Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Pulvcrmann. — Wochen- Kalender. — F a m i l i e n n a ch r i ch t e n. Rausch Haschonoh. Bon Dr. I. Nacht. Wir sind um ein Jahr, reicher geworden: Je mehr wir an Jahren zunehmen, desto ärmer unsere fernere Lebensdauer. Eine - Tatsache, mit der man sich abfindcn muß, so sehr uns das eine. erwünscht, das andere unlieb ist: „Wie stellt man's nur an, Das sage mir einer. Lange leben will jedermann, Alt werden keiner." Wir werden alt, jedenfalls älter, ob >vir cs wollen oder nicht. Ein Gedanke, der einen recht trübe annmtet. Es wäre am besten, ihn gar nicht zu denken. Das ist natürlich nicht leicht möglich. Mit jedcin Atemzuge atmen wir diesen Gedanken, mit jedem Herzschlag schlägt er an unser Ohr. Doch wäre es vielleicht ein erlaubter Wunsch, die entschwundenen Jahre mögen gleich den abgerissenen Blättern eines Kalenders in den Strom der Vergessenheit wandern, daß wir nie wieder an sie denken. Die alten Völker hatten diesen Wunsch. Sie sprachen von einer Kunst, die „uns- Vergessenheit lehrt". Der Jude hat ihn nichts darf ihn nicht haben. Rausch Haschonoh, der Tag, an dem uns das Aelterwerden geradezu durch . Posaunenschall verkündet wird, dieser Tag soll uns auch zum „Jaum hasikoraun" iverden. Da sollen wir uns erinnern, . zurückblicken aus die Zeit der Vergangenheit/ 'Und wahrlich" nicht, um uns in trübe Stimmungen zu versenken. Das steht dem-Volke des Optimismus nicht an. Die vergangenen Tage sollen uns eine Lehre für die kommenden sein, sie sollen uns den Richter abgeben, vor dem wir unser Tun und Lassen zu verantworten haben. Goethe rühmte von sich, er lebe „in Jahrtausenden", und deshalb sähe er von vornherein die Nichtigkeit und Unbeständigkeit. der irdischen Dinge. Nun, es ist nicht jedermann gegeben, in „Jahrtausenden" zu leben, Da solle man wenigstens bestrebt sein, das gelebte Leben im Geiste nochmals zu überichanen. Da wird man nicht allein von der Nichtigkeit -der irdischen Dinge erfahren, man wird '/auch manches- -vom BMbenden und Be»; stehenden in der Zeiten Flucht herausfinden. ■ Rausch Haschonoh, gibt uns diese Möglichkeit. Er ist der Tag der .Erinnerung , und . führt uns in die vergangenen Tage zurück. Er lehrt uns: Das Aelterwerden' - / 8arf7>üichb ' tzls - Last, /.als Lebensbürde erscheinen, die wir durch „Vergessenheit". - von uns 'abzuschütteln versuchen. Es soll uns zu einem lautern, reinen Quell innerer Prüfung werden, zu "einem'/,Jaüm hadin". der uns mittels Erinnerung (Jaunr hasikoraun) daran gemahnt, das Flüchtige und Unhaltbare vom Ewigen und Wahren, das in irdischem Streben ausgehende Scheinleben vom wirllichen, heiligen jüdischen Idealen geweihten Hochleben zu sondern und auseinander zu halten. Mögen wir die große Lehre dieses ernsten Tages beherzigen, auf daß wir mit echt jüdischem Lebensmute ausgerüstet das Gebet verrichten: „Gedenke unser zum Leben." Was war uns das vorige Jahr? Eine Träne. Eine große, schier unermeßliche jüdische Volksträue. Und sie floß so mächtig, so stark, daß sie beinahe alle andern Lebensmomente aus unserem Gedächtnisse hinwegschwemmte und' nur die Erinnerung an die Schreckenstage zurücklicß. Wäre es auch anders möglich? Wer von uns könnte vom vergangenen Jahre sprechen, ohne an das große Unglück, von dem unser Volk ereilt worden, zu denken? Es mag wohl dein einzelnen gelingen, seinen Schmerz zu unterdrücken, ihn zu vergessen. Mitunter ist dies vielleicht auch nachahmenswerte Tugend. Doch wird es inmier, wie W. v. Humboldt fein sagt, „gut geartete Seelen geben, in denen ein wahrer Schmerz, ivas auch seine Ursache sein niag, ewig bleibt." Nun, ein „wahrer Schmerz" war das verflossene Jahr für uns alle. Was unseren Brüdern in Rußland begegnet war, bedeutet. ein nationales Unglück. Und es gibt „gut geartete" jüdische Seelen, die ein solch „wahren Schmerz" ewig empfinden und sich nicht mit der leeren Phrase „vorübergehende Erscheinungen" trösten lassen. Lichtgcstalten wie Jeremias, Ezechiel, Esra und Nechemia in. der Vergangenheit, Jchnda Halewy im Mittelalter, Moses Heß und Th. Herzl in der Neuzeit, legen .dafür glänzendes Zeugnis ab, wie wenig die Zeit es vermag, den wahren jüdischen Schmerz aus dem großen jüdischen Herzen zu verbannen. Das ist ein Trost, der einzige, mit dem wir uns vom alten Jahre trennen und in das neue treten. Rausch Haschonoh, der „Tag der Erinnerung", ruft uns das große Leidensjahr ins Gedächtnis zurück. Wir können den großen Schmerz nichtvergessen. Ganz Israel fühlt ihn mit. Er ist ein -jüdischer Volksschmerz. Das ist unser unerschütterliche-Glaube an das jüdische Volksleben,'- der an diesem Tage in dem Gebete '„Gedenke unser zum Leben" zum Ausdruck kommt. Es ist kein totes Gebet. Wir haben den. .Beweis für unsere Lebensfähigkeit erbracht. Eist/ Volk,' - dessen Schmerz von. seinen Söhnen getragen und' ewig empfunden wird, ein solches Volk darf undkann -nicht ausgegeben werden. Von - ihm. gilt das gewandelte/ Denkerwort: „Ich leide, also bin ich." /Möge - uns 'die traurige Erinnerung an das leidensvolle verflossene jüdische Jahr zu der köstlichen "Erinnerung -berechtigen: „Erinnere Dich unser zum Leben." *• - Der große Tag mit seinem heiligen Ernste war da. Und es begrüßten ihn Flur und Wiese in ihrer duftigen grünen Gewandung, 'fruchtbeladene Bäume verneigten ehrfurchtsvoll ihr Haupt, die saftige Rebe reifte in Jabel ihm entgegen. Anr ersten Tage des Monats Tischri, am Rausch Haschonoh ertönte das Gotteswort: . „Es lasse wachsen die Erde alles Gewächs, Kraut, das hervorbringt Samen, Fruchtbaum, der Frucht trägt." Und es rauschte und wogte all überall, wie ein Blühen und Leuchten ging es durch die ganze Erde, ein Keimen und Sprießen: Leben. Rausch Haschonoh steht ini -Zeichen des Lebens.. Trotz seines ernsten religiösen Charakters oder vielleicht erst deshalb. Eine .Religion ohne Leben kennt das Judentum nicht. ' Je mehr wir für die Pflege, des religiösen Sinnes bedacht sind, desto mehr müssen wir dem Leben und seinen gerechten 'Anforderungen Rechnung tragen. ' , Das ist jüdisches, echtes, unverfälschtes Judentum. Jener weise Rabbi, der, wie die Legende erzählt, an einenr dieser großen Tage plötzlich aus der Synagoge verschwand, um in der Kinderstube einem weinenden Säugling seine. Wünsche abzulauschen, jener große Mann sagt rnrs, was diese ernsten Tage von uns verlangen: Religion und Leben. In der Vereinigung dieser beiden Elemente liegt das . Festesvollex/Die religiöse Begeisterung, von der wir im Gotteshause..exsaßt sind, in den großen Strom des Lebens hinauszutragen, Lebensfrische und Lebensmut.in unsere Andachtsstätte hineinfluten zu. lassen, kurzum, unser. Leben durch Religion zu weihen, unsere Religion durch Leben,, das wäre so recht die Aufgabe dieser.. ernsten Tage. ';; „Dieser Tag, 8er Beginn Deiner Schöpfung, im Gedächtnis bleibt er an den ersten Weltentag." Wie er einst Leben bedeutete, Leben, ... das durch das mächtige Gotteswort ins Leben -gerufen ward, so soll er auchheute nebst dem Gottesworte, den: wir an diesem Tage in Haus und Synagoge lauschen, uns zu neuem Lebensmut uich. Lebenswillen . anspornen./Zum„jüdischen Leben in all seiner alten Herrlichkeit, wie es der „Erinnerungstag" uns schildert. Und es wird kommen, dieses Leben, so wir X es ernstlich wollen. Unsere Weisen erzählen: Es - kamen die Engel vor den Ewigen. „O Allmächtiger", sprachen sie, „wann ist der große, heilige Tag, wo Du über Tod und Leben entscheidestwann ist Rausch Hanoschoh?" Es sprach der Ewiger . „Fraget mich nicht, gehet hinunter zu meinen. Kindern, an ihnen ist es, diesen, großen Tag, und was er mit sich bringt, zu" bestimmen.^ ... .... Nun, betreten wir an diesem Tage die 7 Synagoge mit einem festen, einheillichen, jstdh- ... scheu Willen, mit einem von All-Jsräel geteilt .' ten Wunsche: Dieser Tag, der Israel in der Synagoge einigt und' sammelt, er möge auch das zerstreute Israel draußen im. Stroma des Lebens einigen und sammeln; dieser Tag, der ' dtkrch Gebet und Posaunenschall vom Leben der