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Neue jüdische Presse · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 40. bringt. Klugerweise, denn es war schon fast, vergessen, so wenig hat er gefruchtet. . Was soll nun also geschehen, wenn die deutschen Rabbinatskandidaten das Bedürfnis der Gemeinden nicht befriedigen? Ausländische Herren kann Dr. Vogelstein ja nicht empfehlen, weil sie das Eduard, von Hartmann'sche. des Nationalgefühls doch nie erfüllen können! Traurig, sehr traurig! Zum Schlüsse seines Aufsatzes leistet sich Dr. Vogelstein dann noch ein wahres Turnerstückchen in der Dialektik. Er verspricht nämlich, die Kolonisation Palästinas zu unterstützen (immerhin ein Fortschritt gegen früher!) und erklärt, es werde ihn dabei nicht stören, daß wir den Kolonisationsbestrebungen feindlich gegenüberständen. Wirklich, das behauptet er mit schöner Gelassenheit. Natürlich ist der Passus nur dazu da, um uns im Gegensatz. zu den zärtlich um die „Glaubensgenossen" besorgten 'Liberalen als kaltherzige Prinzipienreiter erscheinen zu lassen, die um einer Utopie willen die Brüder in der Not verlassen. Wirklich hübsch, das muß man sagen! Wir wollen ihm glauben, daß er nicht verstanden hat, weshalb wir als Organisation die systematische Kleinkolonisation ablehnen. Dazu gehört schon etwas eingehendere Kenntnis der Dinge. Aber natürlich weiß Herr Dr. Vogelstein ganz, genau, daß der einzige große Kolonisationsverein, den er unterstützen kann, der Esra, von Nationaljudcn gegründet, wurde. Er muß wissen, daß in ihm zahlreiche Zionisten sind, daß selbst der stellvertretende , Vorsitzende . unseres Aktionskomitees seinem' Zentralvorstand angehört. Das muß er wissen' und wenn er's nicht weiß, so sind seine Behauptungen grob fahrlässig. Alles hat seine Grenzen und ein Mann, der Rabbiner ist, muß sich informieren, ehe er uns, die wir den ganzen Inhalt eines Menschenlebens an die ■ Rettung unseres Volkes setzen, derartig beschuldigt. Wir werden nach wie vor unsere Pflicht tun, agitieren, aufklären, die Faulen aufrütteln. Und der Erfolg wird nicht - ausbleiben, so wahr jede gute Sache sich endlich durchsetzt. Und die Herren ikm Herrn Dr. Vogelstein werden einst niit Bedauern konstatieren, daß sie ihre Zeit und deren Bedürfnisse absolut nicht verstanden haben. Ben Aaron. Brief aus Frankreich. Unsere französischen Stammes- und Glaubensgenossen sind um das Los unseres unglücklichen Volkes stark besorgt. Die Lage der russischen Juden bereitet ihnen viele Sorgen und Kummer. Denn wohlgemerkt, die russischen Juden sind noch „altmodisch", noch so wenig „zivilisiert" — und da muß etwas geschehen. Und unsere französischen Brüder sind keine obskuren Partikularisten, Krämerseelen. Sie tun nichts, ohne an das Allgemeine zu denken. Dieser großmütige Humanismus kommt jetzt in einem reformatorischen Unternehmen zum Ausdruck, das „eine welthistorische Bedeutung" hat. In Paris leben etwa 20000 französische und 50000 östliche Inden. Die französischen'Juden verfügen über zwei Synagogen größeren Stils, die selten zehn Juden in ihren Mauern beherbergen. Denn die französischen Juden, lieben den Salon oder das Billard oder das Cafehäus, je nach der Stimmung. Und für die Aufgeklärten ist die Synagoge, was für den französischen Freimaurer die Kirchenmesse ist. — -r-. Russische oder galizische Juden stimmen 'kaum zu den französischen Glaubensgenossen, denn keiner will als Mensch zweiter Klasse angesehen werden. Dann zahlt die russisch-jüdische Kolonie in Paris zwölf eigene Synagogen, die.— nebenbei bemerkt — immer von den Alten besucht werden. Und so kommt es, daß die französischen Synagogen sogar an Samstagen vereinsamt sind. — Aber unsere Führer sind stark darum besorgt. Und nun kamen sie ans einen ingenieusen Einfall. Da sie als. moderne Menschen Frauenrechtler sind und in den Synagogen, nie ein Minjan aufzutreiben ist, so erwägen siL .j^t die Frage, ob es nicht im Jn- Frankfurker JsraelBsches FckmilkenölM. teresse des. Judentums und der Menschheit liegt, die Frauen in volle „Männerrechte" einznsetzcn und sie gleich den rabiaten Männern zu Minjan zu zählen. Wie mir nämlich von glaubwürdiger Seite mitgeteilt wird, ist jetzt der jüdische Gemeinderat der Lichtstadt daran, seinen geistreichen Vorschlag, der von Madame Brandon und Monsieur Reinach unterstützt wird, anzunehmen. Als man jüngst in Bielostock bei Hellem Sonnenschein Juden mordete, da waren unsere Stammesgenossen in der französischen Kammer stumm, als ginge sie die Sache gar nichts an. Wo es sich aber um Reformen zum „Wähle des Judentums" (?) handelt, da bekunden sie reges Interesse und wissen immer etwas Neues zu sagen. Denn das „Minjanrecht" für Frauen ist etwas Neues, wenn es auch von so viel Degeneration und Verwüstung spricht. Wenn die Frauen „Minjanrecht" besitzen, warum ihnen das Recht Schornsteinfeger und Lokomotivführer zu sein, rauben? Eines muß dem anderen folgen. Dadurch entsteht eine Umwälzung in der Menschheitsgeschichte. Es handelt sich nun vorerst darum, ob. diese Umwälzung erwünscht ist? Nicht, daß wir etwa Frauenfeinde sind; oder, daß wir die Leistungen der Frau auf dem Gebiete der ganzen Menschheitskultur unterschätzen. — Ob nicht die Frau Rat und die Mutter des großen Johann Wolfgang dasselbe Verdienst hat, wie ihr genialer Sohn, ist eine diskutable 'Frage. Und so einen Dante oder Beethoven zu ' erziehen, dürfte auch keine geringe Leistung sein. Und doch haben die großen Frauen das Recht, Schornsteinfegerinnen zu sein, entbehren müssen. Weil die Sonne kein blöder Eisllunlpen ist, sondern ein glühender Strahlenkamm, heißt es etwa, daß sie des kalten Elements entbehrt? Und ist Goethe zu bedauern, weil er kein Philister war. weil er sich des „Philisterrechts" nicht erfreute?. Aber nicht darauf kommt es unseren liebreichen und herzarmen Brüdern an. Nicht die „Rechtlosigkeit" der Frau hat ihnen ihren Schlaf geraubt, aber, daß die Synagoge nickt so wie die Kirche aussieht, ließ sie nicht in Ruhe. Orael und Frauenchor und christliche Komvositoren jüdischer Gebete — das ist noch wenig. Die Synagoge muß eine jüdische Kirche werden. Koste es was es koste. Selbst vor dem Anheimfallen der allgemeinen Lächerlichkeit schrecken sie nicht zurück. Die synagogale Reform gehört heute der Geschichte an. Der Kampf, Assimilation oder nationale Treue, wird heute auf einem ganz anderen Boden ausgetragen, auf dem Boden der Volkspolitik. Die Woche. Herr Stolypin, der Erfinder der Feldgerichte gegen unbequeme politische Gegner, 'hat wiederum liberale Anfälle bekommen. Er läßt der Welt durch sein Sprachrohr, die Petersburger Telearaphen-Agentnr, verkünden, dag er den liberalen Kollegen Kokowzew beauftragt habe, die umfangreichen Akten in Sachen der Jndenfrage, die sich seit Katherina a»rgehäuft haben, schleuninst zu revidieren. Der ..liberale" Premier soll nämlich de» festen Entschluß gefaßt haben, den Juden die bürgerlichen Rechte zu verleiben, und da de» Juden, wie bekannt, die politische» Rechte ^ereits verliehen wurden, noch bevor sie die bürgerlichen besaßen, so befinden sie sich in der glücklichen Lage, in Bälde die vollen büraerlichen und politischen Rechte zu besitzen. Die vollen bürgerlichen und volitischen Rechte, und von den Händen des Oberhooligans Stolypin — ist es nicht schön, ja zu schön? Allein ein Geheimschreiben des Finanzministers Kokowzew an Stolypin, das Rußland am Rande des Bankerotts zeigt, erllärt die sich plötzlich eingestellte St'olypinische Judenliebe. Pogrome kosten Geld, und Feldgerichte sind auch nicht ohne Geld zu bewerkstelligen, und es muß auch gestohlen werden kölinen, denn sonst versagt die flamme Bureaukratie den treuen Dienst und der Hooliganen-Schcik bleibt ohne Gefolgschaft ... Also Geld und abermals Geld, und der Sack ist leer, völlig leer. — Es muß also ein neuer Pump gemacht werden, und da die jüdischen Finanziers Westeuropas möglicher Weise dem hinderlich sein, könnten, so inuß in das H'orn der Juüenfreunblichkeit geblasen werden, damit Kollege Witte seine Mission in Westeuropa ausführt. Und der liberale Vorgänger Goremykins wandert von Stadt zu Stadt. Man sagt, er soll sich auch in unserer Stadt um den Pump bemüht haben und nicht ganz ohne Erfolg — allein wir messen diesem Gerücht keine Bedeutung bei. Frankfurts Demokra« t i s m n s ist nicht gestorben, und es werden sich wohl bei u n s schwerlich Leute finden, die es wagen werden. der mörderischen Hooliganen-Regierung unter den Arm zu greifen. Und doch müssen wir wiederholen, was wir bereits in unserer vorigen Nummer gesagt habe», es muß schleunigst ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Westeuropas einberufen werden, damit beraten wird, wie den russischen Brüdern zu helfen sei. Ei" w-,lerer Schritt auf diesem Wege ist aeschehen. Diwiener Kultusgemeinde hat sich mit diesem Vorschle-e b-'aßt und einen Dringlichkeitsantrag Steiner und Genossen angenommen. Der Antrag lautet: „Seit wir zuletzt hier versammelt war-n, sind Hunderte unserer Glaubensgenossen hingeme^elt, tausende von Familien ins Elend gestürzt ‘"nr^eit und es hat nicht den Anschein, als ob die alle Schrecken des Mittelalters übertreffendcn Katastrophen ihr Ende gefunden hätten. Demgegenüber ruhig an die Beratung unserer Gemeindenangelegenheiten zu gehen, halten wir für unzulässig. Selbst der Wurm, der getreten wird, krümmt sich und wir sollen schweigend und regungslos verharren? Es müsse doch mindestens noch einmal versucht werden, einen Zusammenschluß der jüdischen Großgemeinden — sei cs Oesterreichs, sei es Europas — zustande zu bringen, um die Regierungen zu irgend einer Intervention zugunsten' der russischen Juden zu bewegen. Die Schmach dürfen wir nicht über uns ergehen Taffen, baf; wir passiv Acibcn, wenn der Vernichtungskrieg im Osten fort» dauert. Sohin beantragen wir: Es werde ein fünfgliedriger Ausschuß eingesetzt, welcher über eine Stellungnahme in Sacken der russischen Juden beraten und diesbezügliche Anträge stellen soll." Die Wiener Kultusgemeinde hat darauf ein Komitee, bestehend aus den Herren Dr. Marim Steiner, Banrat Marmorek, kais. Rat Leovold Sachs, Dr. M. Sv'tzer und Baurat W. Stiannv eingesetzt, Ws lick mit di->"ns Vorschläge zu bcsaiien hat. Es wäre Vllickt aller anderen Kultnsvorständc. diesem Schritte zu folgen. * * * Der Wunderrahhi von Sadagora ist den Weg aller Sterblichen gegangen. — lieber die Tätigkeit: und Wirkung der chassibifchen Wnnderrabhis ist des öftern der Stab gebrochen worden, besonders von denjenigen, die bas geiüige Niveau der Ekassidim kennen und es als Folge des Verhältnisses zwischen Rabbi und Voll und der Rabbis gewaltiaer unbeschränkter Macht über die 'Gläubigen zurüikgeführt wissen wollen. Und doch können 'wir uns bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge, bei der großen Unwissenheit, die im chassibifchen Lager herrscht, den Ehassidismus ohne den Rabbi nicht gut denken. Ist doch der Rabbi in ihrer traurigen Lage tiefen materiellen, wie auch geistigen Elends der einzige Lichtstrahl, fa die Sonne ihres Daseins: Der Rabbi ist'nicht nur der Berater in geistigen Angelegenheiten, sondern auch in materiellen, geschäftlichen Dingen, er ist 'das Erhaltende, der Geist, die Freude, die Zuversicht, kurz all das Schöne» Gute und Erhebende in diesem trüben Leben! Gewiß ist ein gut Teil des Tiefstandes und Elends der Chassidim auf Konto dieser fast pävstlichen „Autoritäten" zu sehen, allein die Zeit iknd die Lebensverhältnisse werden früher oder später Wandelung auch im chassidischen Lager bringen. Bis dahin muß man sich mit dem hier angedeuteten guten Seiten der Tätigkeit der Rabbis zufrieden geben. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. DerZentralderein israelitischer Gemeindemitglieder undder Rosin'sche Gesetzentwurf. Der Zentralverein israel. Gemeindemitglieder in Frankfurt a. 3Jf. hatte e§ für seine Pflicht gehalten, 'zu dem vielgenannten Gesetzesentwurf von Professor, Rosin Stellung zu nehmen. Er hatte daher gleich im Sommer

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