Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 41. i.. &• V;:' \ I i t 1. Brust". Juden und Nicht-Juden, zwei Welten — zwei Seelen in einer Brust. — Und der Pogrom wäre weniger blutig, wenn wir keine „vaterlandslose Gesellen" gewesen wären. Unsere innere Zerrissenheit infolge des Zerslreutscins ' kann ihn nur blutiger gestalten. Die Zerrissenheit ist gewissermaßen eine notwendige. Sic ist ein Produkt der differenten lokalen Interessen, die das Zcrstreutsein bedingt. Das ist ein organisches Uebel. Wie cs geheilt werden muß, hat uns Herzl gezeigt. Und dann noch ein Wort zur Moral von der Geschicht'. Die Pogrome sind nicht nur verschieden in ihren Arten, sondern auch in ihren Wirkungen. Einst, als die Auslösung des spanischen katholischen Gemütes die Gestalt der Inquisition und des Scheiterhaufens angenommen hatte, sielen Tausende unserer Väter unmittelbar und direkt für ihr Judentum. Man hat sic verbrannt, nur, weil sie Juden waren und keine Christen werden wollten. Ihr Martyrium, wie jedes Martyrium ein schöpferisches, treibendes Moment, ist ausschließlich den Juden zu Gute gekommen. — Und heute? Zwar dasselbe Todcsröcheln, dieselbe Musik. — Aber was wir befürchten, ist, daß die heutigen' Opfer in einzelnen oder mehreren Fällen vielleicht ausschließlich das Wohl des russischen Volkes im Auge hatten. Also, Missions-Judentum ist Trunipf. Moralische Erfolge der Jto?) Wenn von de» bisherigen Wirkungen der jüdischtcrritorialistischen Bewegung die Rede ist, so bemerken ihre Gegner hämisch, das; sie nichts 'als s*> leere Versprechungen und vage Hoffnungen gezeitigt habe, und auch die Freunde der Bewegung wissen oft nichts Besseres zu sagen, als daß die Jto in allernächster Zeit sicher alle Zweifler und Hasser zuschanden machen werde. Gciviß, auch wir glauben mit aller Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß in recht absehbarer Zeit ein wertvolles Territorialvrojekt allem Gerede und theoretischen Diskutieren praktisch ein Ende setze» wird. Inzwischen aber lohnt cs, einen Blick auf die in o r a l i s ch c » Eroberungen zu werfen, die die Jto in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon gemacht hat. Ich exemplifiziere zunächst auf die leitenden Persönlichkeiten des tzilfsvereins deutscher Juden. Der unermüdlich tätige Dr. Paul N a t h a u hatte sich vor Jahresfrist, unter allerlei Vorbehalten noch, für bas Programm Zangwills erklärt, aber noch nach den Oktobermassakrcs ausdrücklich sich zu der Auffassung bekannt, daß die russische Judenfrage nur in Rußland selbst ihre Lösung finden müsse. Inzwischen ist diese große und kraftvolle Organisation mit fliegenden Fahnen in das Lager der Jto übergegangcn; das erhellt deutlich aus einem uns zur Verfügung gestellten Antwortschreiben, das Herr James Simon ans private Anfrage postwendend ergehen ließ. Es heißt da, „daß der Hilssvcrcin der deutschen Juden mit den anderen Organisationen zur Zeit ernsthaft damit beschäftigt ist, die Frage von Massenverpflanzungeu russischer Glaubensgenossen in geeignete Länder zu studieren. Es sind uns bereits Kapitalien zugcsagt worden für de» Fall, daß wir plausible Pläne vorlegen können. Sie dürfen also überzeugt sein, daß in der Bearbeitung dieser uns allen am Herzen liegenden Frage weder Zeit noch Mühe gespart wird." Noch interessanter ist ein völliger Umschwung in der Haltung der Jca. Mau erinnert sich Wohl, daß Herzl beim ersten Auftauchen des Uganda- Projektes vergeblich bei den Verwaltern der Baron Hirsch-Stiftung um gemeinsame Ausrüstung einer Forschungsexpcdition anklopfte. Es wurde ihm bedeutet, daß man sich erst darüber verständigen könne. *) Da wir nicht ans dem Standpunkte stehen, Ansichten, die sich nicht mit den unsrigen decken, totznschweigen — besonders, wenn es sich mehr oder minder um Tatsachen handelt — so gewähren wir den nachstehenden Ausführungen des sehr geschätzten Herrn Dr. Jeremias gern Raum. Die Redakt. wenn die — von der englischen Regierung glatt zugestanbene — politische Autonv m i e aus dem Projekt ausgeschieden, dieses also auf die Basis der reinen Philanthropie gestellt würde. Man denke: der vortreffliche ideelle Bestandteil des englischen Angebots, das von einer christlichen Großmacht großmütig offerierte politische Privileg für eine Judenansiedlung wurde von der größten jüdischen Wohlfahrtsgesellschaft perhorreszicrt. Jetzt ist die Jca selbst dabei, für ein größeres Terrain in Argentinien sich die Autonomie zu sichern und sie versuchsweise den neuen Ansiedlern zu gewähren. Darüber hinaus aber ist die Jca nunmehr im Prinzip bereit, wie das Organ der englischen Jto wiederholt berichtete, Zangwill in der Ausführung seiner Pläne zu fördern. Aehnliche Wandlungen wie bei diesen bedeutenden Gesellschaften hat der politisch-territorialistische Gedanke nun auch bei führenden Persönlichkeiten der Judenheit hervorgebracht. Lord R o t h s ch i l d hatte am Ende vorigen Jahres den Mut, in Gemeinschaft mit mehreren Häuptern des englischen Judentums ein Pamphlet gegen Zionisnms und Territorialismus in die Welt zu setzen; es schloß mit der Feststellung, daß nach wie vor in der Wohltätigkeit allein die Heilung der schweren Schäden gesucht werden müsie. Nun hat sich auch dieser „Fürst 'des Golus" für die Jto erklärt. Noch interessanter ist die Mauserung von Lucien Wolf, der der höchsten Geistesaristokratie der englischen Judenheit 'angehört. Bis vor einigen Jahren ein Assimilant ersten Ranges, war er einer der erbittertsten Vorkämpfer gegen den Zionismus 'und befehdete ingrimmig auch den Ugandaplan, dem er die urkomische Idee jüdischer Großkolouisation in Rußland cntgcgeiisteltte. Als es Zangwill dann gelang, den bisherigen Antipoden für die Jto zu gewinnen, verband Wolf mit derartigen Plänen immer noch die Vorstellung, daß sie vor allem darauf abzielen müßten, russische Inden in einer englischen Kolonie zu „guten Engländern" zu assimilieren. Heute ist Lucien Wolf Leiter des hervorragenden englischen Jto-Organs „Jewish-World", das auf jeder Seite modernes Judentum atmet und seit kurzer Zeit regelmäßig eine Jargonbeilage bringt, mit Beiträgen von Sokolow, Frischman», Asch, Pcrcz und durchaus national-jüdisch gefärbt, lind der alte Zionistcntöter erklärt heute freimütig, daß er, wenn auch immer noch nicht Nationalist, 'bereit sei, den Zionismus zu unterstützen, sobald er Palästina als autonomes Territorium darbrächte! So hat der Territorialismus die führenden Kreise der Judenheit dem Gedankeninhalt des nationalen I n d e n t u m s immer näher gebracht und sic zugleich für eine Lösung der wichtigsten Gegcnwartsaufgabe gewonnen, die von vornherein nicht nur philanthropisch, sondern auch politisch ist und die am letzten Ende nolens volens der nationalen Kultur dienen muß: Konzentration der jüdischen M a s s e n a u s w a u d e r u n g unter den Bedingungen der politischen Freiheit und S c l b st v e r w a l t u n g. Auch die Z i o n i st e n, die in dem Moinungswirrwarr sich soviel Klarheit bewahrten, um vorurteilslos die Entwicklung der Dinge um sich herum zu beobachten, müssen mehr und mehr zur Einsicht kommen, daß der Fortschritt des Territorialgcdankens ihnen und ihren Idealen nur förderlich, der aussichtslose Kampf dagegen ausschließlich für den Zionismus nachteilig sein kann. Während auf dem siebenten Kongreß die Ugandisten verhöhnt wurden und selbst noch nicht den Mut hatten, sich zum Territorialismus saus Phrase, zur „Landsuche" zu bekenne», stehen heute im Vordergrund der Jto-Arbeit die besten der zionistischen Köpfe — ich nenne nur Zangwill, M a n d elsta in m, Jasinowski, S u l z b e r g e r, K l e e, S i m o n s o h n — und jeder Tag bringt denen, die für die Jto tätig sind, neue Künde von Zionisten, die sich zum Territorialismus durchgerungen haben. So darf 'mau denn ohne Ucbertreibuug behaupten, daß die jüdisch-territorialistische Bewegmig im besten Zuge ist, alle lebendigen Kräfte der Judenheit zu einhelligem Wirken ins Große znsammenzuschließen. Dr. Karl Jeremias. Die Woche. Eine erschreckende Abnahme der Geburten bei d e n I u d e n zeigt die Statistik für Preußen. Im Jahre 1880 kamen auf 1000 Lebende bei den Juden. 31,0 Geburten gegen 38,86 bei den Christen; 1895 ipar die Ziffer bereits auf 21,36 gennken und erreichte 1901 18,71, während die Ziffer bei den Christen sich auf 36,89 hielt. Diese Zahlen sprechen eine ° deutlichere und wahrere Sprache, als Bände moderner jüdischer Zeitgeschichte reden können. Ein Stück äußerer und innerer Entwickelung zeichnen sie in festen Linien pnd scharfen Umrissen, zeigen, wie die wirtschaftlich-soziale Entwicklung und die Gesetzgebung der letzten Jahrzehnte grade die Berufe am schwersten geschädigt hat, denen vornehmlich die Juden ai.igchörcn, zeigen aber auch, daß die Inden in ihrem inneren, jüdischen Halt so zurückgegangen sind, daß sie den äußeren Einwirkungen nichts entgegenzusetzen vermögen. Waren wir Juden doch in den meisten Zeiten unserer Goluswauderung wirtschaftlich und sozial geknebelt, und dennoch vermehrten wir uns so stark, daß alle Ausrottungssystemc unserer Feinde wirkungslos an uns abprallten! Und auch heute noch sehen wir bei unfern östlichen Brüdern dieses Bild der Fruchtbarkeit und Vermehrung trotz der denkbar traurigsten Lebens- Verhältnisse, weil eben noch jüdisches Gesetz und jüdische Sitte in ihnen pulsiert. Die Religion, die sich — wie so oft mit spöttischem Lächeln gesagt wird — um das Kleinste kümmert, die selbst vorschreibt, was man nicht essen darf, die mit rigorosen Keuschheitsgesetzen selbst das Intimste nicht verschont, diese Religion war stets das Bollwerk gegen alle Stürme von aikßen, und dort, wo dieses Bollwerk nicht mehr vorhanden ist, da hat die Zerstörung freie Arbeit. * * * Wir haben iu der vorigen Nummer bereits aiisgeführt, welchen Wert die stolypinsche Gewogenheit unfern russischen Brüdern gegenüber haben kann. Jedoch wollen wir in Anbetracht der eben bekauntgeivordeiien Gesetze sogenannter Jndencrlcichteruug nochmals auf dieses Thema znrückkommeu. Was sagt das. humane stolypinsche Gesetz? Den Juden soll das Recht gewährt werden, sich dauernd im „Ghetto", sprich Äusiedlungsrayon, auszuhalten, auch in D örfern, aus denen sie auf Grund Jgnatowscher Ausnahmegesetze in den 80er Jahren willkürlich vertrieben tvurden, dürfen sie fortan wohnen. Dort, fm Rayon, sollen sic nunmehr vollständige bürgerliche Gleichberechtigung, mit Ausnahme des Rechtes von den Bauern Land zu kaufen oder zu pachten, genießen. So die stolypinsche Sprache! — Will man aber das schöne liberale Gesetz dem Sinn und der Bedeutung nach verstanden wissen, so muß es folgendermaßen lauten: Den Juden sei üs gestattet, sich dauernd im Ghetto — in den Städten wie Dörfern — totschlagen zu lassen, sie genießen fortan vollständige bürgerliche Rechte mit Ausnahme des Rechtes zu leben. Und doch behauptet das hellseheudc Europa, daß Rußland sich nunmehr in die konstitutionellen Staaten eingereiht hat! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin, 20. Oktober. Graf Pückler-Klein- T s ch i r n e wurde heute von der Berliner Strafkammer lvegcn Aufreizung zuGewalttätigkeiten iu sechs Fällen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil führt aus: Der Gerichtshof ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß iu sechs F-ällcn, teils in Flugblättern, teils in Reden des Angeklagten Grafen Pücklcr zu strafbaren Handlungen wie Körperverletzung, Mord, Totschlag und Sachbeschädigung aufgefordert worden ist und auch' Aufreizungen verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten vorhanden sind. Da die Reden öffentlich gehalten sind, so ist das Requisit der.Oesfentlichkeit auch gegeben. Der Gerichtshof nimmt auch an, daß der Angeklagte das Bewußtsein gehabt hat, daß durch Verbreitung der Flugblätter der Wille hervorgeruseu werden sollte, unter Umständen die. von. ihm empfohlene» strafbaren Handlungen zu begehen. Auch eine Verletzung des ß 130 R.-St.-G.-B. liegt vor, denn die Aufforderungen zu strafbaren Handlungen stellen auch zugleich Aufreizungen zu Ge-