Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Mannheim, 17. Sipt. . Die Veranstaltung des 2 ü d d e u t s ch e n Zionistentagcs hat sich als rin glücklicher Gedanke erwiesen. Die Verständigung nach einem Jahre der Verwirrung und des Zwiespaltes, die bereits ans 'der Jahreskonferenz zu Tage trat, wird durch 'den „Süddeutschen Ziomsteniag" in die Ortsgruppen getragen werden und dort wieder die frühere Arbeitsfrendigkeit zeitige». 70 Gesinnungsgenossen aus Mannheim, Frankfurt, Mainz, München, Frciburg, Offenbnrg, Straßburg, Bamberg und Wiesbaden hatten sich gestern früh 9 Uhr in dem vornehmen Saale der Lamey- Loge eingefnnden. — Herr Rechtsanwalt Dr. H a n t k e (Berlin) eröffnete namens des Aktionskomitees und in Vertretung des Herrn Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer (Köln)' die Versammlnng, sprach den Wunsch ans, daß der Geist der Verständigung Ivic er in der Jahreskonferenz herrschte, auch über dev heutigen Bersammlnug walten möge, verlas ferner einen Brief 'Dr. Bodenheimers (Welch' schwachen Schutz die seit 100 Jahren gepredigten Toleranzideen dem jüdischen Volke gewähren, haben die Ereignisse der letzten Jahre gelehrt; das jüdische Volk sei deshalb nur auf sich angewiesen. Es sei zu erstreben, daß jeder Zionist mindestens eine Aktie der Jüd. Kolonialbank und der Anglo Palestine- Company besitze.) und die Begrüßungstclegrammc und gedachte am Schluß der Jubelfeier des LandeSherrn, des badischen Großhcrzogs, der als e r st e r unter den europäischen Monarchen sich der Sache des Zionismus warm annahm. Nunmehr fand die Bureauwahl statt. Es wurden per Akklamation gewählt: Julius Simon-Mannheim (Präses), Emil B i ck a r d t - Straßburg, Dr. Friedemann - Wiesbaden, I. L. G o i t e i n - Frankfurt, Dr. K a Heu- Mannheim und Dr. Kaufmann- Frciburg. Das Referat über: Die innere Lage des Zionismus i ii De utschland hielt Herr Dr. med. M o s e s - Mannheim. Bis zum 6. Kongresse sei die deutsche Gruppe von dem Vertrauen zu dem Führer der Bewegung geleitet worden und habe deshalb eine eng zusammengcschlosscne Gruppe gebildet, zwischen den 6. und 7. Kongreß fiel der Tod des Führers, und bald darauf vollzog sich eine tiefgehende Spaltung, die jedoch jetzt wieder ihrer Beseitigung zustrebe. Ilm die frühere Situation ganz wieder herzustellen, sei notwendig, das persönliche Mißtrauen ans den'Reihen der Zionisten zu verbannen und den D o g m e n g l a n b e n aus dem Zionismus zu beseitigen. Solche Dogmen seien die Behauptungen: „Die Aussichten ailf Erreichung politischer Erfolge bei der Türkei für Palästina sind für absehbare Zeit gleich Null." „Wir werden keinen Charter für Palästina erlangen, wenn wir bereits vor der Erlangung des Charters in Palästina arbeiten." Für den Pessimismus der erste» Behauptung dürfe gerade bei uns Juden, dem Volke des Optimismus, kein Platz sein, und auch die zweite Behauptung sei eine sehr vage. Auch die sogenannten Zione-Zionisten sind sich vollständig klar darüber, daß 'der Zionismus nie zu einem kleinkolonisatorischen Verein herabsinken dürfe. Das'schließe aber nicht jede Palästinaarbeit aus, gerade die Palästinakoinniission ist von den deutschen Zionistenbeantragt und mit Herzl's Einverständnis beschlossen worden. Erstens 'sind andere Völker lebhaft bemüht, iit Palästina Ivirtschaftlich und kulturell Boden zu fassen, dann wohnen schon jetzt Juden in Palästina, um die wir uns zu kümmern haben und schließlich hat Palästina stets eine Anziehung auf uns Juden ausgeübt und so findet auch ohne den Willen des Zionisnlus eine Einwanderung statt. Es werde die Aufgabe des 8. Kongresses sein, festznstellen, wie weit der Zionismus in Palästina praktisch arbeiten darf, ohne das Politische Ziel zu gefährden. Zur Leitung habe Referent das feste Vertrauen, daß sie alle Faden, dir Herzl eingesponnen habe, wciterspinne. , Es' wird nunmehr in die Diskussion cingetreten. - . Dr. Friede mann: Es ist nicht 'möglich, auf den Beschlüssen des 7, Kongresses stehen zu bleiben, da dieselben keikre Begrenzung haben, und scharf festgesetzt werde,: muß, wie weit in der Palästina- Tätigkeit gegangen -werden darf. Der Nationalfonds darf nicht angegriffen werden. Es muß vor jeder Aktion genau erwogen werden, ob man im Stande ist, alles äuszuführcn. Die wirtschaftliche und kulturelle Lage der in Palästina vorhandenen Juden zu heben, damit sind die nieistcn politischen Zionisten einverstanden; die politischen Zionisten wehren sich aber gegen jede Aktion, die den Anschein erwecken könnte, als fordere sie zur Einwanderung auf. Dr. Isaak Strauß (München): Eine politische Tätigkeit des Aktionskomitees liegt heute sichtbarlich nicht vor, dagegen das Bedürfnis, in Palästina praktisch zu arbeiten. Die Gabe der Kolonialbank von 2000 Lstrl. für die russischen Brüder, wodurch'sie keine Dividende verkeilen konnte, muß gerügt werden, da die Bank ein rein geschäftliches Unternehmen ist. Die Selbstbcsteucrung der - einzelnen Zionisten maß durchgeführt werden, denn durch sie scheidet das Wohltätigkeitsprinzip aus. Dr. Hankke: Die politische Tätigkeit'ist auch für jeden Zione-Zionisten selbstverständlich, und daher sind die innerhalb des Zionismus bestehenden Differenzen nur sehr gering. Die Jahreskonferenz hat Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Tatsache erbracht, daß die Einigung tatsächlich vorhanden ist, denn auch darüber, daß in Palästina etwas geschehen muß, sind sich alle einig. Wissenschaftliche Erforschung des Landes und seiner Hilfsquellen, Stärkung des jüdischen Elementes in Palästina und Verlegung der Haupttätigkeit der Bank nach Palästina, aber keine Unterstützung, keine Kleinkolonisation und keine Verwendung von Nationalsondsgeldcrn! Fritz S o n d' h e i m e r (Frankfurt): Wären die Unssühruiigen Hantke's die Leitmotive des 7. Kongresses gewesen, dann wäre es' nicht zu dem bekannten Ansgange gekommen. Es muß nicht nur der Einwanderung nach Palästina kein Vorschub geleistet, sondern ihr entgegengetreten werden. Es ist zu befürchten, daß durch die vielen Vereine, die von Führern des Zionismus für Palästina gegründet worden sind, dem Zionismus geschadet wird, denn sollten von diesen Vereinen welche durch Geldmangel in ihrer Tätigkeit ins Stocken geraten, dann werde der Zionismus verantwortlich gemacht. Mau möge sich also beschränken und dafür die unternommenen Mionen mit Energie verfolgen. (Schluß folgt.) Die ans der zionistischen Jahreskonferenz gefaßten Beschlüsse. Antrag Professor Dr. Marburg: Die Jahreskonferenz erachtet es zur Förderung der jüdisch-kulturellen Institutionen in Palästina, wie Nationalbibliothek, Museum, Versuchsstation usw., für wünschenswert, daß ein vom Mtionskomitee verwalteter Palästinakulturfonds begründet werde. Antrag Professor Dr. Marburg: Die Jahreskonferenz erachtet es zwecks Weiterf ü h r u n g der praktischen Pal ä st inaa r b e i t für wünschenswert, daß die nötigen Fonds soweit als möglich nicht von dem Schekel, sondern durch besondere Beiträge bestritten werden und empfiehlt den Federationeu und Ortsgruppen, gemäß dem Vorgehen der deutschen Federation, die Mitglieder der zionistischen Organisation zu freiwilligen Palästinabeiträgen heranzuziehen. Antrag Dr. Tschlenow: Die Jahrcskonserenz beschließt, der N a t i v u a l - fonds soll in Jerusalem so viel Boden kaufen, als für ein passendes 'Gebäude für den B e z a I e t notwendig ist. Das für das Gelände notwendige Geld soll der Nationalfonds der Anglo-! Palästina-Eompanh auf eine bestimmte Anzahl von | Jahren leihweise zur Verfügung stellen und diese, soll den Bau ausführen. Antrag Bezalel Jaffa: ' Die Jahrcskonserenz spricht dem verdienstvollen Leiter des Bezalel, Herrn Professor Boris Schatz, für seine segensreiche Tätigkeit ihren Dank aus. Resokutionen Heinrich Nvfenbanm: 1. Im Anschlnsse an die Landesorganisationen sollen diese P a l ä st i n a k o m m i s s i o n e n schassen, die mit der Berliner Zentrale in Verbindung stehen und 'in den vclrefienden Landen für eine inten* sive, praktische Palästinätätigkeit wirken sollen. 2. Die Paiästinakoinmission möge regelmäßig in Terminen den Landsmannschaften Berichte versenden, in denen Angaben über juristische, kulturelle und ökonomische Vorkommnisse über Palästina enthalten sind. , Beschluß: ' Den N atio n a lf o n d s als „Genossenschaft, beschränkt durch Garantie" legalisieren zu lassen. Antrag Ussischkin: Das engere Mionskomitee wird beaustragt, die Frage der Gründung einer Hypothekenbank zu stndjcren und dem Vllk. Kongresse einen Vorschlag darüber zu machen. c Beschluß: ' Von den Ländereien der Anglo Palestine Company in Fedsche bei Pethach Tikwah oder sonstwo gcmeinsai» mit dem Odessaer Komitee für 40000 Fr. Land zu kaufen, und zwar sollen 20000 Fr. vom Nationalsonds und die restlichen 20000 Fr. vom Odessaer Komitee getragen werden. Dieses Land soll zur S e ß h a ftm ach u n g von in P aläst i n a e i n g e w a n d e r t e n jüdischen Arbeitern verwandt werden. Die Erledigung der Angelegenheit wird einem Komitee übertragen, das aus den Herren Direktor Lcvontin, Dr. Kohan-Jaffa und dem palästinensischen Vertreter des Odessaer Komitees bestehen soll. Beschluß:' Aus den Geldern des Nation also ndsLand in Ly dd a zu kaufen und an die früheren Schüler des Kiriath Sefer (die Waisen von Kischine w) zu verpachten. ' Kompromiß-Antrag Oskar Marmorek: Die Jahreskonferenz ersucht das engere Aktionskomitee die Frage eines Agrarfonds zu nnter- Seite I I. suchen und darüber der nächsten Sitzung des Großen Mtions-Komitees Vorschläge vorzulegen. Resolution Greenbecg: Es sollen so schnell als möglich Vorbereitungen getroffen werden, um ein permanent i n P a l ü - st i n a ansässiges Komitee zu bilden, das sich unter der Leitung des Aktionskomitees aller zionistischen Fragen in diesem Lande annehmen soll. Resolution Hantke: Die Jahreskonferenz erinnert die Landesorganisationen daran» daß die Schekelgelder dem Mionskomitee gehören und infolgedessen — ganz unabhängig davon, wie groß die Ausgaben der Landesorganisationen sind — in jedem Jahre an daS Aktionskomitee abzuführcn sind. Die Landesorganisationen dürfen nur die ihnen zugebilligten Beträge für ihre Zwecke verwenden. Resolution Nossig: Die Jahresversamiilkiing nimmt mit Genngtumig zur Kenntnis, daß die Tageszeitniig-Kommission die Vorarbeiten zur Glündung einer jüdischen T a g e s z e i t lt n g in die Hand genommen hat und spricht der Koinmtssion ihre Sympathie aus. Die Jahreskonferenz empfiehlt dem Engeren Aktions-Komitee, die für die Propaganda im Oriente notwendigen Mittel der Propaganda-Kommission baldigst zur Verfügung zu stellen. Reisebeobachtungen. Jerusalem, August 1906. Der jüdische Reisende nach Palästina hat jetzt wie noch nie viel von seiner Reise zu erzählen, nicht etwa von dem in fremdem Lande neu Geschauten und Beobachteten, darüber wird er wenig Neues bieten, wohl aber von den Erlebnissen seiner Reisegenossen. Es gibt zu dieser Zeit kaum ein Schiff, das keinen Hausen gehetzter, unterdrückter, russischer Juden enthalten soll. Da kann man gar viel erfahren, viel voll der Geschichte der Gegenwart, die zu den markantesten Geschichtsperioden gerechnet werden muß. Auf meinem Schiffe, dem der „Massagerie 'maritime", befanden sich etwa 25 jener Unglücklichen, die der mordenden Hand der barbarischen Hooligans entronnen waren. Meine rllssischeu Reisegenossen waren meistens wohlhabende Leute, die nach Palästina reisten, um sich dort ihre Existenz zu gründen. Während bis jetzt nur alte Leute das heilige Land aufsuchten, um auf heiliger Ställe die Augen für immer zu schließen, oder ganz unvermögende Leute, die dann die Schnorrerzahl nur vergrößerten, strömt jetzt nach Palästina ein Zug begüterter Leute, von denen wir uns viel versprechen dürfen. Ihre Geschäfte und Industriebetriebe können Land und Volk zum größten Segen gereichen; nur müssen sie selbst Ausdauer haben und dürfen sich nicht von der alten jüdischen 'Krankheit, der Ungeduld, leiten lassen. Mit mir reiste auch eine Familie, die den Kischinewer Pogrom, und die Odessaer Blutszenen miterlebtc. Alles, ihre ganze Habe» setzte sie ein, ,im dem bklitgetränkten Lande den Rücken zu kehren. „Lieber anderswo bei Brot und Wasser zu leben, als im schwarzen Rußland bei Gänsebraten den Todesfchrecken ansgesetzt zu sein." Diese Worte hörte ich oft von meinen russischen Mitreisenden. Doch als sie in Beirut die Wildheit der arabischen Kahnfahrer wahrnahmen, die faktisch Messer und Revolver gegen sie zogen, loeil sie das Zehnfache vom fixierten Preise sicki zu zahlen weigerten, da riesen die meisten aus: „Unsere russischen Hooligails sind uns tausendmal lieber, als dir niedrige», unkultivierten Araber, die mit dem Leben spielen und sich des Todes zu Gelderpressungen bedienen." Charakteristisch ist, daß die russischen Inden trotz ihrer beklagenswerten Situation doch den Kopf hoch trage» und recht stolz und selbstbewußt äustreten. Auf unserem Schiffe verbrachten sie die Zeit meist mit Singen hebräischer und jargonischer Nationallieder. Letztere besonders hatten etwas schrecklich Rührendes in sich; sie könnten einen Stein zum Weinen bringen. Da ergießt sich das Herz in ein Wehklagen, „wann wet schon sein menuche und wanil wet schon sein weßimcho dem jidischen Volk," hier ermahnt der Vater seinen Sohn, jeden „Spei mit Blei" zu bezahlen, und endlich klagt die arme Frau, daß ihr Mann im sibirischen Zuchthause dafür büßen muß, weil'er der Lüge, dem Abgotte Rußlands, nicht huldigen wollte. Unter den russischen Reisegefährten gab es viele von großer rhetorischer Beanlagung, die in geschickter