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Neue jüdische Presse · 1906-09-14 · Heft 36 (14.9.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 36 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Nr. 36. Die Zahl der organisierten jüdischen Schulen mit festgesetztem Lehrplan und einer Klassen-Einteilung gab cs bis zu Ende des Jahres 1899 in allen 25 Gouvernements nur 820, während unorganisierte Chedorim etwa auf 24620 geschätzt werden müssen. Der Cheder ist einGemeingut aller Schichten der jüdischen Bevölkerung. Jeder Jude schickt seinen Knaben in den Cheder, selbst der ärmste. Für den Melamed muß auch vom Essen abgespart werden. Es gilt als größte Schande, wenn ein Knabe keinen Chedcrunterricht genießt. Und zwar wird ein 4—ojährigcs Kind bereits als chedcrpflichtig angesehen. Gewöhnlich ist der Gang des „Lernens" folgender: bis zum 6. Lebensalter — Chumesch, vom 6—7 — die weitere Bibel („Sfarbe" genannt, d. h. Eßrim W'arba, 24 Bücher der Bibel), mit 7 Jahren beginnt der Junge — Talmud; anfangs „einfach", dann mit Raschi-Kommentar und etwa mit 9 Jahren ist er bereits ein „Tosfoth-Junge". Im Eilmarsch folgt dann der Uebergang zu den „Mforschim" (Kommcntarien) aller Schattierungen: — von „Mahrschoh", .„Mahram-Schifs", „Pnci-Jeschuha" bis zu „Schittoh-Mkubezzes". Und nun ist der 10jährige Bub für die Jeschiwoh reif. Das ist der Typus des Cheders, der den größten Einfluß auf den Charakter, auf die gcistjge uird körperliche Struktur der Juden im Ghetto ausgeübt hatte. Wie schon hervorgehobcn, versuchte man in der letzten Zeit den Cheder zu reformieren. Man richtete sogen. „Chedorim msukonim" (reformierte Chedorim) ein, in welchen das Hebräische im Hebräischen unterrichtet wird und in die die Erlernung der hebräischen Sprache und Literatur, wie auch der, jüdischen Geschichte cingcführt wurde — Gegenstände, welche in den Chedorim gar keine Berücksichtigung fanden. In diesen neuen Chcdorim, die ihre Entstehung der nationaljüdischen Jugend zu verdanken haben, wird Russisch und die anderen allgenieinen Schulfächer nicht blos in dem Maße unterrichtet, als cs gemäß den Vorschriften der Regierung notlvcndig ist — wozu sich auch die alten Chedorim gegen ihren Wille» bequemen mußten; sondern irr dem Maße, als cs rwtwcndig ist, damit die jüdische Schule als eine Institution für sogen, elementar profanen und jüdischen Unterricht zugleich dienen könnte. Es gibt hier einen Lehrplan, die Unterrichtsgegenstände sind unter mehrere Lehrer verteilt, das Schulhaus entspricht mehr oder weniger den hygienischen Forderungen, die Kinder wissen schon, was Pause sei, und die Unterrichtsstunden betragen höchstens acht. Leider aber sind solche Muster-Cheder in sehr geringer Zahl, viele stellten bald nach ihrer Errichtung die Tätigkeit ein, — da sie gegen den Drang des praktischen Bedürfnisses nach Absolvierung einer Regierungs- oder einer privilegierten allgemeinen Schule nicht Stand halten können. * Die Tabelle XXXV zeigt, daß in den letzten Jahrzehnten keine andere Nation auch nur annähernd solche Fortschritte inbezug auf die Aneignung der höheren Blldung gemacht hat, wie die russischen Juden. Der Unistand aber, daß die gesetzlichen Bestimmungen den Gymnasial- und Univcrsitätsbesuch der jüdischen Jünglinge nur in einem geringen Prozentsatz zulassen, mußte zu einer relativ schwachen Beteiligung der M ä n n e r unter den Juden an höherer Bildung führen. Die jüdischen Frauen hingegen, die fast ohne prozentuale Einschränkung in de» Regierungsschulen Aufnahme finden, stehen kaum hinter den Russen zurück. So zeigt uns die Statistik vom Jahre 1897, daß unter je 100 jüdischen Männern 0,85 eine höhere Bildung besaßen, unter je 100 russischen Männern 1,47; doch unter je 100 jüdischen Frauen — 0,92, unter je 100 russischen Frauen 0,96. Diese statistischen Daten dürfen nur aus den Besuch der höheren Schulen bezogen werden, nicht auf die höhere Bildung schlechthin. Bekanntlich gibt es eine enorme Anzahl von Juden, die sich auf autodidaktischem Wege eine höhere Bildung, aneigneten. Dann muß auch selbst inbezug auf diesen Besuch der höheren Schulen, welcher allein das Objekt der obigen statistischen Angaben sein kann. der wichtige Umstand in Betracht gezogen werden, daß ein angesehener Teil der jüdischen Jugend aus Rußland im Auslände studiert. So wird die Zahl der an den deutschen Universitäten studierenden Juden aus Rußland für das Jahr 1902/03 auf 655 geschätzt; an den sieben Universitäten der Schweiz betrug im Wintersemester 1903/04 die Zahl der russischen Studierenden und Zuhörer 1350 (darunter 1018 Frauen), die mit Ausnahme eines kleinen Prozentsatzes — Juden sind; in Frankreich dürften im Jahre 1903 ca. 370 Juden aus Rußland studiert haben; in Belgien — (im Wintersemester 1899/1900) etwa 53, in Oesterreich — (im Durchschnitt des Winterhalbjhres 1901/02 und Sommerhalbjahres 1902) — 110. Was Intelligenz anbetrifft, so ist's eine bekannte Tatsache, daß die Juden in Rußland ein prozentualiter höheres Kontingent intelligenter Leute als die Russen aufzuweisen haben. Die Juden bildeten zum großen Teile das russische Volk, lernten cs die Freiheit zu lieben und für sie zu kämpfen. Abgesehen schon davon, daß cs doch zu den charakteristischen Eigenschaften der Juden im Golus gehört, sich als Hausierer für die Zivilisation herzugeben; abgesehen von diesem freiwilligen Märtyrertum, an dem die asketisch herancrzogcnen Golusseelen ihr Vergnügen finden — waren die Juden in Rußland dazu gezwungen, die Christen auf ihre Kosten in den Schulen erziehen zu lassen. Denn will ein Jude seinen Sohn in einer Regierungsschule unterbringen, so muß er für die Ausfüllung des erforderlichen Prozentsatzes durch christliche Schüler sorgen. Gar oft muß er in die Dörfer wandern und mit Mühe und Geld den finsteren Bauern manchmal ein ganzes Dutzend Knaben für die Bildung entreißen, damit sein Sohn das prozentuale Recht erlange, in die Schule aufgcnomnien zu werden. Und gar oft passiert es, daß er nach gelungener Eroberung der fehlenden christlichen Schüler und nach Entrichtung, der Lehrgelder für sie nur das Recht der Aufnahme für seinen Sohn erlangt, doch nicht die Aufnahme selbst . . . Und gelingt ihm auch das, so steht er am Ende vor den geschlossenen Türen der Universität. Da geht es nicht mehr, die Lücke des erforderlichen Prozentsatzes durch Christen auszufüllen: woher sie hernehmcn? So sorgen wir unfreiwillig, aber auch freiwillig-sklavisch für die Bildung anderer Nationen, die uns natürlich reichlich dafür belohnen.— Eine schöne Mission! Nicht wahr, Herr Rabbiner? * '* * Wir gehen zu den Berufsverhältnissen der Juden über. In der L a n d w i r t s ch a f t gibt cs im ganzen als Erwerbstätige 192 721 Juden (abgesehen von den Angehörigen): 33101 Ackerbauer, 3380 beschäftigen sich mit Forstwirtschaft, 2094 mit Tierzucht, 1970 mit Fischerei und Jagd, 66 mit Samcnzucht. In der Industrie finden wir 753 603 Juden; besonders stark sind sie an der Bekleidungsindustrie beteiligt — und zwar mit 254 384 Personen; 202 714 Männer, 51670 Frauen. Einschließlich der Angehörigen beträgt die Zahl der Juden, deren Erwerb von der Bekleidungsindustrie abhängt — 702 454. Im Handel sind 1 956 312 Juden beteiligt, wovon 387 280 sich dem Handel mit Produkten der Landwirtschaft widmen. Im Verkehr: Wasser-, Eisenbahn- und Wagcnverkchr, in Landtransporten und anderen Transportgewerben, in Post, Telegraph und Telephon — befinden sich insgesamt 201308 Juden. Es ist interessant, daß cs in Rußland doch 908 jüdische Staatsbeamte gibt (darunter sind die Kronrabbiner mitgcrechnet?), 1679 Kommunalbeamte und 1037 Advokaten, Notare und deren Hilfspersonal, 53194 Juden. 2870 Juden widmen sich der Wissenschaft, Literatur und Kunst; 97 770 der öffentlichen Gesundheitspflege, 197 der Wohltätigkeitspflcge. Es gibt auch 278 von der anitlichen Statistik als Juden bezeichnete Personen, die Kleriker der christlichen Kirche sind. Das Kapitel XI: Körperliche Gebrechen und Geisteskrankheit, übergehen wir hier, da seine statistischen Angaben, angesichts ihrer der bisherigen wissenschaftlichen Feststellung eines relativ großen Prozcnisatzes von körperlichen Gebrechlichkeiten und Geisteskrankheiten unter den Juden widersprechenden Aussagen, uns als unzuverlässig, erscheinen wollen. * * ♦ Nach dieser ausführlichen Besprechung braucht wohl kaum noch gesagt zu werden, daß diese Veröffentlichung des Bureaus für Statistik der Juden in Berlin eine wertvolle Arbeit darbietet. Unsere Leser werden cs selbst einsehen, nachdem wir ihnen hier den Inhalt dieses Buches näher ans Herz legten. Wir können nun von diesem Buche nicht scheiden, ohne seinem Verfasser oder seinen Verfassern, wie auch dem Herausgeber — dem Zionistischen Aktionskomitee — unseren Dank auszusprechen. Statistische Bücher gehören aber zu denjenigen Werken, die schnell altern. Und das statistische Material dieses Buches ist auch ohnedies schon ziemlich alt. Das Bureau für Statistik der Juden dürfte es wohl als seine Aufgabe betrachten, eine neue statistische Untersuchung über die sozialen und ökonomischen Verhältnisse der Juden in Rußland anznstellen — und womöglich dabei selbständiger Vorgehen und sich nicht zu sehr auf das amtliche Material verlassen; denn wir wissen schon zur Genüge, was in Rußland amtliche Statistik zu bedeuten hat. I. b. E. Eine Reorganisation der Chaluka. Frankfurt a. M., 11. September. Auf Einladung der Pekidim und Amarkalim der Gemeinden des heiligen Landes zu Amsterdam tagte heute in unserer Stadt eine Konferenz von Freunden des heiligen Landes aus allen Kreisen der gesetzestreuen Judenheit. Die Anregung zu der Konferenz war von süddeutschen Erez-Jisroel-Freunden ausgegangen. Die Tagesordnung lautete: 1. Die historische Entwicklung und die Organisation der Chaluka. Referent: HerrRabb. A. S. O n d e r w Y z e r - Amsterdam. 2. Die zukünftigeti Aufgaben der Chaluka und die Mittel zu ihrer Lösung. Referent: Herr Jacob Rosen heim- Frankfurt a. M. 3. Freie Aussprache. 4. Vorbereitende Maßnahmen zur regelmäßigen Entsendung von Studienkommissionen nach Palästina. Kurz nach 3 Uhr wurden die Verhandlungen in dem Hörsaale der Jsr. Religionsgesellschast durch den Präses der Pekidim, M. S. Rubensj r.-Amsterdam, eröffnet, der die Erschienenen begrüßte und den Vorsitz Herrn Rabbiner Dr. S. Breuer-Frankfurt a. M. übertrug. — Der Vorsitzende wies einleitend darauf hin, daß es sich bei der Konferenz darum handle, einmal vor einer breiteren Oeffentlichkeit die Entwicklung und die Grundprinzipien der viel verkannten Institution darzulegen, dann aber auch aus der Fülle der oft aus Unkenntnis erhobenen Beschwerden diejenigen Momente herauszuheben, die bei einer organischen Weiterentwicklung und etwaigen Umgestaltung der Chaluka brauchbar sein können. — Hieraus ergreift der erste Referent, Rabb. Onderwyzer-Amsterdam, Sekretär der Pekidim und Amarkalim, das Wort zu seinem Vortrage: Die historischeEntwicklungunddie Organisation der Chaluka. Die gründlichen Ausführungen des Redners gingen von den in die talmudische Zeit zurückreichcnden Sammlungen für Palästina aus und schilderten dann, wie durch das ganze Mittelalter hindurch die palästinensischen Sendboten wie „Brüder aus dem fernen gemeinsamen Vaterhause" überall in der Diaspora mit offenen Armen ausgenommen wurden. Die heute in Amsterdam bestehende Verwaltung kann als ihr Geburtsdatum das Jahr 1809 ansehen. Aus dev Einsicht heraus, daß das System der Sendboten

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