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Neue jüdische Presse · 1906-09-19 · Heft 37 (19.9.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 37 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. turalisationsbedingnngen, die für dcn allergrößten Teil der jüdischen Auswanderer die Möglichkeit, amerikanische Bürger zu werden, einfach 'illusorisch macht. Eine weitere wichtige Erschwerung fiir die Auswanderer bedeutet die j ü n g st e p r e u ß i s ch e Verordnung, die für jeden Emigranten den Durchzug durch das Preußische Gebiet voni Besitze einer recht ansehnlichen Geldsumme abhängig macht. Im llebrige» muß der preußischen Regierung strenge Unparteilichkeit und gleiche Behandlung — richtiger Mißhandlung — armer und reicher russischer Juden rückhaltlos'zugesprochen werden. Die großen preußischen und namentlich Berliner Ausweisungen vom verflossenen Frühling, die ihresgleichen nur in dcn Moskauer Ausweisungen von anno 1891 haben, sind ein beredtes Zeugnis dafür. — Angesichts all dieser aufgezahtten soziaken und wirtschaftlichen Kalamitäten, hie in dieseni Jahre ihren Höhepunkt erreicht haben, vermag auch das großartige Hilfswerk zu Gunsten der Opfer und der -Waisen der Pogrome, das die alte jüdische Solidarität und Opferwilligkcit in so schönem Lichte zeigte, nur geringen Trost 'zu gewähren. Gerade die außerordentliche Hilssbercitschast und die ungeheuren Opfer unserer besser situierten Brüder müssen uns traurig stimmen, ivenn wir bedenken, wie wenig Dauerndes und Bleibendes für die jüdische Zukunft dainit getan ist und wie viel man andererseits mit solchen Mitteln fiir ein großes nationales Werk leisten könnte, ivenn wir nicht dazu verdammt wären, einen unfruchtbaren Kampf gegen russische Zerstörungswut zu führen und die Danaidcnfässer der Pogrome zu füllen. — Verglichen mit dem katastrophalen Charakter der Lage in Itnßland und der Leiden der Emigranten im letzten Jahre, treten die stillen chronischen Leiden unserer Brüder in den an deren Lände r n in den Hintergrund. Der Vollständigkeit halber seien auch diese mit einigen Worten erwähnt. I n d e n ö st e r r e i ch i s ch e n L ä n d e r n greift der gesellschaftliche ökonomische Boykott, der die Losung: „Kauft nicht bei dcn Inden!" ans seine Fahne geschrieben hat, immer mehr um sich. Eine Folge dieser Tendenz sind das Befähigungsnach- >v e i s - und das H a u s i c r g e s e tz, welche darauf ausgehen, dem jüdischen Kleinhändler seinen kümmerlichen' Erwerb völlig abznschneidcn. In Rumänien war vor einiger Zeit von einem neuen liberalen Kurs die Rede. Praktisch ist aber dabei nichts heransgckommen. Indes scheint es, daß die aucochthonen antisemitischen Rumänen im letzten Jahre ganz von dem Kämpfe gegen ihre Mitbürger, die antisemitischen Griechen in Anspruch genommen wurden, so daß sie für die Inden keine Zeit hatten. „Gam su l'tauwoh!" — In Deutschland, wo die Juden ihre volle Gleichberechtigung — ans dem Papiere genießen, ist es in diesem Jahre nicht viel anders geworden. Der Radauantksemitismus — von den Produktionen des Dreschgrafen Pückler abgesehen — hat in den letzten Jahren etwas abgenommen, nachdem er sein Ziel, die Zurücksetzung der Inden ans allen Gebieten des politischen und sozialen Lebens voll und ganz erreicht hat. Daß aber ganze Schichten des deutschen Volkes von einein tiefgehenden Judenhaß durchdrungen sind, werden nur Hyper-Optimisten assimilatorischer Observanz in Abrede stellen wollen. Zu welcher Gefühlsverrohuug der Judenhaß den gutmütigen.Deutschen bringen kann, zeigt die unverhohlene Befriedigung über die Jubenexzesse in Rußland, ioelchc nicht nur ein großer Teil der Presse, sondern auch die akademische Jugend (Vergl. die Berliner allgemeine Stndentenversammlung anläßlich der Wahlen für die akademische Lesehalle!) an den Tag' legte. Was die Juden vom gegenwärtigen Regime in Preußen übrigens auch auf gesetzgeberischem Wege zu erwarteil haben, hat uns im abgelaufenen Jahre das preußische Schulgesetz gezeigt. — Das einzige Land, daS dcn Juden Gerechtigkeit widerfahren läßt, ist die Türkei. Anläßlich der Pogrome in Rußland äußerte der Sultan den Wunsch, sich persönlich an einer Hilfsaktion zu Gunsten der russischen Juden zu beteiligen. Auch wurde nach den Oktobertagen die Einwanderung russischer Inden nach der Türkei sreigegeben. t' Dies ist das Bild der allgemeinen Lage der Juden im abgelaufenen Jahre. Ueberall Elcitd und Unglück, Not und Verzweiflung. Hier blutige Verfolgungen und grausige Abschlachtungen, dort kränkende Zurücksetzung und Behandlung en caneille; fast nirgends aber ein ruhiges, menschenwürdiges Dasein. — lieber die politischen und.kulturellen Bewegungen innerhalb des Judentums — im folgenden Kapitel. Die Woche. Die russische Revolution hatte mit ihrem unsinnigen Terror und ihrer Uneinigkeit die freiheitliche Bewegung ins Stocken gebracht, indem das Bürgertum, das früher mit der Revolution sympathisierte, sie sogar mächtig förderte, nunmehr von ihr abrückte und nach rechts Fühlung nahm. Doch, was tut die kluge russische Negierung? — sie greift der ohnmächtigen Revolution unter die Arme, sie begeht solche Handlungen, daß das Bürgertum, zur Verzweiflung getrieben, sich wieder der Revolution zuwendcn muß. Die Diktatur des ),liberalen" Minister Stolypin ist bereits in voller Tätigkeit. Plchwc, Trcpow sind dahin, aber ihr System lebt. Was in Siedlec geschah, ist noch 'mehr als Diktatur. Ein Cynisnius, wie er in Siedler zu Tag trat, steht einzig in der Geschichte der Menschheit da. Einem j ü bischen Munde fehlen für Siedlec die Worte. Es mögen deshalb an dieser Stelle die objektiv gehaltenen Ausfiihrnugen der „Rufs. Korresp." wicdcrgcgeben werden: „Nehmen Ivir einmal an, daß die offiziöse Darstellung über die Vorgänge in Siedlec auf lauterster Wahrheit beruht. Diese Darstellungen sind natürlich erlogen, aber wenn sic wahr wären, was dann? Es herrscht in Rußland Revolution, und nun sollen auch in Siedlec einige Revolutionäre Schüsse gegen Soldaten oder Polizei abgegeben haben. Man würde es begreifen, daß die Polizei sich wehrt, daß sic die llebeltütcr zu verhaften sucht; daß sic Haussuchungen unternimmt, um noch weitere llebeltütcr zu ermitteln. Man mag auch zugeben, daß cs schwer ist, solches Vorgehen immer rücksichtsvoll unter peinlichster Beobachtung aller gebotenen Formalitäten dnrchzuführen. In einzelnen Wohnungen können Ausschreitungen in solchen Zeiten sich abfpiclcn. Konzediert man all diese Möglichkeiten, als schwer abwendbare Zwischenfälle, .so hat man zweifellos die Grenze der Vorurteilslosigkeit erreicht und allem Rechnung getragen, was Ausschreitungen dcS Militärs und der Polizei in milderem Lichte erscheinen lassen kann. Aber wie spielten sich die Vorgänge in Siedlec ab. Es kam garnicht zu einem einzelnen Zusammenstoß mit Revolutionären; man veranstaltete vielmehr eine Bartholomäusnacht auf russische Rcgieruugsart; man ließ'Tage und Tage, Nächte und Nächte die Soldateska auf die gesäurte unglückliche Stadt los. Und man tötete nicht nur, man raubte auch; und man raubte und tötete nicht nur. sondern steckte auch ganze Viertel in Brand und man traktierte die Bewohner nicht allein mit Flintenschüssen, sondern auch Kanonen traten in Aktion, und man verlangte von deil Deputationen die um Milde baten und die sich als Geisclic stellen wollten, um die Ruhe zu verbürgen, daß sie die Revolutionäre anslicfern sollten, was eben so viel bedeutete, als daß man nur Ruhe haben sollte, wenn die Stadt den Mond dem Gouverneur auf dem Präsentierteller überreichen würde; und mau schließt die Stadt, die an einer großen Verkehrslinie liegt, drei bis vier Stunden von Warschau, nicht einen Tag, nicht zwei Tage, nicht drei Tage, sondern nunmehr vom letzten Sonnabend bis zum Freitag nächster Woche so absolut von der Außenwelt ab, daß noch heute keine ganz zusammenhängenden Nachrichten über die Geschehnisse in die Außenwelt haben gelangen können; obgleich die zivilisierte Welt ihre Angen sogleich auf das Städtchen gerichtet hat und wohl ein halbes Dutzend Berichterstatter darauf warten, die schaudernde zivilisierte Menschheit über die'Gräuel in Siedlec aufzuklären. Was sich in Siedlec ereignet hat, ist die Tat furchtbarster Barbarei einer idiotischen Soldateska; ihre Barbarei braucht nicht noch erhärtet zu werden; sie ist offensichtlich; und ihr Idiotentum ist auch erkennbar genug, denn wenn man selbst Hunderte von Einwohnern des Städtchens erschlagen hat, so beeinflußt das Nicht im geringsten den Lauf der Revolution; denn'man hat Hunderte und Tausende von Russen wiederum hcrangebildet, die alles, aber auch alles zu opfern bereit sind, damit solche furchtbaren, solche schmachvollen Ereignisse im großen östlichen Slaven-Reiche in einer besseren Zukunft eine Unmöglichkeit werden. Seien wir wiederum milde. Siedlec ist ein kleines Städtchen; es ist traurig, daß es immer noch Ortschaften in Rußland gibt, deren Behörden ans Dummköpfen und Barbaren bestehen; aber das wissen wir ja; das ist ja bekannt. Freilich, es gibt auch in Rußland eine Zentralregierung; sie sitzt nicht in einem verlassenen Städtchen, wo die Trunksucht die Gehirne ersäuft; sie sitzt in einer zivilisierten Großstadt, in St. Petersburg. An ihrer Spitze befinden sich Minister, die Europäer empfangen und mit Europäern auf ganz europäische Art verkehren, und die Direktiven gibt der Zar diesem Ministerium, der der Welt stets als ein freundlich-gesinnter, wohlmeinender, gutartiger Mensch geschildert wird. Und dieses Ministerium und dieser Zar lassen es geschehen, daß man eine Stadt des Reiches nicht einen Tag, nicht zwei Tage, nein von Sonnabend bis Freitag so behandelt wie cs mit Siedlec geschehen ist. Dies muß nian klarstcllen, um über die Verteilung der Verantwortung ein unparteiisches Urteil fällen zu können, und damit die Welt ermessen kann, was von diesem Zaren und was von diesem "Ministerium noch ' zu erwarten ist. Da niemals die Verbrechen etwa gleicher Art, wie sie Siedlec vorausgegangen sind, eine Sühne erfahren haben, so muß man folgern, daß sie an der höchsten Stelle in Rußland nicht als Verbrechen betrachtet werden, und diese Annahme wird unterstützt durch die Wahrnehmung, daß zahlreiche Urheber furchtbarer Gräuel befördert wurden und Belohnung erhalten haben. Mit den offiziellen Helden in Siedlec wird cs nicht anders sein. Die Barbareien von Siedlec reißen Rußland völlig in Anarchie hinein, denn es ist klar, daß die Empörung über ein Regiinent, zu dessen Regicrungsprogramm solche Taten gehören, Taten der wildesten Verzweiflung aus der Seite der Linken zeitigt. Die zivilisierte Welt muß aber passiv zusehcn und es ist in der Tat ein Zeichen echter Zivilisation, daß die offiziellen Vertreter des heutigen mit Massenabschlachtungen Unschuldiger regierenden Rußland von den empörten Vertretern der Kulturwelt behandelt werden, als seien sic die Abgesandten einer zivilisierten Regierung." * * * Die Jahrcskonferenz des zionistischen Aktionskomitees tagte diesmal zu Köln a. Rh., am Sitze des Präsidenten der zionistischen Bewegung. Auch eine Generalversammlung des „Jewish Colonial Trust" hat, anschließend an diese Konferenz, stattgesunden. Was hat nun diese Konferenz zu Tage gefördert? Es Tslsein weiterer Schritt ans dem Wege der Verständigung zwischen den „Politischen Zionisten" und den „Zione Zionisten" gemacht worden und zwar im Sinne der l e tz t e r e n, die Politischen Zionisten haben nachgegcben. Besteht doch die eigentliche Differenz zwischen erstercn und letzteren darin, daß die Politischen Zionisten, die wahren Erben Herzls, vom Großen znm Kleinen — erst die Sicherstellung, der Charter, und alsdann der allmähliche Ausbau — gelangen wollen, während die „Zione Zionisten" das Entgegengesetzte für richtig halten. Und wenn die Konferenz Beschlüsse gefaßt hat, die Arbeit in Palästina sortzusetzen und ansziibauen, so ist cs eine stillschweigende H i n n a h m e des ziouc-zionistischen Systems. Wir sagen absichtlich „eine Hinnahme", damit wollen ivir gesagt haben, daß man hingenommen hat ohne eS akzeptiert oder gar änerkannt zu haben, die Politischen Zionisten haben unter dem Druck der Verhältnisse gehandelt, diediegegenwärtigeLa ge der Bewegung erheischte; auch Herzl würde so gehandelt haben und in dem sie nachgaben, verführen

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