Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692497--02691-2697319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 3?. jüdischen Religion kündet, er möge auch das Leben des jüdischen Volkes bedeuten. „Israel und seine Lehre sind eins", sagen unsere Altmeister. Das lebendige Gotteswort bedarf des lebendigen jüdischen Volkes. Ein lebendiges Judentum schreit nach lebendigen Juden. Von diesen heiligen Wahrheiten beseelt, können und dürfen wir das Rausch Hafchonoh-Gebet verrichten: „Gedenke unser zum Leben." Es ist kein Wort, es ist Leben, weil von Lcbcnwollcnden gesprochen. Denn es bleibt ewig wahr: „Das Leben gehört den Lebenden." — Unsere Jahresbilanz. Rü ckblick auf das Jahr 5668. Von P e li. I. Die allgemeine Lage. Der moderne jüdische Chronist hat das traurige Privilegium, mit den geringsten literarischen Mittel» deu größten Eindruck Hervorrufen zu können. Er braucht nicht den gigantischen Schwung, die überwAtigende Kraft eines Aischylos, eines Sophokles zu besitzen und seine Berichte werden doch wie die antiken Tragödien anmuten, wo mit jedem Akte der Schauder wächst ünd die Katastrophen einander überstürzen, einander überragen. Als wir vor rund zwölf Monaten an dieser Stelle das Facit des Jahres 5665 zu ziehen suchten, konnten wir, so bedenklich Und traurig uns auch die Diagnose stimmen mußte, gar nicht ahnen, daß uns noch viel Schlimmeres, Entsetzlicheres bevorstand, und unsere Prognose fiel deshalb bei weitem nicht so düster aus, ivie die später eingctrctene Wirklichkeit. Denn keine misanthropische Schwarzseherci, keine vom Verfolgungswahn befangene Phantasie wäre im Stande gewesen, sich all das Grauenhafte und Entsetzliche auszumalen, das über uns kommen sollte. — Das Jahr 5666 sollte eines der leidensrcichffcit in der leidensrcichen Geschichte Israels werden; es sollte sich den furchtbaren Jahren 4856 und 5408 „würdig" anreihen, sa sogar sic in mancher Beziehung in den Schatten stellen, lind so wurde nun das Leidcnsrcgister des ewigen Martyriums Israels um viele, viele neue Artikel bereichert, so wurde nun die Iveltgeschichtliche Tragödie, deren Ort — der Erdball, deren Zeit — Jahrtausende und ’ deren Held — das auserwählte Volk Gottes ist, um neue grauenerrcgeirde Akte vergrößert. Die veredelnde Wirkung der Tragödie — die Läuterung der Gefühle, die Erregung des Mitleids der Zuschauer — blieb aber hier aus. Am 17. Oktober alten Stiles wurde von der siegreichen Revolution dem Zaren und seiner Camarilla ein Manifest abgetrotzt, das der geknechteten und unterdrückten Bevölkerung Rußlands eine Verfassung „gab". Rußland sollte ein Rechtsstaat werden. Am 18. Oktober begannen nun — aus Rache für die abgerungcnen Konzessionen und als Warnung für die Zukunft — im gesamten Ansiedelungsrayon ein schauderhaftes Morden und Würgen, gegen das sich die Greuel der Bartholomäusnacht wie ein Kinderspiel ausnehmen. Acht Tage lang tobte der russische Mob in den jüdischen Ghcttis, überall Mord und Entsetzen verbreitend. Mit offenem, unverschämtem Zynismus ivurden 'diesmal die Vcrbrecherbanden für das patriotische Werk des Mordrns und Plünderns organisiert, Janhagel, Polizei und Soldateska wurden ostentativ mit Geld, Branntwein und Waffen ausgestattct und nach den jüdischen Vierteln beordert. 75 Kopeken war der in Petersburg festgesetzte Preis für einen Judenkopf, außer Geplündertem und Geraubtein. Die Mordbrenner in.Zivil und in Uniform täuschten auch die in sie gesetzten Hoffnungen nicht. Sie. zeigten Heldentaten — an Greisen, Frauen und Kindern —, wie sie die russischen Waffen im Felde noch nie zu verzeichnen hatten; sie legten im „Kriege gegen den Feind" eine raffinierte Geschicklichkeit, eine reiche findige Phantasie zu Tage, um die sie die Inquisitoren des Mittelalters beneiden könnten. Hunderte zerstörte Gemeinden, Zehntausende bernichtete Menschenleben, Hunderttausende ruinierte Existenzen waren die Trophäen des glorreichen Kriegs- . zuges gegen den „inneren Feind". ' Die liberalen und revolutionären Kreise des russ. Volkes blieben natürlich nicht tcilnahmlos den Judenexzessen gegenüber: sie ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, dem verhaßten Gegner — der Regierung — in die Waden zu beißen und die Massenmorde gegen sie anszuspielen. Vielfach kam cs t sogar zu Sympathieäußernngcn für die Juden, eine fortschrittliche Zeitung eröfsuete eine Sammlung zu Gunsten der Opfer der Exzesse und brachte es auf — 51 Rubel. Die sozialistischen Organisationen schlossen ihre Mitglieder, die sich nachweislich an den Ausschreitungen gegen die Juden beteiligt hatten, aus der Partei aus. In Jekaterinoslaw, Ivo von der Selbstwehrgruppe der zionistisch-sozialistischen Partei „Pvale-Zion" allein an die 80 Mann im Kampfe -ielen, ging die allgemeine sozialdemokratische Organisation sogar so weit, nachträglich eine Resolution zu fassen, worin sic ihre Beschämung darüber ausdrücktc, den jüdischen Brüdern nicht zu Hilfe gekommen zu sein. — Mehr als dies kann nur ein überspannter jüdischer Chauvinist verlangen. Auch das europäische Gewissen blieb nicht taub gegen die monströsen Verbrechen. Europa sprach seine Verachtung gegen die Grcueltaten aus, und — griff der Pogromrcgiernng mit einer Milliardenanlcihe unter die Arme. 'Dies konnten aber die guten Europäer nicht mit ihrem Gewissen als unvereinbar finde», angesichts der Tatsache, daß auch Jndensprößlinge — und sogar solche, die in deu Kültusstubcn sitzen.— dabei waren. — Diese Tatsache, die wir in diesem unheilvollen Fahre erleben mußten, ist vielleicht das 'traurigste, furchtbarste Symptom eines degenerierten Sklavcndaseins; die moralischen Krüppel einer entwürdigenden Assimilation sind vielleicht häßlicher und — bedauernswerter als die Krüppel der Pogrome. Solche Erscheinungen sind das Schlimmste, was unsere Feinde in der Diaspora uns 'antun konnten. Die nationale Schmach der Pogrome wurde durch das Blut unserer heldenmütigen Jünglinge von der Selbstwehr wcggewischt, allein die Schmach eines Ritter v. Tanss i g muß von jedem Juden wie ein Brandmahl auf der Stirn empfunden werden. — Es ist dies für das jüdische Bewußtsein viel demütigender, als das höhnische „Judaea capta" auf dem Triumphbogen des Kaiser Titus .... Die Bedeutung der Oktober-Pogrome ist um so größer, ihre Tragweite umso furchtbarer, als sie nur den ersten Akt einer großangclcgten systematischen „Tätigkeit" des „Verbandes des russischen Volkes", des „Verbandes echt russischer Männer" niid ähnlicher Organisationen des „Schwarzen Hundert" und der „weißen Garde" darstellt. Weitere Leistungen dieser Ehrennränner sind H o m e l und Bjalistok, die im abgclaufenen Jahre von den Mordbnben zum zweiten Male heimgcsucht worden sind und neuerdings — als ob das Maß unserer Leiden im letzten Jahre noch nicht voll gewesen wäre! — das furchtbare Blutbad von S i e d l c c. Dagegen wurde ein großangclegtcr Plan einer abermaligen Jndenabschlachtnng in Odessa vereitelt und zwar, wie ein telegraphischer Bericht aus Odessa charakteristisch genug aussagte, weil die aus Petersburg erwartete Hilfe nicht 'eingetroffen ist. Bei allen diesen Massakrcs hat sich es leider gezeigt, daß die verzweifelten Verteidigungs-Versuche der heldenhaften jüdischen Selb st wehr wohl dem Janhangcl, keineswegs aber einer brutalen Polizei und Soldateska ein Paroli bieten kann. . Und doch bildet diese edle Bewegung, die im letzten Jahre sehr große Dimensionen angenommen hat, wegen ihrer tiefgehenden m o r a l i s ch e n Wirkung eine sehr erfreuliche und nicht hoch genug cinzuschätzende Erscheinung unseres Volkslebens'. Der Bjalistokcr Pogrom war insofern noch in einer weiteren Hinsicht von besonderer Bedeutung, als er zu einer Zeit geschah, wo d a s e r st e russische Parlament seine Flitterwochen feierte. Das Verdienst, hier energisch eingegriffen zu haben, muß der Duma, namentlich ihrer Bjalistokcr UntcrsuchungskomMission und dem Fürsten U r u s s o w zuerkannt werden. Die Forderung der Gleichberechtigung aller Stationen, die sie auf Verlangen der jüd. Abgeordneten*) in der Anttvortadresse auf die Thronrede aufstellte, blieb jedoch erfolglos. Die soziale und rechtliche Lage der russischen Juden ist' zu Anfang 5667 —genau -so unerträglich wie vor einem Jahre. Die Versprechungen, die Graf Witte vor einem Jahre Jacob Schiff gegenüber gemacht hat, die Lage der Juden verbessern zu wollen, sind ebensowenig in Erfüllung gegangen, wie alle anderen Versprechungen der rusischcu Regierung, ganz besonders aber diejenigen^ die 'ich auf die Juden beziehen. Die barbarischen Ausnahmegesetze werden heute mit derselben Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit gehandhabt, wie zur Zeit Plehwe's traurigen Andenkens. Daß die wirtschaftliche Lage der Juden Rußlands infolge der Pogrome und der permanenten Wirren sich noch erheblich verschlimmert hat, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und zwar nicht allein direkt in der Form vorübergehender oder dauernder Stockung des Handels und Verkehrs in den heimgesuchten Orten, sondern 'viel mehr noch indirekt, indem sich die reicheren und wohlhabenderen jüdischen Elemente mit Hab und Gut nach dem Auslände flüchteten, uni Leben ünd Besitz in Sicherheit zu bringen. So wurde nun dem ohnehin nicht übcrniäßig kapitalkräftigen üdischen Handel im Ansiedelungsgebiet noch, bedeutende Kapitalien entzogen. Geradezu ruinierend wirkte daneben noch der ökonomische Terror der „jüdichen" revolntiouärcn Parteien („jüdisch" in dem Sinne, daß sic zum Objekte ihres „ökonomischen Kampfes" lediglich die jüdischen „Kleinbourgeois" nahmen), der sich bei jeder noch so geringfügigen Gelegenheit in erzwungenen Streiken, Ladenschlüssen und Brandschatzungen äußerte, vor allen Dingen aber die ausgedehnte „Expropiationspolitik", will sagen die Raub- und Erpressungsarbeit der sog. Anarchisten-Kommunisteu und sonstiger einfacher Spitzbuben. r Daß unter diesen Umständen die Emigration aus Rußland in diesem Jahre riesenhafte Dimensionen ■ annehmen mußte, ist selbstverständlich. Sic soll nach den Berichten der Emigralionsburcaux und Einwanderungsämter im Laufe des Jahres die erschreckende Zahl von 3—400000 Mann erreicht haben. Leider aber steht die jüdische Gesamtheit nach wie vor völlig rat- und hilflos diesem schwierigsten und wichtigsten Problem gegenüber. Mehr als Informationen und im besten Falle noch einen Beitrag zu den Reisespesen vermögen die großen jüdischen Organisationen den Emigranten nicht zu bieten. Von einer durchgreifenden rationellen Regelung des Emigrationsstromes sind wir' noch sehr weit entfernt. Und auch die B r tt s s e l e r Ko n - ferenz — fo erfreulich und bedeutungsvoll sie an sich auch war, als der erste Versuch eines Zusammenschlusses und Zusammenwirkens der verschiedenen jüdischen Organisationen —, brachte hierin keinen Wandel. Die auf der Konferenz beschlossene Schaffung einer permanenten Zentrale aller bestehenden jüdischen Organisationen ist leider bis jetzt nicht zustande gekommen, hauptsächlich wohl dank der ablehnenden Haltung der bedeutendsten Organisationen: der Jca und der Alliance, die aus den Ereignissen des letzten Jahres nichts gelernt zu haben scheinen und die 'es mit ihren Aufgaben und Pflichten für vereinbar erachtet haben, den Versuch einer einheitlichen Aktiv» aller großen jüdischen Organisationen zum Scheitern zu bringen. Der progressive» Zunahnie der Emigration steht eine ebensolche Abnahme der Immigration s in ö g l i ch k e i t e n gegenüber. Beide Faktoren stehen im Verhältnis umgekehrter Proportion zu einander. Das Gesetz Herzls von der beschränkten Aufnahmefähigkeit und der notwendigen Uebersättigung aller Jmmigrationsländer bewahrheitet -sich. In England ist in diesem Jahre die im vorigen Jahre angenommene „Alien-Bill" in Kraft getreten. Dieses Gesetz, das den jüdischen Auswanderern den Zutritt zu dem klassischen Hort der Freiheit und Vorurteilslosigkeit erheblich e rschwert, wird mit einer Strenge und Rücksichtslosigkeit, ja oft geradezu mit einer Willkür gehandhabt, die dem englischen Namen wenig Ehre' macht. In Nordamerika brachte das.abgelaufcnc Jahr eine bedeutsame Erschwerung der Na - *) Näheres über das Wirken der jüdischen Duma- Abgeordneten im folgenden Kapitel.