Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Str. 37. heimer -Bruchsal, Dr. L. Friedberg-Bruchsal, Fräu Finanzminister Elstätter Wtw., Leopold Ettlinger, Stadtrat Fritz Homburger- Kärlsruhe. ' s Dortmund. Der Maler- und Anstreichermeister Aron Mansbacher, Mitglied der israelitischen Gemeinde, 8er bereits -seit ca. 20 Jahren als 'Vor» standsmitglied der Malerinnung angehörte, ist jetzt zum Obermeister gewählt worden. Herr Mansbacher gehört auch Äs Mitglied der Handwerkskammer an und ist Beisitzer für Meister- und Gesellenprüfungen für den Stadt- und Landkreis Dortmund. Karlsbad. Der hier dieser Tage verstorbene Herr Louis Spitzel-London soll ein Vermögen von etwa vierzig Millionen Mark hinterlassen haben. — In Oesterreich geboren, kam Spitzel int'Älter von dreizehn Jahren nach England. Er blieb dort nur für kurze Zeit, und ging nach Australien. Hier gelang es. ihm in einigen Jahren, ein kleines Kapital "zu «erwerben, und mit diesem begab er sich nach China, wo er durch «fünfzehnjährige energische Arbeit sein großes Vermögen erwarb. Er wurde der Freund und finanzielle Ratgeber des Vizekonsuls L i - H ü n g - T s ch a n g. Am Ende des chinesisch-japanischen' Krieges übergab ihm der alte Vizekönig vierzig Kisten, die mit Schätzen gefüllt waren, zur.Aufbewahrung. Spitzel war der erste, der Maximgeschütze nach China brachte. Er erwarb in , China Minenrechte und Mineneigentum, dessen Wert vorläufig nuv'geschätzt werden kann. In London zeichnete sich der Verstorbene durch unbegrenzte Wohltätigkeit nicht nur seinen jüdischen Glaubensgenossen, sondern auch den Änderen Armen gegenüber aus. Der Vater Spitzel's, der Rabbiner ist, hält sich augenblicklich 'in Palästina auf. Breslau. Folgende Milche Persönlichkeiten erhielten bei dem Besuch Sr. Majestät des Kaisers in Breslau Auszeichnungen: Rote Kreuz-Medaille 3. Klasse: Dr. med. Ludwig Goldschmidt; Roten Adlerordcn 4, Klasse: Ländgerichtsrat Dr. Weil und Kaufmann Karl Schlesinger, Kronenorden 3. Klasse: Geheimrat Professor Dr. R o s a n e s, den Titel Geh. I u st i z r a t: Justizr. Dr. Ludw. Cohn, den Titel Sanitätsrat: Dr. med. Wilh. Reinb a ch und den Titel Geh. Regierungsrat: Prof. Dr. Freudenthal, sämtlich in Breslau. Ferner erhielten Auszeichnungen: Rote Adlerorden 4^Klassc: Sanitätsrat Dr. Berlin e r - K a t t o w itz,,, Landgerichtsrat W e n d r i - ner-Görlitz, Krouenorden 4. Klasse: Ratsherr Prager-Rybnik, Stadtrat Grunwald-Ratibor, den Titel Geh. Sanitätsrat: Sauitätsrät Dr. Sachs-Bunzlau und den Titel Justiz rat: die Rechtsanwälte Boas und Freudenderg-Beuth en. Konstanz. Herr Stadtrat Emanuel Rothschild feierte am 8. dss. Mts. sein 25jähriges Jubiläum als Vorsteher der jüdischen Gern e in d e. ■- Wien. Kultusvorsteher Kommerzienrat Gottlieü T a u s s i g, ein hervorragender Vertreter der österreichischen Parfümerie-Industrie, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. In Wottibz ist der Schriftsteller und Gutsbesitzer Dr. phil. Gustav Ritter von Schlesinger vorige Woche gestorben. In Marienbad wurde Advokat Dr. Josef Steiner einstimmig zum Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde gewählt. Budapest. Das goldene Verdienstkreuz mit der Krone erhielt von Se. Majestät dem Kaiser Frau Witwe Sigmund Gomperz geb. Gomperz. Veranlassung zu der Auszeichnung bot die seinerzeit großartige Schenkung der Dekorierten, die die Bibliothek ihres verstorbenen Schwiegersohnes Professor Dr. David Kaufmann der Ungar. Akademie der Wissenschaften schenkte. 0 leuilTefoii. 0 Getrennt und Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulöermann. (Fortsetzung.) Ein armer Schneider, der wie alle seines Standes die ganze Woche über auf den Dörfern sich herumpkagte, um den Bauern für einen kärglichen Lohn allerlei Flickarbeit zu verrichten, befand sich an einem Freitag auf dem Wege nach der Heimatsstabt, um den Sabbat mit seiner Familie zu verleben. Ein heftiges Schneegestöber aber hatte den Waldweg voUständig verweht und der halberstarrte Mann sah sich vergeblich nach einer Zufluchtsstätte vor dem Unwetter -um; doch .weit und 'breit war keine vorhanden. Ein Gefühl der Mattigkeit überfiel ihn, und er sah, daß er nur durch ein 'Wunder vom sicheren Tode des Erfrierens, gerettet werden könne. Er flehte zu Gott um ein solches, und keuchte mühselig weiter ohne zu wissen, wohin der Weg ihn führte. Die Nacht brach herein, und der Gedanke au Weib und Kind, Frankfurter Israelitischer Fasfllienblatt. «eite 5. die vergeblich auf, ihn warteten und sich sicherlich, ängstigten, machte ihm das Herz noch schwerer, als es bereits war. Da, in dieser entsetzlichen Situation; glänzte ihm plötzlich ein schwaches Licht aus der Ferne entgegen. Mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft gelang es ihm, endlich diesen Lichtpunkt zu erreichen. Er sah, daß der Schein aus der Höhle drang, die durch mächtige Holzscheite auf einem Steinherd erleuchtet war. Vor dein Feuer saß eine imposante Gestalt, in einen weißen Mantel gehüllt, und, auf dem Boden hingestreckt, lag eine gewaltige Dogge mit fürchterlichen, unnatürlich großen Kinnladen. Die Gestalt winkte dein Schneider sich zu wärmen und fragte ihn, ob er es 'niit ansehen will, wie Jankele, der Denunziant, bestraft wird? Auf die bejahende Antwort des bestürzten Schneiders rief die Gestalt mit einer Stimme, die wie der Donner widerhaltte: „Jankel, komm' herein!" Wer aber beschreibt das Erstaunen des Mannes, als in der Tat Jankel, der fromme Mann, der hochgeachtete Gelehrte, in seinen Festkleidern erschien. Der Denunziant war aschgrau wie eine Leiche. ' „Jankel erzähle jetzt, wie oft Du den Verräter gegen Deine Brüder gespielt 'hast und was Deine Strafe in den nächsten hundert Jahren sein wird!" befahl die Gestalt mit lauter Stimme. ' ' Jankel berichtete alle Einzelheiten seiner Niederträchtigkeit mit einer Ausführlichkeit, die jeden Zweifel an seine Täterschaft ausschloß, und beendete seinen Bericht mit dem Verlangen, von dem gewaltigen Cerberus verschlungen zu werden. Als wüßte der Hund schon im voraus, was kommen >vird, erhob er sich sofort, um Jankers Urteil zu vollziehen. Die Augen der Bestie glühten, seine Kinnladen öffneten sich 'zu der Weite eines Krokodils, 'mit einer Wendung seines Hauptes umschlang er den-Sünder und zermalmte seine Knochen zwischen den zollangen Zähnen. Bei dem unheimlichen Knacken und Krachen wurde es den: Schneider ganz übel, während die Jammerkaute des Gefolterten die Höhle erfüllten; nach wenigen Minuten war auch nicht die geringste Spur vorhanden, daß ein Mensch hier verschlungen wurde. „Jankel, komm' herein," ertönte es abermals von den Lippen der rätselhaften Gestalt; die Geistererscheinung kam wieder, wiederholte dieselbe Erzählung und unterlag der nämlichen Strafe. Der arme Schneider, dessen Blut zu Eis erstarrt war, konnte sich nicht länger halten; voller Augst und Schrecken schrie er „Schma Jisroel!" und im Nu war die ganze Höhle mit all' dem Furchtbaren, was sie enthielt, vollständig verschwunden» Als er wieder um sich blickte, befand er sich auf einem Bett, von einer behaglichen Wärme umgeben. Ein Förster hatte ihn, durch das Bellen seines Hundes aufmerksam gemacht, halbverschneit, mit erfrorenen Händen und Füßen, im Walde aufgefunden und ihn nach seiner Hütte gebracht. Am nächsten Tage, obwohl es ein Sabbat war, wurde der Schneider nach seiner Wohnung getragen, und als er sein Abenteuer berichtete, fühlte der Vorsteher sich veranlaßt, nach Jankel zu schicke», den man seit Freitag Abend nicht mehr gesehen —. Als der Bote hinkam, fand er ihn tot aus dem Bette, mit einem Kreuz auf der Brust --. Der Verräter war schon seit Jahren getauft und ein heimlicher Spion. Man unterrichtete die Polizei, die ihn niit allen Ehren auf dem griechisch-katholischen Kirchhof beerdigte. „Diese ganze Begebenheit," so schloß giubcn seine Erzählung, „kam mir gestern im Traume vor Gesicht; ich sah die Höhle, die weiße Gestalt, die Bestie — nur statt Jankel war es mein Totfeind Jablowsky, den sie verschlang-!" < ' In diesem Augenblicke hörte man einen Wagen vor der Türe halten, und alle, lauschten gespannt. Es'wurde heftig au die Türe gepocht, und Rüben ging hinaus, um zu öffnen. Kaum aber 'war dieses geschehen, als er todesbleich zurückfuhr. Draußen stand der „Schwarze Wagen", der mit Fug und Recht die gleiche Aufschrift hätte tragen können, die sich am Eingänge der infernalischen Region befindet: „Wer hier eintritt, muß jede Hoffnung hinter sich lassen!" Es blieb Rüben nicht viel Zeit nachzudenken; zwei Gendarme erfaßten ihn, und" im nächsten Augenblick war er im Wagen eingeschlossen. Ehe Ezra noch begreifen konnte, was da vorging, wurde er ebenfalls hineingestoßen, das rollende Gefängnis hatte verschiedene Abteilungen. Als Hulda das Rasseln des schnell sich entfernenden Wagens vernahm, stieß sie einen durchdringenden Schrei aus. Mehr aber konnte sie nicht tun; vier eiserne Fäuste griffen nach dem zarten Mädchenkörper, während ein fünfter Räuber ihr einen schmutzigen- Lappen in den Mund stopfte, um sie am^Schreien zu verhindern/ unkdbäld wurde auch sie aus dem Hause getragen. (Sä Igor alles das Werk eines Augenblickes, und bald herrschte wieder tiefe- Stille"-nn ganzen Hause. - 'r Die Untertanendes russischen Kaisers spreche» 7 von dem „Schwarzem Wagen" als ein Gefährt aus der untersten Hölle."/ .Er erscheint in der Nacht, und nachdenr er das'Opfer verschlungen, verschwindet er wieder in der Finsternis. Sein Aussehen ist-, das eines Leichenwagens; schwarze Pferde ziehen ihn, schwarze Menschen begleiten ihn. Sie sind ernst wie der Tod, unerbittlich wie das Schicksal und stumni wie die Sphinx. Ohne daß er das geringste ahnte, reißen sie den Unglücklichen aus den Armen' der Liebe, aus dem Hanse der Andacht, vom Schmerzenslager des Siechtuins, um ihn in irgend einer dumpfen und schmutzigen Zelle, ohne Richter, ohne Urteil lebendig zu begraben; höchstens, daß das tötliche Einerlei hin und wieder durch grausame. Knutenhiebe unterbrochen wird. Wen der „Schwarze - Wagen" ausgenommen, der kehrt selten zu den Seinen wieder, und die wenigen, denen es gelungen, dein Grab-Gefängnis zu entrinneir, bleiben Krüppel an Geist und Körper für ihr ganzes Dasein. Wer dieses Gefährt in der Geisterstunde erblickt, denn nur zu dieser Zeit entfaltet er seine Tätigkeit, der geht ihm scheu aus dem Wege, von Schreckgedanken noch länge verfolgt. Ms die beiden weiblichen Dienstboten in Rubens Hanse endlich aus ihrem Versteck sich hervorwagten, war ihr erster Gedanke, aus dem Hause zu laufen» um wenigstens. den Freunden und Nachbarn von dem traurigen Ereignis Mittellung zu machen; allein sie fanden das Haus von Wachen umstellt, und eine barsche Stimme rief ihnen zu, zu bleiben, wo sie waren.! „Wir wollen nach dem zweiten Stock lausen, dann können die Hunde da unten uns nichts tun," schlug Blume vor. Sie waren zwar bald oben, und hatten auch schon das eine Fenster aufgerissen, doch keine von ihnen hatte den Mut, die Stille der Nacht 511 unterbrechen. Das flackernde L.icht der Straßenlaternen warf einen trüben Schein auf den Schnee da unken; kein Laut war vernehmbar, kein Menschzusehen. Nur in Grebow's Haus war Licht hinter schweren Vorhängen - sichtbar. Jnstinktartig richteten die Frauen ihren Blick dorthin, als ahnten sie, daß die Quelle alles Unheils hinter diesen verborgen sei. Plötzlich fuhren sie zusamnlcn. Zwei Schüsse ertönten da drüben hinter einander, denen eine emporzüngelnde Flamme folgte, das zu einem Feuer sich ausbreitete. Der? Ruf „Feuer! Feuer!" durchzittcrte die Luft, und ein Sturmläuten rief die Einwohner zu Hilfe herbei. Grebow's Haus war in Flammen gehüllt;, die Fenster wurden ausgerissen, und die beiden Frauen sahen deutlich, wie die. Dienerschaft sich abmühte, einen.leblosen Körper aus dem Zimmer zu tragen, wo das Feuer ausgebrocheu war. „Wir müssen versuchen, mt§ dem Hause zu kommen, oder wir werden auch hier noch bei lebendigem Leibe'verbrennen," rief Blume ängstlich. Sie fanden unten die Haustüre offen und gelangten ungehindert ins Freie, wo sie das Rasseln der herannahenden Spritzen hörten. Sie waren gerade im Begriff, in ein Seitengäßchen zu fliehen, als sie Hulda's wohlbekannte Stimme vernahmen,, die im brennenden Hause um Hilfe rief. Nein, es war kein Traum — —. Mit zerrissenen Kleidern, mit aufgelöstem Haar, stand Hulda da oben vor dem geöffneten Fenster, bereit sich hinunter zu stürzen, selbst “huf die Gefahr, Leben und Gesundheit zu. wagen.. — —. Die mutige Blume streckte sofort! ihre starken Arme aus, um den Sturz des Mädchens abzuschwächen. Hanna war ebenfalls bereit, und so gelang es ihnen, die verzweifelte Hulda aufzufangen. Eilig liefen sic von dannen, Hulda mit-sich ziehend, die noch immer rief: „Schurke, fasse' mich nicht an! Es kostet Dein verruchtes Leben!" Sicherlich war. sie noch im. Wahn, im 'Hause des Generals zu weilen. — . Als man sie bei einer befreundeten Familie untergebracht,und sich ein wenig beruhigt hatte, bat . sie flehentlich: „Lasset mich fliehen! Er ist ja tot. Der Schuft — — ich tötete ihn — — ich schoß zweimal nach ihm-f Ach, mein ärmer Kopf —! Ich warf ihm noch die Lampe ins tenflischgrinsende Gesicht-! Sie zerschlug noch die Hängelampe — beide explodierten-. Ach, die Bestie. Die Gar-/ dineu fingen an zu brennen-. Wie er dalag, der Schuft, der Mörder-! Lasset mich fliehen-. Mein guter Vater, mein herziger Ezra! Fort, nur fort von hier! Wie mein Kopf hämmert — — wie das Feuer zischt Und flackert-!" - (Fortsetzung folgt.)