Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 36 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 . ebenfalls auf sein Zimmer, angeblich um einige Briefe zu schreiben. Hulda saß am Fenster und beobachtete scheinbar mit großer Aufmerksamkeit das Feuerwerk, das drüben beim General zur Feier seines Geburtstages abgebrannt wurde. Ezra beobachtete das Mädchen schweigend. „Ist - es möglich, daß die Vorgänge in jenem Hause ein solches Interesse für sie haben?" war seine Frage, . die er sich selbst stellte. Warum sprach sie nicht, da sie doch genau wußte, daß er im Begriffe war, das Haus zu verlassen, das er so lieb gewonnen? --Mer auch er zögerte, das Schweigen zu unterbrechen. Jetzt hörte er ein leises Schluchzen. — '— Warum weint sie? Liebt sie ihn denn? Gelten ihre Tränen ■ dem bevorstehenden Mschied? Von seiner Leidenschaft überwältigt, jede Selbstbeherrschung vergessend, trat er ihr näher, entschlossen sein Schicksal zu erfahren. Seine leise Be- . Berührung ließ sie zusammenfahren, doch blieb sie auf ihrem Platze, ohne aber ihn anziisehen. >' „Hulda, Sie weinen," flüsterte er in einem Tone, der ihr Herz erbeben machte; „Hulda, darf ich nicht ihren Kummer teilen?" Sie gab keine Antwort, doch ließ sie ihm die Hand, die er ergriffen. „Ist es, weil mein Aufenthalt hier dem Endei nahe ist, und wir für immer-— Hulda, für immer scheiden sollen," drängte er zärtlich. Sie vermochte kein Wort hervor zu bringen und senkte ihre Lider vor dem inniglich flehenden Blick seiner Augen; sie wollte ihm die Hand entziehen, doch, diese schwache Bewegung veranlaßte Ezra zu handeln; er zog sie an seine Brust, und, still weinend, duldete sie seine Kusse, mit denen er den heiligen Bund besiegelte. < Ws Rüben wieder das Zinuner betrat, merkte er sogleich, daß das von ihm Längstersehnte >sich endlich verwirklicht hatte. Für den ersten Moment überkam ihn das schmerzliche Bewußtsein, daß er fortan im Herzen seines Kindes nur den zweiten Platz einnehnieu werde — —. Doch der selbstlose Gedanke, das Glück seines Kindes gesichert zu sehen — so weit menschliche Voraussicht reicht — ließ bald das Schmerzliche vergessen. Hulda warf sich ihm in die Arme, ' liebevolle Worte ihm zuflüsternd. Es war für ihn ein Augenblick des reinsten, höchsten Glückes; zumal Huldas Stimme und Bewegung in diesem Augenblick ihn an ihre Mütter erinnerte, deren holde Gestalt jetzt vor seinem Geistesauge auftauchte. Nachdem er seine Tochter mit tiefer Rührung umarmt, wendete er sich Ezra zu, wobei er seinen Tränen freien Lauf ließ: „Komme her, niein Sohn. Mit meiner Tochter nimmst Du auch mein ganzes Herz; denn sie ist meine Lebensbedingung, sie bedeutet mein ganzes Geschick! Ich glaube, Du bist ihrer Liebe wert, und auch sie weiß Dich zu schätzen. Möge der alliebende Gott Euren Bund segnen, und niöge Gottesfurcht und Friede nie aus Eurem Hause weichen!" Endlich hatte die Aufregung sich gelegt, und alle drei fingen an, Pläne für die Zukunft zu entwerfen. ' „Nicht wahr, Kinder, Ihr werdet auch nachher Euren alten Vater nicht verlassen — —?" Es war Rüben, der wehmütig diese Frage stellte. : •; Das war für Hulda's Kindesliebe zu viel, und ein herzbrechendes Schluchzen war ihre einzige Antwort. „Schon gut, inein Kind," beschwichtigte sie der Vater; „fortan sollen wieder dreien unserer Familie gehören." .. In diesem Augenblick blickte Ezra zufällig nach dem Fenster; da sah er drüben den 'General, jwke er herüberstarrte. Sicherlich war er auch bon dem Familienereignis Augenzeuge gewesen, das sich soeben hier abgespielt. Die Empörung des Jünglings war grenzenlos. Welches Recht hatte dieser Mensch, die intimsten Vorgänge einer Familie zu belauschen, die mit ihm in keinerlei Beziehung stand--? Auch Rüben war sehr aufgebracht darüber; aber, seiner Ohnmacht sich bewußt, mußte er seinen Zorn unterdrücken; noch mehr, weil er sich erinnerte, erst 'vor Kurzem dem General in einer Weise entgegengetreten zu sein, die der wollüstige Stockrusse sicherlich, einem Juden nicht zugetraut, und die darum, seine bösen Instinkte erregt haben mußte. Frankfurter Israelitische» Farmliendlaü Grebow war ein ausgezeichneter Soldat und trotz seiner Fettleibigkeit ein schneidiger Reiter. Seit dem Krimkrieg war seine breite Brust mit Orden bedeckt, und diese Auszeichnung schien ihm sehr stark zu Kopfe gestiegen zu sein. In letzter Zeit hatte er die exzentrische Gewohnheit angenonimen, hin und Ivieder eine Handvoll Silberniünzen auf die Straße zu werfen, um sich bei dem Herumbalgen der Kinder und Bettler zic belustigen; dadurch wurde er populär und überall mit „Hnrrah" begrüßt. „Wein und Weiber" waren von jeher sein Element gewesen, und die Folgen seiner Ausschweifungen, in seinem aufgeduusenenl Gesichte deutlich erkennbar. Seine kupferrote Nase und sein pferdcschweifartiger Schnurrbart würden in jedem andern Lande ein wahres Festessen für die Karikaturenzeichner gebildet haben; doch in Rußland bedeuten solche Witze einen unfreiwilligen Sommeraufenthnlt in Sibirien — —. ■ Eines Tages nun wurde 'in Ruben's Haus ein Paket abgegeben, das Greböw's Stempel trug, und „An meine angebetete Schönheit" beschrieben war. Rüben wurde kreidebleich. Doch was konnte er, ein Jude, wohl tun, um eilten russischen General für eine solche Unverschämtheit zu züchtigen-! Ohne seiner Tochter ein Wort zu sagen, schickte er das Paket uneröffnet mit der Bemerkung zurück, „daß er genügend Mittel besitze, um seine Tochter standesgemäß zu kleiden, und daß die Religion seine Tochter gelehrt, die Sünde zu verabscheuen, wie glänzend sie auch erscheine. Habe er, der reiche Kavalier, aber andere Anschauungen, so möge er diese wo anders, und nicht bei einem jüdischen Mädchen zur Geltung bringen-!" Der ehemalige Rechtsanwalt und Menschenkenner Rüben wußte wohl, daß 'der General, bei seiner halbasiatischen Natur, bei dieser Abfertigung vor Wut schäumen würde, allein er war es der Ehre seines Kindes schuldig, so und nicht anders zu handeln. Nach diesem vermehrte er seine» Haushalt um eine ältere Frau, der er von der 'Gefahr, in welcher seine Tochter schwebt, Mitteilung machte. Feste Riegel wurden an Tür und Fenster angebracht, ein besonderer Wächter angestellt, dem er es einprägte, auf beide Häuser scharf aufzupasscn, und wenn irgend etwas Verdächtiges sich zeigen sollte, sofort Lärm Zuschlägen-. So glaubte Rüben, zur Sicherheit seiner Tochter, alles getan zu haben — —. Schon früher dachte er daran, nach einem anderen Stadtteil zu ziehen, da es ihm schwer siel, die Stadt, und 'damit die Grabstätte seiner Frau gänzlich zu verlassen; allein, seit Ezra's Ankunft schien sich die Sache auf andere Weise zu erledigen — '—: der sicherste Schutz für. ein junges Mädchen ist ihre Verlobung. Am nächsten Tage hatte Rüben eine lauge Unterredung mit Ezra; er berichtete ihm ausführlich von all' den schmerzlichen Ereignissen seines Lebens und machte ihm schließlich den Vorschlag, sich ganz in Tschernigow niederzulassen, da doch die Geineinde sicherlich froh sein würde, ihn als Kantor anzustellen. Ezra war zufrieden, wenn Hulda - damit einverstanden war." Ihre Freude ist ja auch mein einziges Glück!" sprach er; „nur habe ich Pen einen Wunsch, daß auch meine alten Eltern die Erwählte meines Herzens kennen lernen; da sie aber eine solche beschwerliche Reise nicht unternehmen können, so möchte ich Hulda ihnen zuführen." Diese von Kindesliebe zeugende Antwort befriedigte den beglückten Vater vollauf. Als die Verlobung bekannt wurde, beeilte sich die ganze Gemeinde ihre Verehrung für den Chasan und ihre Glückwünsche für das Brautpaar durch ein sinniges Geschenk zum Ausdruck zu bringen. Mit dem Rabbiner an der Spitze erschien der Vorstand und da es gerade der erste Chanuka-Abend war, so überreichte er eine wundervolle „Menora", als Symbol des Lichtes, der Helligkeit und der Glanbenstreue. Gute Wünsche'mld Geschenke kamen noch, von allen Seiten, und drei Wochen lang war das sonst so stille Haus wie ein Bienenstock. Endlich hörten die Besuche auf, und die Beteiligten atmeten auf. Es war ein stürmischer Abend im Januar. Ein scharfer Nordwind wehrte und rüttelte und zerrte an Tür und Fensterladen, daß sie unheimlich klapperten; dichte Schneeflocken fielen nieder und belegten die einsamen.'Straßen mit einer weißen Wcke. In Rubens Seite 5. Hause war die Abendmahlzeit beendet, und die Bewohner gaben sich einer stillen 'Zufriedenheit hin; je ungemütlicher es draußen stürmte, desto größer war das Behagen im Innern. Ernst lächelnd betrachtete Rüben die Verlobten, die sich eben über den Hochzeitstag geeinigt hatten. „Und nun, mein Sohn," sprach Rüben, aufgeräumt, wie er sich schon laüge nicht mehr gefühlt; „nun laß uns wieder den herrlichen „Min hämezar korossi" aus dem „Halle!" hören; es ist mein Lieblingsstück, das mich immer wie neu belebt!" Ezra toar natürlich sofort bereit, und als er mit seiner tiefen und Weichen Stimme den unvergleichlich schönen Vers sang: „Der Herr ist bei mir, was vermögen da Menschen wider mich!" da konnte sich Hulda nicht länger halten; sie sprang auf, und ihn mit zärtlichen Küssen bedeckend, ries sie: „Dü bist mein einziger, gottgeweihter Sänger!" „Und Du mein hinimlischer Engel!" gab er mit gleicher Freude zurück. Ruben's Augen wurden feucht. „Kinder," sprach er' mit seinem gewohnten Ernst, „ich habe Euch noch nicht von deni sonderbaren Traum erzählt, den ich vergangene Nacht hatte, und der, wäre ich abergläubisch, mir den letzten Rest der Lebensfreude verderben könnte. In meiner Jugend psiegte mein seliger Vater von dem bösen Ende eines Denunzianten zu erzählen, der sich als frommer Mann 'gebärdete, und im Stillen seine Brüder verriet. Er selbst ermutigte sie zu Keinen Vergehen, um sie dann heimlich der Polizei anzuzeigen. Die Juden zerbrachen sich die Köpfe, wie es den Spürhunden möglich sei, von den geringfügigen Uebertretungen, die mit der größten Heimlichkeit und nur in der dringendsten Not ausgeübt wurden, sofort Künde zu erhalten- bis der Verräter durch ein eigentümliches Ereignis entdeckt wurde. Höret nur, wie dieses geschah. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Bilderatlas zur Bib erkunde. Ein Handbuch für den Religionslehrer und Bibelfreund, bearbeitet von Schulrat Dr. Frohnmeyer, Nagold und Dr. L. Benzinger, Jerusalem 188 Sellen. 501 Wbildungen mit erläuterndem Text. (Kartoniert Ji. 6, Leinwandband Ji. 7,20). Verlag: Theodor Benzinger, Stuttgart. . Es ist nicht nur die vorzügliche Ausführung, welche der Verlag seinem Werke angedeihen ließ, sondern auch seine Bedeulling für den Religionsunterricht, die uns diesen Atlas mit großer Freude begrüßen läßt. In der Religion, dem wichtigsten ltnterrichtszwcige, hat man bisher des wichtigsten Hülfsmittels für die Belebung des 'Unterrichts, der Anschauung, entbehren müsse». Die Worte „Räucheraltar", „Stistshütte", „Das Tote Meer" z. B. erweckten in den Kindern keine greifbare Vorstellung und ließen deshalb im Gedächtnis des Kindes nicht den dauernden Eindruck zurück, der erwünscht wäre. Diese gewaltige Lücke nun füllt der Bilderatlas aus, und es ist deshalb' sehr zu wünschen, daß er keinem unserer Lehrer im Unterricht fehlen und daß er als Schulprämie und Barmizwohgeschenk allgemeine Verwendung finden möge. Heinrich Sicnkiewicz: Sintflut. Historischer Roman, übersetzt von S. Horowitz. Kollektion Otto Zanke, Berlin. Preis JL 2. Tempo und Temperament sind dieser Erzählung nicht abzusprechen; aber schließlich ist das völkerpsychologische doch mit rein brutalen Mitteln herausgearbeitet.und der ganze Roman eine Ausfädelung barbarischer Kriegs- und Raubabenteurer, durch die hindurch, wenn auch sehr indirekt, der sehr läuterungsbedürftige polnische Nationalheld seinen Weg zum Ehestand und Seelenheil nimmt. Also eine wenig künstlerische, flotte al kresco-Malerei, die aber nervenstarke Leser fesseln und durch Spannung unterhalten wird. Die Uebersetzung entspricht kaum sehr bescheidenen Ansprüchen. Kaiser Friedrich Quelle -- Offenbach a. M. >-' Vornehmstes Tafelwasser. . Wochen-Kalerr-er. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 15. September (=25. Elul): Sabbat - Anfang kn Frankfurt a. M. 6 Uhr 10 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M- 7 Uhr 30 Min., Berlin 7 Uhr 6 Mn. Die beiden Wochenabschnitte Nizowim und Wajelech werden vereinigt gelesen. Der Inhalt beider Penkopen