Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 35 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692495--02657-2697282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 35. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. ling der Chedorim in de» Reihen der Judenfeinde anzutreffen, sogar manchen Führer der uns als Nation verfolgenden Sozialdemokratie haben sie gestellt: all das imponiert aber der galizischen Judenheit nicht; möge Gott mit Israel machen, wie es ihm gefällt. Ist es nicht der chinesische Zopf, den die Diaspora dem Judentum angchcftet hat, der uns an unserer freien Bewegung hindert?! . . . * * * Nun hat der Misrachi seine Konferenz in unserer Stadt gehalten. Was hat diese Konferenz zu Tage gefördert, welches ist das Resultat? so oder ähnlich wird niancher fragen. Um diese Frage beantworten zu könne», sehen wir uns veranlaßt, einiges voranzuschicken. „Der Misrachi nimmt cs mit seiner Liebe zu dem Lande der Väter nicht all zu ernst, er ist territorialistisch", sagen die „Zione- Zion". „Der Misrachi ist eine nur religiöse Gruppe, sein Verbleiben im Zionismus ist nur als Mittel gedacht, um für die Religion ein gutes Geschäft machen zu jtönitc,,; er strebt nach Macht, wie alle Klerikalen, und trachtet danach, die Andersdenkenden zu vergewaltigen; der Misrachi ist nnloyal, sobald er seine Sonderinteressen nicht erreichen kann, verwirft er den Zionismus und scheidet aus demselben aus, wie es die Amerikaner-Gruppe gemacht", so und ähnliches sagen die änderen (siehe Zentralorgan der Pauale-Zion, Krakau, „Der jüdische Arbeiter"). Mit all dem hat die Konferenz aufgeräumt, sie hat deutlich kundgetan, daß der Misrachi als Fraktion mit dem Territorialismus nichts zu tun hat, daß er als religiöse und nationale Fraktion zum Zionismus, der die jüdische Gesamtheit repräsentiert, hält; der Misrachi ist loyal, da er die Beschlüsse des Kongresses, sofern sie sich nicht in Widerspruch zur Tradition stellen, für sich als verbindlich erachtet. Auch die Beschuldigung, daß der Misrachi seine Ueberzeugungen aufzwiugen will, ist haltlos; die Konferenz, die in sich verschiedene Elemente vereinigte, hat es zur Evidenz bewiesen. Die eivigen Ideen des Judentunis bedürfen keiner Zwangsmittel, ihre innere Wahrhaftigkeit verbürgt' ihren dauerhaften Bestand viel mehr als alle Machtmittel, auch die der Stimmenmehrheit. Was der Misrachi will, ist, sich nicht von "anderen v e r g e w a l t ig e n zu lassen.. . Wir wollen nicht damit gesagt haben, daß man danach trachte, allein auch die ll n v e r n u n f t gelangt bisweilen zur Macht, und daß die Unvernunft, wenn auch demokratisch, Hebelgriffe macht, braucht nicht erst bewiesen, zu werden, und wer wollte es da dem Misrachi verargen, daß er eine respektable Organisation anstrebt, um eben, Uebergriffe verhindern zu können?'Ebenso kann es dem Misrachi nicht verargt werden, wenn er mit legalen Mitteln auf friedlichem Wege seine Anschauungen zu fördern sucht. Was den Rationalismus der Misrachisten anbelangt, so muß hier konstatiert werden, daß der weit größte Teil des Misrachi der zionistischen Organisation angehörte, noch bevor der Misrachi ins Leben gerufen wurde. Uebrigens ist eine inerkliche Zunahme des Ratioualisinus auch in denjenigen orthodoxen Kreisen, die uns bis dato bekänipft haben, zu verzeichnen; die Einsichtigen, die die Zeichen der Zeit verstehen/ kommen nach und nach zu der lieberzeugung, daß man mit dem konsequenten Konfessionolismus allein nicht weiter kommen kann und daß das Wohl des Judentums erheischt, auch die Rechte des Rationalismus anzuerkennen, — und mithin kann die zionistische Organisation, wenn die Leitung bei ihrer neutralen Haltung in Sachen der Religion, verharrt, nur auf Zuzug von Seiten der Orthodoxie rechnen. r Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Herzog und Warenhaus. So muß es konlmen. In einer Notiz des „Neichsanzeigers" heißt es: „In unser Handelsregister ist heute unter Rr. 394: Warenhaus des Herzogs von Pleß, Hans Heinrichs XI., und als dessen Inhaber Te. Durchlaucht der Herzog von Pleß, Hans Heinrich XL in Pleß, sowie die Erteilung der Prokura an den .Generalbevollmächtigten,. Königlichen Regierungsrat a. D. Gustav Keindorff zu Schloß Waldenburg eingetragen." — Man wird den Kummer der Antisemiten, die nicht müde wurden, über die Warenhäuser als eine Erfindung des jüdischen Geistes zu zetern, begreifen, daß nun ein veritabler preußischer Herzog auch unter die Warenhäusler gegangen ist. Bisher konnten sie so tun, als seien nur Juden verworfen genug, ein Warenhaus zu besitzen. Daß der Herzog von Pleß kein Jnde ist, müssen selbst die Antisemiten zugeben, die sich sonst nicht genieren, ihnen unbequeme Personen den Rockschößc» der Juden anzuheften. Das geht nun hier nicht. Mer ein süßer Trost ist ihnen geblieben; sie können Klagelieder anstimmen über die fortschreitende Verjudung des deutschen Volkes, der sich, selbst die Granden des Reiches nicht mehr entziehen, über die zunehmende Judenherrschaft, und was der albernen Klagen mehr sind. ( Berlin. Das antisemitischeRowdytum steht in Borkum wieder in üppigster Blüte. Der „Volksztg." wird hierüber berichtet: Im Licht- und Luftbad iourde kürzlich ein B a de - g a st, der zufällig s ch w a r z c s k r a u s e s Haar hatte, von mehreren Badegästen als Jude bezeichnet. Mau versuchte alsbald, ihn „hinauszugraulen". Es wurde das bekannte antisemitische Borkumlied gepfiffen und von dem gut gekleideten Janhagel gesungen, wobei dm Schlüsse mit dem Refrain: „Der muß hinaus!" die Badehosennuminer des betreffenden Badegastes gebrüllt und auf diesen mit Fingern gezeigt wurde. Der also Verhöhnte, ein Kaufmann aus Dortmund, konnte durch.Beschwerde beim Badewärter nichts erreichen; erst'der zu Hilfe geholte Gendarm, dem der Kaufmann nachwies, daß er kein Israelit sei, konnte ihm seinen Schutz angedeihen lassen und die Ruhe einigermaßen wiederherstellen. — In Köhlers „Kaiserhof" am Strande wurde eines Abends, abweichend von der sonstigen Gepflogenheit, jenes Borkumlied von der konzertierende» Kapelle nicht im Anschluß an die zehnte Programmnummer gespielt. Eine u n b e s ch r e i b l i ch e L ä r ms z e n e war die Folge und als die Musik schließlich das verlaugte Borkumlied iutonierte, wurde laut: Musik hinaus! geschricn, so daß die Kapelle das Konzert eiustellte. Nur mit äußerster Mühe konnten sich die Künstler aus dem Lokal entfernen. Am nächsten Mend war das Lokal Won innen Und-außen durch den antisemitischen Janhagel förmlich belagert; man wollte sehen, ob der Wirt, der mit Rücksicht auf gewisse Gäste jene Programmänderung veranlaßt hatte, die „Kühnheit" haben würde, das Wagnis zu wiederholen. Mer der Wirt hatte sich gefügt. Neuenahr, 3 Sept. Gestern las ich in Ihrer geschätzten Zeitung einen Badebericht aus Kissingen, und sofort kam mir der Gedanke, du schreibst auch einen solchen aus Neuenahr, dein deutschen Carlsbad, das von uns Juden wohl am ineisten von allen deutschen Bädern frequentiert wird, da es zur Heilung einer spezifisch jüdischen Krankheit, der Zuckerkrankheit, in Deutschland einzig und allein in Frage kommt. Da Neuenahr von Frankfurt und Köln aus leicht zu erreichen ist und die Heilkraft seiner Wässer bereits weltberühmt geworden, ist der Besuch dieses Ortes ein bedeutender, und Unsere Glaubens» genossen sind zahlreich vertreten, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Rußland und anderen Ländern. Allein 4 jüdische Hotels sorgen für das leibliche Wohl ihrer zahlreichen Besucher und wie ich höre, ist der Bau eines fünften in Aussicht genommen. Außer den jüdischen Hotels gibt es auch eine Synagoge, die erst vor wenigen Jahren erbaut ist. Leider hat man dieselbe in einen abgelegenen, schmutzigen Hof hingebaut. Was die Ursache dafür war, daß man unter Ausschluß der Oeffeutlichkeit baute, konnte ich nicht ergründen, wahrscheinlich hatte Mansche! seine Hand darin. Jüdische Aerzte sind natürlich massenhaft vorhanden und da muß ich etwas berichten, was mir am ersten Tage meines Hierseins passierte. Ich ging mit dem in Zionisteiikrcisen sehr bekannten D r. Albert Goldberg ins Hotel zum Abendessen. Dr. Goldberg führte mich dabei durch einen freien Platz, der dicht an der Wohnung des hiesigen jüdischen Arztes Josef W e i d e u b a u m vorbeiführte. Dr. Weidcnbaum saß am Fenster; als er uns "erblickte, sprang er auf und erklärte es als eine Frechheit, diesen Platz zu benutzen und ersuchte uns, nmznkehren. Natürlich blieb Dr. Goldberg die Antwort nicht schuldig, und ich stellte mich als Kollege vor, was Dr. Weidenbaum, der gleich Dr. Goldberg Mitglied einer Bne-Bris-Loge ist und hier nur von Jiiden lebt, nicht abhielt, dem Dr. Goldberg zuzurufen: „Sie unverschämter Judenlümmcl. Sie Pollak". Er konnte es ja tun, er war durch das Fenster gedeckt, anderenfalls hätte dieser jüdische Kollege was erleben können. Er rief noch einige Mal „Pollak", nnd lvir gingen denselben Weg zurück, unr uns nicht des Hausfriedensbruches schuldig zu machen. Ich bin sehr begierig, zu erfahren, in welcher Weise die Kölner Loge ihren Bruder, der das gemeinste antisemitische Schimpfwort gegen einen Kollegen und Bruder gebrauchte', strafen wird. Von einem gerichtlichen nnd ehrenärztlichen Verfahren mußten wir abseheu, um den antisemitischen Blättern kein Vergnügen zu bereiten. Um wieder von etwas angenehmerem zu sprechen, so muß ich als guter Ehronist erwähnen, daß im Kursaal die „Welt" äusliegt, daß die Bne-Berisbrüder einmal wöchentlich Zusammenkunft haben und daß auch die Zionisten Zusammenhalten. Selbstverständlich fuhren wir auch nach Köln zur Sitzung der Bank. Die Reden waren wieder endlos, wir waren endlich froh, uns in den Räumen der Rheinlandloge kräftigen zu können, wobei es uns besonderes Vergnügen machte, den durch seine Reden berühmten Dr. Schemarje L e v i n kennen zu lernen. Der Abend brachte den Kommers, der sich zu einem wahren Volksfeste getaktete. Auf Neuenahr zurückkommend, müßte ich Ihnen eigentlich erzählen, worin das Badeleben besteht, was die Umgegend bietet, u. a. m. Doch das Wetter ist zu schön, ich vertrage das lange Sitzen nicht, ich muß hinaus in die Berge und verweise Ihre Leser auf den letzten Kissinger Badebrief; da ist alles ausführlich geschildert, ivas mau in einem Badeorte treibt. Also für heute genug. Dr. Ludwig Goldberg, Heddernheim. Posen, (k.) Stiftungen. Der hier verstorbene Großkaufmann Schönkank stiftete für seine Vaterstadt Schönkanke 3000 Jt. testamentarisch für Zweckt der dortigen jüdischen Gemeinde. Vordem vermachte ein Berliner Kaufmann namens S ch ö n kn n k für dieselbe Stadt 20000 «./£ zu einem städtischen Waisenhause. — Der Verleger des „Berliner Tageblattes", Rudolf M o s s e, ein Grätzer Kind, hat für seinen Geburtsort, namentlich für die ärmere Bevölkerung, schon sehr viel Gutes getan. So ist 'unter anderem das nach ihm benannte Mosse-Krankenhaus ein Werk von ihni, dem der Stifter noch alle Jahre namhafte Zuwendungen zuteil werden läßt. Erst in diesem Jahre, anläßlich der «ilberhochzeit unseres Königspaares, hat Herr Masse 150000 JL zur Erbauung eines Siechenhcims und zum Erweiterungsbau des Krankenhauses gestiftet und hat die Stiftung die Allerhöchste Bestätigring gefunden. Mit dem Bau des Siechenhauses soll demnächst begonnen werden. Oesterreich-Ungar«. Wien, lieber die Reichsrats-Ersatzwahl Zloczow-Brody wird „Bloch's Oesterr. Wochenschrift" geschrieben: „Kaum wenige Wochen trennen uns von der Wahl, von einer Wahlbeweguug ist aber fast gar keine Rede. Die Kandidatur haben vier Herren angemeldet: Dr. Edmund Kornfeld (Wien), Dr. Gold (Zloczow), Dr. Rittel (Brody) und Adolf Stand (Lemberg). Von Dr. Kornfeld — den hier Niemand kennt — heißt es, daß er cs mit Byk's Methode versuchen wolle, bas Mandat zu „erobern". >rr habe in Wien Verbindungen mit dem Polcuklub und Zeutralwahlkomitee nnd das übrige — sei Schweigen. Schweigen ist bekanntlich — nicht nur im Sprichworte — Gold. Dies letztere scheint auch die Devise des Zloczower Kandidaten zu sein. Omen — nomen. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles", dachte er mit Gretel und meldete seine Kandidatur im antisemitischen „Slowo PolSkie" an. Dann schickte er 4 „christliche" Polen als Deputation zu unseren! Bezirkshauptmann, „er" möge die jüdischen Wähler Brodys.einen Tanz um das Zloczower „gold'ne" Kalb aufführen lassen. „Er" war aber freilich so loyal, dies Ansinnen von sich zu weisen. Unser Brodyer Kandidat wieder^irbeitet hinter den Kulissen: Sekretär der Handelskammer, Bürgermeister und Pole mosaischer Konfession.'glaubt er Empfehlungen genug für einen Sitz^im griechischen Palast am Wiener Franzensring zu besitzen. Bor einigen Tagen zum Bürgermeister gewählt, erklärte er als sein wichtigstes Vorhaben — die Polonisierung des deutschen Gymnasiums. Glücklich, ihr Brodyer Juden, was fehlt euch denn sonst? Offen und ehrlich sind vorläufig nur die Zionisten in den Wahlkampf getreten. Nachdem sie auf der Krakauer Konferenz ein politisches Programm aufgestellt haben, treten sie jetzt a l s Z i o n i st e n in die Schranken. Ihrer Meinung nach habe außer ihnen sonst Niemand ein Anrecht auf dieses gar excellence jüdische Mandat, als ein Jude, der sich offen als Jude bekennt und als solcher für das Wohl seiner Volksgenossen mutig eintritt. Im en aui li. mi li? Die bisherige Politik hat Fiasko gemacht, die Hintertreppen- und Vogel-Strauß- Politik ist bankerott. Eine gesunde, lebenskräftige j ü - dis che Volks Politik tut uns not. Nicht gegen das polnische, nicht gegen das ruthenische Volk, sondern für das j ü d i s ch e. Und zusammen mit dem polnischen und ruthenische» Volke gegen den gemeinsamen Feind! Alle wohlgesinnten Juden, denen das Wohl des Judentums am Herzen liegt, sollen am 14. September für den Kandidaten einer zielbcwußten jüdischen Bolkspvlitik stimmen, für Herrn Adolf Stand! Troppau, 3. Sevt. Gelegentlich der Anwesenheit des Kaisers in unserer Stabt erschien zur Huldigung auch eine Deputation der israek. Gemeinde. ' Der Präses, Großindustrieller I. Ph. Giesing e r, richtete an den Kaiser eine Begrüßungsansprache. Der Kaiser dankte und erkundigte sich über Geburts-, Hekmatsort und Beschäftigung des Präses, sodann über die Knltusgemeinde selbst und Zähe der Mitglieder. Herr Glesinger erwiderte, daß 'er ein geborener Teschener und Großindustrieller sei, der in Oesterreich und Ungarn zahlreiche Sägewerke betreibe, die Seelenzahk der Gemeindemitglieber Teschens betrage zirka 2000, während Frie-