Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 41. Testament steht ganz gewaltige Summen für die verschiedensten, meist allgemeinen Zwecke vor, so 400000 Lstr. fiir den Bau von Wohnungen für Arme, 250 000 Lstr. für das Königs-Hospital in London nsw. Der am 5. September in Karlsbad verstorbene Herr Louis Spitzel hat letztwillig den Wunsch ausgesprochen, daß seine Frau und Kinder jährlich die Summe von 1000 Lstr. zu gleichen Teilen für jüdische und nichtjüdische Wohltätigleitszwecke verteilen mögen. London. Weil er eine jüdische Religio nsvorschrift verletzt, wurde, obwohl er den Landesgcsetzen gemäß gehandelt, Gerson Wechsler, früher Vorbeter an der Great Garden Street-Synagoge zu London, mit seiner Klage aus Wiedereinsetzung ins Amt ab gewiesen. Die Verhandlung vor dein County Court in Whitechapel ergab, daß Wechsler einen russischen Juden wegen Bcttelns der Polizei übergeben hatte, welche Handlung, da sie mit den jüdischen Rekigionsgeboten, die das Wohltnn als religiöse Pflicht zur Vorschrift machen, in krassem Widerspruch steht, ihm die Entlassung aus dem Amte eintrug. Herr Wechsler hatte bereits bei dem jüdischen Gericht, deni „Bcth Din", Einspruch hiergegen erhoben, jedoch erfolglos, und wandte sich nunmehr an die ordentlichen Gerichte. Von den Aeltesten der Synagoge wurde geltend gemacht, daß der Vorfall ungeheuere Aufregung in der jüdischen Bevölkerung erregt habe, dies ilni so mehr, als der russische Jude, unk den es sich handelte, infolge des Vergehens Wechslers zu einer Gefängnisstrafe und baranschlicßender Deportation nach 'feiner..Heimat verurteilt wurde, was für den Flüchtling, der ein russischer Deserteur gewesen, den sicheren Tod durch Erschießen bedeutete. Der Gerichtshof entschied demzufolge, daß Wechsler sich einer mit seinem Amte unvereinbaren Handlungsweise schuldig gemacht habe und wies seine Klage ab. Schweiz. Zürich. In der „N. Zürich Ztg." behandelt Blnmer-Egloff im Leitartikel die „ausländischen Hau- -sicrer in der Schweiz" und verlangt, da doch die Schweizer als Hausierer in anderen Ländern kaum in Betracht kommen, die A u s s ch l i e ß n n g d e r A u s - länder vom Hausicrcrwcrb in der Schweiz. Er bemerkt dann: „Zum Schlüsse wollen wir gern noch konstatiere», daß der Bundesrat vor 'Jahresfrist die Kantone schützte, welche der plötzlichen Invasion durch russische Hausierer cntgcgentraten. Das Verbot beruhte trotz verschiedener Anfechtung auf vollständig rechtlicher Grundlage, tvcil die Israeliten in Rußland selbst nicht die gleichen Rechte besitzen 'wie die andern dortigen Bürger. Es ist zwar sonst nicht schweizerische Anschauung, baß ln Bcrufsfragen die Konfession eine entscheidende Rolle spielen soll; in diesem Falle aber war der angeführte Entscheid ein Notbehelf, um sich vor der Ueberflutung von dieser Seite zu wehren. Es gibt übrigens bei uns in andern Berufsarten noch Beschäftigung; in manchen Fabriken ist stets ein Mangel an Arbeitskräften."' Hierzu bemerkt das hiesige „Jsr. Wochenbl": „Jü Wahrheit beruhte die Verweigerung der Hausierpatente an russische Inden nicht auf der Gefahr der Ueberflutung mit russisch-jüdischen Hausierern, sondern, da man den- Wunsch hatte, die Zahl der Hausierer zu vermindern, was an sich begreiflich ist, und berechtigt sein mag, so begann man mit der Ausschließung vom Hausierberus bei denjenigen, die sich am wenigsten dagegen zu wehren vermochten, bei den von ihrem Heimatland ohne Schutz gelassenen russischen Jüden, und dies ist cs, was wir nicht verstehen konnten; noch weniger aber mochten wir begreifen, daß sich der Bund bereit finden ließ, die Kantone hierin zu schützen. Es war und bleibt ein Ausnahincgeseh gegen die Schwächsten der Schwachen. Warum mutzte bei diesen der Anfang gemacht werden, warum nicht bei den Deutschen, Italienern nsw.? Die Begründung, daß die Israeliten in Rußland unter Ausnahmegesetzen stehen und daß infolgedessen schweizerische Israeliten dort vielleicht kein Hausierpatrnt erhalten würden, vermag formell allenfalls noch als richtig hiugcnominen werden, aber sie entspricht wirklich sehr wenig den Anschauungen, die sonst 'beim Bund vorausgesetzt werden." ' Palästina. Jerusalem. Eine solenne Trauung. Am 2. er. führte ein Mllarbcitcr dieses Blattes, Herr Jsaac Sand, Lehrer der deutschen Disziplinen an der Gemeindeschule zu Philippopel, die Tochter von Dr. Grünhut heim. Känel ist ein Jerusalemer von Geburt. Bon den Eltern, schlichte aber durchaus ehrliche und fromme Leute, erhielt er eine streng religiöse Erziehung, die noch für den Mann Richtschnur geworden ist. Schon frühzeitig aber äußerte sich in dem geweckten Knaben das Verlangen: hinaus aus dem Ghetto. Dieses Verlangen wurde mit dem zunehmenden Alter immer mächtiger und der inzwischen halbgereiste Jüngling mußte ihm schließlich Gehör geben. Zunächst begab er sich mach Frankfurt a. MI Hier fand er hochherzige Gönner, welche sich des lernbegierigen Jünglings mit väterlicher Liebe annahmen. Zum Eintritte in eine höhere Lehranstalt genügend vorbereitet, bezog er das Kölner Lehrerseminar, und nach dessen Beendigung engagierte ihn der „Deutsche Hilfsvcrein", an den die Gemeinde zu Philippopel um einen deutschen Lehrer sich gewandt hatte, für die dortige Gemcindcschule, an welcher Schule er nun seit 2 Jahren tvirkt. Der Trauung, welche im deutsch-jüdischen Waisenhause stattfand, wohnten der ö stc r rl - n n g. K o n - sul und Frau, ferner die Frau des deutschen Konsuls — der Herr Konsul ließ sein Fernbleiben mit zwingenden'Amtsgeschästen entschuldigen — und ein zahlreiches, ans den besseren Ständen der heiligen Stadt sich zilsaniincnsctzcndcs Publikum bei. In der Ansprache, von Jes. 51, 2: „Blicket hin auf Abraham, euren Urahn, auf Sarah, Eure Erzmutter; denn einer war er als ich ihn berief und ich segnete ihn . . . ." ausgehend, ivelche der Vater der Braut, der die Trauung vollzog, an das Brautpaar richtete, wies der Redner zunächst darauf hin, daß der Bräutigam, gleich Slbraham, unserem Urahn, in der Fremde eine hohe Kultur-Mission zu erfüllen habe; daß sie, seine Auscrwählte aber, ungeachtet der Fremde, deren Eindrücke sie sich kaum wird erwehren können, sich nicht minder glücklich fühlen könne an der Seite ihres Gatten, sofern sie sich das Bild der in ähnlicher Lage gewesenen Erzmutter vor Augen halten werde. Abraham und Sarah, schloß er, seien ihnen Musterbilder. Dann würden auch sic des erzväterlichcn Segens teilhaftig werden. — Der heilige Akt machte ans die nichtjüdischen Gäste einen tiefe» Eindruck. Ztuck. phil. M artin Grün h u t. Afrika. Tanger. Die Leute vom Beniarosstamme verbieten das Betreten und Verlassen der Stadt A r z i l a. Mehrere Juden, unter diesen der Rabbiner und ein spanischer Schutzbefohlener, wurden mißhandelt; auch wurden mehrere Kaufläden geplündert. Die spanische Gesandtschaft erhob energische Vorstellungen. Getrennt und Vereint. Ans dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Die Messe in Charkow bedeutet eine ungeheuere Ansammliing von Menschen aus allen Provinzen, ein Zusammentreffen verschiedenartiger Völkerschaften. Schon Wochen vor dem Erscheinen der Käufer und Verkäufer macht sich ein reges Leben und Treiben bemerkbar. Der Ausbau der Buden und Zelte ninimt seinen Anfang. Lange Reihen solcher Buden, ans ungehobelten Brettern roh zusammengczimmert, und mit grober Leinwand bedeckt, entstehen an allen Ecken und Enden, und bald sind sie mit allerlei Waren angefüllt, die geeignet sind, den Mnschik zu fesseln. Bald erscheint auch dieser in seinem Festgcwand, verschiedene Produkte mit sich bringend, Garn, Wachs, Häute, Borsten, Honig und Hühner, Überhaupt alles, was er nur irgend zu Gelbe machen kann. Jablowsky hatte richtig spekuliert, daß das Gewoge und Gedränge, welches eine solche Messe mit sich bringt, am besten geeignet sei, seine Pläne zur Ausführung zu bringen. In dem lustigen Treiben fällt der Fremde weniger auf; da drückt auch die sonst so strenge Polizei ein Auge zu, und auch manches Befremdliche ivird nicht sonderlich beachtet. Schon bei seinem ersten Zusammentreffen in Charkow, wohin auch Rüben gekommen war, um seine Reise nach dem Auslände von hier aus anzntrcten, erklärte Jablowsky den drei Inden, daß alles vorbereitet sei, und zeigte dem verblüfften Rüben ein korrekt ansgefertigtes Dokument, von dem'General- Gouverneur unterschricben, daß der Gefängnis-Direktor angewiesen wird, die Hulda Pakarow den beiden Gensdarmen auszuliefern, die sie nach Tobolsk zu bringen haben-. „Der Gouverneur hat natürlich dieses Doknmcirt nie gesehen-" bemerkte Rüben ängstlich. „Und mein Freund, der Direktor, wird es ebenfalls nicht sehen," bestätigte Jablowsky lächelnd. „Und was haben wir dabei zu tun?" fragte Zein ach. „Das will ich Euch mit kurzen Morten 'sagen. In zehn Tagen wird die Messe ofstziell eröffnet, bis dahin werdet Ihr beide als zwei kaiserlich russische Gensdarmen cingekleidet und auch so weit eingeübt sein, um dieses Dokument ohne Zittern im Bureau abgeben zu können. Der Direktor wird natürlich krank sein, weshalb sein Gehilfe Euch empfangen wird, aber auch er ist in das Geheimnis eingeweiht, und das Mädchen wird Euch, ohne weitere Formalitäten, übergeben werden; dann aber ist es Euere Sache, so chnell als möglich zu fliehen. Wohin Ihr fliehen wollt, überlasse ich Euch, nur säumet nicht, bis Ihr enseits der russischen Grenze seid." „Meine Freunde, Ihr habt gehört, was Euch zugemutet wird! Doch auf andere Weise ist keine Möglichkeit vorhanden, mein Kind zu retten. Seid Ihr nun entschlossen, das Wagnis zu bestehen?" fragte Rüben, die jungen Leute erwartungsvoll ansehend. „Diese Frage kann eigentlich nur Dir gelten, Zemach," sprach Ezra; „für'mich unterliegt es ja keinem Zweifel, daß ich ülles wagen werde, um die Geliebte meiner Seele aus den Klauen ihrer Peiniger zu retten." .... „Ist cs bei Dir die Liebe, so jst es bei mir die Pflicht, die mir gebietet. Euch beizustehen," war dessen . schlichte Antwort. Rüben sprang auf und rief mit großer Rührung: „Junger Mann, ich bin alt genug, um Dein Vater fein zu können-- —; ich bin in Kummer und Leiden altgeworden; doch ich hätte es nie fiir möglich gehalten, daß Menschen einer solchen Opferfreudigke.it fähig sein könnten, wie sie mir Deine Seele heute offenbart! Du bestätigst mir jene' erhabene Lehre, daß in jeder Menschenbrust ein Funke der Gottcsliebe vorhanden ist! Was nun auch unser, Schicksal sein mag, so lange dieses Herz schlägt, soll cs Dich segnen, soll mein Haus das Deinige sein —! Du glaubst, daß Tanger für uns der geeignetste Platz fein wird, willst Du, wenn Gott uns weiter gnädig ist, unser Glück vermehren, indem Du jene Stadt auch zn Deiner Heimat machst?" „Warum Lohn anbieten oder annehnien für etwas, was jeder pflichttreue Mensch als einen Vorzug betrachten sollte?" lehnte der Jüngling bescheiden ab. „Wer entschädigt denn Dich, daß Du Deine Pflicht als Jude erfüllst, wer Jablowsky, baß 'er seine als Mensch erfüllt? Wir dienen nicht Gott des Lohnes wegen, sondern aus Liebe und Verehrung! Und bei mir bedeutet es'sa auch nur, daß ich eine Pflicht mit der anderen vertausche: anstatt Geld zu sanimeln, um die Rot meiner Brüder im heiligen Lande zu lindern, verwende ich einen Teil meiner Zeit, um Gott dadurch zu dienen, indem ich die Gerechtigkeit fördere!!" „Ja, Ihr seid die Mä,nner, die ich gebrauchen kann," nahm Jablowsky wieder das Wort. „Ich. muß es gestehen, meine Bewunderung ist grenzenlos über die Eigenschaften, die man bei Deinem Volke, Rüben, antrifft! Uneigennützigkeit, Moral und Hilfsbereitschaft, die ich sonst für Märchen gehalten,'hier treten sie mir in Wirklichkeit vor Augen. Ich weiß cs jetzt auch, nur ein Jude konnte freudig am Kreuze sterben, um durch seinen Tod die ganze Menschheit zu erlösen -—! Ich habe auch noch keinen Juden verzweifeln sehen!!" „Ein echter Jude, niemals!" rief Rnbeii mit flammender Begeisterung. „Feiglinge verzweifeln, wenn man ihnen die Haut nur ritzt; doch der Jude lächelt auf der Folterbank und besteigt singend den Scheiterhaufen! 'Und was wäre auch aus der Welt geworden, wenn wir verzweifelt — — —! Wenn Ivir nicht das Licht der reinen Erkenntnis in der Welt angezündet, als noch Finsternis des Unglaubens die Erde umhüllte, wenn Ivir nicht Wegweiser zur Sittlichkeit errichtet, als die Menschheit noch in der Wüste der Lüsternheit heruniirrte, es wäre alles noch „wüst und leer" wie ehedem! Hätte man Euren Geist geknechtet. Euren Leib gemartert, hätte. man Euch ein achtzehnhundcrtjähriges Märtyrertum anferkegt, Ihr wäret verzweifelt-doch nicht wir!! In jedem glaubenstrenen Israeliten ist ein Stück Moses vorhanden, das ihn vor Verzweiflung bewahrt, das dem schwachen Mädchen den Mut eines Riesen, das dem Jüngling Kraft verleihet, fiir die Gerechtigkeit sein Leben zu wagen!" Bleich, mit niedergeschlagenen Augen, hörte. Jablowsky schweigend zu; dann sprach er: „Ja, Ihr. seid ein eigentümliches Volk, und Du, Rüben, bist? ein getreues Spiegelbild Deines Volkes. Dü hast'mich besiegt. Du hast mich bis in den Staub gedemütigt. Und nicht nur Du, sondern auch Dein Weib, das ja bei mir war —-bis zum letzten Atemzuge wird mir jener Anblick unvergessen bleiben — — —!" Rüben sah ihn bestürzt an. „Meine Frau hat. Dich besucht? Bist Du rasend---?"