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Neue jüdische Presse · 1906-09-14 · Heft 36 (14.9.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 36 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Seite 3. unverhältnismäßigc Kosten verursachte, übertrug man damals drei Amsterdamer Männern von hohem Ansehen, Goedeinde, Prins und Lehren s. A., die alleinige Sammlung und Verwaltring der Erez-Jisroel-Gelder. Die Verteilung selbst verursachte zu jener Zeit keine Schwierigkeit, weil es in Jerusalem nur eine, an Scelenzahl dazu nicht sehr bedeutende Gemeinde gab, säst ausschließlich aus Sefardim bestehend. Der Zuzug »ach Palästina aus „ a s ch k c n a s i s ch e n" Ländern erfuhr aber sehr bald eine wesentliche Verstärkung, sodaß schon im Jahre 1824 aus Gründen der Billigkeit ein wesentlicher Teil der — ja zumeist aus Holland und Deutschland stammenden Gelder — der inzwischen zu einer Gemeinde angewachsenen deutsch-holländischen und der osteuropäischen Eintvanderergemeinschaft zugewiesen werden mußte. Von jener Zeit an tvurde, nachdem Rabbi Hirsch Lehren s. A. in beispielloser Hingebung für die Sammlung der Gelder eine umfassende und mustergültige' Organisation geschaffen hatte, das Problem der Verteilung immer schwieriger. Während einerseits auf Grund rein menschlicher wie halachischer Erwägungen der holländisch-deutschen Gemeinde zweifellos ein moralischer Anspruch auf besondere Berücksichtigung znstand, zumal ihren Mitgliedern von keiner anderen (russischen, ungarischen, galizischen re.) Chaluka irgendwelche Unterstützung zufloß, forderte doch andererseits die ungeheure N e b c r - zahl der aus Osteuropa Eingewanderten trotz ihrer eigenen Chaluka und die historisch älteren Rechte der Sefardim (die ja im Hinblick auf die Amsterdamer Chaluka das Sendbotenwesen aufgegeben hatten) ebenfalls Beachtung. Ein Ergebnis dieser verschieden gerichteten Erwägungen ist der sogenannte „P e s ch e r", d. h. der Schlüssel, nach dem die Eingänge auf die einzelnen „Kaulelim" verteilt werden. Er ist verschiedenfach den Zeitverhältnissen entsprechend revidiert und zuletzt 1896 derart festgesetzt worden, daß 45—48 Proz. der Eingänge auf die holländisch-deutsche, ca. 55 Prozent aus die übrigen Gemeinden entfallen. Während bei der erstgenannten Gemeinde mit ihren 200 Seelen seitens der Pekidim selbst der Anteil jeder einzelnen Familie genau bestimmt und selbstverständlich die der Unterstützung nicht mehr Bedürftigen nach bestem Wissen und Gewisse» ausgeschieden werden, kann bei den iibrigen Geineinden mit ihren 30—40 000 Seelen, deren Verhältnisse sich ja gar nicht überblicken lassen, von Amsterdam aus nichts anderes geschehen, als daß die auf die einzelnen Gemeinden entfallende Quote deren Vorstehern zur weiteren Verteilung — ohne jede Mitwirkung der Amsterdamer Verwaltung — übermittelt wird. Der- Referent gibt hierauf eine detaillierte Darstellung des Ueberweis u n g s- und Verteil ungsverfah re ns bei der holländisch-deutschen Chaluka. Auf das Privatleben der Bedachten nimmt die Amsterdamer Chalukavcrwaltung - keinen Einfluß; insbesondere hat sie noch niemals irgend jemandem seinen Anteil an der Chaluka wcgeir Uebertretung des auf den europäischen Schulen in Jerusalem ruhenden „Cherem" entzogen. Audererseits weist sic cs indessen auch von sich, ihre Schutzbefohlenen zur Mißachtung jenes „Cherem" zu zwingen. Der Referent schließt mit einer warmherzigen Schilderung der durch die Chaluka vermittelten Werke echt jüdischer Menschenliebe. Das Wort erhält nun Herr Jacob Rosenheim - Frankfurt a. M: zum zweiten Referat: Die zukünftigen Aufgaben der Chaluka und die Mittel zu ihrer Lösung. Das Prinzip der Chaluka, über das cs zunächst klar zu werden gelte,, sei nicht eine unbestimmte Palästinaliebhaberei, sondern „Mizwas Jischuw Erez Jisroel". Gehe man der Auffassung dieses religiösen Pflichtgebots iur halachijchen Schrifttum nach, so finde es sich in dreifacher Richtung ausgeprägt. Einmal gilt es als eine persönliche Pflicht oder „Mizwoh", im heiligen Lande zu wohnen, zweitens erscheint die Ansiedlung möglichst zahlreicherjüdischerSeelen im Lande als religiöse Pslichttat, und endlich (siehe „Baba Mezia") werde auch die Freimachung der Produktivkräfte des Landes, die Bepflanzung des Bodens (wohl als Mittel zur Erweiterung des Nahrungsspielraums und damit der Bevölkerung) ausdrücklich unter „Mizivas Jischuw Erez-Jisroel" begriffen. Wie die jüdische Nationalaufgabe überhaupt in Studium und Verwirklichung der Tauroh bestehe, so verhält sich natürlich auch „Mizwas Jischuw Erez-Jisroel" zu dieser höchsten Aufgabe wie Mittel zum Zweck. So begreift cs sich, wenn man durch die Chaluka von jeher zunächst die wirtschaftliche Besetzung des Landes überhaupt und zwar zu dem Zwecke erstrebte, ein ganz vom Thorageiste durchtränkteS Milien zu schaffen. Auf Grund dieser Prämissen behandelte der Referent nunmehr eingehend die wirtschaftlichen E rfolge der Chaluka im Hinblick auf die während des letzten Jahrhunderts geradezu rapid vollzogenen Verschiebungen in Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung, ferner die Frage, ob und inwieweit die Chaluka den Geist der S e l b st h i l s e unterbunden habe, endlich die rechtliche n Voraussetzungen für etwa vorzunehmende Aendeeungen. Erfreulich sei, daß die große wirtschaftliche Bedeutung der Chaluka und ihr gewaltiges historisches Verdienst in neuerer Zeit auch von früher gegnerischer zionistischer Seite endlich dankbar anerkannt worden ist. Zn dem Verteilungsmodus der Amsterdamer Chaluka im besonderen übergehend, kommt Referent zu dein Schlüsse, daß hierbei zwar eine Vervollkommnung des Ermittlungsverfahrens möglich sei, daß cs aber höchst unvernünftig sein würde, an dem Priuzipe zu rütteln, einer kleinen Zahl von Familien wenigstens die völlige Proletarisierung zu ersparen. (Schluß folgt.) Berliner Brief. Als wir uns vor Wochen die Hand zum Abschied drückten, gaben Sie mir den Wunsch zu ersenneii, daß ich Ihnen zeitweilig „Witterungs-Bericht e" aus der Neichshanptstadt senden niöchte. „Witterungsberichtc" nannten Sie meine erwarteten Ergüsse im Vertrauen auf die scharfe Spürnasenbegabnng, die Sie schon öfter bei mir entdeckt haben wollten. Es will mir aber fast scheinen, als sei diese Begabung, wenn ich Ihre Entdeckung akzeptieren soll, nur mehr unter süddeutschen Luftverhältnissen nachweisbar gewesen und als ob sie in der Stadt der Linden- und Mahbäume zu erlöschen drohe. Sie ist hier auch zur Erkenntnis der jüdischen Verhältnisse von keiner allzngroßen Wichtigkeit! Das Auge wird so ohne Weiteres auf das nnverhüllte Eebahren der jüdischen Majorität am Spreestrande gelenkt, daß man schon mit einer Binde vor dem Gesicht und einem Brett vor dem Hirn nmhertasten müßte, wollte mail sich diesem Einblicke entziehen. Nehmen Sie eine Tageszeitung in die Hand und blicken Sie unter die Vergnügnngsanzeigen, fasse» Sie an einer Ptakatlvand ein besonders auffälliges Papiernionstrum ins Auge, und Sie werden mit der größten arithmetischen Gewißheit festftellen können, daß die „Herbstfcicrtage" nicht mehr allznfern sind. Zu Dutzenden ivird Ihnen die Gelegenheit geboten, sich 'an diesen Tagen zu erbauen und als Jude zu fühlen. „Als Vorbeter fungiert ein prächtiger Tenor." „Herr N. N., der 'sich im vergangenen Jahre allgeineincn Beifalls erfreute, wird auch in diesem Jahre wieder vorbeten." „Für guten Vorbeter und Prediger ist bestens gesorgt", so und ähnlich lauten die Inserate und Plakataufschriften und es gehört schon die Naivität eines süddeutschen Kleinstädters dazu, auch nur „etwas" an solchen Anzeigen zu finden, selbst wenn sie die Unterschrift „Der Unternehmer" tragen und als' Lokal ein Tingeltangelsaat genannt ist, der von dem betreffenden „prächtigen Tenor" schon zu anderer Gelegenheit auf seine Akustik geprüft wurde. Prediger sollen in diesem Jahre besonders gesucht sein und solche mit 1,80 Meter Höhe und Vollbart 'erzielen geradezu „Tippels kirchliche" Gehälter. Die Jüdische Gemeinde weiß die Bemühungen der selbstlosen „Unternehmer" richtig zu würdigen, und läßt ihnen aus der Gemeindekasse eine Belobigung in Gestalt einer Bonifikation zukommen, da sie sich außer stände fühlt, alle diese religiösen Regungen ihrer Gemeindemitglieder selbsttätig zu fördern. Aber die Zionisten'? werden Sie fragen. Die sollen in Berlin doch sehr tätig sein, sorgen die denn nicht für Abstellung solcher Gefühlsroheiten'? Sie erinnern mich an jenen Frankfurter Droschkenkutscher, der angesichts einer Synagoge gefragt wurde: Gibt es hier auch Antiseiniten? und darauf schlagfertig entgegnete: Ja, die gibts nach, die hawwe awer noch kei Kerch! Die Zionisten haben hier auch noch keine — Synagoge hätte ich beinahe gesagt — Tempel! Dagegen sollen sich die zionistischen Damen Berlins bei der Versorgung der ans Rußland Flüchtigen sehr nützlich machen und unermüdlich für deren Wohlergehen besorgt sein. Mir schwebt es aber vor, als ob man schon vor langen Jahren, ehe der Zionismus erfunden ioar, die jüdischen Töchter zu ähnlicher Fürsorge angehalte» habe und wenn ich nicht irre, hatte man für dieses Wohltnn auch einen BegrifsSiiamc» und zwar Gemilath Chesed! Doch es kann sein, daß infolge der vielen neuen Eindrücke mein Gedächtnis etwas gelitten hat, und ich will erst abwarten, ob Sie meine Gedankenlosigkeit nicht rügen werden, ehe ich mich wieder in die Gefahr begebe, ans der Erinnerung zu zitieren! Die Herbstparade hat schon stattgefunden! Die Herbstmanövcr werden in diesem Jahre bei uns hier etwas kürzer sein, als in sonstigen. Wir gehen auch erst um Viß Uhr zu SlichanS, natürlich „wir" als Minoritäts-Kollcktivbegrifs. Diese Gebetszeit entnehme ich dem Luach der „Adas; Jisroel", die ja, wie Sie wissen, noch manche altmodische jüdische Allüren hat. In der Johannisstraße soll man sich noch nicht ganz schlüssig darüber sein, ob man den Soniltagsgvttesdienst schon als ersten Slichaustag um 5 Uhr Früh beginnen soll, oder ob 'man noch einen zweiten Gottesdienst einlegen muß. Darüber und über manches andere hoffe ich demnächst besser orientiert zu sein und werde Ihnen dann meine Meinung nicht vorenthalten. Ihr Simon Mayersohn. Die Woche. G r o ß h e r z o g Friedrich von Baden feierte am 9. September seinen 80. Geburtstag. Zugleich wurde im ganzen Lande die goldene Hochzeit des großherzoglichen Paares festlich begangen. Die jüdischen Einwohner Badens nehmen an der Dvppekfeier des großherzoglichcn Hauses den lebhaftesten Anteil. Hat doch Großherzog Friedrich zu allen Zeiten eine Toleranz und einen Gerechtigkeitssinn an den Tag gelegt, wie sie heute selten zu finden sind. Auch sein Interesse für die bedrängten Inden des europäischen Ostens hat er wiederholt, auch zionistischen Abordnungen gegenüber, bekundet, und er war der einzige unter den deutschen Fürsten, der bei den Pogromen des letzten Winters einen Beitrag zur Linderung des Elends gab. Die lauten Sympathiekundgebungen, die in diesen Tagen auch von jüdischer Seite überall' veranstaltet werden, sind daher der wahre Ausdruck aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit. * * Man mag von dem russischen Zaren denken, was man will — eine gute Eigenschaft muß man ihm lassen: das Gute von überallher zu nehmen. An der .alten Welt wird eine kraftvolle, unbeschränkte Selbstherrschaft gepriesen — und mit der Selbst- Herrlichkeit in schrankenlosester Form versieht der Zar sein Land so anSgiebig, daß ihre Kraft das weltvcrgcssendste Dörfchen im wcltvergessendsten Winkel des großen russischen Reiches spürt. An der neuen Welt wiederum wird die konstitutionelle Verfassung getobt — und auch diese gewährt der Zar seinem Volke. Die Regierenden der asiatischen Staaten sind großmütig und großzügig in ihren B e r s p r e ch n n g c n, die Regierenden Europas im R e f o r m i e r e n, — und in Rußland blüht und gedeiht das Versprechen und Reformieren seitens der Regierenden in bewunderungswürdigstcr Weise. Bon der russischen Konstitution, die Hand in Hand an der Seite des Absolutismus ging, hat noch vor kurzem die Welt Gelegenheit gehabt, Kenntnis zu nehmen, und die vielversprechenden Manifeste und Kommuniques des Zaren und seiner henkerischen

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