Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^ttanfifnrUt Sfrarlitilriirs fauiilimblolt. ( -—> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I.. — .. ■ . HedaKki-rr «ird cheschäfrsstette: Srsnkfurt s. m„ Lleichstrahe 2, Ecke vilbelerstraße P-r-fs« 10507. r Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - - ■ - — : 4. Jahrgang. Freitag, den 9. Tiscbri 5667 (28. September 1966). Ro. 38. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der Tag der Versöhnung, von Dr. Jakob Nacht, Foclani. — Juden und Judentum in Deutschland im Jahre 5668, von Naximo Lo Aaltrs- Franksurt. — Unsere Jahresbilanz. — Hilfsverein der deutschen Juden. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrer Welt. — AusdenBereinen. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M Pulvermann. — Wochen-Kalender. — F amiliennachrichten. Der Tag der Versöhnung. Von Br. Jakob Nacht, Focsani. Versöhnung, Verzeihung. Ewig Dringe Worte. Wer kann sich das Leben ohne diesen milden Frühlingshauch denken? Kein höherer Menschcntrieb könnte auf den Gefilden des Lebens gedeihen, wenn ihn nicht der Herzensstrom Versöhnung mit seinen liebkosenden Welle» umschmeicheln würde. Auch das menschliche Innenleben ist in Winter und Sommer geteilt. Der frostige Verstand, die kalte Berechnung, sie haben ihre Berechtigung. Können auch mitunter imponierend wirken. Ein Mann, der eisenfest dasteht, kann und darf unsere Sympathie besitzen. Er stellt einen Willen dar, und das ist etwas. Doch läßt er sich nie erreichen, so können wir mit ihm nicht mehr rechnen. Das zeugt nicht mehr von Willensstärke, ist vielmehr ein Beiveis von Herzensschwächc. Ohne .Herz ist aber das menschliche Leben ein ewiges Tahinsiechen, ein . Leben ohne Sommer .... Das jüdische Geistesleben beginnt mit dem Herzen. Abraham, die erste Lichtgestalt, die die Geschichte kennt, tritt mit allen Fiebern und Fasern seines Herzens für die Sodomiter ein, um Versöhnung und Verzeihung für sie zu erwirken. Er, dessen klarer, tiefer Verstand ihm den Hammer in die Hand drückt, um die Götzen erbarmungslos in Trümmer zu schlagen, sein Herz erweicht, seine Gefühle erglühen, sein Auge tränt beim Anblick menschlichen Leidens, und er fleht und bittet um Verzeihung, Verzeihung, lind wie Abraham tut es Moses, als er Verzeihung für sein Volk erflehte, taten es später all Hie Größen in Israel und der einfachste Jude, der . täglich in seinem Gebete die „Friedensstiftung" zwischen der, Menschen als höchste Tugend preist. Das alte Jahr ist in den Stroni der . Zeiten entslutet. Es gehört nunmehr der Vergangenheit an. Wir stehen jetzt vor der Wiege eines neuen Jahres. Ein neues Leben beginnt. Daß es sich zu einem jüdischen Leben gestalte, ist unser aller innigster Wunsch. Blicken wir auf den Beginn des jüdischen Geisteslebens zurück. Es steht im Zeichen der Herzenstätigkeit, der Versöhnung. Auch der Lebensbeginn des neuen jüdischen Jahres muß von diesem Geiste. durchtränkt sein. Auf „Rosch Haschonoh" muß „Jom Kippur" folgen. Versöhnung, Verzeihung. — „Tout comprendre c’est tout pardonner", läutet ein bekanntes Wort. Mit Recht. Das richtige Verständnis enthebt uns der Vorurteile, mit denen wir den Lebeuserscheinungen begegnen. Vorurteile sind aber der Quell alles tlebels, die größte Wunde, die dem sozialen Leben geschlagen werden kann, während ein richtiges objektives Erfassen des Sachverhaltes oft mildernde Umstände mit sich bringt. Vorurteilsloses Erkennen ist aber nur dann möglich, wenn unser-Blick auf das Gesamte gerichtet ist. Alles, Zeit und Raum, müssen in Beiracht gezogen werden, wenn wir ein Urteil über eine Lebensrichtung fällen. Alles, Fehler und Tugenden unseres Mitmenschen müssen wir vor Augen haben, so wir über ihn zu Gerichte sitzen. Kurzuin, wir müssen ein ganzes Leben vor uns haben, um eine ganze Ansicht darüber haben zu können. Wer das Leben nur teilweise erfaßt, der wird nie ein richtiges Verständnis für dasselbe besitzen, auch wenn es den Teilen gegenüber gilt. Sein Urteil bleibt immer geistiges Flickwerk und artet zumeist in ein Vorurteil aus. Als Bileam dem jüdischen Volke fluchen sollte, läßt ihn Balak einen Ort betreten, von wo aus er nur einen Teil des jüdischen Volkes erblicken konnte und er flucht . . . Das ist die Geschichte jedes Vorurteils, das sich in einen Fluch für das Individuelle und soziale Leben verwandelt. Es heißt teilweiscs Erkennen. Im jüdischen Leben hat dieses teilweise Erkennen großes Unheil angerichtet. Seitdem Israel in der Diaspora zerstreut ist, sind es nur die wenigen, die das Gesamt-Israel zu überblicken imstande sind. Nur Teiljuden sieht man, jüdische Lebcnssplittcr, während das jüdische Leben als Ganzes sich dem Urteile der Beobachter cnti zieht. Und so entstehen die Bileams der Moderne, die von ihrem beschränkten Gesichtskreise aus gegen Israel ihren Fluch schleudern. Aber noch mehr. In unserer eigenen Mitte selbst gebricht es nicht an Leuten, die mit einem gewissen Vorurteile den eigenen Glaubensgenossen begegnen: Es genügt, aus Galizien, Rumänien oder Rußland zu stammen, um beispielsweise in Deutschland von unseren Brüdern schlechthin als Polak benannt zu werden, was dort als Gipfelpunkt der Verachtung gilt. Dem spanischen Jrsden ist wiederum sein deutscher Glaubensgenosse ein „Poilisch", worunter er ebenfalls nichts weniger als eine ehrenhafte Bezeichnung verstanden wissen will. Und so geht's immer weiter von Ort zu Ort, von Land zu Land. Wir sind uneinig über unsere Werte, wir begegnen einander als Teiljuden, und unsere Urteile sind Teilurteile; ein jeder sieht die Fehler des andern, ohne ihn ganz zu begreifen, um ihm verzeihen zu können. . Und so entsteht denn statt Bruderliebe Bruderzwist, Zerklüftung, Zersplitterung. „Jom Kippur" ist der Tag, an dem Israel sich vereinigt. Ueberall, in allen Landen, wird dieser Tag von Israel im Gotteshausc zugcbracht. Alle sind sie versammelt vor dem Ewigen. Ein Weltjudentag. Israel steht geeinigt da. Von Nord und Süd, von Ost und West sind sie gekommen. Es ist das Gesamt-Israel. Ein Ganzes ..... Und wo ein Ganzes ist, ist richtiges Begreifen, Verzeihung, Versöhnung, „Jom Kippur". Israel, einige Dich, sammle Dich, werde zu eineni Ganzen, und Dein Tag der Versöhnung bricht an. Juden und Judentum iu Deutschland im Jahre 5666. Bon Maxime Le Uaitre - Frankfurt. Jedes Jahr in seinem Zeichen. Das jüdische Jahr 5665 stand im Zeichen konzentratorischcr Bestrebungen, während das ihm folgende jetzt abgelaufene Jahr 5666 im Zeichen der Nationalisierung, der Judaisierung stand. Ter Geschichtsprozeß ist hier in seinem ganzen Werden genau zu übersehen. Er vollzog sich nach einer gewissen Logik. Wenn die Masse, an einem Ort versammelt, sich ihrer Kraft bewußt wird, dann nms; sie früher oder später zu einer Kraftentfaltung gelangen. Gewisse Symptome dieser Krastentsaltung har das abgelaufene Jahr zu verzeichnen gehabt. Es ivird vor allem von Interesse sein festzustellen, ivelche Formen diese Krastäußerung eines großen Teiles der deutschen Judenheit angenommen, in welcher "Art sie sich geäußert. Die Wortführer der deutschen Juden oder eines Teiles derselben wollten die Synagoge, die Gemeinde, das ganze religiöse Leben der Juden mit einem polizeilichen Paragraphennetz umziehen, damit ihnen niemand mehr entweichen —- oder gar dreinreden könne. Die Synagoge soll verstaatlicht werden, sagen die Führer deS „GemcindebundeS", und feit dem Einzug des neuen Jahres, des Jahres 5666, nahmen sie ihre Berstaatlichungscampagne auf. Der Wille zur polizeilichen Zwangsjacke, vielmehr seine so scharfe Bekundung stellt das erste Kapitel jüdischer Geschichte in Deutschland im Jahre 5666 dar. Die Bekundung dieses Willens bildet gerade ein Negativum der konzentratorischen Bestrebungen. Auch die Verstaatlicher wollen Bereinigung und Sammlung der Kräfte, aber nicht etwa, um im Verein besser wirken zu können,' sondern um ihre Macht und Position zu sichern. Da sie allein außer Stande sind, ihre Position zu verteidigen, so rufen sie die Polizei zur Hülfe. In Frankreich war die Synagoge etwa ein Jahrhundert verstaatlicht, jeder ihrer Diener war Staatsbcanitcr. Welches Resultat hat diese hundertjährige Verstaatlichung der französischen Synagoge zu Tage gefördert, welche Lichter hat die französische Synagoge hervorgebracht, welchen Einfluß hatte sie auf ihre Besucher? Heute, nachdem das Separationsgesetz in Frankreich durchgeführt, wisse» wir es. Das französische Judentum hat ein Jahrhundert in der polizeilichen Zwangsjacke gerostet und gefault — aber die Herren vom „Consistoire" waren allmächtig, von der Polizei stets geschützt. Die Polizei schützte sie vor jeder Kritik und jedem Angriff. Das ■ ist ein schönes