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Neue jüdische Presse · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. „Der Zionismus, eine Gefahr für oie gedeihliche Entwicklung des Judentums 'S" Der Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin veröffentlicht in den Mitteilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin einen Aufsatz „Der Zionismus, eine Gefahr für die gedeihliche Entwicklung des Judentums." An sich ist der Artikel nicht besser und nicht schlechter als vieles andere, was in dem genannten Blättchen unter Ausschluß der Oefsentlichkeit erscheint. Wenn wir uns trotzdem mit der Arbeit beschäftigen, so geschieht das nicht wegen chrer Gedanken, sondern einmal wegen der Person des Verfassers, der einer der geistigen Väter des bekannten Rabbinerprotests ist, dann, weil viele der vorgebrachten Vorwürfe und Verdächtigungen typisch sind für die Art des Kampfes gegen den jüdischen Befreiungsgedanken. Herr Vogelstein ist einer der um den deutschen Zionismus verdientesten Männer, er hat ihn eigentlich aus dem Gewissen. Erst wenige Jahre ist cs her, da versuchte er in einer Versammlung des liberalen Wahlvereins bei „Arnim" den Zionismus zu töten, erregte aber durch die Weigerung, Diskussion des Themas zu gestatten, dermaßen den Unwillen der Versammlung, daß der Vortrag nur unter heftigen Störungen zu Ende geführt werden konnte. Diese Versammlung gab den Zionisten zuerst Anlaß, nun ihrerseits behuss richtiger Darstellung der Zwecke und Ziele ihres Wirkens an die Oefsentlichkeit zu gehen, und der Erfolg dieser ersten Versammlung hat ihr ganzes späteres Verhalten in Deutschland bestimmt. Er war maßgebend für die Form der begonnenen Agitation. Nun fügt Dr. Vogelstein seinem unfreiwilligen Verdienst um unsere gute Sache ein weiteres hinzu: er stellt alle falschen Gedanken über und übersichtlich zusammen und ermöglicht uns so deren Bekänipsung. Herr Vogelstein behauptet, wir betrachteten Palästina als das zukünftige jüdische Vaterland, ist also offenbar noch immer der Meinung, daß wir alle deutschen Juden — die Protestrabbincr ausgenommen — auf Schiffe verladen und in Palästina als Bauern änsiedeln wollen. Eigentlich muß jemand, 1>er anderen eine solche Naivetät zutraut, selbst sehr harmlos sein. In Wirklichkeit hat der Zionismus eine solche Forderung niemals aufgestellt, er hat nur eine öffentlichrechllich gesicherte Heimstätte, das heißt eine autonome Verwaltung, wie sie viele türkische Landestelle haben, für diejenigen verlangt, die sich in ihren Heimatländern nicht assimilieren können oder wollen. Wer sich also in Deutschland wohl und behaglich fühlt, wird keineswegs zur Auswanderung veranlaßt, vielmehr wird ihm sogar die Existenz durch den Abfluß der vielen Auswandernden erleichtert und so seine Posllion gestärkt. Einen selbständigen Staat haben wir nie gefordert. Was sich aus der systematischen Kolonisation, in der eigenllich unser Programm gipfelt, einmal später entwickelt, das ist eine historische Frage. Wenn man ein Haus baut, beginnt man mit den Fundamenten, nicht mit dem Dach. An seine falsche Auffassung von unseren Zielen knüpft nun der geistige Leiter Stettins ein lleines Denunziatiönchen, das sich würdig der Forderung seines Gesinnungsgenossen Geiger, uns die Staatsbürgerrechte zu entziehen, an die Seite stellt. Er bespricht nämlich zionistische Huldigungstelegramme an den Kaiser und die bekannten Dankdepeschen desselben und meint: diese stets sich wiederholenden Kundgebungen „entspringen doch wohl denk dunkeln Gefühl, daß national-jüdisch und vaterländisch-deutsch nur künstlich in Uebereinstimmung zu bringende Begriffe seien." Erstaunlich, wirllich! Wir .beteuern also unsere gute Gesinnung, well wir ein schlechtes Gewissen haben. So etwas sollte ein „Seelsorger" seinen Mitmenschen doch nicht beweislos unterschieben. Wären loir Wilden nicht bessere Menschen, so würden wir fragen, weshalb denn Dr. Vogelstein in demselben Aufsatz, gleich Franffurter JsraÄitisHes Familpenblatt. hinter der gegen uns gerichteten Denunziation, so eifrig sein und seiner Freunde' deutsche Gesinnungstüchtigkeit preist? Aber wir wollen nicht gleiches mit gleichem vergelten, weil wir begreifen, daß Dr. Vogelstcin sich von seinem Standpunkt mit Recht bekümmert. Die kaiserlichen Telegramme beweisen, Ivas auch sonst bekannt ist, daß, der erste Mann im Lande uns gegenüber den gleichen Standpunkt einnimmt, wie die Großherzöge von Baden und Hessen. Wir pflegen sonst diese Dinge aus Taktgefühl nicht propagandistisch zu verwerten, Herr Vogelstein zwingt uns, darauf hinzuweisen, und da die genannten Fürsten für das, was an deutschem Patriotismus erforderlich ist, doch noch maßgebender sind, als unser Herr Gegner, so wollen wir auch nicht weiter über seine Vorwürfe in dieser Richtung uns verbreiten. Nur eins noch zum Thema! Herr Vogelstein meint, Eduard von Hartmann habe Recht gehabt mit der Behauptung, cs genüge nicht Heimatsgefühl, nicht abstrakter Patriotismus, man müsse Nationalgefühl haben, germanisches natürlich, um ein guter Deutscher zu sein. Dieser Satz ist uns befremdlich gewesen. Denn der deutschen Nation kann man ja nur durch Abstammung angehören, das sagt schon das Wort „nativ", das von nasci, geboren werden, hcrkommt. Und in diesem Sinne gebraucht es auch >iets Eduard von Hartmann als Gesamtheit der arischen Deutschen. Wie kann da nun Herr Vogelstein jemals ein guter Deutscher sein, wie kann er das von ihm ausgestellte Postulat erfüllen? Wenn so schon die Gründe, die gegen unser Programm ins Feld geführt werden, in nichts zerfließen, so ist die Art, unsere praktische Tätigkeit zu verdächtigen, recht häßlich. In Hannover hat nämlich ein Delegierter einen Antrag gestellt, „eine jüdische-nationale Organisation" in Deutschland zu gründen. Dieser Antrag fiel debattelos unter den Tisch und wurde nur deshalb nicht scharf mitgenommen, weil man dem Antragsteller, einem lieben und verdienten Gesinnungsgeiwssen, der sich einmal vergaloppiert hatte, eine Verlegenheit ersparen wollte. Der Antrag an sich wurde scherzhaft behandelt. Und Herr Vogelstein behauptet kühl, wir hätten über den . Antrag „ernstlich debattiert", knüpft daran ein endloses Gerede über unsere Schädlichkeit und behauptet, daß wir in sträflicher Weise die tatsächlichen Verhältnisse verkennen. Nein, Herr Doktor, das tun wir nicht. Sträflich aber ist es, wenn man dermaßen leichtsertig mit den Tatsachen umgeht, zumal als Rabbiner. Da sollte man seine Worte doppelt wägen. Und besonders Sie sollten das tun, der sogar in die Pläne der Vorsehung eingeweiht ist, für den also sicherlich ein besonderes noblesse oblige gilt. Man glaube nicht, daß die letztere Phrase einen persönlichen und gar boshaften Angriff enthält. Bewahre! Herr Dr. Vogelstein selbst ist es, der uns seine guten Beziehungen kund gibt. Et schreibt nämlich S. 16 wörtlich: So bedurfte es eines äußeren Mittelpunkts für das Judentum nicht mehr. „Es lag im Plane der Vorsehung, durch die Zerstreuung Israels in alle Länder die sieghafte Macht des Gottesgedankens zu offenbaren." Diesen Plan hält der Verfasser sogar für teilweise schon verwirklicht. Also unsere Zerstreuung hat den Gottesgedanken gefördert. Wahrscheinlich, als man uns 1700 Jahre lang als Gottcsmörder verbrannte, hängte und vierteilte. Wo ist der Einfluß, den wir auf die anderen Religionen ausgeübt hätten? Man gebe uns ein einziges Faktum! Haben wir Bekehrte aufzuweisen, hat ein einziges Land, durch uns belehrt, sich unserem Bekenntnis zugewandt? Die Bekehrten sind unglücklicherweise meist Juden, wenn auch deren Aufrichtigkeit starken Zweifeln unterliegt. Und die Umgebung hat wenigstens auf die „liberalen" Juden einen sehr starken Einfluß gehabt. Denn wenn man die Orgel spielt, bei den Reformierten deutsch betet (die deutschen Katholiken beten lateinisch), keine Rabbiner sondern' „Prediger" anstellt, den Text 1>es Gottesdienstes spricht statt singt, unbedeckten Hauptes sitzt,' den Schofar abschafft, choralartige Lieder singt, .so ' , Nr. 40. enthalten diese Aenderungen doch keine geistigen Reformen, sondern rein äußerliche Anpassungen an die protestantische Umgebung. Aus dem Volksempfinden entspringende Neuerungen sind es nicht. Und wie können wir heute Mission treiben? Hört man auf uns? Betrachtet man uns nicht wie Verderber des deutschen Volkes? Verhöhnt und, verspottet man nicht schon unsere Kinder auf der Schule? Und da sollen wir Ideen verbreiten, wir, an deren Glauben die Mitwelt so gleichgültig vorübergeht, daß häufig selbst judenfreundliche Christen keine Ahnung von seinem Inhalt wie seiner Form haben? Gar nicht davon zu reden, daß man doch der christlichen Bevölkerung den Monotheismus nicht einfach absprechen sollte! Und wenn man diesen faden Missionsgedanken schon anerkennen wollte — von Palästina aus eroberte das Christentum die Welt. ' Weshalb kann das Judentum nicht dasselbe tun? Es gibt doch heute die Buchdruckerkunst, Telegraphen und Posten, um Ideen zu verbreiten, und schließlich können ja Missionare ins Ausland reisen. Sollen wir müßig die Hände in den Schoß legen, unsere Brüder ruhig leiden und sterben sehen, selbst dauernd die Last der für minderwertig Erachteten tragen, damit diese jämmerliche Missionstheorie aufrecht erhalten weroen kann, die glücklicherweise den Antisemiten noch nicht bekannt ist? Sonst würde sie mehr unser Verhältnis zu der Umgebung gefährden, als es der ungeschickteste Antrag bei einer zionistischen Veranstaltung je vermag. Herr Vogelstein beruft sich auf das prophetische Ideal. Er vergißt, daß die Völker, an dem Tage, da sie ihre Schwerter zu Sensen schmieden/ den Propheten zufolge nach Jerusalem wallfahrten werden, um anzubeten im Tempel auf dem Berge Moria. Und da wir bei den Propheten sind, wollen wir doch auch vollständig sein. Da steht nämlich auch als Ideal, daß das ganze Volk wird gesammelt werden von allen Enden der Erde. Und dieser Gedanke wiederholt sich in unzähligen Variationen durch alle Propheten, Gebete, Gottesdienste. Er war die Hoffnung vieler verzweifelnder Generationen unserer Vorfahren und ihr täglicher brennender Wünsch lautete: Führe uns heim, bald und noch in unseren Tagen. Sie meinten, daß die Vorschrift, Palästina zu bewohnen, jedes andere Gebot überwiege — von Mission sprachen sie nicht, Aber sie wurden nicht den „ästhetischen Ansprüchen" gerecht, die Propheten. Und darum haben die liberalen Rabbiner aus ihren Gebetbüchern alles gestrichen, was an Zion gemahnt. Vielfach sogar den Passus, daß wir Söhne Abrahams, Isaaks und Jakobs sind. Die Kinder brauchen nur zu glauben, daß sie für eine gute und gerechte Sache (die Mission) leiden, dann werden sie, wie Vogelstein meint, in ihrer treuen Anhänglichkeit nicht wankend. Leider ist die Ansicht irrig. Von den '32 Unterzeichnern des Aufrufs zur Gründung der Berliner Reformgemeinde haben 5 noch jüdische Nachkommen. Ein ganzer Teil von diesen ist aus der Art geschlagen und zionistisch Leworden, hat auf Mission verzichtet. - . Früher als wir Anderen mußte die rabbinische Jugend das historisch Begründete des zionistischen Ideals gegenüber dem Missionsgeschwätz erkennen und sich für ersteres begeistern. Herr Dr. Vogelstein als ein liberaler, d. h. freidenkender Mann, empfiehlt den Gemeinden —. nicht nur den liberalen — diese verbrecherische Jugend nicht anzustellen. Nur nicht den freien Gedankenkampf dulden! Zwar ist die Gedankenfreiheit ein ständiges liberales Schlagwort, aber es verschwindet sofort von der Bildfläche, wenn der', Gedanke sich die Freiheit Nimmt, nicht ins liberale' Programm zu passen. Leider scheitert auch, diese Aufforderung zum Boykott an einem unüberwindlichen Hindernis: -. Es gibt nur noch wenige inchtziönistische Rabbinatskändidaten, wenigstens deutschen Ursprungs. Und die tüchtigen sind so ziemlich alle Zionisten, trotz des Rabbinerprotestes von 1897, den Herr Dr. Vogelstein warnend noch einmal zum Abdruck

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