Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 38. Göttingen. Die Wabl des Herrn Dr. Sonderfing- Berlin zum Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde war, wie bereits üiitgeteilt, dom Ministerium nicht bestätigt worden, weil Dr. Sonderling österreichischer Staatsangehöriger ist. Ans eine nochmalige Eingabe ist nunmehr die B e st ä t i g n n g erfolgt, jedoch unter der Bedingung, daß Dr. Sonderling sich als Preuße naturalisieren lasse und als solcher der Wehrpflicht genüge. Aus den Vereinen. Berlin. Israel, Fortbildungsverein „M o ntefiorc". Mit Befriedigung kann der Verein aus'das eben abgelaufene Somniersemester zurückblicken. Die abgehaltenen Schiurim, welche unter der bewährten Leitung der Dozenten des Vereins der Herren Dr. Biber selb (Mischnah: Traktat Schabboth) und 'Dr. Wohlge in u t h (Hiob) stattfanden, erfreuten sich der regsten Anteilnahme seitens der Mitglieder. In dankenswerter Weise stellten sich dem Verein zur Abhaltung von Vorträgen zur Verfügung . die Herren: Edmund Levh (Die Bedeutung der jüdischen Pflichtenlehre), Jacob Möller (Judentum und Christentum), Gustav Hildesheimer (Neinbrandt und die Juden). Den Ausführungen der Vortragenden folgten die stets zahlreich erschienenen Zuhörer mit großem Interesse und gaben ihrem Dank durch lebhaften Beifall beredten Ausdruck. Der im Juni staitgesnndene Familienausslug nach Schloß Wannsee lieferte durch Beteiligung von über 300 Personen von neuem den Beweis, daß der Verein sich in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung Berlins der wärnlsten Sympathie erfreut. Auch für das Wintersemester haben wieder die Herren Dr. M n n f, Dr. Biberfeld, Tr. Wohlg e m n t h und Dr. Winter ihre Lehrkraft dem Verein zur Verfügung gestellt, und >vird der Lehrplan, der nach den Feiertagen in Kraft tritt, noch genau bekannt gegeben werden. Außerdem sind auch wieder Vorträge teilweise mit Disknssivn in Aussicht genommen. Andererseits plant auch die Geselligkeits- Kommission verschiedene Veranstaltungen, svdaß auch für den Winter eine allseitig zufriedenstellende Vereinstätigkcit erwartet werden kann, __ und dadurch eine gedeihliche Weiterentwickclung des 'Vereins zu erhoffen ist. Posen. Daß in Posen noch jüdisches Leben pulsiert, zeigt der Rechenschaftsbericht des Vereines Le sch an n Lim m n di in (Vorsitzender: Herr E. Rzeszewski), der die'Aufgabe hat, unter der herangewachsenen Jugend das jüdische Wissen, und zwar besonders die Kenntnis von Bibel und rabbinischen Schriften, zu fördern. Es wurden 663 (im Vorjahre 512) Lesestundcn, sowie ein Schiur für altere Herren- und Damenkrcise abgehalten. Außerdem fanden 12 Vorträge statt, die im Durchschnitt von 80 Personen, Damen und Herren, besucht waren. Die Bibliothek ist auf 904 Bände angewachsen. Basel. Ein Verein zur Unterhaltung einer j ü d. Bibliothek und Lesehalle ist gegründet worden. Es haben bereits 75 Personen mit einem Gesamtbeitrage von ca. 500 Frs. ihre Mitgliedschaft erklärt, ferner haben die Basel-Loge und die Zionistische Vereinigung einen Jahresbeitrag von je 100 Francs zugesagt, und außerdem wurde von privater Seite eine Spende von '200 Francs gegeben. Neben ihrem Jahresbeitrag will die Zionistische Bereinigung das neue Unternehmen durch Hcrgabe einer Bibliothek von 300 Bänden und eines Fonds von 1000 Fraucs fördern. Als Vorstand wurden gewählt: Dr. Werner Bloch (Präsident), Franz A r n st e i n, Sylvain B r u n s ch w i g , Dr. A. Cohn, I a c o b s o h n L. K ö n i g b a ch e r, Julius Meyer, Dr. L. Weil und Dr. E. W o r m s e r. G tunllklon. G Getrennt nnd Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Als der Morgen dämmerte war von dem schönen Palast nur noch ein Aschenhausen übrig. Grebvw's Leiche — halb verkohlt, doch die zwei Wunden, die Hulda ihm beigebracht, deutlich erkennbar — wurde mit großem Pomp bestattet. Rubens Hans wurde eingehend untersucht und verschlossen.; den Schlüssel nahm der Untersuchungsrichter an sich. Einen wahrheitsgetreuen Bericht über diesen gewaltsamen Tot konnte mau aus "gewissen Gründen nicht veröffentlichen — —; es wurde vielmehr so dargestellt, als ob er das Opfer der jüdischen Rache geworden sei-. Die Aufregung in der Stadt war ungeheuer. So etwas war ja unerhört --! Dieser tapfere Soldat, dieser wohltätige Mensch, der das Geld 'mit vollen Händen ausgestreut -- von einem Juden»,ädcheu meuchlings ermordet zu werden-! Und noch dazu diese Schlechtigkeit, den schönste» Palast iiy Tschernigow in Brand zu stecken —! Es war nur gut, daß man die Mörderin ersaßt und Frankfurter Israelitischer Famiüendlatt. die ganze Mordbrenner-Bande hinter Schloß Und Riegel gebracht — —! Ja, aber was haben. wir davon? Wer ersetzt uns das Geld, welches der arme, gute General so freiwillig uns gespendet --:-? Na, das soll die ganze Inden-Bande doppelt und dreifach büßen — — — es soll ihnen teuer zu stehen kommen-nnd mit Zinsen werden wir uns nehmen, was sie uns geraubt-—! Sie haben Geld genug-! Auf die Juden! Der Pöbel sammelte sich ans den Straße», und die Leidenschaft hatte bereits jene häßliche Höhe erreicht, >vo es von der Drohung zur Tat nur noch eines kurzen Schrittes bedarf. Es fehlte nur noch an einem Rädelsführer, und die Hetze wäre bald losgegangen-? Und in diesem kritischen Augenblick erschien auch ein Mann auf der Bildsläche, den man schon lange als „Kleinen Haman" in jüdischen Kreisen kannte. Er war bald von der Menge umringt, in der Erwartung, gerade in diesem Manne einen guten Wortführer zu finden —--. „Ruhig, lasset hören, was Stenko Jablvwsky zu sagen hat. Er kennt ja die Juden am besten!" so ging es bald von Mund zu Muiio. Er wurde auf eine leere Kiste gehoben, damit jeder ihn gut sehen und hören konnte. Jablvwsky gehorchte widerwillig: er sah bleich nnd müde ans, und seine Angen verrieten eine Aengstlichkcit, wie man sie bei diesem notorischen Hetzer nicht für möglich gehalten hätte. „Sprechen; Jablvwsky soll sprechen," rief die Menge ungeduldig, als er zögernd da stand; ,,er soll uns sagen, ob nicht die Juden den guten General ermordet!" „Sie haben ja auch Christus erschlagen, und jetzt wollen sie ein Gleiches mit uns machpn!" rief eine laute Stimme aus der Mitte. Jablvwsky kannte diese Stimme; cs war die des fanatischen Popen, seines ehemaligen Bundesgenosse» gegen die Juden-- nnd darum hielt er es an der Zeit zu sprechen-. Er gab sich, einen energischen Ruck und winkte der Menge zu schweigen. „Brüder," begann er, „wenn es sich Herausstellen sollte, daß General Grebow einem gemeinen Mord zum Opfer gefallen ist, dann könnt Ihr mit Sicherheit darauf rechnen, daß 'sein Blut gerächt, bitter gerächt werden wird; es sei Jude oder Heide —. Aber, für das Verbrechen eines Einzelnen andere Unschuldige bestrafen, oder gar Blut vergießen, nein, das wollen wir nicht — —i Ihr wisset doch, daß ainter den Inden hier keiner . . . ." Er konnte nicht weiter sprechen; ein drohendes Murren erhob sich ans allen Seiten, und der Pöbel zeigte sich enttäuscht nnd unwillig. „Und wenn sie nicht alle den General erschlagen, dann verbergen sie den Mörder uird machen sich darum zu Mitschuldigen — —!" ließ sich die kreischende Stimme des Popen vernehmen. „Jawohl, der heilige Vater hat recht! Die Juden verstecken die Mörder, nnd darum müssen alle bestraft werden — —!" „Die Schuldigen sollen der verdienten Strafe nicht entgehen! Aber, so wahr ich ein Christ bin, Unschuldige sollen nicht darunter leiden! Ich'werde die Sache im: Auge behalten, und wehe dem, der sich zu irgend einer Gewalttat hinreißen läßt!" protestierte Jablvwsky energisch. . „Unschuldige Juden-!" bemerkte der Priester höhnisch. „Heiliger Vater, wollen Sie etwa das Amt des allivissendcn Richters sich aumaßen? Gelüstet es Ihnen durchaus Nach Menschcnblnt?" fragte der Rechtsanwalt scharf. „Haben wir nicht vor einigen Jahren ein Gleiches getan, und gerade auf Ihr Geheiß — — gab der Pope gehässig zurück. „Wie mir scheint, wollen Sie sich heute als ein sanftes Lämmchen aufspielen und den Teufel beim Schwanz festhalten — —!" Einen Augenblick war Jablowsky sprachlos im Beivußtsein der Niederträchtigkeit, die er damals in Gemeinschaft mit diesem Priester ausgeübt, um Niiben zu ruinieren. Jetzt aber standen sie sich als Feinde gegenüber, und ihre Blicke trafen sich wie Dolchstiche. Jablowsky sah auf die Menge, die schadenfroh lächelte, nnd bei dem Gezänk dieser vorirehmen Herren sich köstlich amüsierte. Das 'gab ihm neuen Mut'; er erkannte daraus, daß der Zorn verraucht, nnd somit die Gefahr vorüber war; auch er lächelte darnin und beschloß, seinen Gegner mit einer Waffe zu schlagen, die diesen gänzlich kampfunfähig machen sollte. „Heiliger Vater," sprach er mit schlauem Angenzivinkern, „warum wollen Sie einen Sünder verspotten, der seine Missetaten bereut, nnd sie wieder gut machen will? Und wäre es nicht einem Priester der Liebe mehr angeniessen, wenn er selbst das tun möchte, was er andern so oft vorpredigt —?" Seite 5. „Er hat Judengeld gekostet," murmelte der Pope, beschämt davongehend. „Sehet nur, >vie zerknirscht er ist — —! Gewiß geht er jetzt in die Kirche, nin für uns alle z» beten;" rief ihm Jablowsky spöttisch nach. Die Menge brach in ein schallendes Gelächter aus. Als Jabloivsky seiueu erhöhten Stand verließ, ging auch das Volk ruhig auseinander; das Volk, das stets ebenso willig ist, der Stimme der Vernunft Gehör zu schenken, als durch wilde Aufreizungen zu Ausschreitungen sich hinreißen zu lassen. Jabtowsky's plötzlicher und unerwarteter Gesinnungswechsel findet eine Erklärung in einem psychologischen Vorgang, der wohl selten, doch nicht so vereinzelt ist in der rätselhaften Menschennatnr. Der Mann hatte vor kurzem erst 'das Krankenlager verlassen, das beinah sein Totenbett geworden wäre, nnd wo er wochenlang mit dem unheimlichen Gast gekämpft und gerungen. Als Junggeselle war er nur auf die Dienste seines alten Iwan angewiesen, der, die Krankheit seines Herrn sich zu nutzen machend, überhaupt nicht mehr nüchtern wurde; und so lag Jablowsky mit seinen fieberhaft erregten Gedanken, einsam und allein, die Tage und Rächte hindurch, und hatte genügend Zeit, über seine nicht ganz makelfreie Vergangenheit nachzndenken. Als das Fieber am höchsten war, nnd Iwan, wie gewöhnlich mit der leeren Schnapsflasche zu seinen Füßen, seinen Rausch ansschlief, da wußte Jablowsky, den eine innere Glut fast verzehrte, sich nicht anders zu helfen, als mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft sich 'zum Fenster zu schleppen, und durch das Zerschlagen einer Scheibe die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen. War es nun Zufall oder göttliche Vorsehung-genug, es war eine jüdische Frau, die gerade! vorbei kam, und durch sein, Stöhnen veranlaßt, kurz entschlossen durch "das Fenster ein- . stieg, um dem Kranken Linderimg zu verschaffen, so weit sie es vermochte. Sie kam auch täglich wieder und pflegte ihn, bis er das Bett verlassen konnte. Während 'seiner Fieberphantasien glaubte er in seiner Pflegerin die verstorbene Frau seines Totscindcs Pakarow zu erkennen, und die Erinnerung an feine damalige Schandtat setzte sich in seinem Geiste so fest, daß sie ihm auch, als er schon wieder bei Verstand war, solche Folterqualen bereitete, daß sein einziges Gebet darin bestand, wenigstens noch so fange leben zu können, bis er das gut gemacht, was noch'gub'zu machen war-. Heute nun fühlte er sich kräftig' genug, um zum ersten Male ausgehen zu können, und da vernahm er durch die Frau, die noch immer zu seiner Pflege kam und jeden Lohn grundsätzlich abgelehnt hatte, von dem schwere» Unglück, das Rüben betroffen hatte. War dieses nicht ein deutlicher Fingerzeig, daß sein inbrünstiges Gebet Erhörung gefunden? Wölite ihm nicht 'der allversöhnende Gott Gelegenheit gebe», wenigstens einen Teil seines Verbrechens zu sühnen, um sein schwer belastetes Gewissen zu erleichtern?'Er war fest überzeugt, daß der sinnlich-lüsterne Grebow irgend einen Schurkenstreich begangen, den er mit dem Tode gebüßt, und .als er hörte, daß Rnbcn und seine Familie sich in den Händen der Polizei befand, war: er fest entschlossen, sein ganzes Ansehen und Können zu Gunsten der Gefangenen zu verwenden; ungesäumt wollte er die nötigen Schritte tun, um seinen Entschluß zur Ülnsführnng zu bringen. Aus dein Wege zunl Gerichtsgebäude sah er die aufgeregte Menge und hörte, was sie im Schilde führte. Sofort kam ihm der Gedanke, hier schon der Gesamtheit das Gute zu lohnen, das er durch die einzelne arme Frau empfangen. Mit welchem Erfolg haben ivir ja gesehen, und darum fühlte er die freudige Zuversicht in sich, daß auch, die andern guten Vorsätze ihm gelingen werden. (Fortsetzung folgt.) Offenbacbtr Druckluft=Jlnlagt Telefon 123. Offenbach a. M. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichreinigung. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 29. September: Jaum-Kippur. Jaum - Kippur - Anfang in Frankfurt am Main 6 Uhr 10 Minuten. Jaum - Kippur - Ende in Frankfurt am Main 6 Uhr 50 Minuten. Am Freitag ist „Erew-Janm-Kippur“. Vermehrte Seiichausgebete vor dem Morgengebet. Dieses Jahr auch „Ovinu malkenu“ des Morgens, weil Freitag. Kein Tachanun. kein Lamnazeach. Man Pflegt.Kaporaus zu schlagen". Weitverbreiteter Brauch, jedoch keine ausgesprochene Pflicht! Verschiedene Gründe, warum Hühner dazu verwendet.