Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 39 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. 2JL Mk. 1— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Ae-aLM« und chefchäftssskettr: SruilKfurl L. M.. Blejchstraße 2, Lcke vUbelerstraße Vetefon 10507. Aepnusgsvep: Kaktz ch-is. r-—:— - , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . . 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebere'mkunst. . V __———-;—- ' 4. Jahrgang. Freitag» Le« 14. Tiscäri 5667 (3. Oktober 1906). Ko. 39. 3NF* Des Sukkolh-Iestes wegen erscheint die nächste Uummer Ireiiag den 19. Oktober. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Sukkoth. — Juden und Judentum in Deutschland im Jahre 5666, von Maxim« Le Maitre- Frankfurt. — Unsere Jahresbilanz. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Sprechfaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Sukkoth. Schon längst ging die Rose sterben, und jetzt entbietet uns das halbverwelkte Laub seinen Abschiedsgruß. Der schrille Pfisf des Windes und der feuchte Morgennebel verkünden uns den Einzug des herbstes. Die frisch-froh-freie Munterkeit und milde Stimmung in der Natur und im Leben weichen allmählich, und ernste, schwere Herbststimmung zieht ein. Nicht mehr blinkt der Segen grüner Felder dem Menschen entgegen, und nur geräuschlos fällt der Blätter Herbstregen. zur Erde. Ein grauer, schwerer Ernst schwebt über dem öden Lande. Es nickt keine Lilie mehr auf dem Feld, es girrt nicht mehr so munter die Taube. Nur noch melancholische Töne entlockt die Natur ihrer Lyra. Es ist eine Melancholie, die uns an Vergehen erinnert. Es ist der feierliche Ton des ewigen Werdens. Inmitten dieser feierlich-ernsten Naturstim- Mung zieht das jüdische Sukkothfest — das Laubhüttensest — ein. Auch sein Einzug bedeutet einen Wechsel der Stimmung und des Gemütes. Nicht ist es jene ernst-schwere Stimmung des Neujahrs- und Versöhnungstages. Das Sukkothfest ist ein Freudenfest, ein Fest der frohen Stunde und der Befreiung. Sukkoth ist ein Fest der Befreiung, ein Freiheitssymbol. „Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen, denn. ihr habet in Hütten gewohnt." Die Sukko soll uns an einstige Knechtschaft erinnern, uns an alte Leiden mahnen. Blicke auf den letzten Tag zurück, und Du weist, was Du heute tun mußt. Und so ist das Sukkothfest ein Symbol der Befreiung und gleichzeitig ein Mahnruf. 7.'! Die <3ulto erinnert uns und mahnt uns. Seit Jahrtausenden wiederholt sich die Mahnung. Jude, SDr sollst kein Sklave sein, Jude, Du sollst nach. Freiheit streben. Knecht warst Du einst und wurdest befreit. Feiere diese Befreiung. Wir haben. einst in der Sukko, in der unbeständigen Wohnung gesessen, denn wir waren Sklaven im Exil und hatten keine ständige Wohnung. Es schlug die Stunde der Erlösung, wir kamen in Freiheit und zu Gebot ward es uns, dieses glückliche Ereignis,, dieses nationale Geschehnis immer und immerfort zu feiern. Es schwanden Jahre. Israel kam in sein Land und lebte dort glüMch. Es erfüllte Gottes heilige Gebote und feierte das Sukkothfest, ivie es ihm befohlen ward. Der Sukkoth war nur eine Erinueruiigs-, eine Gedächtnisfeier — das Gebot war für ewig und alle Zeiten. Und als auch Israel dem Feinde im Kampfe unterlag und ins Exil geriet, setzte eS doch fort, Zein Sukkothfest zu feiern. Und noch heute wird das Sukkothfest unter allen Himmelsstrichen, lvo Juden tvohnen, gefeiert. Aber welcher Unterschied in der Form von heute und dazumal! Zn jener Zeit, als Israel selbst seine Freiheit auf eigenem Boden gewann, tvar es nur eine Gedächtnisfeier, heute, Ivo wir schon seit Jahrtausenden selbst im Exil leben, heute, wo wir wieder selbst in unbeständigen Wohnungen leben, ist Sukkoth mehr als eine Gedächtnisfeier — es ist mehr, denn es ist auch eine Mahnung. Wir freuen uns im Sukkoth, daß wir die unbeständige Wohnung haben verlassen können, und wir sind heute selbst auf die unbeständige Wohnung angewiesen. Kann das Sukkothfest heute etwas anderes als eine Mahnung sein? Jude, Du warst einst Sklave und wurdest befreit,, gedenke jenes glücklichen Ereignisses; möge es Dir als Beispiel in anderen Lebenslagen dienen. Sukkoth ist auch eine Mahnung. Sukkoth fällt im Herbst — zu. einer Jahreszeit, in der jedes Geschöpf in der Natur seine unbeständige Wohnung verläßt und seine beständige Wohnung aufsucht. Uns mahnt die Natur, uns mahnt auch die Sukko. Und dieser Mahnruf ist Mahnruf nach Befreiung, ein Mahnruf, eine freie, beständige Wohnung auszusuchen! Juden und Judentum in Deutschland im Jahre 5666. Bon Llaximo Le Maitre - Frankfurt. (Schluß). Die Konzentrations-Bestrebungen der deutschen Juden ließen, als wir letztes Jahr an derselben Stelle die Ereignisse des Jahres 5665 besprachen, in uns den Glauben erwecken, als würde auch d'.e deutsche, speziell die süddeutsche Orthodoxie in unniittelbarer Bälde mit einem Sammeln der Kräfte in ihrem Lager beginnen. Unseres Wissens waren auch die Vorarbeiten zum Vollzug dieses bedeutenden Werkes, bereits in einem vorgeriickten Stadium begriffen, doch blieb das Werk unvollendet und die deutsche Orthodoxie befindet sich heute in dieser Beziehung nicht , besser als, im vorletzten Jahre. Es wäre immerhin kaum den Tatsachen entsprochen, wenn jenmnd behaupten wollte, die deutsche resp. die süddeutsche Orthodoxie habe im abgelaufenen Jahr garnichts geschaffen. Das Gegenteil davon ist wahr. Im letzten Jahre hat sie auf manchen Gebieten des jüdischen Lebens eine rege. Tätigkeit entfaltet. Wir erinnern nur an die Sabbatvereine, deren Gründung sie veranlagte. Ihre Wortführer haben ihr bestes getan, um ihre Verbreitung in den Weg zu leiten. Ihre Wortführer, das muß nian ihr schon nachsagen, sind Männer von Geist und Geschmack. Aber, wenn sie dennoch im Verhältnis zu den Anforderungen der Zeit und ihrer emsigen Arbeit so wenig bleibende Werte als Resultat aufzuweisen hat, so sind nicht etwa ihre Träger und Wortführer daran schuld, sondern das System, die ganze Konstitution des Judentunis, von der sie ausgeht. Mit Religionspolitik und religiösen Disputen ist heute nicht viel auszurichten. Die Gegensätze des Lebens sind heute gewaltiger und schärfer wie dazumal. Eine religiöse Auffassung der Dinge, sofern es sich um Männer von Bildung handelt, kann nur ein Ausfluß einer ganzen Weltanschauung sein, die alle die entgegengesetzten Erscheinungen des Lebens umfaßt und in deren Peripherie die Gegensätze des Lebens sich harmonisch anflösen. Bei der hochentwickelten sozialen und politischen Kultur unseres Zeitalters läßt sich wohl kaum von einem religiösen Weltbegreiscir unter Eleminierung aller anderen Erscheinungen des Lebens reden. Dazu kommt noch, der Umstand, daß das Judentum eine ganze Welt, eine selbständige Kultur bildet. Die süddeutsche Orthodoxie, so gut und löblich ihre Absichten sind, so verfehlt ist ihr Ausgangspunkt. Die dualistischeAuffassung des jüdischen SeiuswerteS, die scharfe Scheidung von Judentum und Judenheit, hat zu einem Spiritualismus auf der einen Seite und zu einem Exklusivismus auf der anderen Seite führen müssen, mußte sie von vornherein auf den Weg führen, dem sie jetzt folgen. Nicht etwa, daß wir das Volk als das primäre und seine Kultur als das sekundäre bezeichnen, sondern für uns sind gemäß der Lehre des Judentums „Aureiso kudscho berich hu wjisroel chad hu", die Judenheit und ihre Kultur ein Körper und eine Seele, die von einander nimmermehr zu trennen sind. Diese unsere Auffassung vom Wesen des Judentums ebnet uns einen Weg, der uns auch zum Volke führt und führen muß. Und gerade das Volk, unsere Gesamtheit, hat die Orthodoxie vernachlässigt. Diese Vernachlässigung der jüdischen Gesamtheit mußte sie zu einer Unproduktivität verdammen. Nur aus der ganzen Stimmung der Nation heraus kann das religiöse Bewußtsein gestärkt und gehoben werden. Tie Masse, die Gesamtheit schasst Stimmung und Leben. Nur ein vollständiges Einvernehmen mit unserer nationalen Gesamtheit kann die Orthodoxie neu beleben und ihr frische Kräfte zusühren. Daß sie heute keine produktiven Werte schafft, geht schon daraus hervor, daß seit Samson R. Hirsch s. A. die süddeutsche Orthodoxie kein literarisches Werk von bleibendem Werte geschasfen hat. Halövy, auf den sie mit Recht stolz sein kann, ist ein russischer Jude. Die deutsche Orthodoxie, wenn sie auch vor der Hand keine dauernden Werte schasst, verrät dennoch starke Lebenszeichen, da in ihr der Wille zum Leben vorhanden ist. Anders die Neologie. Sie ist an dem toten Punkt angelangt.