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Neue jüdische Presse · 1906-09-28 · Heft 38 (28.9.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 38 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. scheu Kreisen kolportierte Gerücht, daß>eine dem Funktionär zugedacht gewesene Ernennung zum Vorsitzenden des Berufungsgerichts in letzter Stunde zurückgciiommen worden sei, weil die Beisitzer des betreffenden Senats erklärt hätte», unter einem jüdischen Präsidenten nicht zn votieren. Diese Mitteilung wurde von offizieller Seite dementiert. Landesgcrichtsrat Dr. Eoldmann hat in seinem Pcnsionsgcsuch als Motiv seines Rücktrittes Krankheit angegeben." Wien. Von einer Reihe Synaaogen-Ein- Weihungen in der österreich-ungarischen Monarchie habe ich diesmal zu berichten. In Brünn wurde eine zweite Synagoge cingewciht. Das ncnerbante Gotteshaus, das am Thcresienglacis steht, ist im romantischen Ltile gebaut, enthält 600 Sitze und erforderte einen Kostenaufwand von. ungefähr 170000 Kronen. Die Festpredigt hielt Herr Rabbiner Dr. Lcvy. Das von etwa 400 jüdischen Familien bewohnte J-aslo (Galizien) entbehrte infolge ungenügender Geldmittel bisher einer'Synagoge. Dank der Energie einiger Herren aus den, Knltusvorstande ist der Bau einer solchen zur Ausführung gelangt, und fand vorige Woche die Einweihung des mit 200000 Kr. Kosten errichtete» und modern ausgcstattctcn Gebäudes .statt. Rabbinatskandibat Emanucl Bresnitz, Sohn des dortigen Rabbiners, hielt die Rede bei der Einweihung der nenerbautetl Synagoge der autvn. orthod. Israel. Gemeinde zu S z e m p c z (Ungarn). Der Neubau ist hauptsächlich Herrn Daniel Dukes zu verdanken. Baden. In der seit dem Jahre 1846 bestehenden Todesko'schcn Anstalt für unbemittelte Kurgäste erhielte» in der letzte» Saison 28 Israeliten und 20 Nichtisracliten freie Unterkunft und Bäder. Die ärztliche Behandlung versieht derzeit Tr. Schreiber. Die rituelle Kost verabreicht seit Jahren in vorzüglicher Weise Frl. Minna E i ch n c r ans Rechnung der Nanettc Schlcsingerscheu Stiftung. Früher wurde auch ein Teil der Nichtjnden von dieser Stiftung bedacht, doch zeigten sich hierbei gewisse Unzukönniilichkeiten, wie sie die moderne konfessionelle Hetze mit sich bringt, so das; die Nichtisracliten gegenwärtig in einem anderen Restaurant verpflegt werden. Acht Personen erhielten diese Verpflegung, während in 'der vom Wiener Magistrat geleiteten Anstalt, bei einer Zahl von zirka 1000 Personen während der diesmaligen Saison, ein einziger Jude aus dem Wiener Versorgungshausc als Pfründner Aufiiahinc fand. Budapest. Die Bibliothek eines Rabbiners ist ünpfändbar. Gegen einen ungarischen Bezirksrabbincr wurde vor einiger Zeit auf Grund eines rechtskräftigen Urteils die Pfändung geführt. Unter anderem wurde auch die Bibliothek des Rabbiners mit deni PfändnngSsiegcl belegt. Auf einen Rekurs des Rabbiners gegen die letztgenannte Verfügung entschied nun die Fünfkirchencr königliche Tafel, daß die Bibliothek eines Rabbiners zn dessen Berufstätigkeit unerläßlich und daher nicht pfändbar ist. Die Gerichtsspcrrc über die Bibliothek wurde daher aufgehoben. ' Budapest. Die hiesige israelitische Kultusgemeinde beschloß, einen Weltkongreß aller jüdischen Gemeinden nach Budapest einzuberuscn behufs Beratung von Schritten, damit die Mächte zugunsten der russischen Juden intervenieren. Ledeuburg, 21 Sept. Eine Spende für die russischen Juden. Weingroßhändlcr Bictor Klaber, ein bekannter Wohltäter, spendete anläßlich des Rauschhaschonoh-Gottesdiciistes 10,000 Kr. für die unterdrückten Inden Rußlands. § Krakau. Wir hatten bereits von der scharfen Gegnerschaft berichtet, die das von Herrn. Dr. Jung gegründete jüdische G y m nasium von seiten der Chassidim und der Assiniilaiijan findet. Die einen bekämpfen cs, iveil sie jede lveltliche, und die andere», weil sic jede jüdische Bildung hassen. Es .werden die unglaublichsten Anstrengungen gemacht, ein Institut, das gute Inden erziehen will, zu unterdrücken. So wurde einem Restaurateur, der seinen Sohn angemeldet hatte, von den -Chassidiin mitgeteilt, daß er, wenn er die Anmeldung nicht sofort zurückziehc, als rittiell unzuverlässig erklärt werde. Schule und Kinder werden ans dein Schulwege verhöhnt. Die Assimilaiiten wirken hauptsächlich durch die Presse gegen die ihnen so unbequeme Schule. — Und doch wird Chassidim und Assimilaiiten ihr Kampf auf die Dauer nichts nützen. In der galizischcn Judcnheit geht seit cincin Jahre eine große Veränderung vor. Die imposante Kundgebung von 400 Volksversammlungen an einem Tage wegen , der nationalen Kurie hat bereits gezeigt, baß neue Zeiten g e k o m in c n sind. Die Jugend steht im Zeichen des Zionisinus! Schweiz. Basel. Das von dem Hilfskomitee für jüd. Auswanderer errichtete Auskunftsbureau (hinter dem Zentralbahnhof, Hochstr. 81) zeigt den Passanten mit einem, großen Schilde in deutscher und hebräischer Sprache den Sitz des Bureaus an, in dem ständig zwei Beamle den um Rat vorsprechcndcn Auswanderern unentgeltlich die gewünschte Antwrot erteilen. Jir der ersten Woche seines) Bestehens hatte das Bureau bereits etwa 40 Auskünfte zu erteilen. Neben dem Erteilen von Ratschlägen und Auskünften befaßt sich das Bureau auch .Frankfurter Israelitisches Familienblatt. mit dem Umtausch fremder Geldsorten zun! vollen Tageskurs für die arincn Answanderer. Von den Mitgliedern des Hilfskomitces versieht abwechselnd für 14 Tage ein Mitglied den Dienst im Bureau. Neben den Räumlichkeiten des Bureaus befindet sich das in den Fabrikhallen der früheren Basler Maschinenbaugesellschast 'eingerichtete E in i g r a n t e n - A s y l, in dem nunmehr alle 'Auswanderer untergcbracht werden. Weite Speisehalle, Badceinrichtnng, Schlafsäle sind hier zur größten Bequemlichkeit der Wandernden nntergebracht, die dieselben kostenlos benützen können. Rußland. Petersburg. Der PoUzeickef des 1. Bezirks der Stadt Bjalostok, Sch e r e in e t j e w, welcher an der Organisation des dortigen jüngsten Pogroms stark beteiligt war, hat jetzt einen Posten in der Petersburger Polizei bekommen. Also eine A u s z c i ch - n u n g! Petersburg. Konfisziert wurde die No. 35 der Zeitung „Jewreiskaja Schisen" (Jüdisches Leben). Untersagt wurde das weitere Erscheinen der Zeitung „Nasche Slowo" (Organ des „Bund"). Petersburg. Der Bildungs-Minister hat gestattet, daß dieses Jahr dic.K i e w e r U n i v e r s i t ä t 180 Juden aufiiiimnt. Siedler. Es/.sind über das Siedlccer Blutbad noch einzelne Einzelheiten nachzntragen. Raub und Mord der Militärbanden waren nur gegen die Juden gerichtet. Die Christen hatten Heiligenbilder an die F e n st e r und Türe» gestellt und waren so geschützt. In dem Hause eines Herrn Ritter in der Floriansei-Gasse wohnen bis ans einen Inden, der ein einziges Zimmer inne hat, nur Christen. In sämtlichen Fenstern des Hauses mit Ausnahme des Fensters des Juden standen Heiligenbilder — und nur das Zimmer des Juden wurde zerschossen. Die ch r i st l i ch e Bevölkerung i» 'Siedler stand den Schandtaten durchlvcg gleichgültig gegenüber. Amerika. New-Bork, 25. Sept. Auf dem Postamt in Philadelphia entdeckte man eine Höllen- '» a s ch i n c für Jacob Schiff. Sie enthielt eine jüdische Neiijahrskarte, «chießpnlver und Kugeln. Die Konstruktion war jedoch mangelhaft. Palästina. Jerusalem. Die Wahl des neuen C h a ch a m Basch i. Das Franzosentnm hat gesiegt! Der französisch redende Ehacham ist heute, wie vorausznschen war, im Beisein des Gouverneurs und einiger Effendis zum Ehacham Baschi proklainiert worden. So hat ein Mann, der nur noch dein Namen nach Jude ist, sonst aber längst mit dem Jndcntnme gebrochen hat, der überdies noch die Unverfrorenheit besitzt, sich dessen öffentlich zu brüsten, daß er Nichts von Torath-Moscheh hält, an Gott nicht glaubt — die hl. Stadt mit einem Oberrabbiner nach seincni Geschmack beschenkt. Das; die Wahl zumindest nach jüdischem Gesetze nicht legal war, erhellt schon aus dem Umstande, daß sich die Regierung von vornherein in die Angelegenheit cingeinischt hat. Vielen wurde nnt allem Möglichen und Unmöglichen — wenn es hierzulande noch überhaupt etwas Unmögliches gibt — gedroht, falls sie sich nicht ruhig verhielten, andere der Gegner setzte man aus's Kühle, noch andere wieder hielten sich die ganze Zeit über in ihren Wohnungen verschlossen; denn so sich einer von ihnen ans offener Straße blicken ließ, wurde er straflos von gedungenen Müßiggängern ans's gröblichste insultiert, der Pöbel aber war auch schon dadurch gekauft, daß er überhaupt zur Wahl zugclasscn 'ward. Zu dem Terrorisieren der Menge, das beispiellos dastcht in der Geschichte der Inden Jerusalems, kommt noch folgender Kunstgriff hinzu, der so eigentlich ausschlaggebend war. Die Aschkenasim türkischer Staatsangehörigkeit hatten von jeher das Recht, sich an der Wahl des Ehacham Baschi zu beteiligen, obschon sie durch Bräuche und Verwaltung eine eigene Körperschaft bilden. Wie nun in allen Gewissensfragen, erwiesen sich auch hier die-Aschkenasim — bis auf wenige käufliche Kreaturen — unzugänglich. — Da sic nun die Majorität gebildet haben würden, wenn sie zur Abstiminnng zngelassen worden wären, so hat man ihnen die Alternative gestellt: sich .entweder des Wahlrechts zu begeben oder aber widrigenfalls auf ihre Scparatverwaltung zu verzichten, d. h. sie müßten sich in diesem Falle ganz den Sephardim anschließen. Natürlich blieb ihnen unter solchen Umständen keine andere Wahl, als auf ihr Wahlrecht zu verzichten. Was Wunder also, wenn cs nicht anders kain, als erwartet wurde. Noch geben aber die besseren Elemente der Gcincindc die Schlacht nicht verloren. Denn noch hat der Konstantinopeler Oberrabbincr die Wahl nicht gntgcheißen, und solange dies nicht geschah, kann die Wahl — mit mit dem neuen Ehacham Baschi zu reden — nichts als fait accompli angesehen werden. Damit etwa aber dieser nicht überrumpelt werde, begaben sich zwei angesehene Chachämim nach dort, um ihn über den. wahren Sachverhalt aufzuklären. Hoffen wir nun, daß ihre Mühe nicht umsonst sein wird. Im Interesse der hl. Stadt ist es ihnen von Herzen zu wünschen. Haamitti. Nr. 38. Personalien. Berlin. Der Senior-Chef der Firma G. Gottheymer, Neuer Markt 17, Herr Gabriel Gotthey mer, feierte am 16. d. Mts. mit seiner Gattin das Fest der goldenen Hochzeit. Seit 36 Jahren leitet Herr Gottheymer das bekannte Woll- und Ltrumpfwaren-Geschäft und steht demselben trotz seines hohen Alters noch heute rüstig vor. Berlin. Zum Prolektor am Krankenhali s e A m F r i e d r i ch s h a i n wurde der Privatdozent für pathologische Anatomie an der hiesigen Universität Dr. Ludwig Pick gewählt. Dr. Pick war 1892—1899 Leiter der pathologisch-anatomischen Abteilung der Klinik von Professor Dr. Landau und seitdem Privatdozcnt. Seit 1904 ist er Prosektor des Krankenhauses der jüdischen Geineinde zn Berlin. Nürnberg. Der Kunstbesttzcr E.ugen Mayer wurde znin königl. bayer. Kommerzienrat ernannt. Göttingen. Geh. Medizinalrat Proseffor Wilhelm E b st e i n tritt, um sich, zur Ruhe zu setzen — er wird in einigen Monaten 70 Jahre alt —, mit Beginn des Wintersemesters von seinem Lehra in t z u r ü ck. (k.) Posen, 19. Srpt. Der Königl. Kommerzienrat Adolph Kantorowicz, der am 12. Jan. d. I. unter Teilnahnie der Königlichen, Provinzial- und städtischen Behörden, sowie weiter Kreise der Bürgerschaft Posens sein silbernes Jnbilänni im ehrenamtlichen Dienste der Stadt Posen beging, ist gestern gegen Abend nach kurzein Krankenlager g e st o r b e n. Bor zwei Tagen erkrankte er an Herzkrämpsen, die gestern mit einem Herzschlage endeten. Der Verstorbene war am 16. November 1836 geboren, hätte demnach in einigen Wochen seinen siebzigsten Geburtstag begehen können. Er war Begründer der bekannten Eisenwaren-Engros-Firina Adolph Kantorowicz, aus der er gelegentlich seines fünfzigjährigen Bernfsjubiläuins am 1. Juli 1904, nachdem er die Firma zn nngeahntcr Blüte gebracht hatte, ausschied. Kommerzienrat Adolph Kantorowicz bekleidete über ein Vierlcljahrhnndert eine Reihe städtischer Ehrenämter, und zwar zunächst als Stadtverordneter, darauf als unbesoldeter Stadtrat. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er zum Provinzinllandtagsabgeordneten der Stadt Posen bei der Errichtung des Provinziallai, dtagcs gewählt und gehörte ihm seit dieser Zeit nnnnterbrochen an. Zahlreichen gemeinnützigen und Wohltätigkeitsvercinen gehörte er gleichfalls als Vorstandsmitglied an. In allen diesen Stellungen hat er mit regem Eifer und großer Hingebung gewirkt, sein Andenken ivird daher in westen Kreisen der Stadt Posen fortleben. Krojanke (Posen). Zum stellvertretenden B ü r g e r m e i st c r ist der Kaufmann Cohn gewählt Ivorden. Höchberg lBayern). Die hiesige Gemeinde-Berivaltung hat Herr L e o p. S o n n e in a n n - Franksnrt a. M., der hier geboren ist, in dankbarer Ancrkeiliiung seiner Verdienste uni Höchberg znm Ehrenbürger ernannt. Die Gemeindeverwaltung übersandte Herrn Sonncinann dieser Tage mehrere, zu einem Eesaintbilde vereinigte Ansichten Höchbergs, sowie eine Photographie seines Geburtshauses, mit dem Wunsche, daß die Gabe ihm und seiner Familie eine stete angenehme Erinnerung an seinen Geburtsort bieten möge. Manchester. Aldermann Frankenburg ist wieder zum L o r d m a Y o r von Salford gewählt worden. Aus der Lehrerwelt. (t.) Darmstadt. Als Nachfolger des pensionierten Herr» Rabbiner Dr. Sclver kommen voraussichtlich die Herren Dr. R o s e n z w e i g - Berlin und Dr. Baron- Hoppstätten in engere Wahl. Höchberg lBohern). Der Bericht aber das 66.^ Jahr der Israel. P r ä p a r a n t e n sch n l e (Leiter: Herr Hauptlehrer N. Eschwege) enthält einen geschichtlichen Rückblick über die israelitische Genicinde Höchberg und über die Schule. Die israelitische Geineindc Höchberg, die heute nur nych aus 5 Familien besteht, von denen 4 durch die Anstalt hier wohnen, zählte früher zu den größten der Umgegend; sie war so angesehen, daß man sie „Klein-Frankfurt" nannte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts besaß die Geineinde 18 Thorarollen. Die noch benutzte Synagoge ist vermutlich 1661 erbaut worden; sie zeigt inilen eine gediegene, vornehme Ausstattung, die teils in Renaissance-, teils in Barockstil gehalten ist. Als anfangs der '40cr Jahre des vorigen Jahrhunderts sich die Gemeinde so verringerte, daß sich häufig an Wochentagen nicht mehr ein Minjan für den Gottesdienst 'zilsaininenbringen ließ, da sammelte der damalige Rabbiner Lazarus Ottensoser s. A. leriibeflissene Jünglinge um sich und legte so den Grundstein zur Präparaiibeiischüle. Schon 1856 sah er sich veranlaßt, eine weitere Lehrkraft anzustellen, die er in Rabbi I. M. Schüler-Antenhausen s. A. fand, an dessen Stelle nach einem Jahre Rabbinatskandidat Jacob Ehrcnrcrch-Autenhausen trat. 1861 erfolgte die Genchlnigung der Regierung als Präparandenschule (die staatlichen analogen Anstalten sind erst 1866 errichtet worden). Es sind in den 66 Jahren ihres Bestehens von der Präparandenschnle über 700 Jünglinge herangebildet worden.

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