Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 37. Seite 10. eingekerkerien Unschuldigen als Revolutionäre zum Tode verurteilen wird, obgleich eine revolutionäre Organisation in Siedlcc unmöglich bestehen konnte, da während des Pogroms nicht ein einziger Soldat öder Beamter von der Bevölkerung getötet worden ist. Hilfe wird angcflcht." Warschau. Um der Oeffentlichkcit Sand in die Augen zu streuen und die Schandtat von Siedlcc zu beschönigen, sind Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde als Geisel in Haft genommen. Die Lokalregierung, die den Haftbeschl erteilte, erklärt, Rabbiner und Vorsteher so lange in Haft zu behalten, so lange ihr nicht alle Bundisten ausgeliefert werden. Eine Reorganisation der Chaluka (Schluß). Anders stehe es mit der „Versorgung" des „Restes" der Bevölkerung durch die Amsterdamer Chaluka > Da werden Frs. 32 000 für etwa 30 000 bis 40 000 Seelen verausgabt, ohne daß in 90 Proz. der Fälle dem Einzelnen irgend ein nennenswerter Vorteil erwächst — denn was sollen Beträge von einem Francs jährlich pro Kopf auch in den armseligsten Verhältnissen? Ganz im Gegensatz also zu der oft geäußerten Meinung, man solle dem „Kaulel Hawad" weiteres zu Gunsten der Gesamtheit 'entziehen, glaubt der Referent dafür eintreten zu sollen, daß jene in die G e s a m ich e i t hinauSgestreuten Frs. 32 000 anderweitig und zweckmäßiger verwendet werden, zumal wenn anzunehmen ist, daß mittelbar dadurch auch der Gesamtbetrag der Eingänge steigen werde. Der letzte Teil des Referats beschäftigte sich mit der Prüfung der Frage, ob die Chaluka nicht ihrerseits verpflichtet sei, nach Maßgabe ihrer Mittel und ihres Einflusses, die Jugend, soweit sie nicht geeignet sei, „Linmd Hatauroh" als Lebensberuf zu ergreifen, ferner Frauen und Mädchen und endlich .auch manchen Erwachsenen einem wirtschaftlichen Erwerb zuzuführen. Der Redner bejahte diese Frage. Der Referent faßte schließlich seine Ausführungen in einigen Vorschlägen zusammen. Einer zu wählenden Kommission solle die Prüfung der ganzen Materie übertragen und dabei sollten folgende Gesichtspunkte beachtet werden: 1. Alle geplanten Aenderungen sind im Einklang mit den rabbinischen Autoritäten der heiligen Stadt vorzunehmen. 2. Es soll die Einrichtung eines ständigen Bureaus von besoldeten europäischen Beamten in Jerusalem erstrebt werden, dessen Aufgabe cs wäre, einerseits fortgesetzt zu beobachten und zu berichten, andererseits als aussührendes Organ der Chalukaverwaltung zu fungieren, insbesondere die Vertellung vorzunchmcn. Das Bureau sollte womöglich aus einem Administrativbeamten, einem Nationalökonomcn und einem „Talmud Chvchom" bestehen, welch letzterer den Verkehr mit den Jerusalemer Rabbincn zu vermitteln hätte. 3. Die Einkommens- und Erwerbsverhältnisse der Angehörigen des „Kaulel Hawad" sind alljährlich mit Hilfe des Bureaus aufs genaueste festzustcllen und bei der Festsetzung der Chaluka zu Grunde zu legen. 4. Aus den bisher für die anderen „Kaulelim" verwendeten Beträgen bezw. den zu erstrebenden höheren Eingängen soll alljährlich eine bestimmte Summe ausschließlich der Förderung ernsthaften und fruchtbringenden „Limud Hatauroh" gewidmet werden. Daraus erhalten jüngere und ältere Gelehrte, die enttveder wahrhafte „Talmidei Chachomin" sind oder bei sorgenloser Hingabe ans Lernen solche zu werden versprechen, Beihilfen von nicht unter Frs. 400 pro Jahr. 5. Der Rest der verfügbaren Summe ist zur Förderung produktiver Tätigkeit im engeren Sinne zu verwenden, derart jedoch, daß z u n ä ch st lediglich Kleinindustrie und Handwerk, nicht aber Fabrikation in größerem Stile oder Landwirtschaft in Frage kommen. Dabei sollen namentlich ^die jüngeren Glieder der durch die Chaluka unterstützten Famllien, ohne Unterschied des „Kaulel", soweit sie nicht nach Veranlagung und Neigung das Thorastudium als Lebensarbeit ergreifen, den noch nicht übersetzten Handwerken oder neuen Kleinindustrieen zugeführt werden. Auch ist zu erstreben, durch hausindustricllc Arbeit der Töchter oder Frauen die Chaluka in manchen Fällen gattz oder teiliveife ^entbehrlich zu machen. 6. Sämtliche in Palästina tätigen Organe d:r Chalukaverwaltung, insbesondere auch die an der Ausbildung von Lehrlingen re. beteiligten, müssen, soweit sie Juden sind, in Gesinnung und Tat auf dem Boden des gesetzestreucn Judentums stehen und das Verkraucu der palästinensischen Rabbincn besitzen. 7. Die Propaganda für die Chaluka in Europa ist nach modernen Grundsätzen zu reorganisieren. Endlich wurde von dem Referenten noch bemerkt, daß es sich empfehle, ivenn die A m st e r - dam er Chaluka, so unbedeutend ihre Mittel heute auch im Verhältnis zu denen der ungarischen, galizischen und sicherlich auch der russischen Chaluka seien, zunächst allein versuche, die hier beleuchteten Probleme zu lösen, um erst im Falle des Gelingens eine Kooperation mit den übrigen Chalukaverwaltungen herbeizuführen Aus der nun folgenden Diskussion seien nur die ivichtigsten Punkte hcrvorgchoben. — Herr A. G r ü n b a u m - Nürnberg betont, daß er schon vor 22 Jahren, nach seinen! Aufenthalt in Palästina, vieles von dem heute durch den Referenten Bemerkten in Vorschlag gebracht habe. Er gehe aber noch weiter und ivünsche, daß die besondere Berücksichtigung des „Kaulel Hawad", sowie die Verteilung bestimmter Grundbeträge noch der Kopfzahl der Familien gänzlich in Wegfall konnne. Es dürfe kein R c ch t auf Chaluka geben. — Herr Max Meyer-Nürnberg tritt ebenfalls energisch für die Beseitigung des Rechtes auf Chaluka ein. — Herr Dr. EduardBiberfcld- Berlin bespricht eine Reihe von Einzelfragcn und betont, daß ihm jedenfalls kein Anspruch der übrigen „Kaulelim" zu bestehen scheine, den man gegen den Vorschlag des Referenten ins Feld führenkönne. Dagegen wendet er sich gegen die Absicht, die Mittel der Chaluka zur „Industrialisierung" Palästinas, in wclcher Form auch immer, zu vertu e n d e n. Diejenigen Geber, die er vertrete, wenigstens, seien der Meinung, daß ausschließlich die der Beschäftigung mit der „Tauroh" zugcwandte Lebensführung gefördert werden solle, daß mitten in einer nur auf Erwerb und Genuß gestimmten Welt Palästina, soweit es an uns liegt, eine Stätte des Idealismus bleibe. — Rabb. Dr. Breuer- Frankfurt a.. M. entgegnet, daß es eine unabweisbare jüdische Pflicht sei, da, wo die Möglichkeit gegeben ist, vor Verarmung zu schützen, und das könne nur durch vernünftige Pflege von Handwerk und Industrie geschehen. Selbstverständlich müsse „Liniud Hatauroh" das Primäre bleiben. — Oberrabbiner Dr.Lcewenstein - Kopenhagen wünscht genauere Feststellungen über die ursprünglichen Absichten der Chaluka und glaubt, ebenfalls die Beschränkung auf Förderung des Thorastudiums empfehlen zu sollen. — Herr Rosenheim - Frankfurt a. M. betont gegenüber Herrn Grünbaum, daß ein Recht auf Chaluka de jure, doch wohl auch heute nicht bestehe. Es gelte nur, ohne jede materielle Schädigung der Unterstützten, den Wahn, als existiere ein solches Recht, bei den Empfängern durch irgendwelche formale Akte zu beseitigen. Er müsse zugebcn, daß das allerdings nach verschiedenen Richtungen von Bedeutung sei. Das Thorastudium werde nach seinen Vorschlägen mehr gefördert werden als bisher. Im übrigen halte er die Befürchtungen des Herrn Dr. Biberfeld für unbegründet; es solle und könne ja keine Großindustrie mit ihren wirtschaftlichen Massenwirkungen cingeführt werden. — Rabb. Dr. Breuer- Frankfurt a. M. - gibt zu erwägen, ob man vielleicht nur die zu erstrebenden Mehreingängc gegenüber dem heutigen Stand den neuen Zwecken widmen solle. Er schlägt vor, das gesamte heute zu Tage geförderte Material der zu bildenden Kommission zu überweisen und ihr auch die Erledigung von Punkt 4 der Tagesordnung zu übertragen. Es wird hieraus zur Wohl der Kommrssron geschritten. Zu Mitgliedern der Kommission, die im Verein mit den Prkidim und deren Konsulenten arbeiten und das Recht -der Kooptation besitzen soll, werden gewählt: die Herren Dr. E. Biberfeld Berlin, Jonas Bing-Hamburg, A. Grünbaum- Nürnberg und Jacob R o s c n h e i m - Frankfurt a. M. Ans der Lehrerwelt. Elberfeld. Rabbiner'Dr. Auerbach wurde der Rote Adlerorden 4. Kl asse verliehen. Genf. Ravviner W e r t h e i m e r hat. seine Stelle als ordentlicher Professor der Linguistik an der Universität Genf niedergelcgt; sein' hohes Alter — er ist 73 Jahre alt — 'hat ihn zu. diesem Schritte veranlaßt. Von den wissenschaftlichen. Veröffentlichungen Werthcimers seien genannt: Die Inden Westeuropas und das Judentunl in der modernen Geellschast (Paris 1883), die Linguistik (Geys 1862), der Talmud, die Geschichte seiner Zusammensetzung (Gens 1880). Soborten (Böhmen). Plötzlicher Tod. Bei der Feier seiner silbernen Hochzeit wurde der Rabbiner der hiesigen Kulttlsgemeinde, Herr Heinrich G a l a n d a u c r, plötzlich von einem Schlagansalle hingerafft. Nastce i L-lavonien). Auszeichnung. Herrn Rabbiner Sam. Winter wurde vom Kaiser das goldene Verdien st kreuz verliehen. Aus den Vereinen. Berlin. Die Bereinigung Jüdischer Akademiker zu Berlin hielt im Sommersemesder 1306 13 Sitzungen, 1 ordentliche und 2 außerordentliche Generalversammlungen ab. Wegen der Vorbereitungen zum Delegiertcntag'e zwecks Gründung eines Bundes Jüdischer Akademiker, die einige Sitzungen in Anspruch nahmen, konnten von den vorgemerkten wissenschaftlichen Vorträgen nur vier gehalten werden, während die übrigen aus das Wintersemcstcr verschoben werden mußten. Vorträge hielten: sttid. math. Max Munk: Die Mathematik im Talmud; sind. Phil. Straßburger: Moses Mendelssohns Leben und Wirken; sind. math. Max Munk: Die Bedeutung der jüdischen Fasttage. Am letzten wissenschaftlichen Abend hielt sind. jur. Jacof Möller ein Referat über den Rosin'schen Gesetzentwurf betreffend die Organisation der israelitischen Religionsgenieinschaft in Preußen. Sämtliche Vorträge riefen eine lebhafte Diskussion hervor. Den Vereins-Schiur leitete wie bisher in dankenswerter Weise Herr Rabbiner Dr: E. M u n k. Jedoch wurde über die Pflege der Wissenschaft auch die Gemütlichkeit nicht 'vergessen, die unsere Mitglieder häufig bis spät in die Nacht in fröhlichem Kreise 'zusammenhielt. ' Der wissenschaftlichen Regsamkeit unseres Vereins und der echt jüdischen, streng gesetzestreucn Richtung, der unsere Vereingigung angehört, ist Ls zu verdanken, daß diese heute nach erst dreijährigem Bestehen, schon ca. 40 Mitglieder zählt, ein Beweis dafür, daß die Gründung unserer V. I. A. eine Notwendigkeit für die hier weilenden jüdischen Akademiker war, da sie in unserer Vereinigung reichliche Gelegenheit zur Aussprache über Fragen der jüdischen Religion, der jüdischen Wissenschaft und des gesamten jüdischen Lebens fanden. Der Vorstand des Wintersemesters 1906/7 setzt sich zusammen ans den Herren cand. Phil. I. W o h l g c m u t h, 1. Vors.; Dr. dt. M o s c s, 2. Vorsitzender; cand. jur. I. Möller, Kassierer; cand. Phil. M. Friediger, 1. Schriftführer; cand. math. M. Munk, 2. Schriftführer. Herr W o y l g e m u t h, Berlin, Auguststr. 29, ist zu jeder Auskunft gern bereit. i Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Für den National-FondS bei der Zionist. Vereinigung eingegangen: Durch Dr. Goldschmidt -Offenbach: Bcuschenversteigerung bei der Hochzeit Frl. Sara Latterbaum mit Herrn Gabriel Gabrielowitsch gcs. durch sttid. med. N. Körber (Verbindung K. Z. B. - Jordania- München) 34,— Jf Bei der Expedition des Jsr. Familienblattes: Zur Eintragung Dr. Adler, Lübeck in das „Goldene Buch" Dr. I. F. 10,— Jf Saly Geis gratuliert zu den Verlobungen : Helene Griinhut, Jerusalem, init Jsaac Känel, Philippopel 0,50 Jf. Helene Adler, Lübeck, mit Dr. Hans Mühsani, Berlin , 0,50 Jf. S. H. Goldmann gratuliert zu der Verlobung: Helene Adler, Lübeck, mit Dr. Hans Mühsain, Berlin 0,50 Jf I. L. Goitein gratuliert zu 'der Verlobung: Helene Adler, Lübeck, mit'D'r. Hans 'Mühsam, Berlin 0,50 Jf N. N. ' 2,10 Jf. Materialien: Dr. Fink, Berta Adler, 1 Packet Märken gesammelt von Gidelka Wolpe.