Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrartkfrtrter Sfrnrlitifriirs familirnlilntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— Me-aKtion und Frankfurt ä. ITC., Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße VtZtfon 10507. Kekausgever: Kals cheis. . "'1 Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. . . . . WPsg. Die Rellamezeile.. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - ■ , - _ Freitag, de« 7. vüesokvsii 5667 (26. Oktober 1S66). Mo. 41 4. Jahrgang. . Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Pogromphilosophie von Maxime Le Maitre-Frankfurt — Moralische Erfolge der Jto, Dr. Karl Jerem'as. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von Bi Pulvermann. — Ein Kuß — W o ch e n - K a l e n d e r. — F a m i l i e n - Nachrichten. — Bar mizw oh s. — Vereins- Kalen d e r. Pogromphilosophie. Von Maxime Le M a i t r e - Franlfurt. (Schluß). Ich schwöre nicht auf Schopenhauer, bin nicht farbenblind und kann. Nacht von Tag genau unterscheiden. Weil ich aber kein patentierter Schwarzseher bin, muß mir noch nicht alles, was glänzt, als Gold erscheinen. Nur unverdaute Brocken aus „Die Welt als Wille und Vorstellung" könnten in mir die Idee auskommen lassen, daß nur das Volk uns „verkischenewe", daß das Volk aus purer Bestiengier Pogrome mache. Da uns alle Völker zuweilen mit Pogromen traktieren, diese Völker aber die Menschheit ansmachen, so müßte ich mich notwendigerinaßen zu der - wahnwitzigen Idee versteigen, die ganze Menschheit bestehe nur aus Hoolyganen. Dem widerspricht aber mein ästhetischer Optimismus. Und doch, der tiefeingewurzeltc Haß der christlichen Völker gegen das jüdische Volk, der bei jedem in Pogromen sich Luft machen kann, kann mir doch oft die ganze zivilisierte Christenheit als Hoolyganenhorde erscheinen lassen. Diese cinreißende Störung in die Harmonie meines Denkens hat mich auf viele gekrümmte Wege geführt, bis ich mich auf mein Judentum besann und ich fand einen Ausweg. . . Wir wissen, wer Pogrome macht.- Ein Jünger Schopenhauers wird sich mit dieser Tatsache zufrieden geben. Er wird sagen: von dem Menschen bis zur Bestie ist nur ein Schritt. Indessen, mit dieser düstern An- und Aussicht kommen wir um unsere Zukunft, wir tun dem Morgen und dem Erhaltungstrieb Gewalt an. — Wir müssen wissen, warum man Pogronie macht. Also warum? Etlvä, weil sie Christen sind? . Nur Wahnsinnige und Verbrecher werfen Gift und Speise in einen Topf. Doch sind es Christen, die Pogrome machen. Warunr machen sie 'diese? Nicht weil sie Christen sind. Das Christentum verbietet 'Menschenmord, und die Kirche hat es einst nur als Mittel zu dem Zweck erlaubt. . . uns in das Reich der Ewigkeit und Seligkeit zu bringen... Viele Christen fühlen sogar den Pogrom stark auf ihrem Gewissen und wollen als Christen ein reines Gewissen haben. Aber wie wäscht man diesen Fleck des Gewissens, rein? Wißt Ihr, was ein Blutmärchen ist? Eine reuige Regung des Gewissens. . Eine Art Entschuldigung, Rechtfertigung des Pogroms. „Sie klagen, daß man ihnen nahe tritt, warum töten sie unsere Kinder, warum vergiften sie unsere Brunnen, warum zerstören sie unseren Staat?" Die zehnjährige Dreyfüß-Episodc war der Pogrom, Panama war das Blutmärchen. Die Juden sind Betrüger, Ausbeuter, vatcrlandslosc Gesellen, denn „Panama" — also ist Dreyfuß schuldig, ein Verräter, und alle Juden mit ihm. Also doch, ivaruni dieses öftere, allznofte Aufflackern des Judenhasses, dieses Bestienbrnmmen? Nicht allein, weil sie Christen sind, sondern weil wir Juden sind, weil Juden noch d a sind, weil Juden noch etwas sind. Und, lveil wir noch vor der Hand „vaterlandslose" Gesellen sind. Weil wir Juden sind. Unser Vorhandensein, unser No ch - Vorhandensein als Juden ist eine Dementie der Heilslehre. Wer enttäuscht ist, der ist ärgerlich. Vom Aerger bis zur Wut ist noch weniger als ein Schritt. Soweit können auch „offizielle" Christen und christliche Ignoranten Pogrome machen. — Und dann machen sie Pogrome, weil sie keine Christen sind. , Das wissen wir schon seit vierzehn Jahrhunderten. Gregor de Tours berichtet: Als man zum Frankenkönig Chlodlvig kam und ihm von ihrem Erlöser erzählte, der für der Menschheit Sünde am Kreuz gestorben, da gab er zur Antwort: Wäre ich mit meinen tapferen Frauken da — ich hätte sic in ihrem Blute ertränkt. — Sie haben ein Erbe angetreten, das sie nicht verwalten können. Von dem ganzen Erbgut ist ihnen nur das Testaments-Formular übrig geblieben. Aus der Heilslehre sind eine Inquisition, Scheiterhaufen, Folter, Wcltmonarchie und andere Institutionen geworden, alles Institutionen, die ebensogut caldschnkisch sein könnten, wie sie später „christlich" waren. Und der Aerger darüber, dem der Judenhaß entspringt. Jacob Wassermann hat dieser psychologischen Wendung der Dinge einen Roman gewidmet: Die Juden von Zirndorf. Dann der Neid. Wie sagte jüngst der große Herrmann Cohen: „Neid ist der Urquell des Judenhasses. Man-beneidet unsere Ethik, unsere Lehre und ihren Fortbestand" —-— Und dann, weil wir etwas sind. Wären wir Koreaner, Einfaltspinsel, Naturen aus Schwamm und Tau, ohne Kraft, ohne Zähigkeit, dann — wären Blutmärchen und Pogrome überflüssig. Die Juden hätten vielleicht, wie einst die Schweizer, den Kontingent für Offizier- und Stallbnrschen gestellt. Ein Stallbnrsche ist in der Regel eine wenig gefürchtete Person. Gegen schweizerische Stallburschen hat noch niemand Pogrome gemacht. Aber uns ist es verboten, Knechte zu sein. Wir haben Ansprüche auf Herrenrechte, und an Kraft würde es uns auch nicht fehlen, denn der beste Beweis — es ist ihnen trotz aller Pogronie nicht gelungen, in uns den letzten Funken der Herrcnseele zu töten. Im kritischen Moment taucht immer der starke Mahner auf. Der jüngste war der große Theodor —. - Wir sind etwas: wir bilden eine kleine Insel im Meer des Lebens. Eine selbständige Kultur, eigenartiges Denken und Empfinden, ein großes ererbtes Gut. Traditionen, hereditäre Kulknrnuancen. Kurzum, eine besondere Welt, eine andere Welt. Nun, diese Welt muß vernichtet werden, denn sie glauben die Stärkeren zu sein, sind es auch dem Stoffe nach. Sic sehen in unserer Existenz das alte Naturgesetz von der absolicten Macht des Stärkeren verletzt. Aber die wirtlichen Machtmittel, um zu überwinden, fehlen^ ihnen. Hier noch einige kleine Akkorde in der Symphonie des Judenhasses. Wir dürfen nicht existieren. M o m s e n hat es deutlich ausgesprochen, *) Schopenhauer hat es ausgesprochen, H a r t m a n n wiederholt, und philosophische Dunkelmänner wie Dühring, C h a m b e r l a i n und Konsorten haben sich darüber die Galle ausgeschrien. Manche aber überschätzen unsere Macht, fürchten uns und 'treffen Maßnahmen zur Vorbeugung der Gefahr. Schon Pharao, der erste Hoolyganhäuptling, gab seine Furcht vor uns kund. — Er traf daher Maßnahmen. — — Und so ging es weiter bis auf den heutigen Tag. Die Römer haben aus Furcht „Maßnahmen" getroffen, desgleichen Torquamado und heute Stolypin. — Weil wir nicht Sklaven fein wollen oder können, müssen wir gefährliche Individuen, Verräter sein. Und nun beginnt das Blutmärchen und später der Pogrom. Nicolaus I. versuchte es, die Juden gewaltsamer Weise auf das Niveau des Iwan Wodka, des ' blöden Sklaven herabzudrücken, es ging nicht, weil Chatzkel kulturell Iwan überlegen ist, Alexander II. versuchte dasselbe in etwas milderer Art. Vergebens. Alexander III. bekam schon Furcht, er überschätzte unsere Kraft und traf „Maßnahmen" zur Vorbeugung der Gefahr. Das Blutmärchen setzte an, ihm folgte der Pogrom. Und dann noch eine Linie. Ten „Maßnahinen" folgte die Reaktion. Die weise Regierung hat durch ihre „Maßnahmen" die jüdische Jugend revolutioniert. Die „Maßnahmen" haben die Revolution beschleunigt. Sie haben die jüdische Jugend Rußlands in die Reihen der Freiheitskämpfer gestoßen. Die jüdische Jugend ist der russischen Regierung gefährlich geworden. Und da traf die Regierung wieder „Maßnahmen". Ter Charakter des russischen Volkes hat diesen „Maßnahmen" eine eigenartige Prägung gegeben.... Man „verkischenewt" uns, uns als Volk, als jüdisches Volk, jedes Volk in seiner Art, weil wir Juden sind. Der Pogrom ist der Ausdruck des Kampfes „zweier Seelen in einer *) Th. Momsen: Auch ein Wort zur Judenftage.