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Neue jüdische Presse · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ ♦ ♦ (- "i \ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— L.-—- H-daLttoir Md HeschLjrsftell-: SranKkurl s. IR., Lleichstraße 2> Lcke vilbelerftraße P-r-f-« 10507. Kaks ^eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. WPsg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. i > ..... — - 4. Jahrgang. Freitag, den 28. Tiscüri 5667 (19. Oktober 1906). Xo. 40. Inhalt des Hauptblattes. . Artikel: Pogromphilosophie, von Maxime Le Maitre-granlfurt. — „Der Zionismus, eine Gefahr für die gedeihliche Entwicklung des Judentums? ' - Brief aus Frankreich. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Wochen-Kal ender. — Familiennachrichten. Pogromphilosophie. Von Maxime Le Naitre - Frankfurt. Geschichte erzählen, heißt mit Gleichnissen spielen, denn alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Will man aber aus dem 'Spiele Nutzen ziehen, so muß man noch das Gleichnisobjekt genetisch erkunden. Geschichte des Pogroms erzählen, heißt mit blutigen Gleichnissen spielen, Blutbäder messen. Und uni die „Moral" von der Geschichte zu erkennen, muß man den Pogrom genetisch untersuchen. Es gab und es gibt mehrere Pogromarten. So zum Beispiel die spanischen Scheiterhaufen — ein gewesenes Mittel, selig zu werden, und das Hoolyganenwerk — ein Werk russisch-christlicher Nächstenliebe. Wie verhält sich nun Toledo zu Kischenew? Könnte man nicht mit dem Pogromblutc Kischenews oder Odessas oder Bielostocks tausend Flammen flackernder Scheiterhaufen löschen? Jur übrigen verlohnt es sich noch gar nicht, mit dem blutigen Gleichnisspiel zu beginnen. Die Zeit ist noch mit Pogromluft geschwängert, und vergilbte Blätter erzählen uns Geschehnisse vergangener Zeiten. Was man selbst sieht, braucht man nicht mehr von anderen zu hören. Und unsre ganze Vergangenheit und Gegenwart ist nur Sein und Gewesensein eines einzigen, ununterbrochenen Pogroms. Es spiele also jeder mit diesen Gleichnissen nach seinem Gutdünken. Wir wollen hier nur die „Moral" von der Geschichte erfahren. - Wir beginnen demnach mit der Genesis des - Pogroms. Vierzig Jahrhunderte sind wir ihnen auf ihrer Schreckensbahn gefolgt. Wer hat den Pogrom entdeckt? Sollten etwa Plehwe und Jgniatiew als die Urheber ge- ■ nannt werden? Warum Chmelnitzky's Andenken . entweihen? Auch Torquamado konnte auf „glorreiche" . Vorläufer zurückblicken. Die 'Kreuzzüge, diese Ruhmesblätter christlicher Nächstenliebe und christlicher Milde, römische Barbarei, Tituswerke, griechische Grausamkeit, Pharonische Vernichtungs- - werke bilden successive die Geschichte des Pogroms. Daß Vasco . de Gama den Weg nach Indien und Kolumbus Amerika entdeckt haben, wissen Fritz und Franz schon in der Tertia, und Erwachsene wissen auch sogar, wer die Jnsinitesimali entdeckt hat. Auf Prioritätsstreit gehen wir nicht ein. — Aber wer darf sich der erste Hoolygän nennen? Im ersten Buch Moses steht es geschrieben. Und also befahl der König der Pharaonen: „Jeder neugeborene Judenknabe ist zu ertränken, dagegen sollen die neugeborenen Mädchen geschont werden." Und dieser Pogrombesehl wird erlassen, nicht etwa, weil der Pharaonenkönig persönlich den Juden abhold war, sondern der Pogrombefehl ist das Produkt einer politischen, staatspolitischen Erwägung. Er wird begründet mit dem famosen „pen jirbe wenaussat hu al soneinu." Also weder Jgniatiew, noch Chmelnitzky, noch Torquamado noch irgend ein anderer Heros der „Christenheit" darf die Priorität der Autorschaft des Pogroms für sich in Anspruch nehmen. Diese Heros der „Christenheit" haben nicht einmal den Pogrom entdeckt, sondern wie alles „Milde" und „Barmherzige" auch den Pogrom als Mittel zum Zweck oder als Zweck selbst einfach nachgeahmt. Pharao ist der erste Hoolygan. Pharao war ein Barbar, ein grausamer Pharaonenkönig. Er lebte vor nahezu 4000 Jahren, 2000 Jahre vor ihrem Erlöser. Das Altertum war grausam und barbarisch, aber auch primitiv. Das primitive Kulturstadium des Altertums ist schon an dem ersten Pogrom zu merken: Mädchen, Jünglinge, Erwachsene und Greise werden noch im ersten Progrom geschont, die Tötungsärt ist ebenfalls noch eine primitive — das Ertränken. Kein Erdrosseln, nicht den Bauch aufschlitzen, nicht Kinder vom vierten Stock auf die Erde werfen, nicht Frauen nnd Mädchen schänden, nicht erwürgen. Ich denke noch mit Entsetzen an Siedlice zurück. In Siedlice hat Nikolaus II. „seinen" Juden einen Pogrom geliefert. Der Siedlicer Pogrom, sowie die ihm in Rußland vorhergegangenen, weisen ganz andere Merkmale auf, als die ersten primitiven pharonischen Pogrome. Was sie nur gemeinsam Haben, ist die Veranlassung und der letzte Grund. Sonst läßt sich aus diesem Gleichnisspiel nur die große zeitliche Distanz erkennen — 4000 Jahre Menschheits¬ und Kulturgeschichte. Die Distanz ist aber keine glatte Ebene, sondern sie ist ein hügelreiches, gebirgiges und bearbeitetes Feld. Dieses Feld der Geschichte —- Aus diesem Spiel mit blutigen Gleichnissen erkennt man das große Gesetz der Evolution. An den Pogromen läßt sich am besten das Evolutionsgesetz feststellen. Man vergleiche den Pharaonischen Pogrom mit dem Nikolaus-Plehwe- Witte-Stolypin'schen. Ursache, Veranlassung und letzter Grund des Pogroms sind dieselben geblieben, aber seine Formen weisen einen evolutiven Fortschritt auf — evolutiv bis zum Kindermord. Unsere Hellseher und Berufsoptimisten haben gar nicht unrecht, wenn sie sich bei jeder unpassenden Gelegenheit (passende Gelegenheiten verpassen sie aus Prinzip) auf das Evolutionsgesetz berufen. Pharao und Stolhpin. Und dazwischen? Hellas, der Gesang der Weltgeschichte — Rom, das rechttuerische Rom, die verführerische Lyra der Renaissance, die Reformation, die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, Goethe und Kant und das neunzehnte Jahrhundert. --— Fürwahr, unsere Hellseher können sich mit Recht aus das Evolutionsgesetz berufen. — * * * Noch eine kleine Frage zur Genesis der Pogrome. Wer veranstaltet die Blutbäder, wer hetzt die blutfraßgierige Bestie aus ihrem Käfig? Darüber sind die Meinungen verschieden. Ich erlaube mir, auch bei dieser Frage eine Meinung zu haben. Zunächst wieder hören wir, was die Hellseher sagen. Auf die Pogrome der letzten Zeit haben unsere „Weißgucker" eine billige Antwort. Die russische Regierung sei an den Pogromen schuld. Sie seien das Symptom einer Kontrerevolution. Sehr schön. Aber warum sind es gerade die Juden, die zu der Rolle des Revolutionskaninchens ausersehen worden sind? Auf diese Frage haben Missionsrabbiner eine Antwort. — Die anderen schweigen. Waren etwa die Chmelnitzky-Tage, die Inquisition, die Kreuzzüge, die schwarze Pest und die anderen großen Werke christlicher Mildtätigkeit ebenfalls Kontrerevolutionen? Eine philantropische Geschichtsphilosophie. . . Und ferner heißt es nur dann Pogrom, wenn man hundert Juden abschlachtet, Frauen erwürgt und Kinder erdrosselt? Sind Pilsen und Könitz keine Pogrome? War die Affäre Dreyfus kein Pogrom? Ist die moralische Ohrfeige minder schmerzlich beleidigend als die physische? Wer versetzt uns die Ohrfeigen? Die Hofcamarilla, sagen die einen. Nein, nicht die Hofcomarilla, sondern das . schwarze Hundert, das Beamtentum und das Militär seien die Schreckensboten und die Dämonen des Pogroms, sagen die andern. Das Volk, in diesem Falle das russische Volk, wasche in Unschuld seine Hände.- Aber wer sind die schwarzen Hundert, das Militär und die Tschinowniky? Sind sie Chinesen oder Tauftabbis, Philister aus dem Jordanlande oder lleinasiatische Caldschuken? Wer sind die schlechten Menschen, die die Hoolygans, Polizisten und Soldaten während der Pogrome in Bielostock und Siedlice in die Wohnungen der vom Unglück heimgesuchten Juden geführt, ihnen das Eß-, Schlaf-, Comptoirzimmer und den Kassenschrank gezeigt? Vorher waren also diese unschuldigen Russen, diese schlechten Menschen, diese Pogromehelser den Bielostocker und Siedlicer Juden nicht als solche treue Nachbaren bekannt. — Sind nun diese kleinen Pogromhelfer, diese treuen Nachbaren, diese Hoolygane, Soldaten, Offiziere und Beamten Grönländer, Feuermenschen, oder sind sie Rüssen, bis zu einem Pogrom vielleicht teilweise noch ehrenhafte russische Männer? Unsere Hellseher und Weißgucker blinzeln und schreien: Reaktionäre'.— — — (Schluß folgt.) _ .

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