Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 39 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 Frankfurter Nraelüisches FamMmblaÜ. Seite 3. Von überallher vernehmen wir die Kunde, daß die russischen Massakres - einen mächtigen Widerhall in Ranschhaschono- und Jaumkippnrpredigten gefunden haben. Das große Martyrium, das unserem Volke in dem letzten Jahre in. christlich-heidnischem Laude angetan wurde, kam in rührender Weise zum Ausdruck. All' die Reden mahnten zur Einheit und zun, engeren Zusammenschluß. Die einstige jüdische Solidarität hat sich wieder eingestellt, das nationale Gewissen hat sich wieder gefunden. Wieder gefunden? O, wer könnte uns sagen, für wie lange! Doch wir wollen an diesem ermunternden ' lind tröstenden Zusammenschlußzeichcn nicht mäkeln. Was uns hier erörternslvert erscheint, ist ein Vorschlag eines Predigers, der dahin geht: einen Kongreß sämtlicher jüdischer Gemeinden der Welt einz»berufen, um einhellig gegen die Unterdrückung der Inden in Rußland Protest zu erheben und zu beraten, welche Schritte geboten sind, um ein Einschreiten der Mächte zugunsten unserer russischen Brüder herbeizusührcn. Dieser Vorschlag (er geht von Rabbiner Julius Fischer in Budapest aus) ist ein sehr beachtenswerter. Nicht etwa, weil ein solcher Kongreß die Mächte zum Einschreiten bewegen könnte — denn ein solcher Erfolg ist nicht zu erwarte» — was. der Kongreß aber Positives leisten könnte, ist: zu beraten, auf welche Weise den Flüchtlingen zu helfen sei Und sich darüber schlüssig zu werden, wie man einen Druck auf die jüdische Haute-Finanzc ausüben kann, damit sie ihre Kapitalkrast der Mördcrregiernng verschließe. Doch wir fürchten, daß auch dieser schöne Vorschlag, wie so viele andere, im Sande verlaufen wird. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie uns berichtet' wird, erwägt der Vorstand der israelitischen Gemeinde die Aufnahme einer Anleihe von in i n d e st e n s 1 M i l l i o n Mark. Durch den Bau der neuen Hauptsynagoge in der Königsteinerstraße, durch de» Neubau des Philanthropius und des Gemeindehospitals stehen der Gemeinde gewaltige Ausgaben bevor. - Berlin. .Das 1. Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reiches" bringt die Zahlen der Eheschließungen in Deutschland im Jahre 1904. Danach wurden l904 neben 4001 rein jüdischen Ehen 748jüdischchristliche Ehen geschlossen. Diese Zahl ist wirklich erschreckend, sie bedeutet eine allmähliche Auslösung der deutschen JUdcnheit. Berlin. Nach dem soeben erschienenen 76. Jahresbericht der Alters-Be r so rgungs anstatt der jüdischen Gemeinde betrug in den drei Anstalten: Große Hamburgerstraße, Schönhauser Allee und Exerzierstraße die Gesamtzahl der Hospitanten 242 im ' Jahresdurchschnitt; die Gesamtunkosten betrugen 152145 JL Durch zwei große Zuwendungen ist 1>as Institut in der Lage, in der Anstalt Exerzierstraße einen Erweiterungsbau auszuführen, der etwa achtzig Personen Raum gewähren wird. Der Bau dürfte Ende -d. I. fertiggestellt sein; mit der Belegung hofft man dann beginnen zu können. Berlin. Das endgültige Ergebnis der Volkszählung in Preußen liegt erst jetzt vor. Aufs Tausend berechnet haben in der Zeit vom 1. Dezember 1900 bis 1. Dezember 1905 zugenommen: Evangelische 69,85, Katholiken 102,26, andere Christen 311,99 und Juden 43,79. Es wurden iii Preußen dem Religionsbekenntnis nach gezählt: Evangelische 23 341502 (gegen 21817577 in I960), Katholiken 13 352 444 (12113 670), andere Christen 182 533 (139127), wobei die Hauptzunahme auf die Dissidenten entfällt, die 51076 gegen zuletzt 27 679 zählen, und Juden 409 501 (392 322). . Berlin./ Antisemitische Flugblätter, die in T h ü r i n g e n verkeilt werden, bezeichnen die deutsche Presse als „elende 'Judenmache". Es heißt in dem Hetzblatt u. a.': ~ - " : „Die gesamte Judenpresse (und unsere Presse ist es fast durchweg) ist ein, ganz gewöhnliches Geschäft. Ja — Liese Judenpresse in unserem Vaterlande — was hat sie alles mit dazu beigetragen, unser Volk abwärts zu führen — auf jedem Gebiet. Oder wer sollte-behaupten, daß es aufwärts gehe? Auf dem Gebiete der nationalen Politik hat es die Judenpresse verstanden, „die öffentliche Meinung" über die vom Judentum' drohenden nationalen Gefahren „einzulullen", hat es soverstanden, der jüdischen Aristokratie. Zeit zur Befestigung und Ausdehnung zu gewinnen, hat die „Bauerirfängerei der. Börse" durch ihren Schlepperdienst unterstützt, hat alle politischen, religiösen, sozialen Bestrebungen, welche den jüdischen Juteressen diese Hilfeleistung nicht gewährten, bekämpft bis auf's Blut, aber die gestützt, welche nrittaten. Auf jedem anderen Gebiet ist es so. Noch ein Beispiel: Die Kunst. — Jeder Jude, welcher auf künstlerischem Gebiete als Literatiker (!) oder Dramatiker nur „etwas" leistet, erfreut sich einer umgehenden, wohlwollenden Kritik. Wie ist es beim Nichtjudcn? Nimmt man es da auch so ernst, seinen Ruf zu befestigen oder zu gründen? Elende Judenmache, genug davon." An diese frivolen llnterstelluugen schließt sich ein an Gehässigkeiten reicher, von Schmähungen gegen den Besitzer der „Frankfurter Ztg.", Leopold Sonnemaun, triefender Artikel, der das Jubiläum der „Frankfurter Ztg." kritisiert. Das Flugblatt sei registriert für die Art und Weise, mit der im antisemitischen Lager aus Prinzip mit der Untvahrheit operiert wird. Köln, 23. Sept. Eine eigentümliche A u s w e i s u n g s a n g e l e g e n h e i t hat in den letzten Monaten die hiesigen Behörden beschäftigt. Bor einigen Monaten fanden sich auf unserer Gemeindestube drei jüdische Knaben ein, mit der Angabe, sie seien als Kinder russischer Eltern in Leipzig geboren, von dort vor Jahresfrist wegen mangelhaften Schulbesuchs nach Rußland ausgewiesen worden, der Onkel, der sie dort ausgenommen, sei in Folge der Unruhen nach Amerika a usgewandert, in Leipzig hätte sie nach ihrer Rückkehr die Mutter (der Vater lebt nicht niehr) als Ausgewiesene nicht behalten dürfen, und nun seien sie auf dem Weg, sich in Deutschland oder Frankreich ein Asyl zu suchen. Die drei Knaben wurden durch Herrn Rabbiner Dr. Roscnthal hier zurückgehalten, und die Fürsorge-Abteilung der Bewahranstalt in der Bayardsgasse erklärte sich zu ihrer Aufnahme bereit. Nach der polizeilichen Anmeldung der Knaben entspann sich zwischen den hiesigen Polizei- und städtischen Behörden und dem Mut der Stadt Leipzig ein lebhafter Schriftwechsel. Aus dem umfangreichen Aktenmaterial ergibt sich, daß die obigen Angaben der Knaben in allen Punkten auf Wahrheit beruhen, daß also drei minderjährige Kinder imAlter von (damals) 8—12 Jahren wegen Sch ul schwänze ns ohne ihre Mutter aus ihrem Geburtsort Leipzig nach Rußland ansgewiesen worden sind! Die in ihrer Eigenart wohl einzig dastehende Angelegenheit hat durch den nachstehenden Brief ihre vorläufige Erledigung gefunden: „Armendeputation Köln. Der Israelitischen Gemeinde, Hier, zu Händen des Herrn Rabbiners Dr. Rosenthal, anliegende Verhandlungen betr. die Kinder B. zur gefl. Kenntnisnahnie und mit dem Ersuchen ergebenst übersandt, was mit den Kindern geschehen soll. Die Kinder gehören zur Mutter. Wir sind aber bereit, von einer Rückverweisung nach Leipzig bezw. nach Rußland abzusehen, wenn uns von Ihrer Gemeinde oder der damit befaßten Stelle die Erklärung abgegeben wird, daß für die Kinder auch fernerhin ohne Inanspruchnahme der öffentlichen Armenpflege gesorgt wird." — Diese Erklärung konnte abgegeben werden, da der Hilfsvereinder Deutschen Juden sich bereit erklärte, die durch die hiesige Unterbringung dieser im wahrsten Sinne heimatlosen Kinder entstehenden Kosten aus sich zu nehmen. Hamburg. Einer antisemitischenZigarrenabschnitt-Fechtstelle erfreut sich Hamburg. Die Geschäftsstelle der 'Deutschsozialen Partei quittiert über 70.07 Mark Einnahme au» Zigarrenabschnitten und Zigarrenbändern. Oesterreich-Ungarn. Wien. Jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. Mit gespanntem Interesse sieht man im Judentume der jüdischen Gesellschaftsreise nach Palästina entgegen, welche vom Zionistischen Zentralverein in Wien veranstaltet wird und am 22. Oktober von Wien abgeht. Die Reiseroute geht via Budapest, Bucarest, Constanza per Eisenbahn, von dort per Schiff nach Konstantinopel, wo die Ausflügler von einem direkt für diese Reise adoptierten eleganten Danipfer erwartet werden. In Jaffa, Jerusalem, ln den Kolonien und in Beyrouth treffen die dortigen Juden große Vorbereitungen zum feierlichen Enipfange ihrer Glaubensbrüder aus dem Westen. Die "Anmeldungen zu dieser Reise werden vom Zionistischen Zentralverein in Wien IX., Türkenstr. 9, entgegengenommen. Wien. Veranlaßt durch die jüngsten Vorgänge in Rußland, haben die Abgeordneten Breiter und Genossen im Reichsrate eine Interpellation eingebracht,, die fragt, ob die Regierung — im Einvernehmen mit ven Regierungen aller Knlturstaaten oder auch allein — bereit ist, Protest gegen das bestialische System der Repressalien in Rußland zu erheben und die diplomatischen Beziehungen zu diesem Staate, solange .daselbst von der Regierung der wildeste Terrorismus gehandhabt wird, abzubrechcn. - Die Antisemiten (Sturm und Genossen) haben gleichfalls eine Interpellation eingebracht; dieselbe verlangt, die Einwanderung russischer Juden zu verbiete» und die bereits eingewanderten Juden äils Oesterreich auszuweisen. Prag. Unter dem Titel „Antisemitisches von der Prager Städtischen Sparkassa" schreibt die „Bohemia": ,Die Prager Städtische Sparkassa, die bekanntlich demnächst ein neues Pfandbriesinstitut ins Leben zu rufen gedenkt, vermehrt — nnscheinend jm Zusammenhang mit 'dieser Neugründung — ihr Personal. Ein diesbezügliches Inserat in den tschechischen Blättern führt die für die Bewerber vorgeschriebenen Aufnahmebedingungen an. Daß die Städtische Sparkassa nur Angehörige der tschechischen Nation in ihren Bureaus duldet, nimmt uns bei einem unter der Patronanz des Prager Stadtrates stehenden Institute nicht Wunder. Das ist bei uns so Sitte. — — — Interessant aber ist, daß von den Anwärtern uni die obenerwähnten Stellungen der Geburtsnachweis in Form eines Taufscheines gefordert wird. Als Beamte scheinen demnach die Bekenner der israelitischen Konfession der Prager Städtischen Sparkassa nicht zu Gesichtezu stehen. -Ob sie auch bei der Emission ihrer neuen Pfandbriefe so feine Unterschiede machen wird?" Budapest. Russisches aus Ungarn. Der Vizegespan des KomitateS Csik erließ eine Verordnung an einzelne Arbeitgeber, in welcher er ihnen befiehlt, die bei ihnen als Arbeiter beschäftigten „rumänischen und russischen Juden" sofort zu entlassen. Zweck dieses ungesetzlichen Befehles ist, diese Juden dann als Arbeitslose anszuweisen. Chodaczkow (Galizien) Pogrom gegen jüdische Hochzeitsgäste. Vorigen Mittwoch verheiratete der hiesige Gastwirt Lasar Fuchs seine Tochter. "Als die HochzeitSgäste im Hause der Brauteltern versammelt waren und Musik zu spielen begami, drang ein förmliches Kriegsgeschrei von der Straße in die Stube. Ungefähr vierzig Bauern hatten sich, m i t S t ö ck e n v e w a f f n e t, vor dem Hause angesammelt und begannen das Haus mit steinen zu bombardieren. Unter den Güsten entstand eine unbeschreibliche Panik, die Kinder und Frauen schrieen um Hilfe, viele suchten Verstecke auf. Der^ Hauswirt unterhandelte nun mit den Rädelsführern, die für sich und ihre Bande Schnaps und Speisen forderten. Die Bauern taten sich gütlich, und als sie das Gebotene verzehrt, ging das Demolieren von vorne an. Es entstand eine förmliche Schlacht zwischen den Hochzeitsgästen und den Bauern, wobei es auf beiden Seiten nicht unerhebliche Verletzungen gab. Rußland. Petersburg. Aus dem Parteileben des Bundes. Vor kurzem fand der VH. Parteitag des allgemeinen Jüdischen Ärbeiterbnndes in Litthaucn, Polen und Rußland („Bund") statt. Dieser Parteitag ist der erste, der auf rein demokratischen Grundlagen organisiert wurde. An den Wahlen haben sich 23 000 Mitglieder des „Bund" beteiligt; laut dem Wahlstatut besitzen das Wahlrecht 25000 Mitglieder, ausgeschlossen waren die Organisationen, die weniger als 80 Mitglieder aufzuweisen haben. Wenn wir diese Mitglieder miteinrechnen, so erreicht die Zahl der organisierten Arbeiter des „Bund" eine Höhe von ca. 40 000. An dem Parteitage nehmen teil 68 Delegierte mit vollem Stimmrecht und 24 Genossen mit beratender Stimme, darunter 6 Mitglieder des Zentral-Komitees des „Bund", 2 Delegierte des „Zentral-Verbandes der Bundcs-Organisationen in Amerika", 2 eingeladene Vertreter „Rußlands sozialdemokratischer ''Arbeiter-Partei", 1 Vertreter der „Sozialdemokraten des lettischen Rayons", 1 Vertreter der „Arnienischen Sozialdemokratischen Arbeiter-Organisationen" und 2 Genossen, deren Mandate vom Parteitag kassiert worden sind. Der Parteitag dauerte 11Ve Tage. Den Zentralpunkt der Tagesordnung bildete die Frage der Bereinigung des ,^Zmid" mit „Rußlands sozialdemokratischer Arbeiter-Partei". Mit 48 Stimmen gegen 20 wurde die Bereinigung beschlossen, wobei dem „Bund" volle Selbständigkeit in Sachen seiner Partei-Organisation, Propaganda und Agitation verblieb. Jm Zentral-Komitee „Rußlands sozialdemokratischer Arbeiter-Partei" wird der „Bund" durch spezielle Delegierte vertreten. Mit dem Eintritt des „Bund" in „Rußlands sozialdemokratische Arbeiter- Partei" schließt diese in sich alle nationalen sozialdemokratischen Organisationen ei». Warschau. 30. Sept. Gestern wurden mehrere' hundert politische Gefangene, meist Juden, darunter Knaben imAlter von 10 bis 16 Jahren, nach der Festung Modlin transportiert. Bjelostok. Einen furchtbaren Rauschha -schon oh haben wir Bjelostoker Jüoen durchlebt. Einige Tage vor Rausch-ha-schonoh verbreitete sich das Gerücht, es sei gelegentlich der am Freitag, den 21. d. Mts. stattsindenden Prozession ein großer Pogrom geplant. Ein panischer Schrecken ergriff die jüdische Bevölkerung, der noch verstärkt wurde, als der General-Gouverneur der bei ihm vorsprechenden jüdischen Deputation erklärte, es werde kein Pogrom sein, aber, wenn man aus irgend einem Hause schießen werde, dann werde das ganze Haus zerstört. Man kennt diese Antwort, die einen Pogrom in versteckter Form bejaht, und die Folge war, daß Tausende, Haus und Hof im Stich lassend, nach dem Bahnhof eilten, um wcgzufahren. Am Donnerstag, den ersten Tag Rausch-ha-schonoh, trat die Nachricht, daß am nächsten Tage ei» Pogrom sein werde, noch bestimmter aus, und wiederum flohen Tausende Menschen in Ivahnsinniger Eile. — Der gefürchtete Tag verging ruhig, die Prozession war unterblieben. Odessa. Bon dem ..Schwarzen Hundert". Bei General Kaulbars, dem Hanptkommandierenden des Odessaer Militär-Rayons, sprach dieser Tage eine jüdische Deputation vor, um sein Einschreiten gegen