Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 41 . „Pein, ich weiß, >vas ich rede; Deine Frau erschien mir in jener Nacht, als ich glaubte, die Grabes- Pforten haben sich für mich bereits geöffnet-. Und in ihren Blicken sah ich Zorn, Ergebung und Flehen, während tausend Schlangen mir das Wort „Mörder" ins Ohr zischten — — — da erkannte ich den Abgrund, in welchen meine Seele gesunken war — — —! Und da gelobte ich Deiner Frau, über Dich und die Deinen zu wachen, und Gutes zu tun, wo ich so viel Böses zugefügt. — Verstehst Du jetzt meine Empfindung, giuben? Kennst Du jetzt die Triebkraft meines Innern, Dich glücklich zu wissen? Höre, ich habe mein Vermögen 'Dir und Deinen Kindern verschrieben; ldie Kirche soll nicht eine Kopeke davon, haben: denn ein Priester war mein Verführer — und Deine Frau mein Retter —! Deine Tochter wird frei fein, und Dein Sohn soll Dir wiedergegebeu werde». Mehr kann ich nicht tun. Leb' wohl, Rüben Pakarow! Wer weiß, ob wir uns noch auf Erden sehen werden; vielleicht dort, vor dem Throne des höchsten Richters. Gib mir Deine Hand. Der alte Jablowsky ist tot; ich bin ein anderer, durch Dein Volk, durch Deinen Gott! — Gib mir Deine Hand, Bruder Rüben, und sprich: Stenko, ich vergebe Dir, so wahr möge der Gott Israels mir gnädig sein!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ein Kutz. Nach einem Erlebnis erzählt von L. G. „Weißt Du, Hermann," sagte Frau Hanna während des Abendessens zu ihrem Gatten, „Tante Emma hat mir die Noten geschickt, von denen wir letztens sprachen. Das Lied ist wirklich wunderbar; wir müssen es noch heute Abend cinüben." „Heute wird's wohl zu spät werden," erwiderte Herr Reinheimer, „ich muß noch einmal fort." Frau Hanna ließ die Gabel aus der Hand fallen und sah ihren Mann vorwurfsvoll au: „Du böser Mann! Ein Vierteljahr nach der Hochzeit willst Du mich schon zweimal in der Woche" allein lassen? Erst vorgestern Abend hattest Du Sitzung, und heute schon wieder? Sie werden auch ohne Dich fertig werden?" „Aber Kind, es ist ja keine Sitzung. Ich wollte ..." „Keine Sitzung? Dann ist es auch nicht so wichtig." „O doch, Hannchen. Ich sprach heute Nachmittag mit Herrn Friedmann über den jungen Levi, der so lange krmck und stellenlos war. Herr Friedmaun will ihn zum Ersten in seinem Geschäft einstellen." „Ach, das freut mich für den braven Menschen. Er war in der letzten Zeit ganz niedergedrückt und muttos." ';; „Siehst Du, Frauchen, ich will nun zcc Levi gehen und ihm die frohe Nachricht bringen." „Also deshalb willst Du fort? Das find' ich nun aber gar nicht nötig. Eine Postkarte genügt auch. Wenn Du sic heute Abend schreibst,, so hat er sie schon morgen früh." „Du weißt doch, wie sehnsüchtig der junge Mann auf eine solche Nachricht wartet. Es wäre ein Unrecht, sie ihm nicht so bald wie möglich mitziiteilcn." „Ach was, Hermann, aus ein paar Stunden früher oder später kommt es doch gewiß nicht au." „So sagst Du, Hannchen; ich weiß cs aber anders, lind bis der 'Tee 'hereingcbracht wird, will ich Dir ein 'Erlebnis aus meiner Kindheit erzählen. Daun wirst auch Dir anders darüber denken." Frau Hanna war aufgestanden und an's Fenster getreten. " „Höre nur, wie der Regen gegen die Scheiben klatscht, und wie der Wind heult! Du wirst Dich schrecklich erkälten und mir noch krank werden. Das brauchst Du doch nicht für heu fremden Menschen zu tim."; „Mach' Dir keine unnützen Sorgen, Frauchen! Setz' Dich wieder her und höre iuir zu!" „Du weißt, Hannchen, daß ich in meiner Kindheit einige Jahre in einem Städtchen an der russischen Grenze verlebte. Zu meinem Vater, der dort Rabbiner war, kamen täglich viele russische Auswanderer, um bei ihm Rat und Hilfe zu suchen. Es war Frankfurter Israelitische» gamilienblatt die Zeit, da die Massenauswanderung der Juden aus Rußland begann. Meine Augen haben damals viel Elend gesehen, und obwohl ich noch ein Kind war, haben sich mir jene Bilder unverlöschbar eingeprägt. Da war z. B. ein vierzehnjähriger Junge, der mutterseelenallein aus dem tiefsten Rußland herübcrgekommen war. Wie so vielen anderen fehlte es ihm bei seiner Ankunft in Karueiten an Mitteln für die Weiterreise. Da die Regierung die Auswanderer nicht eher von Karueiten fortließ, als bis sie eine Schiffskarte nach*Ämcrika bezahlt hatten, mußten sie oft wochenlang an der Grenze bleiben, bis sie die Mittel zusammen hatten. Jener Junge blieb vielleicht vier Monate in Karueiten. Nachts schlief er in der für die 'Auswanderer am Bahnhof errichteten Baracke aus Wellblech. Am Tage machte er sich nützlich und verdiente sein Essen, indem er in verschiedenen Häusern kleine Dienste verrichtete. Der Junge war groß und stark gebaut, wenn auch mager und von blasser Gesichtsfarbe. Er war für sein Alter überaus klug und ernst und besaß ein gutes jüdisches Wissen, von dem er oft und gern eine Probe ablegte. Amerika stetlte er sich als das gelobte Land vor, in dem er alle Herrlichkeiten der Welt zu erringen hoffte. Bewundernd sah ich zu der Selbständigkeit und Tatkraft des nur wenig älteren Knaben auf, und später dachte ich oft daran, wie cs ihm wohl drüben ergehen mochte. Noch andere Gestalten aus jener Zeit sind mir im Gedächiuis geblieben. So werde ich auch nie jene wunderschöne junge Frau vergessen mit den herrlichen dunklen Augen und dem edel geformten Gesicht. 'Sic hatte eine ebensolche Fülle braunen Haares, wie Du, Hannchen,. und ihre Haltung war so vornehm und anmutig, ihre Hände waren so zart und fein." „Du schwärmst ja förmlich, Hermann," unterbrach hier Frau Hanna, „gestehe, daß dies Deine erste Flamme war!" „Ach, Hannchen, damals war ich erst zwölf Jahre alt, und ich sah sie nur ein einziges Mal. Aber weißt Du, was ich dachte? Für eine verzauberte Märchcnprinzcssin hielt ich sie. Jeden Augenblick erwartete ich, daß sic plötzlich, in Glanz und Herrlichkeit verwandelt, vor uns dasteheu würde. Aber das Wunder, das mir damals so natürlich erschienen wäre, geschah nicht. Doch ich schweife ab. Nicht von dieser Frau wollte ich erzählen, sondern von einer anderen. Wann sie zum ersten Male in unser Haus kam, lvciß ich nicht. Aber seit den Sommerferien jenes Jahres war ich gewohnt, sie jeden Nachmittag um vier 'Uhr bei uns zu. sehen. Sie mochte 40 Fahre alt sein, war nicht gerade hübsch, hielt sich aber sehr sauber und ging nett gekleidet. Die ganze Person machte den Eindruck, als wenn sie aus geordneten Verhältnissen käme. Sie erbat auch keine Unterstützung, sondern fragte jedesmal, ob noch kein Brief von ihrer Tochter auS Amerika angekoinmcn sei. Ich weiß nicht, was für eine Bewandtnis es mit diesem Briefe hatte .Vielleicht hing ihre Abreise davon ab. Jedenfalls war er für sie von großer Wichtigkeit, denn sie war immer sehr enttäuscht und niedergeschlagen, wenn sie vergebens nachgefragt hatte. So kam sic den ganzen Sommer hindurch» und tat immer dieselbe Frage. Und immer war ihr Gang umsonst. Allmählich ging eine große Veränderung in der Frau vor. Sie vernachlässigte ihre Kleidung, ihre Haltung wurde - gebückt, ihr Gang schleppend, und tiefe Falten gruben sich in das immer schmäler werdende Gesicht. Doch nahm sie nichts an, nicht einmal eine Tasse Kaffee. Sie verkaufte ihre Sachen ein Stück nach dem andern und lebte von deni kärglichen Erlös. Zuletzt fragte sie gar nicht mehr. Täglich um 4 Uhr erschien sie an unserer Türe, lehnte sich müde an den Pfosten und las aus unseren Mienen, daß der Brief noch immer nicht angekoinmcn war. Dann schlich sie ivortlos nach der Baracke am Bahnhof zurück. So verging der Sonnner. Ich wurde Barmizwoh und für einige Zeit war ich von diesem für mich so wichtigen Ereignis ganz erfüllt. Die Feiertage kamen, und noch immer erschien an .unserer Türe jene Frau mit der stummen Frage. Da, es war am ersten Tage Suckans, kam mit der ersten Morgenpost der langersehnte Brief. Mein Vater war mit meinem älteren Bruder schon zur Leite 5. Synagoge gegangen, ich selbst war festtäglich gekleidet und hatte gerade den Lulow in die Hand genommen, und wollte ihnen folgen. „Hermann," rief mir die Mutter aus der Küche zu, in der sie noch einige Anordnungen traf, „ehe Du Schule gehst, laufe zu der Frau und sage ihr, daß der Brief angekommen ist!" Ich ging fort. Unterwegs dachte ich aber: „"Ach was, auf ein paar Stunden früher oder später kommt es doch nicht an. Die Frau hat länger als drei Monate gelvartet, so kann sie auch noch drei Stunden warten. Wenn ich den weiten Umweg nach dem Bahnhof mache, komme ich zu spät in die Synagoge, versäume vielleicht noch das Hallel-Gebet. Und das gerade heute, wo ich zum ersten Male einen eigenen Lulow habe! Wie froh und stolz bin ich, daß ich nun mit zu der Gemeinde gerechnet werde!" Und ich ging geraden Weges zur Synagoge. Aber an diesem Morgen hatte ich keine rechte Andacht und Ruhe während des Gottesdienstes. Der Chasen sang so schön wie sonst, die Gebete waren dieselben wie jedes Jahr, die Gemeinde lauschte wie immer andächtig der Predigt meines Vaters. Ich aber dachte nur: „Wie lauge doch heute die Synagoge dauert! Sie nimmt ja gar kein Ende!" Nicht einmal mein schöner Lulow machte mir Freude. Endlich ist der letzte Kaddisch gesagt. Ich verlasse als erster die Synagoge und eile nach dem Bahnhof. Iw der Allee, die zu dem Bahnkörper führt, erblicke ich von weitem die Baracke. Auf der Treppe hockt eine weibliche Gestalt. Es ist jene Frau. Ihr Haar ist zerzaust, ihre Bluse halb offen, ihre Schuhe sind nicht zugcschnürt. Sie hat die Ellenbogen auf die Kniee und den Kopf in die Hände gestützt und starrt in's Weite. So sitzt sie still und regungslos. Plötzlich hört sie meinen Schritt: sie blickt aus und sieht mich. „Kommst Du zu mir?" „Ja, der Brief ..." Ich kann nicht weiter sprechen. Mit einem Satz ist die Frau von der Treppe herunter, und ehe ich weiß, wie mir geschieht, stürzt sie auf mich zu und preßt mit ihren vertrockneten Lippen einen langen, glühend heißen Kuß cpif meine Stirne. „Mein teures Kind, tausend BrocheS auf Dein Kopp! Gott soll Dir segnen, gesund und stark sollst Du werden! Ti, guter Gott! extra is er hergekummen zu mir. Du sollst ihm belohnen dcrfier!", kommt es rasch von ihren Lippen. Du kannst Dir denke», wie mir zu Blute war. Ich stand da 'wie mit Blut übergossen; auf der Stirne brannte mir ihr Kuß, an's Ohr tönten mir ihre Segenswünsche wie Engelsposauucu des Gerichts. — Und meine Augen sahen diesmal ein richtiges Wunder. Die Freude hatte die Frau völlig verwandelt: ihr eingefallenes Gesicht war voll und gerötet, ihre Augen leuchteten, sie ging nun aufrecht und leichten Schrittes. Mit Blitzesschnelle hatte sie ihr Haar glatt gekämmt, ihre Kleidung geordnet. Sie band sich ein farbiges Tuch um den Kopf, und scherzend und lebhaft sprechend ging sie mit mir nach Hause, so rasch, daß ich kaum folgen konnte. — Nach den Feiertagen ist sie abgereist, und ich habe nie wieder ettvas von ihr gehört. Ihren Kuß aber habe ich, solange ich lebe, auf meiner Stirne gefühlt, und noch nie, selbst nach meinen tollsten Jugendstreichen nicht, habe ich ein solches Gefühl der Scham und Reue gehabt wie damals, als ich vor jener Frau stand. Seitdem, wen» ich jemandem eine gute Nachricht bringen-kann, läßt es mir keine Ruhe, und ich mag es keine Sttmdc aufschiebe». Begreisst Pu mich nun, Hannchen?" Frau Hanna hatte schweigend und ohne sich zu rühren, zugehört. Jetzt umschlang sie ihren Mann mit beiden Armen und küßte ihn mit ihren vollen, weichen Lippen mitten auf die Stirne, gerade auf jene Stelle, wo die Lippen jener Frau ihn berührt hatten. „Geh nur, Hermann," sagte sie mit seltsam belvegter Stimme. „Und Du bist mir nicht böse, Frauchen, daß ich Dich schon wieder allein lasse?" „Nein, Liebster, denn ich gehe mit Dir."