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Neue jüdische Presse · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Utr- 41 ganze jüdische Lehre, das andere ist alles Ausführung", die einst der große Gesctzlehrer Hillel einem Heiden, der von ihm das Judentum, während er auf einem Beine stehe, gelehrt haben wollte, gab, bildeten die Grundlage der Ausführungen. Warum gab Hillel nicht zur Antwort: Der Ewige, unser Gott ist ein einziges Wesen? Weil eben im Judentum Glauben und Sittenlehre eins sind, weil eben im Judentum die Sitteulehre auf der Gotteslchre basiert, weil eben nach! dem Judentum die Liebe zu Gott eiumiindcu muß in die Liebe zum Mitmenschen. Hillel lebte etwa hundert Jahre vor der üblichen Zeitrechnung. Das Heidentum befand sich im Untergang, und seine Anhänger suchten nach etwas Neuem. Hätte das Judentum fein Gesetz, das die Ausführung des Satzes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist, geopfert und nur den Glauben an den einen Gott verlangt, es hätte das Erbe des Heidentum, das' nur ein einbeiniges Judentum annehmen wollte, angetreten, es blieb sich aber treu, und so entstand das Christentum und trat das Erbe des Heidentums an. Das Thema Christentum gab dem Redner Gelegenheit, auf die Beschuldigung, die dasselbe stets gegen das Judentum erhebt, einzugehen. auf die Beschuldigung daß das Judentum lehre: „Ang' um Aug', Zahn um Zahn". Grade diese Beschuldigung zeigt aber den zu Gunsten des Judentums gegen das Christentum bestehenden Unterschied. ,,Aug' um Slug', Zahn um Zahn" verlangen nur den volle» Schadenersatz für das zugcfügte Böse, — und nur die Vergeltung kann dem Guten zum Sieg verhelfen. Anders aber der Standvunkt des Christentums, das i'nit seiner ewigen Verzeihung das Böse auf Erden dominieren läßt. — Zum Schluß fordert der Redner seine Zuhörer auf, sich mit dem Judentum mehr zu beschäftigen, damit sic die richtige Wertschätzung seiner erhabenen Lehren sich zu eigen mache». Der Vortrag fand lebhaften Beifall und machte, sichtlichen Eindruck auf die Zuhörer.! ’ Frankfurt a. M.. 23 Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur eröffuetc gestern sein Winterhalbjahr. Herr Dr. Gustav Karpeles- Berlin sprach über Karl E m i l F r a n z o s. Herr Dr/ Karpeles hatte sich zur Aufgabe gestellt, dafür den Nachweis zu erbringen, daß K. E. Franzos ein guter Deutscher gewesen sei, denn er schrieb ein tadelloses, formvollendetes Deutsch, war ein deutscher Dichter, der der deutschen Literatur ein neues Gebiet erschlossen und ein guter Jude. — In seiner Jugend empfand Franzos zuweilen sein Judentum als bin- Last, litt viel, weil er Jude war und setzte seine Hoffnungen auf Deutschland, daß es ihn auf 'die Stufen des vollen Menschen und Dichterglückcs bringen werde. Erst als der deutsche Antisemitismus greifbare Formen ännahm, erinnerte sich Franzos wieder an sein Judentum und fing es zu verstehen und zu lieben an. lieber die literarische Persönlichkeit des Verfassers ließ sich 'der Herr Dr. Karpeles wenig^aus, da sie noch jedem frisch im Gedächtnis sei. 'Seine hauptsächliche Anerkennung verdankt Franzos seinem „Halbasien" und „Die Juden von Tschortkow". Franzos war Kultnrschildcrer, Agitator und Dichter. Gegen die polnischen Schlachzizen kämpfte er nur dort, wo sie sich anschickten, die Juden zu unterdrücken. In feinem literarischen Schassen verstand es Franzos meisterhaft, die Grenzen zwischen Dichtung und Kulturgeschichte einzuhalten. — Frankfurt a. M. Der Talmud-Thora- Verein eröffnete am Freitag Abend Sidra Noach, den Zyklus seiner Vorträge für das Winterhalbjahr. Als erster Redner sprach Sc. Ehrw. Herr Rabbiner D r. M. H o r o v i tz und begeisterte die überaus zahlreich erschienenen Zuhörer durch seinen mit bekannter Meisterschaft gehaltenen Vortrag so sehr, , daß ' eine öfter erfolgte Wiederholung allgemein gewünscht wird. Wie in den früheren Jahren wird auch in diesein Winter Herr Lehrer H. S ch >v a b sich in den Dienst der heiligen Sache stellen und am kommende» Freitag Abend die Reihe seiner Vorträge eröffnen, die allseitig mit Freude begrüßt werden. Weitere Redner stehen dem Talmud-Thora-Verein in jungen Rabbinatsiandidaten in Aussicht, so baß die Vorträge, die sich allwöchentlich direkt deni Gottesdienste anschließen und im Hörsaale der Synagoge am Börneplatz abgehalteu werden, allen' Zuhörern Genuß versprechen. Nenanmeldungen nehmen die Vorstandsmitglieder die Herren E m a n u e l L e h m a n n, Dr. I. Heinem a n n und Martin Meyer gern entgegen. Berlin. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen U. O. B. B., Monbijouplatz 10 (kostenloser Stellennachweis für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer) hat durch seine Vermittelung in: Monat September 241 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 63 Personen vorübergehende Beschäftigung verschafft. Lörrach. Der hiesige Jirneli'ische Jugendbund, ein „Verein für jüdische Geschichte und Literatur", der seit. 1901 besteht und von drei Tertianern begründet wurde, die in: Religionsunterricht ein reges Interesse für das Judentum empfangen Hallen, kann nunmehr auf eine fünfjährige gedeihliche Wirksamkeit zurückblicken. Anfänglich hatte er mit großen Schwierigkeiten von seiten der Gemeindemitglieder wie. des Synagogcnrats zu kämpfen, aber er hat alle Frankfurter Israelitisches Familienvtarr. diese Schwierigkeiten glücklich überwunden und seine Chanukahfeste erfreuen sjch des allgenieinen Besuchs seitens der Eemeindemitglieder. Die erste Aufgabe des Vereins war, eine gute Bibliothek anzulegen. Sie besitzt bereits über 2000 Bände jüdischer Lektüre, die sehr fleißig benutzt werden, tim auch die Erwachsenen für die Zwecke des Vereins zu interessieren, hat Herr Lehrer Abel mehrere Vorträge gehalten. Der neue Synagogenrat gewährt dem Verein jede Unterstützung, so daß seine Stellung in der Gemeinde gefestigt ist. Der Verein zählt heute 20 aftive m-nd 22 passive Mitglieder; er besitzt eine stattliche Bibliothek und genießt das Wohlwollen der Gemeinde in volleni Maße. Posen, 21. Oktober. Im Verein Leschann- L i m m n d i m sprach gestern Herr P. P l e ß n e rü&cr das Thema „Der oberste Gerichtsohf in der Stadt des Heiligtums". Der Saal war überfiillt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) rveehrter Herr Redaltenc: In Rr. 35 Ihrer g. Zeitung ist ein Bericht veröffentlicht über die Generalversammlung der „Freien Vereinigung für die Gesamtinteressen des orthodoxen Judentums". — In diesem Bericht ist auch von unserem Verein die Rede und ist darin: behauptet, daß unser Verein die Restaurants beaufsichtige. Wir bemerken hierzu, daß diese Behauptung nicht den Tatsachen entspricht, indem unser Verein lediglich diejenige» Restaurants für die Oeffentlichkeit registriert, welche/durch anerkannt orthodoxe Autoritäten beaufsichtigt werden oder deren rituelle Korrektheit durch Autoritäten uns bescheinigt ist. Wir bitten Sie, im Interesse der Sache diese unsere Richtigstellung in Ihrem g. Blatte veröffentlichen zu wollen und zeichnen wir Hochachtungsvoll Verein zur Förderung ritueller S p e i s e h ä u s c r. Der Vorsitzende: I. S. Bing. Bunte Chronik. Z u r G c s ch i ch t e D e r e r v o n D e r n b u r g. Der „Rhein. Kurier" veröffentlichte kürzlich Reminiszenzen über die Familie Dernburg, die wir nachstehend gekürzt wiedcrgcgeben: Unser neuer Kolonialdirektor und sein Vater sind keine beliebigen „Hargeloffenc", wie man in Wiesbaden sagen würde, sie entstammen vielmehr einer altjüdischeu Geistesaristokratie, einer Franco- Germanischen Familie, der wir eine Reihe hervorragender Gelehrten, vornehmlich 'Orientalisten, zu verdanken haben. Ihr Stammort war Derenburg, ein kleines Städtchen nahe Halberstadt, und scherzweise sagten die Herren Professoren, wenn sie über die Herkunft ihres 'Namens befragt wurden: „Wir sind Ritter, deren Burg bei Halberstadt liegt." Von Derenburg kam die Familie nach Offenbach, Frankfurt a. M. und Mainz, lieber das erste bekannte Mitglied der Familie Jacob Derenburg lassen sich bestimmte Angaben nicht machen. Sein Sohn Hartwig Derenburg war der Verfasser eines in hebräischer Sprache geschriebenen Lustspiels „Me Bewohner der Welt", die Nachbildung eines ähnlichen Stückes des italienisch-jüdischen Gelehrten und Dichters M. H. Lnzzatto. Es wurde 1789 in Offenbach veröffentlicht. Um diese Zeit zog Hartwig nach Mainz. Hier wurde er bald Sekretär der jüdischen Gemeinde, ein Posten, zu dem inan stets gelehrte Leute nahm, da mit diesem Amte häufig die Obliegenheiten eines Lehrers und Unter-Rabbis verbunden waren. Ursprünglich hieß Hartwich mit Vornamen Zebi-.Hirsch, aber am 20. Juli 1808 wird den Mainzer französischen Bürgern mosaischen Glaubeils, welche laut Artikel 7 des kaiserlichen Dekrets vom 17. März 1808 doch keine Vor- und 'Familiennamen angenommen hatten, besohlen, dies innerhalb dreier Monate vor dem Zivilstandesbeamten bei Vermeidung der Ausweisung aus dem Reiche nachzuholen. Bei dieser Gelegenheit wandelten viele Juden ihre altjüdischen in moderne Vornamen' um und der „Cabaretier Hersch Dernburg" — er hatte nebenbei auch eine kleine Restauration neben der Synagoge — hieß von da ab 'Hartwig Doerenbourg (vgl. Salfeld, Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz. 1903.) Hartwigs ältester Sohn, Jacob Dernburg, der Urgroßvater des Kolonialdirektors. 1794 in Mainz geboren, wurde Rechtsgelehrter und war schon in jungen Jahren Vorsitzender des Vorstandes der Mainzer jüdischen Gemeinde. Es war inbezug auf die Mainzer Juden 'eine eigenartige Zeit, in die die Tätigkeit Dernburgs als Leiter der Gemeinde fiel. Als frühere Bürger Frankreichs, Mitglieder eines Staates, der als der erste in Europa die politische Gleichberechtigung aller Seite 11 Bürger ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses verkündet hatte, der seine jüdischen Untertanen von der Knechtschaft zur Freiheit führte und ihnen die Gleichheit vor dem Gesetze gewährte, empfanden sie es doppelt schwer, daß sich unter der hessischen Regierung wieder reaktionäre Strömungen geltend machten und die alte» Vorwürfe und Gehässigkeiten, die man längst begraben glaubte, wieder auftauchten. Es galt nunmehr, um jeden Preis zu zeigen, daß die Juden vielmehr würdig seien, als vollberechtigte Bürger deS Staates anerkannt zu werden. Dieses Ziel verfolgte Dernburg mit aller Kraft und er suchte die Glieder seiner Gemeinde so viel wie möglich mit ihren andersgläubigen Mitbürgern zu assimilieren. Vor mir liegt das einzige noch erhaltene Exemplar einer Verordnung des Becrdigungswesens der Israelitischen Religionsgemeinde zu Mainz. Mit einer Vorbemerkung von Dr. Dernbnrg. Früher scheint große Unordnung bei jüdischen Begräbnissen geherrscht zu haben, auch wurde» die Leiche» auf der Bahre hinausgetragen. Dernburg erreichte es, daß ein schön dekorierter Leichenwagen angeschafft, auf dem für die Folge die Leichen Nach dem Friedhofe gefahren wurden. Die jungen Leute ans der Gemeinde mußten sich bei ihm melden, um vorkommenden Falles in würdevoller Toilette „einen Kondukt zu fornneren", dem sich die anderen Leidtragenden in Reih und Glied anzuschließen hatten. Leute mit Mützen, Werktagskleidern, .Handwerkerkitteln wurden zur Begleitung der Leichen nicht zugelassen. In der Vorbemerkung zu dem Büchlein gibt Dernburg zwei Gründe an, die ihn zur Einrichtung der Neuordnung veranlaßten: 'Anerkennung der Herrschaft des Gesetzes und inniges Unschließen an die Sitte» unserer Mitbürger. Aus diesem Milien heraus findet man es begreiflich, wenn» Dernburg sein inniges Anschließen an die andersgläubigen Mitbürger'schließlich so weit trieb, daß er sein Amt als Präses der jüdischen Gemeinde niederlegte und zum Christentum übertrat. Das war im Jahre 1841. Die hessische Regierung ernannte ihn zum Richter am Gr. Kreisgericht. Ein großer Kenner des französischen Rechts, das ja am linken Rheinufer noch bis in die neueste Zeit Geltung besaß, ein tüchtiger Kommentator der kaiserlich napoleonischen Dekrete, erhielt er bald einen Ruf als Professor der Jndisprudenz nach Gießen. Aber, o bittere Ironie des Schicksals, alte seine Erfolge auf dem Gebiete der Gleichmacherei der Juden mit den Christen konnte» es nicht fertig bringen, daß er eine» gewissen jüdelnden To» in der Vortragsweise sich ganz abgewöhnen konnte. Vielleicht kam auch der damals in Gießen noch nicht bekannte rheinländisch-mainzerische Dialekt hinzu — kurzum — er wurde von den Studenten ansgepfiffen und in Gießen war seines Bleibens nicht. Die hessische Regierung wollte sich aber noch iveiter die großen juristischen Kenntnisse des Mannes nutzbar machen und sie -ernannte ihn deshalb zum Richter am Kassationshofe in Darmstadt, an den: er später Oberstaatsprokurator wurde. Er starb daselbst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dieser Herr hatte insofern etwas Aehnlichkeit mit uilserem neuen Kolonialdirektor, als er ebenfalls eine überaus einträgliche Beschäftigung — er war der beliebteste Anwalt der Stadt — aufgab, um „honoris causa" ein Staatsamt anzunehmen, das khnl nur wenige tausend Gulden per Jahr brachte. Während seiner Tätigkeit als Vorsteher der jüdi- - scheu Gemeinde gab Dr. Dernburg noch folgende zwei Broschüren heraus: „Zwei Schriften über den Judeneid", sowie: „lieber die Mangelhaftigkeit der bisher üblich gewesenen Studiermethode des Talmuds". Jakob Dernburg hatte zwei Söhne: Heinrich Dernburg, der bekannte Rechtslehrer und Mitglied des preußischen Herrenhauses, der 1829 in Mainz geboren wurde und aus dessen Feder eine Reihe hervorragender juridischer Werke, sowie das bekannte Buch: Die königliche Friedrich Wilhelms - Universität Berlin in ihrem Personalbestände seit ihrer Errichtung bis 1885, hervorgingen, sowie den Vater unseres Direktors, den Publizisten Friedrich Dernburg, über dessen Leben und Wirken die Zeitungen ja wohl in den jüngsten Tagen die Leser zur Genüge uu'terrichteten. ... Es erübrigt noch, einiges über die Seitenlinie der Familie unseres neuen K'olonialdirektors mitzuteilen. Der jüngste Bruder des Dr. Jacob Dernburg war der französische Orientalist Josef Naftali Derenbourg, der zu Mainz am 21. August 1812 geboren wurde und in Bad Ems ach 29. Juli 1895 starb. Dem Umstande, daß Mainz in seinem Geburtsjahre zum Kaisertum Frankreich gehörte, verdankte er es, daß er im Jahre 1870 als Franzose betrachtet und nicht verfolgt und ausgewiesen wurde. Josef war hervorragender Lehrer des Alt-Arabischen und des rabbiirischen Hebräisch. Seine jüdisch-wissenschaftlichen Werke erreichten eine große Zahl, er schrieb ebenso gewandt französisch, wie deutsch, wie arabisch, wie hebräisch. Sein Leben ist beschrieben in dem Werke von 33. Bacher: Josef Derenbourg, „8a Vi et so» Oeuvre", Paris 1896, sowie in der Zeitschrift: „Revue des etudes Juifs 1895". Dessen Sohn ist Hartwig Derenbourg, geboren in Paris 1844. Auch er ist ein bedeutender französischer Orientalist, Verfasser unzähliger gelehrter Werke, ein Schwiegersohn des weltbekannten Frankfurter Buch-

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