Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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IVVWIllt AU VW* VkW :(UUIU «HflMr AlUHWIH HIUI OUWIUUIVilMItV* Inhalt -er Beilage: Artikel: Der Pogrom in Siedler. — Eine Reorganisation der Chaluka. — Aus der Lehrerwelt. — Ans den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Die auf der zionistischen Jahreskonferenz gefaßten Beschlüsse. — Reisebeobachtungen. — Sprechsäal. — Bunte Chronik. — Aus der Geschäftswelt. Der Pogrom in Siedler. Das zionistische Aktionskomitee in Köln erhält von seinem nach.-Siedler gesandten Spezialberichterstatter folgende ausführlichere Nachrichten über die Vorgeschichte des Pogroms: Der Pogrom kann als Racheakt seitens desGouverneursvonSiedlec, Wolozyn, angesehen werden. Vor einigen Monaten gründete er rin spezielles geheimes Bureau, in dem einige Personen arbeiteten, unter anderen auch der Stadtpräsident und der Verwalter der Kanzlei Chwieschtschenko. Diese Konnnission zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus, besonders berüchtigt wurde sie seit der Verhaftung des Zentralkomitees der P. S. P. (Polnisch-sozialistischen Partei) und der schrecklichen Folter, denen sic alle Verhafteten unterzog und denen viele unterlagen. Als unmittelbare Flickwort auf diese Greuel kann die Bombe angesehen werden, welche die Mitglieder der P. S. P. auf die obengenannten Mitglieder des Bureaus geworfen haben. Zwei von den Beamten wurden getötet, Chwieschtschenko schwer verwundet. Unmittelbar nach dem Attentat soll sich Gouverneur Wolozyn 'geäußert haben: „Niemals werde ich den Juden das verzeihen". In demselben Sinne äußerte sich auch nach seiner Genesung Chwicschtschenko. Die mörderischen Pläne wurden aber erst reif nach dem Attentat auf den Polizeimeister von Siedler, das vor zwei Wochen vollbracht wurde. Da machte man sich energisch an die Vorbereitungen züm Pogrom. Da das Dnbainer Regiment, welches von der. revolutionären Propaganda beeinflußt ist und in Siedler quartiert, keinen sicheren Boden für solche Streiche bildet, so wurde ans Biala das Libauer Rcgiment und das 39. Narwski-Dragonerrcgiment nach Siedler bezogen. Hier muß bemerkt werden,, daß das Libauer Regiment während des Bjelostoker Pogroms „tätig" war, sich also durch „Sachkenntnis" auszeichnete. Sofort nach dem Attentat auf den Polizeimcister wurde auf dem Turm des Magistratsgebäudes eine rote Fahne befestigt. Ein junger Mann, H. Hofneis, fragte einen Polizisten, was diese Fahne zu bedeuten habe. Dieser antwortete: „Es ist ein Signal, daß in der Stadt ein Aufruhr äusgcbrochen ist." Donnerstag Morgen erklärte sich der Gouverneur Wolozyn für krank und übergab die ganze Macht dem Beamten der Stadtverwaltung Rimskij-Korsakow. Daß die Kanonen noch vor Sonnabend ans Biala nach Siedler gebracht wurden, kann aus folgenden Gründen festgestellt werden. Als die Bürgerdelegation beim Kommandanten der Ochrmra, Tichanowski, um 5 Uhr morgens vorsprach, drohte dieser, daß er Kanonen aus Biala kommen lassen werde. Während aber die Reisezeit aus Biala nach Siedler über 2 Stunden beträgt, waren schon nach Verlauf von lVs Stunden die Kanonen auf den Straßen ausgestellt. Die Hauptrolle in .der Organisation des Pogroms haben Offiziere des obgenannten Libauer und Narwski-Regimentes gespielt. So erzählt der Gemeinde-Sekretär Tschatzkis, daß er 10 Tage vor dem Pogrom zwei Offiziere des Libauer Regimentes bemerkte, welche in der Stadt herumgingen und die Hausnummern derjüdischen Häuser und Läden und dieRamen ihrer Eigentümer notierten. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, als die Wohnung von einem gewissen Levin revidiert wurde, hörte Tschatzkis, wie ein Offizier fragte:-„Und wo ist die Nummer 56?" Die Nummer des Hauses 56 war bereits früher notiert worden, weil sich dort die größten und reichsten jüdischen Läden befanden, so das Geschäft von Gloivitschower und andern. Aus diesem Hause wurde ein älterer Jude herausgeführt. Der Offizier forderte von ihm Geld. Da der Jude kein Geld hatte, wurde er vor dem Hause ermordet. Die ersten Nachrichten aus Siedler lauteten, daß die jüdischen 'Läden von durchreisenden beurlaubten Soldaten geplündert wurden. Doch hat sich erwiesen, daß diese Gerüchte lügenhaft waren. In ganz. Siedlec befand sich ein beurlaubter jüdischer Soldat, der von denuSoldaten im Rathanse ermordet wurde, weil er ihnen seine jlhr und sein Geld nicht geben wollte. Ein anderer jüdischer Soldat, der vor einigen Tagen aus fernem Osten zurückkam und bei seiner Familie weilte, wurde schwer verwundet. Auch die „Schwarze H u n d e r t", welche in Siedlec sehr zahlreich ist, und im Teehaus des Antialkoholvereins ihren Sitz hat, wurde in diaAktion nicht hineingezogen. Es war nur einzig und allein das Militär, welches unter der Leitung der Offiziere das Werk des Mordes, , des Raubes und der Vernichtung vollbrachte. Interessant ist auch,, daß der Kriegsgeneralgouverneur Engelke am Sonnabend, das heißt am Pogromtage, die Verordnung erließ, daß die Geschäfte bis 10 Uhr abends geöffnet sein können, während sie sonst schon um 8 Uhr geschlossen werden mußten. Die Patrouillen erschienen in jedem Geschäfte mit den Worten: „Heute könnt Ihr Eure Geschäfte bis 10 Uhr offen lassen. Handelt frei, bis Ihr satt werdet." * * * Das Zionistische Aktions-Komitee erhielt ferner von seinem Spezial-Berichterstatter folgenden Bericht, datiert vom 15. September: Daß der Pogrom in Siedlec seit langer Zeit vorbereitet war, ist eine Tatsache, die noch von folgenden Einzelheiten bestätigt wird. Am Sonnabend, den 8. September, früh Atorgens, wurde ein Befehl erlassen, daß das Telegraphenamt keine Telegramme ausnchnien soll. Jacob Liwcrant, ein Bierhändler, hat den folgende» Fall'erzählt: Ein russischer Restaurateur war ihm viel Geld schuldig. Bor einigen Wochen, gleich nachdem 'die Bombe auf den Polizcimeister geworfen wurde, ging Litverant zu ihm, um das Geld einzukassieren. Die Frau des Restaurateurs schimpfte ihn aus und sagte: „Wozu braucht Ihr Geld, in zwei Wochen wird ohnehin keine Spur von Euch bleiben." Der Sekretär der jüdischen Gemeinde, Tschatzkis, hat den folgenden interessanten Fall erzählt: Bei Isaak Stern in der Sadowastr. diente ein christliches Dienstmädchen, diese fuhr am Donnerstag, den '8. September, von Siedlec fort, weil ihr Bräutigam, ein Soldat, ihr mitgeteilt hat, daß am Samstag etwas „Neues" passieren wird. Das Haus von Groch in der Pieknastraße war ausschließlich von Juden bewohnt, mit Ausnahme einer Wohnung, die ein christlicher Handwerker bewohnte. Am Donnerstag vor dem Pogrom kam zu ihm der Brandmeister Kielischek und riet ihni, mis dem Hause zu ziehen und in keinem jüdischen Hause zu wohnen. Der letzte Bericht, den der Hilfsverein der deutschen Juden erhalten hat, ist nachstehender: Bekanntlich wurde vor einigen Wochen der Polizeimeister Golzen ermordet. Der Täter entkam und konnte nicht festgenommen werden. So hieß es bald, es wäre ein Jude gewesen. Als die jüdische Gemeinde einen Kranz auf das Grab des Polizeiineisters legen ließ, wurde derselbe zurückgewiesen mit der Andeutung, daß man doch von den Mördern keine Trauerbezcugungen amiehmen könne. Ganz genau wie in Bialystok. Daß daserbärmlicheGefaselderoffiziösen Regierungspresse von Revolution und jüdischen Revolutionären in Siedlec eine Lüge ist, brauche ich Ihnen erst nicht zu sagen. Die Bevölkerung unserer Stadt ist die ruhigste in Polen. Sie besteht hauptsächlich aus armen Handwerkern und Kleinhäudlern, die froh sind, wenn sie auch nur einnral am Tage zu esscnhaben. Die sonst als unruhiges Element geltenden Arbeiter fehlen bei uns ganz und.gar, da bei uns überhaupt keine Fabriken vorhanden sind. Von wem die Greuel vorbereitet, von wem sie ausgeführt wurden, darüber waltet wohl kein Zweifel. Auf direkten Befehl der Vorgesetzten haben die braven Soldaten unmenschlich gemordet, gebrannt, geschändet und geraubt. Ihnen zu Hilfe kamen die speziell von auswärts bestellten Hooligans. Wie gesagt, waren wir über zwei Wochen in banger Erwartung. Die allgemeine Furcht steigerte sich aber immer mehr und gelangte am Freitag bis zur Verzweiflung eines unschuldig zum Tode Verurteilten. Wir wußten, daß wir jeden Augenblick das Schlimmste erwarten können, und waren machtlos, uns irgendwie zu helfen. Man erzählte sich, daß auf dem Rathausturmc eine Stange angesetzt wurde, um darauf ein Zeichen zum Pogrom aufzuhängen. Es war unglaublich und trotzdem doch wahr! Die Vorbereitungen begannen Freitag Abend und von Sonnabend morgen an wurde die Stadt militärisch nbgesperrt, wie abgeschnitten von der ganzen Welt. Die Behörden beruhigten Uns, wir aber waren uns im Klaren. Wir sind ja in diesen Sachen ein erfahrenes Volk! Und so ist cs denn gekommen: Sonnabend Abend einige Minuten nach 9 erschien eine rote Laterne auf der Stange. Man hörte einen Schuß,bald darauf mehrere gleichzeitig und es begann die Nacht von Siedlec. 60 Stunden dauerte ununterbrochen diese Siedleccr Nacht. 60 Stunden hintereinander mordete man und plünderte, brannte und ruinierte. Jüdisches Blut floß in den Straßen, auf den Höfen und in den Häusern; und es rieselte in die Keller hinunter auf die -Köpfe der dort in Todesangst versteckten, vor Hunger und Durst sterbenden Männer, Frauen und Kinder. Es ist unmöglich, die entsetzlichen Grausamkeiten zu schildern, Die hier begangen worden sind. Der Verfasser führt einige charakteristische Grausamkeiten an mrd fährt dann fort: Spät in der Nacht gegen Sonntag, als der Pogrom im vollen Gange war, wurden einige angesehene Juden mit dein Rabbiner an der Spitze zum Polizeimeister, gerufen. Als sie von Soldaten konvoitiert zum.Polizeichef kamen, wurden sie aus den anliegenden Höfen mit Steinen beworfen, wobei einer von der Deputation, Herr T v m k i n,,verwundet worden ist. Oberst Tichanowski verlangte vonden Deputierten, sic sollen diejenigen 15 jüdischen jungen Leute auslicfern, die geschossen haben. Nachdem siedie Erfüllung dieser Forderung für unmöglich erklärten, meinte Herr Tichanowski: „Na, dann geht es weiter fort." Sie wandten sich an den Gencralgou-. vcrneur E n g e l k e, an den Gouverneur W o l z i n. Aber eS lautete auch hier dieselbe Antwort:- „Gebet uns Eure Revolutionäre, dann lassen wir Euch leben." Es half nichts: weder Flehe» noch Beweise. Es steht fest, daß kein einzige r'S o l d a t v o n der Bevölkerung verwundet oder getötet ist. Nur einer ist zufällig von seinem Kameraden erschossen worden, als ein Gewehr fahrlässig kosging. A m S o irtt t a 9 trafen aus Remdbertow und Brest noch zwei Regimenter ein: Truppen schienen wahrscheinlich nicht genügend zu sein. -Es hörte nun das Flinteuschießen. auf, und es begann ein Kanon e n b o m b a r d c m e n t. In kurzer Zeit wurden vier Häuser uiederboinbardiert und an eine Anzahl von Häusern von den Soldaten Feuer gelegt, natürlich, nachdem sie erst tüchtig von den Kriegshelden anSgeraubt worden, waren. So ging es bis Dienstag gegen Mittag, wo das Schießen und Plündern ans-' gehört hat nird in der Stadt eine gewisse Ruhe eintrat. Nicht lange aber hat sie gedauert. Zur Beruhig-, üng der Bevölkerung erließ der an Stelle dcS seines Amtes enthobenen Gencralgouvcriienrs Engclke ernannte General S y k a l o w einen Aufruf, in dem er mit eherner Stirn seinem Kummer „über die Fülle von Getvalttätigkeiten, denen eifrige und ehrliche Träger der Administration zum Opfer gefalle» sind" jetzt Ausdruck gibt und den Revolutionären, d. h. den Siedleccr Juden, Liebe und Frieden predigt. Ungefähr um 3 Uhr nachmittags am selben Tage empfing der Gouverneur W o l z i n unseren Rabbiner, versprach ihm, das Schießen nicht mehr zu wieder- ) holen und bat iTjit, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen, und zwei Stunden darauf gegen 5 Uhr wurde das von Sterbenden und Stöhnenden ungefüllte W. Spital von Dragonern umzingelt und'1'2 Kranke wür- ' den verhaftet und nach dein Gefängnis, eskortiert: Ja, 2 Stunden daraus begann das Schießen wieder: Auf der Stodolnastraße wurde bas Hans Nr. " 40 und auf der Ogrodowastraße Nr. 44 beschossen. Die Bewohner dieser Häuser flüchteten sich in die Keller.. Zwei Frauen wurden auf der Flucht hinterrücks niedergeschossen, eine ist tot. Nun ist aber endlich Ruhe bei uns. Vom Bahnhof treffen Ankommende . ein, wenn auch nur gruppenweise und unter militärischer Begleitung. Einige Bauern haben aus den nahe- . liegenden Dörfern verschiedene Eßwaren znm Verkauf gebracht und die Bevölkerung hat nun die Möglichkeit, nach den vielen Hungertagen etwas zu. essen. Ringsherum aber sind noch alle Spuren der . schrecklichen Verheerung und Verwüstung sichtbar, Zertrümmerte und eingeäscherte Läden, die Straßen bedeckt von Patronen und Bettfedern, bespritzt von : Mciischenblut. Durch die eiugeschlagenc» Fenster hört : man ein Klagen und Jammern und Stöhnen. Es; wagen sich immer noch sehr wenige auf die Straßen und die Stadt sieht fast 'wie auSgestorben aus. Auf Befehl von der Polizei werden die Straßen wieder in Ordnung gebracht. Die Stadt soll ihr früheres Aussehen wieder bekommen. An die Juden ist der Befehl erlassen, ihre Lüden zu öffnen. Sie sollen doch nicht mehr über die Toten weinen, und nur fröhlich an das zufällig unterbrochene Tagewerk gehen . . . Bei uns in Rußland wird ja auch alles auf Befehl gemacht. Wieviel der Toten, wieviele Verwundete, wieviele irrsinnig Gewordene, das läßt sich noch nicht fest stellen. Der materielle Ruin ist ungemein groß. Es gibt fast kein einziges Hans, kein einziges Geschäft, das nicht total ausgcplündert oder niedergebrannt wäre. Die Not ist entsetzlich. Es hat sich ein Hilfskomitee bereits znsammengeseht. Aus Warschau und Lodz sind 6000 Rubel gekommen, auf Veranlassung des Hitfsvereins der Deutschen Inden 40 000 JL Es ist hier aus ' Petersburg auf Befehl von Stolypin eine Untersuchungskommission eingetroffcn. Was wir von dieser ' Kommission zu erwarten haben, wissen wir ganz genau. Umsomehr ist es notwendig, eine juristische Kom-; Mission zu organisieren, um den Beschädigten fachmännische Hilfe zu gewähren und die behördliche ' Untersuchung zu überwachen. ‘ * * Berlin, 17. Sept. Der Hilfsverein der Deut- , schen Juden erhielt aus Petersburg folgendes Tele-': gramm: „Während des Pogroms, in Siedlce wnr- : den aus's Geradewohl mehr als 200 Per.sonen verhaftet. Sie werden nunmehr vor bas . Feldgericht gestellt, das sein Urteil binnen , 48 Stunden fällt. Dieselben Offiziere, die ) bei dem Pogrom beteiligt waren, fungieren jetzt als . Richter. Es besteht die höchste Gefahr, daß, um ein Blutbad zu rechtfertigen, man die