Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 36 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.'.-V r*'"V-X-';. 1111 ♦ ir-——- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— t-....—M HedaKtto« «nd Hefchafrssstelle: Sranlcfurl a. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße VeCefott 10507. Kals cheis. , Jnsertionspreise: , - . 1 Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 25 Pfg. Die Reklamezeile . .. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag, Ve» 24. LIul 5666 (14. September 1V66z. No. 36. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland. — Eine Reorganisation der Chaluka. — Berliner Brief. — Die Woche. — Der Pogrom in Siedlce. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Getrennt uno Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. — Wochen-Kalcnder. — Familiennachrichten. Die sozialen Verhältnisse der Inden in Rußland. in. Daß die Juden in Rußland auf einem höheren Kulturniveau stehen, als die sie umgebenden Nationen, braucht nicht erst gesagt zu werden. So verhält es sich selbst in den Zivilisationsländern, geschweige denn in dem noch primitiv entwickelten Zarenreiche. Doch ist hier ein besonderer Faktor zu berücksichtigen, nämlich der: daß in Rußland ein kunterbuntes Durcheinander von mannigfaltigen Nationen und Stämmen herrscht. Der Jude, der ja hauptsächlich im Handelsverkehr eine Betätigung sucht, muß daher die verschiedenen Sprachen . der Nationen und Stämme, in deren Mitte er lebt, wenigstens sprechen können. Und nicht nur: in deren Mitte er lebt; der Jude muß sich immer auf die Wanderschaft gefaßt machen, er fühlt sich nirgends heimisch und ist nirgends seßhaft. Er muß sich also mit noch anderen Sprachen seines Heimatlandes versehen. Damit ist die erste Veranlassung für die elementare Bildung gegeben. Es wäre daher von großem Interesse, dieses .Verhältnis der Juden in Rußland zu der daselbst gesprochenen Sprache statistisch festzustellen. Leider vermissen wir es in diesem Buche. Das Kapitel VII, „Die Sprache" betitelt, beschäftigt sich nur mit der Frage: Wieviel Juden das Jüdische und wieviel — nichtjüdischc Sprachen sprechen. Es handelt sich hier um die dominierende Sprache; das Interesse an dieser Untersuchung ist das Verhältnis des Jüdischen zu den nichtjüdischen Sprachen, nicht aber das Verhältnis der Juden zu ihnen. Es fehlt hier der Gesichtspunkt des jüdischen Handelsverkehrs und der jüdischen Elementarbildung. Dafür entschädigt uns reichlich das Kap. VHI. Das Schulwesen in Rußland befindet sich noch in einem primitiven Zustande. Schulpflicht existiert hier nicht, aus dem flachen Lande sind fast gar keine.Schulen und,^Lehrkräfteanzutreffen.. So ist die Anzahl der Anälphabeien in'Rußland eine enorme: mehr als 2 Drittel der erwachsenen Bevölkerung; sind des Lesens nicht kundig. Eine Tabelle zeigt, uns, daß die Juden mit 38,9 o/o des Lesens kundigen Personen günstiger als die Gesamtbevölkerung und als die zur orthodoxen christlichen Kirche gehörige Hauptmasse der Bevölkerung. dastehen, ebenso günstiger als die sonstigen Katholiken, die Mohamedaner und die Buddhisten; doch gegenüber den Karaiten (60,%) und den Anhängern sämtlicher protestantischen Kulte (Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Anglikaner, Mennonitcn) — 50 o/o bis 48o/o Lesenskundige — weit Zurückbleiben. Den Grund für diesen Vorsprung der protestantischen Kulte vor den Juden findet das Buch in dem Umstande, daß bei den protestantischen Kulten beide Geschlechter annähernd gleichmäßig an der Lesenskunde.teilhaft sind, während bei den Juden zwischen dem männlichen und Iveiblichen Geschlechte eine große Verschiedenheit besteht. Bei den Juden entspricht den 49,4% lesenskundigen Männern nur 28,9% lesenskundige Frauen. Es ist wohl die Folge der mißverstandenen traditionellen Anschauung: die Bildung des Weibes sei eine Sünde. Die Chedorim und Talmud- Thora-Schulen sind, mit ganz geringer Ausnahme, nur für Knaben bestimmt; die Mädchen erhielten bis zur letzten Zeit fast gar keinen Unterricht. Jedoch dank ihrer außerordentlichen Begabung erwarben sich gar manche Frauen gediegene Kenntnisse im Hebräischen, ja sogar im Talmud und Midrasch. Es gab — und cs gibt noch jetzt — Töchter großer Tälmudisten, die auch Poßkinr lernten und an der Hand .des Vaters praktische Uebungen der „2ine>- Thora" und „Schalaut" mitmachten. Es sind Autodidakten, da es, wie gesagt, bisher keine jüdischen Chedorim und Talmnd-Thora-Schulen für Mädchen gab. * * * . Was ist ein Cheder, und was sind seine Lehrer, die Melamdim? Wir finden in diesem Buche einige Auszüge, besonders aus dem oben erwähnten „Recueil du materiaux sur la Situation economique des Israeütes de Russie, d’apres l’enquete de. la Jewish Colonisation Association", unter Benutzung des Auszuges von M. Lawin in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden (Septemberheft 1905). Einige Worte als Einleitung. DerChederwirdbaldganz derVergangenheit angehören. Erstirbtab. Und ein modernes jüdisches Schulwesen gilt es in Rußland noch immer nicht. Nur mehrere Versuche, die leider meistens gescheitert sind, hat die jüdisch-nationale Renaissance gezeitigt. DerCheder ist unreformirt geblieben, er ist daher dem Untergange geweiht — und noch fehlt jene Institution, die seinen Platz einnehmen sollte. Die elementare Bildung der jüdischen Jugend ist so aus die allgemeinen Schulen angewiesen, die in ihrem Lehrplan keinen jüdischen Unterrichtsgegenstand Haben, und denen bekanntlich eine prozentuale Einschränkung bei der Aufnahme jüdischer Schüler vorgeschrieben ist. So viel — richtiger: so wenig — über den gegenwärtigen Stand des jüdischen Unterrichts- Wesens in Rußland. Wir kehren zu, unserer Frage zurück: was ist ein Cheder und wer sind seine Lehrer, Melamdim genannt? Der Cheder ist gewöhnlich „ein typisches Bild der jüdischen Armut, mit Schmutz im Korridor und auf der Treppe, mit dem spezifischen Geruch der zersetzten Küchenabfätle, mit den schmutzig gehaltenen Klosets usw. Das Cheder dient gleichzeitig als Wohnzinimer für den Melamed mit seiner gewöhnlich zahlreichen Familie" . . . „Der Unterricht wird in einem Zimmer mit niedriger Decke (2Vs m) und ungestrichenem nassen Fußboden, der mit Holzspänen bestreut ist, erteilt. Die Schüler sitzen mit dem Melamed zusammen auf zwei langen Bänken an einem Holztisch. In einer Ecke steht ein großes Bett und einige Kinderbetlchen, die mit Lumpen bedeckt sind. Die Lehrer, die Schüler, die Kinder des Hauses sind in Lumpen gehüllt. Feucht, schmutzig und dumpf" ... „Außer den antihygienischen Bedingungen der Chcder-Einrichtnngen lvirken sowohl die äußere Ordnung der Beschäftigung als auch die Methode des Unterrichts sehr schädlich ans die Fortschritte. Meistenteils sind die Schüler in einige Gruppen geteilt, von denen jede Gruppe nur einen kleinen Teil des Tages beschäftigt wird, während die ausruhenden Schüler die lernenden stören. Da die Melamdini keine pädagogische Erfahrung besitzen, sind sie nicht imstande, die Disziplin unter den Schülern aufrecht zu erhalten. Die Ruhe wird stets gestört, die Aufmerksamkeit abgelchnt, alle antworten zusammen, und im Zimmer herrscht ewiger Tumult. Das System des Unterrichts ist.ein sehr primitives und beschränkt sich auf ein mechanisches Nachsprechen dessen, was der Lehrer - vorspricht, auf ein fortgesetztes Wiederholen der Texte und Aneignung unverstandener Phrasen. Kein Uebergang vom Leichten zum Schweren, keine Systematisierung, keine Spur von den modernen Reichtümerrr des Schulunterrichts." (Bericht der Jca.) Die Schulstunden sind von 8 bis 7 oder 8, mit einer stündigen Unterbrechung.- In manchen Chedorim, die ihrem Charakter ganz, treu geblieben sind, wird von morgens 7 bis abends 9 gelernt. Es wundert uns, daß dieses Buch — in Bezugnahme auf die Arbeit der Jca — die Schulstunden des Cheders aus 9—5, 9—7 und 9—8 feststellt. Unseres Erachtens sind solche Chedorim in geringer, obgleich wachsender Zahl: sie gelten schon als moderne ... Das Menjchenmaterial, aus dem sich die Melamdim rekrutieren, sagt die genannte Veröffentlichung der Jca, sind Leute, die zu keiner anderen Beschäftigung fähig sind, oder — was meistens dasselbe ist — die auf anderen Gebieten Schiffbruch gelitten haben. „Denn" — sagt das uns vorliegende Buch — „dieser Beruf ist meist leicht und wenig lohnend. Schon ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Zum Sterben und Knellen (M elamed-sein) Eann man nie zu spät kommen" . . .- Die jährliche Einnahme eines Melameds beträgt durchschnittlich etwa 252—350 Rubel. . . . . Talmud-Thora-Schulen sind größere Chedorim mit einigen Melamdim, die von der Gemeinde unterhalten werden. Es wird hier auch für die Beköstigung der Schüler gesorgt; sie erhalten „Kosttage" bei den „Balei-Batim" nnd | manchmal auch Bekleidung. -