Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 39 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Hetz- und Gewalttätigkeiten des „Vereins der echt russischen Leute" zu erbitten. Kaulbars erklärte, er werde den Verein im 'Gegenteil mit aller Wacht schützen, in Kürze würden in Odessa noch einige Abteilungen eröffnet werden. Am 25. d. Mts. wurden in K i s ch i n c w Proklamationen verteilt, die zum Niedermetzeln der Juden auffordern. Die Juden sind in großer Furcht. Der „Verband vom russischen Volk" hatte dem Kommandierenden in Siedler nach'den bekannten Ereignissen ein Glückwunsch - Telegram m geschickt, worauf derselbe am 18. d. Mts. dankend antwortete. Kasan. Die Juden, die Wohl Pässe, aber kein Wohnasyl in Kasan haben, läßt die Administration verhaften und per Etappe in den Ansiedlungsrayon zurückbringe». Frankreich. Paris. Die Aktion francaile, eine antisemitischklerikale Kmupsvcrbindung, will die D r e y f n s s a ch c nicht zur Muhe kommen lassen. Sic ließ am 19. d. Mts. einen Maueranschlag anklebeu, der — unbekümmert uni das Urteil des höchsten Gerichts — Drcyfus als Spion und Landesverräter bezeichnet und mit der Aufforderung an alle Vatcrlandsfrcunde schließt, General Mereicr, „dem edlen Opfer der Juden und Judenknechtc" als Ausdruck ihrer Bewunderung eine goldene Ehrcnmünze zu stiften. — Die Polizei riß die Maueranschlage ab, die zu strafrechtlichem Einschreiten Anlaß geben werden. Großbritannien. London, 30 Sept. Gewiües Aussehen erregt die Tatsache, das; L o r d R o t h s ch i l d dem gestrigen Jomkippur-Gottesdienst in der Hauptsynagogc nicht beiwohnte. Man bringt sein Fernbleiben mit D r o hungcn in Zusammenhang, welche Rothschild in den letzten Tage» von russischen Nihilisten zngegangen sind. Palästina. schiedencn Meisen nach Rußland, der Türkei usw. fast stets begleitet hat. Berlin. Hermann Bamberg, i Fa. Gebr. Mannheimer, wurde zum Kommerzienrat und Bankier I'. A b r a h a m, i. Fa. G. Moebius und Abraham, zum Kgl. preußischen Lotterie-Einnehm c r ernannt. München. Landgenchtsrat Dr. Theodor Engelmann ist zum Staatsanwalt bcim-Oberlandesgcricht ernannt worden. Kattowit;. Unter Beteiligung eines imposanten Trauergesolges wurde Landgerichtsrat Dr. Max H i r - s ch c l aus Gleiwitz ans dem hiesigen Friedhöfe beerdigt. Wien. Dr. Cäsar Pomeranz, auße-ordentl Professor der Chemie an der Wiener Universität, erhielt eine ordentliche Professur an der Universität Czernowitz. Dr. Max'Jellinek, ein Sohn des bekannten Predigers Dr. Adolf Jellinck s. A., wurde zum ordentlichen Professor für Germanistik und deutsche Literaturgeschichte ernannt. Drohobycz (Galizien). Gerichtssekretär Dr. Jakob H o r o v i tz wurde zum L a n d c s g e r i ch t s° rat für das Krcisgericht Tarnopol ernannt. Genf. Der Regierungsrat hat die Demission des Professors Rabbiner W e r t h e i m e r unter 'Anerkennung der geleisteten Dienste angenommen und ihm den Titel Honorarprofessor der Universität Genf verliehen. Amsterdam lNiederland). Herr L. Börstel, der Sekretär der Niederländisch-Israelitischen Gemeinde zu Rotterdam, feiert am 20. Oktober sein 50j (ihriges Jubiläum. Kopenhagen. Der König verlieh dem Postmeister Josef M i ch a e l s e n, dem Vater des Einheitsportos, anläßlich seines 80. Geburtstages die goldene Verdienstmedaille. London. Oberstleutnant Frederic L. Nathan wurde zum Inspektor der Zeughäuser und P u l v e r iv e r k st ä t t c n Indiens bestimmt. Der jüngst verstorbene,Rabbiner Singer vermachte verschiedenen jüdische)) Instituten Beträge, die zusammen 150 Lstrl. betragen. Jaffa. Hebräisckes Gymnasium. Den Bemühungen hervorragender Zionisten ist cs gelungen, das erste hebräische Gymnasium in Jaffa zu begründen. Dasselbe ist nach russischem Muster eingerichtet, und zwar dienen die ersten 5 Klassen als Handelsschule, die übrigen 3Ve Klassen bereiten zum Universitäts- und polytechnischen Studium vor. Bortragssprache ist hebräisch, nebst den Realfächcrn wird Englisch, Französisch, Arabisch und Türkisch gelehrt. Vorläufig wird die Vorbereitungs-, l. und II. Klasse errichtet. Direktoren sind: Dr. Metman und Dr. Bo grat schoss. Das Gymnasium wird von einem Kuratorimn verwaltet, an dessen Spitze Direktor L cvontin, Dr. med. H. Joffe, M. Schein kin u. a. stehen. Personalien. Frankfurt a. M. Die angesehene Firma Gustav Car sch, Inhaber Frau Susann« Carsch und Herr Leopold Albersheim, feierte am 1. d. M. das 2 5 j ä hr i g e Be ste h e n i h r e s Geschäftes. Berit«.. Im 58. Lebensjahre starb der bekannte dramatische Künstler Max Löwenscld, der — ursprünglich Bankier — von Kunstliebe getrieben, sich dem Theater zuwändte. Er erhielt bereits 1878 eine Anstellung als Charakterdarsteller am Hofthcatcr zu Stuttgart, wirkte dann.in Hamburg, Moskau, Wien (Karl-Theater), Prag und Berlin (Lessing-Thcatcr) und widmete sich zuletzt ausschließlich Gastspielen. Mit dem Berliner Kunstleben war Löwcnscld auch als Unternehmer verknüpft; er hat das Reue Theater, dessen Interieur zu den geschmackvollsten Berlins gehört, begründet und ein Jahr lang geleitet. Persönlich war Löwenfeld durch sein menschenfreundliches Wesen, seine Bildung und seinen Witz, ''allgemein beliebt. An seiner Bahre trauern'mit der 'Witwe zwei begabte ^Söhne, von denen der eine "als Opcrnregisseur am «tuttgarter Hoftheatcr wirkt. Berlin. Dr. Richard Bier, der Geheimrat von Bergmann nach Konstantinopel begleitet hatte, erhielt vom Sultan den Großkvrdon des Osm a n i e -O r d c n s, nachdem er erst vor kurzem den Medjidse-Orden 1. Klasse, die Liakut (pour fcinerite) in Gold und die Jmtez-Medaille erhalten hat. Als Dr. Bier zum ersten Male in Konstantinopcl war, wo er zwei Monate verweilte, ivurde er ebenfalls mit Titeln und Geschenken förmlich' überhäuft. Der Sultan ernannte ihn zum Honorar-Professor an der „Hamidis", überließ ihm eine eigene Jacht zu Fahrten in den Bosporus und verehrte ihm zwei kostbare Buchara - Teppiche und ein' goldenes Zigarrcn-Etui. Beim Abschied machte der Sultan ihm den Vorschlag, als sein Leibarzt mit einem jährlichen Gehalt pon 60 000 Franks in Konstantinopel zu verbleiben, ivas Herr Dr. Bier aber ablehnen mußte, — Dr. Richard Bier wurde 1865 in Münster geboren. Er ist ein Enkel des erst vor kurzem im hohen Alter verstorbenen Rabbiners Philipp Hcidenheim in 'Sondershausen. Seine Studien hat er in Münster und Würzburg gemacht'. 1895 kam er an die Universitätsklinik nach Berlin als Volontär und bald darauf wurde er zum Assistenten des Herrn Geheimrats von Bergmann ernannt, den er auf seinen ver- 0 feuiMon. 0 Getrennt nnd Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Wäre er in der Stadt als F-rcund oder Gönner der Inden bekannt gewesen, so wäre ihm sein Vorhaben, als Verteidiger der Gefangenen zu fungieren, vielleicht nicht so leicht gelungen — — doch gegen den „Kleinen Haman" hatte man nichts c'inznwendcn —; von ihm brauchte man nicht zu fürchten, baß er die Verteidigung mit besonderem Eifer führen oder das Schicksal der Unglückliche» günstiger zu gestalten suchen werde. „Werden denn die Inden Ihre Verteidigung annehmen?" war die einzigc Frage, die der Untersuchungsrichter ihm vorlcgte. Mit Jablowsky's Bejahung war die Sache erledigt, noch che die Gefangenen selbst eine Ahnung davon hatten. Der Kummer nnd die Angst der jüdischen Gemeinde nahm täglich zu, und als es noch bekannt wurde, wer die Verteidigung übernommen, da wurde die Aussicht auf eine unparteiische nnd gerechte Verhandlung sehr in Zweifel gezogen. Dieser.Mensch war ja zu gehässig, um sich durch Bitten erweichen zu lassen, und zu reich, um einer Bestechung zngänglich zu sein —. Kein Mensch hatte auch nur die geringste Ahnung von Jablolvsky's Gesinnungswechsel, es ivar daher für alle ein himmlischer Hoffnungsstrahl, als man erfuhr, daß der Rcchtsanivalt mit dem Rabbiner eine lange Unterredung hatte, n»l durch dessen Fürsprache Rubens Vertrauen zu erlangen, der sonst diese Hilfe sicherlich mit dem größten Abscheu von sich gewiesen hätte. Eine Botschaft von dem ehrwürdigen Oberhaupt der Gemeinde jedoch bereitete eine Zusammenkunft itjib Verständigung zwischen den ehemaligen Totseiudcii vor, die die Juden unter sich als Versöhnung zivischen Mordechai nnd Haman bezeichnetcn. Der Rabbiner war überzeugt, daß Jablowsky's Reue aufrichtig Ivar, und darum riet er de» Gefangenen, den heiligsten Versicherungen des 'Christen, der eine tiefgehende Verehrung für den einzigen Gott Israels bekunde, Volke» Glauben zu schenken; zumal die Macht dieses'Mannes ebenso groß war im Guten wie im Bösen.— —! - Der Umstand, daß Rüben zuerst im „Schwarzen Wagen" weggcführt wurde, macht cs begreiflich, - daß er von dem Unglück, das auch seine Tochter betroffen, erst durch den Rabbiner Kunde erhielt; und dieses trug eigentlich nur noch dazu bei, seinen Haß gegen den Urheber all' ' seiner Leiden noch zu verstärken; allein, nachdem der Rabbiner ihm beit Nr- 39. wahren Sachverhalt auseinandergesetzt, mußte er selbst zugeben, daß Jablowsky's ungcsuchte.Hilfe, wie er eine solche meilenweit nicht besser hätte erlangen können, nicht nur annehmbar, sondern direkt dinc von Gott gesandte Hilfe sei. In andern Ländern wäre der Fall in einigen Monaten spruchreif gewesen, da doch gegen vier Gefangene eigentlich nichts vorlag, und auch die Ättentätcrin ihre Tat unumwunden eingestand — —; allein üi Rußland erfordert auch die einfachste Sache einen''Auswand von Verhören, Vernehmungen, Schreibereien und Formalitäten, daß die Gefangenen oft Monate, ja, Jahre lang, in ungewisser Pein schweben. -Es war daher Rubens sehnlichster Wunsch, die Entscheidung endlich herbeizusühren, wobei er von Jablowsky kräftig unterstützt wurde, der überhaupt jetzt einen Eifer zum Guten entwickelte, der nur seinem einstmaligen Hasse vergleichbar war. Ein Sünder, von Gewissensbissen unaufhörlich gefoltert, war er gerade der richtige Mann, um dem russischen Beamtentum mit Erfolg cntgegentreten zu können.- Als der Verhandlungstag endlich herankam, befahl der Rabbiner, diesen als Fasttag zu begehen und für die Befreiung 'der Unschuldigen Gebete zu verrichten. Der Sitzungssaal war von Offizieren nnd Beamten vollgedrängt und jeder war auf den Ausgang gespannt. Nachdem die Zeugen vernommen waren nnd der Staatsanwalt den Vorgang nochmals eingehend geschildert hatte, 'ergriff Jablowsky unter lautloser Stille das Wort zur Verteidigung. Er widersprach nicht, daß der Tod des Generals gewaltsam durch die Kugeln herbeigcführt wurde, die Hulda auf ihn abgeschossen; er widersprach auch nicht, daß das Mädchen das Frncr verursacht, indem es die brennende Lampe nach dem Peiniger geschlendert. — — — „Aber," so fuhr er weiter fort, „sind das nicht Tatsachen, die aus Notwehr, die auf eine surchtbare Erregung hindeutcn, weil die Angeklagte mehr als ihr Leben die Tugend geliebt?! Sind das nicht'Tatsachen, die tief beschämend für. den Verstorbenen sind, die aber auch zugleich um Gerechtigkeit für die Angeklagte laut zuin Himmel schreien?! Grcbow starb schuldig; schuldig nicht nur des scheußlichsten Verbrechens gegen Keuschheit und Sittlichkeit, sondern auch weil er die Landcsgcsetze gröblich versetzt, indem er kaiserliche Mittel und-Beamte zur Befriedigung einer niedrigen Leidenschaft verwendet. Der „Schwarze Wagen" hat ihm dazu gedient, ein schwarzes, finsteres Verbrechen auszuüben und zu perheimlichcn!! In nächtlicher Stille in ein friedliches Haus einzudringcn-das Haupt der Familie, den Verlobten der Tochter, ohne Veranlassung in den Kerker zu "werfen — — — um sich des schwachen, hilflosen Mädchens zu bemächtigen, um es durch tierische Gelüste nnd Begierden zu ruinierenwahrlich, das sind Verbrechen, so niedrig, so gemein, daß sie die schimpflichste Strafe verdienen! Doch der Täter ist tot und steht jetzt Por einem höheren Richter, um dort den Lohn für seine 'Schandtaten zu empfangen! Fünf Menschen werden seit Monaten gefangen gehalten, vier von ihnen haben sich nichts zu Schulden kommen lassen. Rüben Pakarow, der in unserer Mitte ausgewachsen, der in unseren Kreisen sich 'bewegt, gegen den, ich will es hier offen gestehen, vor Jahren schwer gesündigt wurde-—; Ezra Amatin, ein Jüngling, der keinem Menschen etnias zu Leide getan, ein gottbegnadeter Künstler, dessen unvergleichlicher Gesang.Gott und Menschen erfreut; die beiden Dienerinnen, die ja eigentlich der Polizei in die Hände gearbeitet, nnd es verhindert, daß die . vermeintliche Verbrechern! sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe ^-— was, frage ich, liegt gegen diese Menschen vor, um ihre Gefangenschaft, die ein Wollüstling, der seine Macht mißbraucht, anbefohleii, noch weiter aufrecht zu erhalten und zu verlängern? ' Und null die Hmiptangeklagte, Hulda Pakarow", fuhr Jablowsky mit erhöhter Stimme fort: „Ihr ehrwürdigen Richter, die Ihr Väter seid und selbst Töchter besitzet, lasset doch das Ungeheuerliche nur einen Augenblick Euren Geist beschäftigen, daß ein-Böscwicht Euer Kind gewaltsam Euch entreißt, um der holden, nnschuldsvollen 'Jungfrau die Seelenpein, die Herzcnsgnal aufzuerlegen, fortan als Entehrte vor Euch zu leben; vergegenwärtigt Euch nur eineil Moment die Schmerzen und Leiden eines solchen Mädchens — --würdet Ihr nicht' jauchzen und frohlocken bei dem Mut, bei dem Heroismus Eurer Tochter, die vor nichts zurückbebt, um der Schande zu entgehen, um den Beleidiger zu züchtigen! Fürwahr, Hulda Pakarow gehört zu jenen Frauen, denen man im klassischen Altertum Denkmäler errichtet, die man als Göttinnen verehrt-- — und auch dieser Heldin, die