Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 35 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Jfcc. 35. Köln a. Rh. Konferenz der zionistischen Weltorganisation in Köln. Vom 28. August bis 1. September tagte in Köln die Jahreskonferenz der zionistischen Weltorganisation. Die „Jahreskonferenz", die nnr von den Funktionären der zionistischen Organisation beschickt wird, tritt immer in den Jahren zusammen, in denen kein „Kongreß" stattsiiidet. Ans fast allen Ländern Europas, ans Amerika, Südafrika, Palästina waren die Führer der Bewegung erschienen. Unter den Teilnehmern befanden sich drei gewesene Duinaabgeordnetc, die Herren Dr. N. Katz e ne lso h n-Libau, Präsident der Jüdischen Kolonialbank, Dr. L e w i n - Wilna und Rechtsanwalt R o senb a u m-Minsk. Von den sonstigen Teilnehmern sind zu nennen Max Nord au, Prof. Marburg -Berlin und der durch seine Verdienste um die Tnberkuloseforschung bekannte Dr. Alexander Marmorek-Paris. Den Vorsitz führte der Präsiden des Aktions-Komitees, Herr David Wolffsohn- Köln. Der Rechenschaftsbericht zeigt ein bemerkenswertes F o rt s ch r e i t e n der Bewegung. Man bekommt Sine ungefähre Vorstellung von dem weltumspannenden Umfange der zionistischen Organisation, wenn mau erfährt, daß zionistische Landesverbände oder Gruppen in Australien, Neuseeland, Japan, China, der Mandschurei, Malakka, Aegypten, Südafrika, Marokko, Argentinien, Brasilien, Nordamerika, Kanada und selbstverständlich allen Staaten Europas bestehen. Die Aktivität der zionistischen Körperschaften hat im verflossene» Jahre insbesondere i» Deutschland, Oesterreich, Amerika, Südafrika und Australien zugenommen und selbst in Ländern, wie Rußland, wo die Inden unter furchtbaren Katastrophen gelitten haben, nichts an innerer Kraft eingebüßt. Ein deutlicher Bctveis dafür ist die Tatsache, daß unter de» zwölf jüdischen Abgeordneten der Duma fünf Zionisten sich befanden. Die Hanpttätigkeit der Jahreskonferenz bestand darin, die Berichte über den Stand der Bewegung in den einzelnen Ländern entgcgenznnehmen und die politischen Direktiven für die Zeit bis zum nächsten Kongresse festzusctzcn. Besondere Aufmerksamkeit wurde den speziell p alästinensisch en Angelegenheiten gewidmet. Alle von zionistischer Seite in Palästina begründeten Institutionen zeigen das Bild erfreulichen Aufschwungs, die Filialen des zionistischen Finanzinstitutes, des „Jewish Colonial Trust", in Jaffa, Jerusalem und Beirut entwickeln sich immer mehr. Mit besonderer Genugtuung nahm die Jahreskonferenz von den Fortschritten der Knnstgewerbcschule „Be-alel" in Jerusalem KennttiiS und bewilligte ihr einen Kredit znm Kauf eines Grundstückes und Bau eines eigenen Schulhauses. Dieses Institut ist berufen, die Inden Palästinas in kunstgewerblicher Handarbeit auszubilden und so tausenden von Familien eine gesicherte Existenz zu schaffen. Als ein bemerkenswertes Detail aus den Palästina betreffenden Verhandlungen sei hervorgehoben, daß die Jahreskonfcrenz für die Waisen des blutigen Pogroms von Kischincw, die von zionistischer Seite nach Palästina hinübergeführt und dort zu tüchtigen Handwerkern und Ackerbauern herangcbildet worden sind, den «Boden für eine Farm zur Verfügung stellt. Im übrigen sprach sich die Konferenz mit Nachdruck dahin ans, daß bei ungeschwächter Fortführung der politisch-diplomatischen Verhandlungen die praktischen Vorbereitnngsarbeiten in Palästina mit allen'Mitteln zu fördern seien. Ein großer Teil der Beratungen galt der Festigung und dem weiteren A u s b a n d e r Organisation. Für h'as Institut des „Jüdischen Nationalfonds", aus dessen Mitteln Bode» für das jüdische Volk in Palästina gekauft werden soll, und der ans kleinsten Spenden bereits bis zu einer Höhe von 1s/e Millionen Francs angcwachsen ist, wurde die gesetzliche Form geschaffen. Das Statut der Jüdischen Kolonialbank wurde dahin sestgelegt, daß ihre kolonisatorische Tätigkeit auf Palästina und den Orient begrenzt wird. Diese Festlegung bedeutet eine definitive Absage an alle etwaigen Bestrebungen, eine Heimstätte für das jüdische Volk anderswo als in Palästina zu schaffen. Die Jahreskonferenz nahm weiters die Berichte der Propaganda nnd der volkswirtschaftlich-statistischen Kommission entgegen, deren Arbeiten Linen immer größeren Umfang annehmen. Großes Interesse boten die Mitteilungen des Vorsitzenden der Kommission zur Erforschung der Ursachen und Wirkungen der Pogrome, deren Ergebnisse in einem groß angelegten Werke der Oeffentlichkeit vorgelegt werden sollen. London. Das Meeting des Zentral-Komitees der „Englischen Zion. Föderation", das vor einigen Wochen gehalten und nicht geendigt worden, wird am I. September fortgesetzt werden. 0 JtiiiMnii. 0 Getrennt und Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pnlvcrniann. (Fortsetzung.) Tinka tat es im Herzen leid, daß sie nicht daran gedacht. Wie viel schöner noch wäre es gewesen, wenn ihr Mann sie aus den Klauen solcher Höllen- Frankfurter Israelitische» Familienblatt Hunde gerettet hätte-. Wer es ließ sich vielleicht noch gut machen. „Und wer sagt Ihnen, daß solche nicht dabei waren?" rief sie fast beleidigt, die Gäste der Reihe nach herausfordernd anblickend. „Weil es keine solche Unholde gibt," suchte Hulda sie zu beschwichtigen, der es leid tat, daß man sich mit der braven Frau einen Scherz erlauben wollte. Doch Tinka war jetzt in ihrem Element. „Was, kein Werwolf? Hat nicht ein solches Untier erst Dar einigen Wochen in Strelnow zwei Kinder anfgcfressen? Die Bauern haben es ja selbst gesehen, wie es nachher aus dem Fenster sprang, ganz in Lumpen gehüllt, mit einem richtigen struppigen Wolfskopf....!" „Frau Edclberg," mischte sich auch Amatin in die Unterhaltung: „Ihr Wort in Ehren. Doch die Bauern, die „Mnschiks", werden Ihnen noch viel erzählen, was kein vernünftiger Mensch glaubt. Meine Mutter hat man oft gewarnt, bei Nacht keine Katze in den Stall zu lassen, weil es eine Here sein könnte, die die Milch verdirbt-. Der Muschik glaubt Ls, wir Inden aber nicht; denn: „Es gibt keinen Zauber bei Jakob, und keine Hexerei bei Israel!" Wie in aller Welt, sollte es auch einem Menschen möglich sein, sich -in ein Tier zu verwandeln?" Tinka aber wollte sich noch nicht. überzeugen lassen. „Freilich,, ich selbst habe noch keinen Werwolf gesehen; aber man sagt, daß ein Zauberer es doch fertig bringt, indem er einen Menschen im Schlafe zu Tode ängstigt, um ihm dann ein Wolfsfcll über den Körper zu ziehen. Ein solcher Behexte ist dann gezwungen, im Walde zu leben, wo er bald lernt auf allen Viere» zu kriechen, und dann heiratet er eine Wölfin, nmt der er eine Familie solcher Unholde großzieht, und um seine Jungen zu füttern, sich die Kinder aus den Dörfern holt .... Sie brauchen nicht zu lachen, Herr Pakaroiv, ich wiederhole ja nur, was Jude nnd Christ in hiesiger Gegend glaubt-."' Rubens Gesicht wurde jetzt sehr ernst, und er schien furchtbar erregt zu sein. „Ich lache nicht, Frau Edclberg," sprach er fast traurig, „denn Sie haben recht: es gibt Werwölfe, nnr sind sie nicht durch Zauberkraft erzeugt und beschränken ihren Aufenthalt nicht bloß auf die Wälder — '-=*—! Ja, es gibt Wolfmenschcn, oder Wölfe in Menschengestalt —! Nur sind sie nicht in Lumpen gehüllt, und haben auch keine Wolfsköpfe, und fressen auch keine kleine Kinder. Sie essen, schlafen und sprechen, wie andere Menschen, dennoch aber sind sie Wölfe — — Wölfe in ihrer Begierde, in ihrer Grausamkeit. Sie verschlingen nicht den Körper; aber sie zerfleischen die Seele, sie martern das Herz, sie verfinstern die Sonne, und entzünden ein Höllenfeuer im Geiste — — .—! Sie schwelgen in der Grausamkeit nnd jauchzen bei deinem Todeskampf! Sie zehren an deinem Mark und streben nach deinem Untergang, um ihren rachsüchtigen Instinkt zu befriedigen-! Und in diesem Lande ist die Zahl solcher Werwölfe geradezu Legion! Sie haben den Schliff der Vornehmen, sie umhüllen sich mit dem Mantel des Gesetzes, sie binden sich die Larve der Religion vor —-aber sie rauben und spionieren, sie verwunde» und zerreißen —; — jeder Zoll ein Wolf. Ich habe ja den Pesthanch eines solchen verspürt; feine giftige Ausdünstung hat mein Lebensglück vernichtet, meinen Leib verkrüppelt, mein Herz zerrissen und meine Seele in den Staub getreten -!!! Nur der heilende Balsam, den der gute Gott mir in seiner ewigen Gnade geschickt, hat mein Dasein erträglich und manchmal sogar fröhlich gestaltet!!! Ja, Frau Tinka," fuhr er mit erhöhter Stimme fort, „es gibt Menschen - Wölfe, und wären diese grimmigen, blutdürstigen, raubgierigen Bestien nicht vorhanden, wir hätten das Paradies schon auf Erden," schloß Rüben seine Rede, und bemerkte jetzt erst den tiefen Schatten, der sich in den letzten Minuten über die Anwesenden gelagert. Der Mann hatte mit furchtbarem Ernst, mit tiefster Erregung gesprochen; seine Augen sprühten Blitze, und seine Stirnabern waren mächtig angeschwollen. Dieses, nnd Hulda's kindliche Zärtlichkeit, mit der sie den Vater zu schwichtigen suchte, erhöhten ungemein die Tragik dieses Augenblickes und erweckten das tiefste Mitgefühl für den Mann, der so viel erduldet. — Seite 5. verzeihet mir, meine Freunde, ich habe mich wieder hinreißen lassen," sprach Rüben, nachdem er sich ein wenig gefaßt hatte, doch eS blieb ein unheimliches Schweigen, niemand wagte zu sprechen, bis endlich Tinka die gewitterschwüle Stille unterbrach. ' „Ja, es gibt wolfartige, böse Menschen hier; nur, leider, kann man sie nicht totschießcn oder in die wilden Wälder schicken . . ." „Besonders einen Wolf möchte ich hinschicken, wo der Pfeffer wächst," stimmte ihr Hnlda mit lächelnder Miene bei, der man aber den unterdrückten Haß deutlich anmerktc. Rüben fuhr zusammen. Er kannte seine Tochter, um auch das Unausgesprochene heraus zu fühlen; zumal der Gegenstand ihres Mscheues auch ihm nicht frenid war. Auch Amatin wurde bleich, und die Gäste sahen einander verblüfft an. Hulda merkte, daß ihre Andeutung einer Erklärung bedurfte, und daher fuhr sie fort: „General Grebow ist ein wildes, hassenswertes Tier-- — doch ich fürchte ihn nicht — — —. Weder sehe ich sein Grinsen, noch höre ich sein Pfeifen, wenn er meine Aufmerksamkeit erregen will. Gestern auch, als ich ans unserem Hause trat, da fiel ein Regenschauer von Silber-Münzen vor meinen Füßen nieder. Der elende Hund glaubte, ich werde nkich bücken, um sie aufzuheben; wer weiß, wer es statt meiner getan hat." „Davon hast Du mir doch kein Wort gesagt," ries Rüben aufbrausend. „Wozu, Vater? Du würdest Dich nur noch mehr beunruhigt haben. Ncbrigens weißt Dü doch, sollte er mir zu nahe treten-—" sie vollendete nicht. Frau Tinka ergriff abermals das Wort. „Sie haben das Geld nicht aufgehoben. Na, ich wünschte, der General möchte cs mit mir versuchen-! Grebow ist doch wirklich kein schlechter Mensch. Er hält große Stücke auf Sie, Hulda,; das weiß ich ganz genau. Nein, er ist 'wirklich nicht schlecht; denn er bezahlt mir imnier ehrlich die Butter, die mein Jsak jede Woche hinträgt-'—! Nicht so wie der Oberst Stekarchef, der mir schon dreizehn Rubel schuldig ist ünd von dem ich keinen Moschen bekommen werde. Und dabei muß ich noch immer neue hkntragen, oder, wer 'weiß, was mir geschieht!" Das war Tinka's Ansicht über Hulda's ernstes Abenteuer. „Wieso wissen Sie denn, daß der General so viel auf meine Tochter hält?" fragte Rübe» mit verstellter Ruhe. „Der Oberst selbst hat es mir doch gesagt," rief sie triumphierend. „Als ich ihn um das Geld mahnte, kniff er mir noch unverschämt die Wangen und sprach lachend, „Was, Du bist arm? Sieh doch nur in den Spiegel, wie schön Dir die Diamantenaugen stehen-—! Freilich, so schön wie Hulda Pakarow bist Du nicht, aber für die nächsten zehn Jahre noch gut genug — — —. Solche wie Hulda gibt es nicht viele. Der General hat an ihr einen Narren gefressen, und ich glaube, er würde nach Jerusalem zu Fuß wandern, um sich dort anders machen zu lassen, wenn sie ihn nur ein bischen ermutigen möchte. Aber er zweifelt an den Erfolg; er meint, das sei ein zweites.Sebastopol, das man nur durch List einnehmen kann." Wirklich, das hat mir der Oberst selbst gesagt." „Eher soll dieser Fleischklumpen von den Würmern zerfressen werden, ehe er Jerusalem sieht!!! Mit meinen eigenen Händen werde ich das unreine Vieh totstechcn, wenn er es wagen sollte, meine Schwester zu beleidigen!" rief Ezra wild aufspringend, als wäre das beleidigte Mädchen in der Tat seine Schwester. Wenn keiner die leidenschaftliche Erregung des Kantors begreifen konnte, so verstand Hulda ihn sehr wohl, und die Freude über seine Teilnahme fand Ausdruck in einem Blick ihrer Augen, der dem Jüngling Bände voll süßer Geheimnisse verriet. Ilber auch Rüben war nicht blind bei dem Aufknospen dieser romantischen Liebesblume. Er hatte das Aufblühen schon längst beobachtet nnd war daher vorbereitet, die Blüte zur vollen Frucht heranreifen zu sehen. Das war ja auch die goldene Hoffnung, die er im Herzen trug, oder die Angst um das Schicksal seines Kindes wäre noch größer gewesen. „Meine Freunde," bat Rüben jetzt, „laßt uns nicht weiter über diese häßliche Sache sprechen. Gegen