Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 39 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Deite ä. Da steht sie auch. Sie verrät kein Lebenszeichen, ihr fehlen Nerven, Adern, Herz und Blut und Seele. Ihre „Wissenschaft", die wissenschaftliche Begründung der Reform ist längst überwunden, und da sie sowohl zum Leben wie zum Sterben keine Kraft hat, so gähnt sie nur noch langweilig. Auf dieser Stelle kann sie nicht länger bleiben, wenn sie nicht bei lebendigem Leibe verfaulen will. Und da gibt es für sie nur zwei Möglichkeiten. Nach rechts oder nach links. Mer unentschlossen, wie ihre Träger sind, werden sie wohl kaum ihre letzten Konsequenzen verwirklichen und werden sich halten, solange. sie sich halten können. Die Einsichtigeren unter ihnen scheinen jedoch die Situation zu begreifen. Aus der einen Seite macht sich eine Wendung nach rechts bemerkbar. Noch jüngst nahm einer ihrer Träger zu diesem Thema das Wort und glaubte der heiklen Situation Herr zu werden, indem er das liberale Judentum als gleichgeheiligte Tradition neben der Tradition schlechtweg hinstellte. Diese Stimme ist so recht bezeichnend. Sie klingt jedenfalls anders als die des Herrn Mayer-i Hannover vor drei Jahren, in der Mosse'schen Allgemeinen. Anders natürlich klingt der Ruf des Herrn. Dr. Vogelstein-Stettin. Einen Kampf gegen die national-jüdische Bewegung, einen Kampf dem traditionellen Judentum und wir faulen weiter. Herr Vogelstein wird wissen, was er tut. Der freche Angriff hat schon oft den viel stärkeren- Gegner getäuscht. Aber heute wissen wir es. Es ist kein Zeichen der Kraft und des Kraftbesitzes, sondern eben nur yoch ein frecher Angriff, ein Ausfluß der Ohnmacht und Verzweiflung. Wozu die Reform ihre eigene Kraftlosigkeit nie führen wird, wird sie der Antisemitismus führen. Gut liberale jüdische Väter müssen zusehen,' wie ihre studierenden Söhne, da sie in keine christlichen Korporationen ausgenommen werden, zu jüdischen Korporationen sich zusammentun. Und da es wohl nicht geht, daß man in jüdischen Korporationen chinesische - Fragen behandelt und einem gehaßten abwesenden Herrn heuchelt, soist es begreiflich, daß diese Korporationen immer mehr zur Stätte jüdischen Lebens werden. Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5666. (Schluß.) III. . - Auch in anderen Ländern trugen sich dieses Jahr in der jüdischen Gesellschaft Ereignisse zu, die von historischer Bedeutung sind und die verzeichnet zu werden verdienen. Natürlich ist es wieder die Lage der russischen Juden, die die Ursache zu all diesen Umwälzungen ist. England, der bisherige Hort individueller Freiheit, hat in diesem Jahre seine Emigrations-Bill rigoros durchgeführt und manchem Unglücklichen die Pforten geschlossen. Jedoch die Emigrations-Bill konnte den Einwanderungsstrom aus Rußland kaum beträchtlich hemmen. Die jüdischen Ghcttis in England wachsen von Tag zu Tag und in, ihren Mauern das jüdische Elend. Diese jüdischen Massen in England, so schlecht es um sie in materieller Beziehung bestellt ist, umso reger pulsiert und regt sich doch dort das jüdische Leben. Die osteuropäischen Judenmassen haben dem schon halb erstarrten englischen Judentum frische Kräfte zugeführt und scheinen in der letzten Zeit von dem offiziellen englischen Judentum, das sie zu erdrücken sucht, sich ganz loszutrennen. In England stehen sich vier jüdische Gruppen gegenüber, die heute um den Vorrang ringen. Die ansässigen einheimischen Juden, die eingewanderten osteuropäischen Juden, die deutschen gcsetzestrenen Juden, allerdings nur quantitativ eine kleine Gruppe, und die Sephardim. Die Parteien sind bereits zuni Kamps engagiert, und zu ruhiger» Zeiten würde schon der Reigen begonnen haben. Aber eben wieder ist es die jüdische Lage in Rußland, und die innere jüdische Lage im allgemeinen, die dem Ausbruch der Zwistigkeiten vor der Hand vorgebeugt. Andere Fragen von allgemeiner, viel höherer Bedeutung stehen heute in England auf der Tagesord¬ Fttmk^lrter JsraMrfcheI KamilienblaL nung. Die Jto und der Zionismus haben auf englischem Boden das ganze Jahr hindurch um die Oberherrschaft gerungen, her Kampf hatte gewaltige Dimensionen angenommen, bis wieder das in Bjelostok vergossene jüdische Blut dem Bruderstreit, ein Ende machte und sie wieder zu einem einheitlichen Schassen zusammengeführt. Und am Tage nach dem Bjelostokcr Pogrom waren es die Leiden, vor einem Tage unversöhnlichen Gegner, Jto und. die Zionisten, die eine gemeinsame Proklamation an die „gesittete"! Menschheit und an das englische Volk erließen mit der flehentlichen Bitte, dem Blutvergießen ein Ende machen zu lassen und — o Ironie des Schicksals — dem jüdischen Volke eine Zufluchtsstätte zu gcwähren. Unsere Großen in England haben nach den Oktobcrtagen auch tief in die Taschen gegriffen und den russischen Juden nach Möglichkeit geholfen. Ein Teil der Londoner jüdischen Gemeindepolitiker haben sich auch der Jto angeschlossen, um auf diese Weise ihr Interesse für die traurige Lage des Volkes zu bekunden. Aber trotz dieses Anschlusses vieler Finanzgewaltiger an die Jto ist es dieser bisher nicht gelungen, etwas Positives den: Volke zu bieten. Ihre Lage ist heikel. Von einer Seite verlangt die Regierung, daß die Jto dokumentarische Beweise liefere, die besagen sollen, daß das Volk in seiner Gesamtheit den Bestrebungen der Jto huldige, was der Negierung als eine Garantie für die Erfolge der kolonisatorischen Arbeit bei der Veräußerung oder Verchartcrung irgend eines Landes scheinen werde. Die organisatorische Ungeschicklichkeit des Jto-Führers und der schiefe Unterbau der Organisation konnten bis jetzt die Massen zu der Jto nicht führen. Sic ist so wenig ausgesprochen national, sagen die einen; sie wird kaum etwas ausrichten, sagen die anderen. So kommt cs, daß die Massen ihr fernstehen. In den andern, englischen Ländern, so in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, sieht es nicht viel anders aus: Die Einwanderungsgesetze werden immer mehr erschwert, wenn auch die Dankee's hier und da mit ihrer Humanisterei prahlen. Erst jüngst trat ein Einbürgerungs- Gesetz in Kraft, das die Naturalisation der dort eingewanderte» Juden unmöglich macht. — Das jüdische Leben in Ainecika nimmt ostnmls ganz grelle Formen an. In keinem Lande der Welt herrscht unter Juden ein solches Sektenunwesen wie in Amerika. Die großen Massen sind dort zersplittert und zersprengt, und sofern sie nicht politischen und sozialen Fragen gleichgültig gegenüberstehen, sind sie ein Spielball in den Händen sozialistischer Demagogen und Aufwiegler. Jeder Jude in Amerika ist allein drei Parteien. Die korrumptierte amerikanische Jargonprcsse trägt das ihrige bei, um die Massen noch mehr zu vulgarisieren. Ein anderes Bild bieten uns zwei europäische Länder, die ebenfalls große Judenmassen beherberge» — Galizien und Ungarn. In Galizien ist ein erfreulicher Aufschwung des nationaljüdischcn Bewußtseins zu verzeichnen, während es in Ungarn demjenigen Teil der Juden, der aus seinem Judentum beharrt, gelungen ist, sich selbständig zu machen und sich von den Krallen der assimilatorischen Nevlogie zu befreien. Die ungarische Orthodoxie hat in diesem Jahre die gouvernemcntale Bestätigung ihrer Selbständigkeit erhalten. Von ihren Leistungen haben wir bis jetzt nicht viel erfahren, aber wir wollen das beste hoffen. Die Nevlogie in diesem Lande arbeitet aber mit brutaler Gewalt an dem Ruin des Judentums. Ihr Magyarentum feiert die wildesten Orgien und die Regierung, die sich jetzt im doppelten Kampfe befindet, weiß ihnen auch Dänk für ihr edles Sinnen. Sie belohnt diese regierungstreue Gesinnung mit einträglichen Staatsstellen. Denn vorläufig braucht sie ihrer, und ihr ist jetzt lieber ein Freund als zwanzig Gegner. — Ob cs nach einem definitiven Siege des Magyarentums ebenso rosig aussehen wird? In Galizien hat der Heimgang eines Mannes dem Volke wieder seine Souveränität gegeben. Die Wahlpolitik der Regierung, die Wahl zum Reichsrat nach nationalen Kurien einznteilen, hat auch die galizischen Juden zur Besinnung gebracht. Das Interesse sür politisch-jüdische Fragen nimmt in Galizien täglich zu, und wenn auch ihr Kandidat für den Reichsrat in der letzten Wahl unterlag, so ist es auf die Politische Naivität des Kandidaten, Herrn Dr. Stand, Nr. 39. zurückzuführen. Es war von seiner Seite ehrlich, aber doch politisch unklug, vor der Wahl zu erklären, er werde gegen die Polen im Parlament auftreten. In solchen Lagen ist Schweigen die höchste Weisheit. Der Chassidismus — so unglaublich es im ersten Moment scheint — verbindet sich im entscheidenden'Moment mit der Assimilation gegen den national gesinnten Teil der galizischen Judenheit. R u m ä n i e n ist noch immer jenes blutige Marokko auf europäischein Boden. Der Jude ist dort jetzt wie zuvor der Willkür und dem antisemitischen Mob ausgeliefcrt und ist jeden Tag in der Gefahr, aus seinem Stiefvaterlande gewiesen zu werden! Von den anderen Balkanländern ist es nur B n lgarten, wo die Juden eine bewußte jüdische Politik machen. In vielen bulgarisch-jüdischen Gemeinden haben die bewußten Nationaljnden der Alliance den Garaus gemacht und eigene Schulen mit hebräischem Sprachunterricht eingeführt. ' Im Heiligen Lande treffen jetzt ganze Scharen russischer Juden ein, die teilweise bemittelt sind und dort sich dauernd niederzulassen gedenken. Das kann nur günstig auf die dortige jüdische Bevölkerung wirken. Frische Kräfte, frisches Blut, frisches Leben. Das jüdische Erziehungswesen macht dort dank den Bemühungen der deutschen Juden und zionistischen Organisation erfreuliche Fortschritte. Das paßt der Alliance ganz und gar nicht in den Kram. Ms Antwort auf diese Geschehnisse hat sie mit der famosen „Rabbincrwahl" geanttvortet. Es ist noch einiges von den romanischen Ländern zu registrieren: Mit dem Heimgang.des seligen Zadok Cahn ist der Posten eines Oberrabbiners von Frankreich nicht mehr besetzt worden, und bald nach seinem Ableben brach eine Reformbewcgung aus, die aus Mangel an Judentum in Frankreich bald wieder in dem Sand verlief. Die Rehabilitation und Regradierung des nunmehrigen Majors Alfred Dreysus bildet das größte Ereignis in der Geschichte der französischen Judenheit im letzten Jahre. Die Trennung von Kirche und Staat hat eine Reorganisation der französischen Judenheit notwendig gemacht. Soeben sind die Juden in Frankreich daran, sich zu reorganisiere». Die letzten Kammerwahlen haben dort dem Antisemitismus den Gnadenstoß versetzt und ihn für längere Zeit zum Schweigen gebracht. Die einzigen Juden, die ungestört und in Ruhe leben, sind die winzigen 40 000 Inden im Königreiche Italien. Die vier italienisch-jüdischen Zeftschriftcn beweisen, daß in Italien jüdisches Leben noch nicht erstorben ist. Die national-jüdische Bewegung hat dort Fuß gefaßt, und es gab im letzten Jahre keine nationaljüdische Demonstration, an welcher sich die - italienischen Juden nicht beteiligt haben. Aber die italienischen Juden sind zu wenig zahlreich, um eine dominierend.- Rolle im jüdischen Leben zu spielen. So floß das Jahr, das schicksalsreiche Jahr, dahin. _ Die Woche. Wie wenig sich der Mensch geändert hat, wie sehr er in den Motiven seiner Handlungen dem Menschen des Mittelalters und sogar noch des Altertums gleicht, zbigt ein Ereignis, das sich in den letzten ' Tagen in den Vereinigte» Staaten abspielte. Die Vereinigten Staaten haben keinen Zar an ihrer.Spitze, ihre Bevölkerung besitzt das weitgehendste Selbstbestimmungsrecht vön allen Staaten der Erde und trotzdem hat das Land der. Demokratie.jetzt einen Pogrom eines zwanzigtausendköpsigen Volkshausens Weißer gegen schuldlose Schwarze' erlebt, wie Pr in perverser Bestialität von keinem Pogrome' Rußlands übcrtroffen wurde. . . . Es ist wahr: die Unterdrückten allerorts.haben, im Laufe der Zeiten sich mehr Rechte erworben — Sklaven kennt man heute nicht mehr! — aber ebenso wahr ist es, daß jeden .Zoll, breit der Änerkenyung ihrer Rechte sie sich mit eigener Kraft erringen mußten. Aus ihren eigenen Reihen ist den Unterjochten stets ihre Freiheit gekommen; die Erfolge des Strebens Edler aus den Reihen der Unterjocher waren stets gering im Vergleich zu ben Wirkungen, die ein geeinter Wille der Unterjochten erzielte. Das ist. eine Lehre für alle unterjochten Völker — nnd auch eiitf Lehre für uns Juden! ,