Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Leben. Und warum soll auch nicht einem Vorsteher, einem israelitischen Gemeindevorsteher in Deutschland das behagen, was einem französischen Standesgenossen angenehm war? Indessen die Verstaatlichung war ihr guter Wille, ob sie auch nackte Wirklichkeit wird, ist eine diskutabele Frage. Der Geist der Zeit, das Volk und die öffentliche Meinung ist gegen den „Rosinismus". Ein Ausfluß der Konzentrations-Bestrebungen der deutschen Juden nach außen machte sich dieses Jahr in noch einer andern Hinsicht in erquicklicherer Art bemerkbar. Als sich im Oktober vorigen Jahres die Pogrome wie eine Lava über die Judenghettis in Rußland ergossen, da hielt es das zionistische Aktionskomitee für seine Pflicht, alle jüdische Organisationen zu einer Konferenz in Brüssel einzuladcn, um über die Lage zu beraten und zeitgemäße Maßregeln zur Linderung des Elends zu treffen. Die Alliance, — die gut französische Alliance — und die millionenschwere Jca lehnten die Teilnahme an der Konferenz ab, während das deutsche Institut vom selben Genre seinen Obmann und begabten Führer Herrn Dr. Nathan als seinen Repräsentanten zur Brüsseler Konferenz delegierte. Wenn die Tätigkeit und Handlungen; des Hilfsvereins deutscher Juden für die Beurteilung der inneren Lage der deutschen Juden maßgebend ist, so muß man allerdings einen erfreulichen Fortschritt auf dem Wege der Nationalisierung feststellen. Was der Hilfsvercin deutscher Juden und in diesem Falle die gesamte deutsche Judenheit nach den schrecklichen Oktobertageu für die von Pogroms schwer heimgesuchten russischen Brüder getan, war mehr als eine Almosengeberci. Aus allen deutschen Gauen, wo nur Juden ansässig sind, vernahm man zu jener Zeit bewegte Stimmen brüderlichen Anteiles und brüderlichen Mitgefühls. Jener unglücksvolle fluchbelastete Moment war auch von einer großen nationalen Demonstration begleitet. Die Welt sah wieder einmal, daß trotz Taufrabbis, Assimilanten und polizeifreundlichen Gemeindevorstehern, die jeden Tag ihr Germanentum demonstrieren, das jüdische Volk in seiner Ganzheit noch lebt, daß die inneren Bande noch nicht zerrissen sind. Jetzt mehr denn je zeigt sich die nationale Tendenz im Handeln der deutschen Juden, besonders in der Tätigkeit des Hilfsvereins deutscher Juden. Der Hilfsverein deutscher Juden errichtet Schulen in Palästina und führt das Hebräische als Unterrichtssprache ein. Seine ganze Tätigkeit in Palästina trägt einen ausgesprochenen nationalen Charakter und sein Wirken im Lande weist die ersten Anzeichen schärferer nationaler Tendenzen auf. Dieses Symptom der Nationalisierung ist aufvielen Gebieten der Tätigkeit der deutschen Juden zu bemerken. Wer aber den Prozeß genau beobachtet, der wird vor allem sagen, daß er nicht katastrophal vor sich geht. Das Umsichgreifen des Antisemitismus, die Reaktion und der Druck von oben, die Lage der russischen Juden und ein zehnjähriges zionistisches Mahnen haben die deutschen Juden in diese Geleise gebracht. Daß der Antisemitismus eher zuwie abnimmt, steht außer Frage. Was man nur sagen kann, ist, daß er sich vielleicht etwas verfeinert, europäische Formen angenommen hat, aber eben in dieser seiner Verfeinerung steckt seine Gefahr. Nicht Stöcker und Pückler, sondern Huston Chamberlain ist heute sein Wortführer und Träger. Aus diesen einzelnen Momenten bildet sich die nationale Tendenz der deutschen Juden. Mit der Bildung und mit dem Umsichgreifen der nationalen Tendenz der deutschen Juden ist das Wachsen einer realen Volkspolitik und ein Wunsch, dauernde nationale Werte zu schaffen, zu bemerken. Bon der Tätigkeit des Hilfsvereins deutscher Juden war oben die Rede: wir wollen hier auch die Tendenz der bewußten Nationaljuden in Deutschland feststellen. Nach dem siebenten Kongreß schien es, als wollten die deutschen Zionisten dem rabiaten Ussischkin nachjagen. Nach einem heiß geführten Kampfe auf beiden Seiten kam es jedoch zu einer Mäßigung von beiden Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Seiten und damit zu einer Verständigung. Das ist eine glückliche Wendung der Dinge. Ohne die Dranfgängcrpolitik Ussischkins mitzumachen, unterhält das Aktionskomitee, dessen Sitz bekanntlich Köln ist, die von Herzl angcknüpften Beziehungen zu der Pforte und zu einflußreichen Politikern, und wenn auch damit vor der Hand dem Volk in keiner Weise geholfen ist, kann es doch zumindest im Bewußtsein leben, daß seine Führer seiner nicht vergessen und cs, wenn auch langsam, aber doch sicher zum Ziele führen. (Schluß folgt.) Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr (5666. II. Jede tiefgehende historische Umwälzung greift tief in alle Lebensgebietc ein. So haben denn auch in Rußland Revolution und Kontrercvolutivn der sonst schon traurigen Lage der russischen Juden einen Stoß gegeben, wie er schlimmer kaum gedacht werden konnte. Das öffentliche jüdische Lebe» in Rußland ist verwüstet, viele seit Jahrzehnten mit Mühe zusamincngetragenc Güter sind vernichtet und zerstört, und keine Aussicht ist vorhanden, daß sobald wieder geregelte Verhältnisse eintreten werben. Dieser Zustand mußte ein Erschlaffen aller ideellen Kräfte inr Volke zur Folge haben. Die hebräische Literatur, die mit der nationalen Regeneration so üppig-emporwuchertc, weist einen Stillstand auf. Männer wie Bialik, Achad-Haam, Tschernichowsky, Barditschcwsky, Zcitlin n. a. bedeuten Kapital in jeder Literatur; aber das Volk hat jetzt keine Zeit, seine Dichter und Denker zu höre», für sein tägliches Bedürfnis genügt ihm die Jargonpresse, und da das Gros der Masse für nationale Zukunftswerke jetzt nicht zu haben ist, so ist eine Zurückdrängung der hebräischen Sprache und Literatur unvermeidlich. Dazu gibt es noch Leute, allerdings gerade nicht die einsichtigsten und würdigsten, die den Moment ansnutzen wollen, um das Hebräische systematisch zu verdrängen. Doch diese» hält eine kleine Gruppe Hebräisten das 6!egegcngewicht — die Organisation der „Jvria" nämlich, mit ihrem Dr. Klausner an der Spitze — die freilich langsam aber sicher im Dienste der hebräischen Sprache weiter arbeitet. Alle anderen Faktoren des geistigen und sittlichen Lebens der Nation sind von der Revolution halb brachgclegt, halb vernichtet. Die Erziehung ist mehr als vernachlässigt und die Orthodoxie begeht ihren alten Fehler, alles dem Himmel zu überlassen und nichts zu tun, was ihre Znknnft sichern soll. Die Ausrufung eines Taanis ist zwar, eine religiöse und auch eine nationale Demonstratio», aber mit dem Taanis allein ist nichts getan. Die Orthodoxie hat viel verschuldet, indem sie bis jetzt untätig war, und ein weiteres laues Verhalten ihrerseits wird geradezu einem Verbrechen glcichkoinmcn. Die von der Orthodoxie vernachlässigte Jugend ist heute der Krebsschaden der russischen Judenheit. Ohne Autorität und Disziplin erzogen, maßt sich heute jeder junge Bursche, der einige jargonische Broschüren gelesen und nicht verstanden hat, an, ein Führer zu sein und die Welt zu verbessern. Die wenigen Führer, die der Lage vielleicht gewachsen wären, stehen der allgemeinen Anarchie machtlos gegenüber. Die zionistischeil Führer haben alle Hände voll zu tun, um das langjährige Werk über Wasser zu halten und das Schisflein der Organisation durch die gefährliche» Wasser der Revolution zu führen. Sanktionierte, autorisierte Führer gibt es nicht, seitdem man die Dj,una anscinandergejagt hat. Ein Teil der jüdischen Dumaabgeordneten befindet sich im Auslande und ein anderer Teil gibt sich nur mit allgemein-russischer Politik ab. Die jüdische Frage geht sie nur so weit an, sofern sie ein Teil der allgemeinen Frage der russischen Zustände bildet. Aus diesem Grunde habe sie auch ihre Beteiligung an einer jüdischen Fraktion in der Duma äbgelehirt. Nur die fünf zionistischen Delegierten waren es, die eine Lösung der russischen Judenfrage im nationaljüdischen Sinne zu verteidigen gehabt hatten. Aber sie kamen nicht dazu, und die aus liberalen Männern zusamniengesehte Duma hatte in der ersten Zeit sich mit zu vielen allgemeinen Fragen, die die ganze Bevölkerung Rußlands angehen, zu beschäftigen, als daß sie sich mit der Frage dieses oder jenes von der Zarenknute gepeitschten Bol- _Nr. 38. kes hätte abgeben können. Es ist auch in der Haltung der Duma der Judenfrage gegenüber manches zu kritisieren, aber das würde uns hier zu weit führen. Doch sei gesagt, daß sie beim besten Willen, wenn sie auch nicht anscinandergejagt worden iväre, den Pogromen nicht hätte Vorbeugen können. Die Duma kann auch beim besten Willen keine Garantie für die Sicherheit uirserer uns zu gewährenden Rechte sein, solange der Hof, der Zar, nicht will. Ucberyaupt ist von einer völligen Lösung der Judenfrage in der Diaspora nicht zu reden. Doch die von der russischen Revolution ergriffenen Massen kennen jetzt nur eine Frage: Freiheit und Brot für heute. Zeit und Ort erklären uns die Vernachlässigung des nationalen Werkes. Dieser Kampf hat erst in den letzten Tagen andere, abweichendere Formen angenomnien. Der berüchtigte „Bund", der mit seinem Nationalismus die jüdischen Massen geködert, hat, durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, sein Gaukelspiel aufgegeben und sich der russischen sozialistischen Partei angeschlossen. Der Bund mußte diesen Weg einschlagen, der ihn zu seinem eigenen Grabe führen wird. Die nationalgesinnten jüdischen Massen in Rußland werden sofort sehen, wo sie daran sind und ihr nationaler Instinkt wird ihnen schon andere Wege zeigen. (Schluß folgt.) Hilfsverein -er deutschen Juden. Der geschäftsführende Ausschuß des Hilfs» Vereins der Deutschen Juden hielt am 16. September unter Vorsitz von Herrn James S i m o ii eine Sitzung ab, in der zunächst Herr Dr. P a u l N a t h a u über seine R e i s e u a chj Rußland, seine Unterredungen mit dem Ministerpräsidenten Stolypin und dem Fiuanzininister Kot'owzew, die aus spezielle Aufforderung des . Ministers erfolgt Ivaren, sowie über seine Rücksprache mit einer gkeihe anderer einflußreicher Persönlichkeiten nähere Mitteilungen niachte, die in einer sehr pessimistischen Auffassung über die nächste Zukunft des Zarenreiches gipfelten. Er berichtete, gleichzeitig über die aus Anlaß der Unglückereignisse in Siedler und des drohenden Pogroms in Warschau seitens des Hilfsvereins unternommenen Schritte. Es 'wurde sodann für Schulen eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen und die Notwendigkeit betont, trotz der furchtbaren Verhältnisse in Rußland, die eine dauernde Hilfsleistung erfordern, in der Förderung der Kultur und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Glaubensgenossen im östlichen Europa und iiw Orient fortzufahren, soweit es die regulären Mittel des Hilssvereins irgendwie gestatten. Es herrschte Einstimmigkeit darüber, daß vor allein das Schulwerk in Palästina; wohin eine starke Auswanderung ganz armer Elemente aus Rußland jetzt stattsindet, nach Möglichkeit großzügig auszugestalten sei. Nachdem Kindergärten in Jerusalem (hier wird bereits der dritte Kindergarten cingeführt), Jaffa (2 Kindergärten) und Safed ins Leben gerufen sind und nachdem durch sein Lehrerseminar in Jerusalem geeignete Lehrkräfte herangebildet sind, geht der Hilfsvercin daran. Schulen zu begründen, die den mannigfachen Bedürfnissen der verschiedenen Bevölkerungsklassen Rechnung tragen. In Jerusalem ist im Herbst vorigen Jahres eine M ä dchenschule eröffnet worden, die sich des lebhaftesten Zuspruchs erfreut, und die Errichtung einer sechsklassigen Knabenschule in Jaffa hat im April, stattgefunden. r., . ' Auch die in Palästina bestehenden Mlbungsaustalten fördert der Hilfsverein nach bestem Können. — Für die Lemelschule, eine sich des höchsten Ansehens erfreuende Lehranstalt in Jerusalem, die in diesem Jahre ihr öOjähriges Jubiläum feierte, hat der Hilfsverein eine Subvention von 5000 Jk zunächst für das 'Jahr 1907 bewilligt. Die Leitung der zur Zeit sechsklassigen Knabenschule liegt in den besten'Händen. ,Der Verwaltung gehört neben anderen Herren Rabbiner Dr. Horwitz, Frankfurt am Main als Vorsitzender an, der zugleich Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins ist. Die Lemelschule wird in Zukunft in noch höherem Grade p ls bisher eine organische Vermittlung zwischen den unteren und den höheren Unterrichtsanstalten des 'Hilfsvereins.in Jerusalem bilden. Dies wird in besonderem Maße der Fall sein ikönnen, wenn, wie in Aussicht genommen, der Lemelschule eine neue Unterklasse angegliedert wird für jene Kinder, welche den Kindergarten absolviert haben. Andererseits will der Hilfsverein Schülern der Lemelschule, wie.auch entsprechend vorgebildeten Schülern anderer Lehranstalten — und zwar nicht nur Jerusalems, sondern ganz Palästinas — eine Ausbildung ermöglichen, die in umfassender Weise für spätere höhere Berufe vorbereitet und sie auch befähigt, in Staatsstellungen in der Türkei berufen zu werden. Es ist in der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses 'ferner beschlossen worden, i n I e r u - salenr eine dreiklassige Mittelschule mit e ing c-fü g te n kom m erziellen Kur.se n