetrieb geschildert. Die Produzenten der „Wearing Apparels" (zum Anzug gehörige Artikel) Schneider, Hut- und Schuhmacher, Näherinnen, Hemden-, Kor- | fett-, Kravattenmacher und andere, ursprünglich selbständige Handwerksmeister, die für den individuellen Konsumenten produzieren, sehen sich bald durch die große Industrie lahm gelegt. Sie beginnen daher, um Lohn für Manufakturen und Warenmagazine zu arbeiten, deren „auswärtiges Departement" sie werden. So sinken sie von freien Handwerkern herab zu abhängigen .Hausarbeitern. Aber die „Wohlfeilheit des in Ware verwandelten Menschenschweißes und Menschenblutcs" erweiterte beständig den Absatzmarkt, und mit dem Markt wuchs die Konkurrenz. Die bloße brutale Ausbeutung des Arbeitermaterials konnte dem Kapitalisten nicht länger genügen. „Die Stunde der Maschinerie schlug". Die entscheidend revolutionäre Maschine, welche die sämtlichen zahllosen Zweige dieser Produktionssphäre gleichmäßig ergreift, ist — die Nähmaschine. Sie mußte den Lohn der besser gestellten Handwerker drücken, die schwächsten Handarbeiter in übermächtiger Konkurrenz erschlagen. Gleichzeitig revolutioniert die Umwandlung des Produktionsmittels auch die Produktionsweise, deren Umwälzung sich in den verschiedensten Formen vollzog: hier erhalten Zwischenanwendcr das Rohmaterial vom Kapitalisten en chef und gruppieren in Kammern und Dachstuben 10 bis 50 und mehr Lohnarbeiter um Nähmaschinen; dort benutzen Handwerker und Hausarbeiter eigene Maschinen unter Zuziehung ihrer Familie oder weniger fremder Arbeiter. „Die Buntheit der Uebergangsformen versteckt jedoch nicht die Tendenz zur Umwandlung in eigentlichen Fabrikbetrieb." Die bald mit Notwendigkeit eintretende Ueberproduktion erzeugt „Marktstockungen, welche das Signal zum Verkauf der Nähmaschinen durch die Hausarbeiter läuten." Ihre Expropriation ist unvermeidlich. Endlich gibt die Substitution der Dampfmaschine den Ausschlag. Einerseits treibt die Konzentration vieler Arbeitsmaschinen in größeren Werkstätten zur Anwendung der Dampfkraft, andererseits treibt die überlegene „Konkurrenz" des Dampfes mit Menschenmnskeln die Handwerker massenweise in große Fabriken: sie werden Fabrikarbeiter. So vollzog sich in, England in der kolossalen Produktionssphäre der „Wearing Apparels" wie in den meisten übrigen Gewerken die Umwandlung des Handwerks in den Fabrikbetrieb. Diese „Großbetriebstendenz" zeigte sich auch in dem Wirtschaftsleben der ganzen übrigen Kulturwelt, und zwar nicht bloß in den oben erwähnten Berufszweigen, sondern in durchweg allen ftüher handwerksmäßig betriebenen, sogar in den Nahrungsmittelgewerben. Im Brauereigewerbe hat der Umbildungsprozeß längst begonnen, in der Branntweinbrennerei war ein Aufschwung nur möglich durch das vollständige Verlassen des Kleinbetriebs, in der Müllerei nehmen die Dampfmühlen zu wie in der Bäckerei die Dampfbrotfabriken; „sogar in dem Fleischergewerbe sind große Pökel- und Räucherungsanstalten mit fabriknläßigcm Betrieb entstanden, setzen große Wurstfabriken ihre Schneide- und Hackapparate mit Dampf in Bewegung." (Schmoller, Kleingewerbe.) Allerdings können trotzdem auch heute noch besonders tüchtige Handwerksmeister reüssieren, aber das begriindet noch nicht die Richtigkeit der Behauptung, die Erfahrung hätte entgegen allen orthodox-sozialistischen Theorien nachgewiesen, daß die Fabrik nicht den Untergang allen Handwerks bedeute.*) Erfahrung kann das überhaupt nicht beweisen. Denn maßgebend für die Beurteilung der Lebensfähigkeit, der Zukunft des Handwerks ist nicht seine gegenwärtige Lage, sondern in erster Linie eben jene in allen Gewerbszweigen hervortretende Tendenz, das Handwerk durch den Fabrikbetrieb zu ersetzen. Die beständig fortschreitende Ausdehnung der einzelner Großbetriebe zeigt, daß der Untergang allen Kleinbetriebes nur eine Frage der Zeit ist, und bestätigt den ersten Satz des Erfurter Programms: „Die ökonomische Entwickelung der bürgerlichen Gesellschast führt mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebs." Dieser Satz gehört zu den „ehernen, großen Gesetzen", nach denen die Völker „ihres Daseins Kreise vollenden" müssen. Das Sausen und Surren der Dampfmaschinen wird tatsächlich zum Totenlied des Handwerks und aus seinem Grabe schnauben Eisen und Feuer in rastlosem Kampfe. Die. Vorzeit hat den Lebcnsfaden des Handwerks gesponnen, das Mittelalter hat ihm das Los der Zunft bestimmt, die Neuzeit aber wird zur unerbittlichen Atropos, die den Faden abschneidet und die qualvolle Metamorphose vom selbständigen Handwerker zum expropriierten Lohnsklaven zeitigt. Kann es unter diesen Umständen zur Hebung unseres Volkes zweckmäßig sein, Handwerker auszubilden? Selbst Nordau mahnt dazu, denn, so führt er in seiner auf dem fünften Kongreß gehaltenen Rede aus, der gelernte Schuster und Schneider stehe wirtschastlich bereits turmhoch über dem Hausierer. Das ist nicht richtig. Der Hausierhandel hat trotz seiner wirtschaftlichen und sittlichen Gefahren doch auch seine unverkennbare wirtschaftliche Berechtigung, insbesondere, wo der ländliche Kleinbetrieb vertreten ist. Hier schafft er wohltuende Konkurrenz und Preisermäßigung, veranlaßt Geschäfte, Einkäufe und Verkäufe, die ohne ihn vielfach ganz unterblieben wären; er ist in unserem Wirtschaftsleben unentbehrlich, denn fabrikmäßige Produktion, „die nicht mehr sich verbindet mit dem direkten Verkauf an den Konsumenten, daneben die selbständige Entwicklung des Handels als Großgeschäft in den größeren Städten, teilweise als kleines Ladengeschäft in den kleinen Städten und Dörfern, teilweise als Hausierhandel auf dem Lande, das sind Glieder einer und derselben Kette." (Schmoller.) *) Dr. Alexander Hausmann, Welt, Jahrg. X, S. ,20, Nr, 8.

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