Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 35 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1 Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. aber um so wirkungsvoller, das Hebräische wiedergibt, sondern im Stile salbungsvoll triefender Kanzelgebete den Inhalt umschreibt. Ferner haben die Uebersetzer Zusätze gemacht, welche ganz der Absicht zuwiderlaufen,- welche unsere Alten leitete, als sie diese Stücke in das Gebetbuch einsetztcn. Unsere Weisen wollten hierdurch dem Manne aus dem Volke Gelegenheit geben, der Pflicht, täglich Thora zu lernen, nachzukomnien. Davon merkt man aber in der badischen Ucbcrsetzung nichts. — In ihrer blinden Wut gegen die Opfer haben die Oberratsgenossen auch die Thoraabschnitte „wajedaber" rc. gestrichen, nicht bedenkend, daß jene nicht allein zum Andenken und Ersatz der Opfer, sondern auch eben der Beschäftigung mit der Thora halber in die Tephllla hereinkamen, — unb so setzen sie sich mit ihrer wirklich anerkennenswerten Uebertragung in Wider- - spruch: „vor allem aber die Erforschung der Gotteslehre, well diese alles enthält." Wir gelangen jetzt zu den „pesukei de simroh". Da haben nun die Herren ihrer Wlllkür und Aendermigssucht im weitesten Maße nachgegeben. Von dem Stück „haudu-kiru wischman" haben .sie nur die beiden ersten Verse gelassen, hingegen alles übrige dieses Kapitels aus der hl. Schrift, welches die Führung des Volkes durch Gott und die Bundesschließung mit den Völkern enthält, einfach gestrichen. Und so setzen sie sich nicht allein mit unseren Alten, sondern auch mit der Moderne, welche ja der Geschichte und allem Geschichllichen besondere Pflege angedeihen läßt, in Widerspruch. Auch die Verse „wehu rachum" und „weatto lo sichlo rachamecho" haben keine Gunst in ihren Augen gefunden. ^Vollen sie Gottes Langmut und Barmherzigkeit nicht anerkennen oder glauben sie, derselben nicht mehr zu bedürfen? — „Mismor lesaudoh" haben sie gelassen, obgleich dieses auch nur zum Ersatz für ein Opfer, für das „Dankopfer", eingesetzt worden ist. Ja, sie haben merkwürdigerweise die Vorschriften über das gelegentliche Auslassen dieses Psalms mit abgedruckt, obgleich doch diese ganz eng mll dem Opferdienst zusammenhängen. Wenn nun einmal in der Schule ein vorwitziger Junge seinen Lehrer nach dem Grunde dieser Vorschriften fragt, so muß ja — dem Oberrat und der „Religionskonferenz" wird es schaudern — das ganze Opserwesen und die Geschichte der Entstehung dieses Gebetbuches aufgerollt werden, und der gescheidte Schüler wird die grundsatzlose Willckür der Männer, welche sich erkühnen wollten, 4>as Gebetbuch zu „sichten" und zu „ordnen", ganz durchschauen; wenn er überhaupt nicht schon von selbst aus den ihm in die Augen fallenden Widersprüchen der gegenwärtigen oberrätlich angeordneten Uebertragung der Gebete mit der Schulübersetzung seines ehrlichen Lehrers gelernt hat, Gebetbuch und Uebersetzung weder ernst noch als wahr zu nehmen. — Die Psalmen von „lamnazeach" ab sind zwar gelassen, ja sogar noch vermehrt, aber da hat nun pfäsfische oder oberrälliche Schlauhell einen besonderen Tric erfunden oder nachgeahmt. Dem 1. Psalm ist vorgedruckt: „Für den 1. Sabbat im Monat", dem 2. Psalm: „Für den 2. Sabbat usw., dann für den 1. Tag des „Befreiungsfestes" rc. Dazu sind - nun wieder neue fremde Psalmen hereingekommen. Es soll also, entgegen der Vorschrift „an Sabbat und Feiertagen betet man viele Psalmen", nur einer gebetet werden. Ebenso sind die Wochenlagspsalmen nach „aschrei" — dieses letztere ist übrigens ganz gestrichen, wohl deswegen, weil der Talmud sagt, „aschrei" bete man dreimal täglich — auf die einzelnen Wochentage und zwar nur auf diese verteilt, und so mußte man wieder zwei neue hereinnehmen. Auch bei der Auswahl dieser neuen ist von aller Tradition . abgewichen und nur der Willkür gefolgt worden. Auch fehlen Psalmen für Halbfeiertage und Rosch chodesch, für Chanukoh und Purim. Bei der Uebersetzung eines dieser Psalmen — für den 7. Tag des „Befreiungsfestes", Psalm 66 — hat der Uebersetzer in seiner dem Oberrat verkauften wissenschaftlichen Treue einen ganzen Pers unterschlagen: , Vers 15: „Ganzopfer von markigen Tieren bringe ich Dir, nebst Räucherduft von Widdern, bereite Rinder nebst Böcken." Was soll nun da der ehrliche Lehrer dem fragenden Blicke der Schüler, welche doch die Ucbersctzungcn vergleichen, antworten? Was für einen Mantel soll er dieser gewalttätigen, vor Unterschlagung und Fälschung heiliger, literarischer Denkmäler und herrlicher Psalmen nicht zurückschreckcnden Tendenz umtun?! Und dabei — abgesehen von allem andern — glauben die Herren auch noch (S. 13 der Vorbcincrkungcn), etwas für die Schule Wertvolles mit ihrem Machwerk geschaffen zu haben!! Bei dieser Gelegenheit wollen wir sie auch iwch auf das Urteil der christlichen Welt, auf das sie ja so sehr Gewicht legen, Hinweisen. Denn welches Urteil tvird ein christlicher Theologe, der Uebersetzung und Original vergleicht, über diese Tatsache der fälschenden Unterschlagung fällen? — Wie man die erste Berochoh des Schema zugerichtet hat, haben wir schon besprochen. In derselben Weise hat man mit „emes wejaziv" verfahren, gegen alle Tradition und alle religionsgesetzlichen Vorschriften. Auch hier ermangelt der Badische „Drbner" wieder geschichtlichen Empfindens, biblischen Glaubens und israelitischen Selbstgefühls, Dankbarkeit und Gerechtigkeit, indem er die Strafgerichte über Mizrajim wegstrcicht und so biblisch bezeugte Tatsachen leugnet. Gewiß, man soll sich über den Fall des Feindes nicht freuen, aber wenn wir „Kol bechaureihem, alle ihre Erstgeborenen hast Du getötet beten, tun wir das nicht, weil wir uns über den Tod der egyptischen Erstgeborenen freuen, sondern uni die Liebe Gottes zum israelitischen Volke, besonders aber um die übennächtige Herrschaft Gottes über Welt und Menschheit uns zu vergegenwärtigen. Im Gegenteil, unsere Feinde werden aus dieser verschämten Streichung, welche der Großherz. Badische Oberrat anzüordnen für gut befunden hat, uns eben solche menschenfeindliche Tendenzen vorwerfen und die badische Judenheit unter diesen Vorwürfen nicht weniger leiden lassen, als die übrigen Juden. Wenn übrigens der Badische Oberrat ein so weiches Herz besitzt, daß er mit den vor ca. 3500 Jahren versunkenen Egyptern und mit den „unschuldigen Tieren" (S.. 3 der Vorbemerkungen) so großes Mitgefühl empfindet, warum kränkt er dann die am alten Judentum hängenden Glaubensgenossen in ihrem tiefsten Herzen durch die Herausgabe und die Anpreisung dieses famosen Gebetbuches und durch giftige Artikel in der „Zeitung des Judentums"? — Gehen wir zur Schemone-esre über, da bemerken wir in dem sür Sabbatausgang bestimmten „atto chaunantonu" die Weglassung von (watavdeil) „bein jisroäl loammim, Du hast einen Unterschied gemacht zwischen Israel und den Völkern". Bestätigt sich da nicht unsere frühere Bemerkung, daß ' der Großherz. Bad. Oberrat der Israeliten sich schämt, Jude zu sein, daß er die wahlberechtigte und geforderte (3. B. M. Kap. 20, 26) Unterscheidung aufheben will? Und dazu kommt noch die .Torheit, zu glauben, daß die Christen die Aufhebung der Unterschiede wünschten! Vielleicht doch? Aber dann doch nur in der Weise, wie der kürzlich verstorbene Philosoph E. v. Hartmann, der meinte, die Juden müßten durch die Taufe ganz und gar in den europäischen Völkern untcrgehen. Oder ist vielleicht dies die geheime Absicht eines Badischen Oberrates? Die jüdische Zukunft hat er ja durch Streichung des Messias und Zions abgetan, die jüdische Vergangenheit beschnitten, jetzt tut er auch der Gegenwart Abbruch. Daß in der 8. Berochoh vom Wortlaut: „rausci chaulei ammau jisroel" hie beiden letzten Worte gestrichen sind, haben wir bereits erwähnt. Daß bei dieser Weglassung nicht allein Mangel an jüdischem Selbstgefühl, .sondern auch Unwissenheit unterläuft — denn jdiese Berochoh __Nr. 35. deutet auch auf die Heilung der beschnittenen Knaben hin — und .Widerspruch gegen die 7. Berochoh, wo man „gauel jisroel" gelassen hat, ivollen wir jetzt aussprechen. In der 10. und 11. Berochoh, da ersteigt durch die getroffenen Acnderungen die. schimpfliche Selbstaufgebung und die Leugnung aller-mosaischen und prophetischen Verkündigungen ihren Gipfel. „Stoße in die große Posaune zu unserer Freiheit, und die Stimme des Erlasses und -der Hilfe werde gehört in unseren Zelten, und hilf unseren in die vier Enden der Erde verstoßenen Brüdern. Gelobt seist Du Ewiger, der den Verstoßenen seines Volkes Israel hilft." Also daß Gott die „Zerstreuten sammelt", wie Er eS verheißen hat, darf man nicht mehr beten. Die Zerstreuung mit ihrem physischen, moralischen, religiösen und geistigen Jammer und Elend muß bleiben. Freilich, man hat ja nach deni Oberrat und seinen Genossen sein Gefühl den uralten Egyptern und den „unschuldigen Tieren" aufzusparen, nicht aber den armen und geschundenen Brüdern und Glaubensgenossen in Mittel- und Osteuropa, in Asien und Afrika. So auch in der 11. Berochoh: „Erfülle unsere Richter mit Deiner Gerechtigkeit." Hier dürfen die Juden der Großherz. Bad. Landessynagoge nicht mehr beten um die Wiedereinsetzung jüdischer Richter und jüdischer Behörden und um die Rechtsprechung nach dem Thoragesetze im Zukunftsstaatc des Judentums. Es soll ihnen alle Zuknnftshcrrlichkeit und ihrer Thora alle Geltung in und für die Zukunft abgeschnitten sein. Daß die Berochoh „welamalschinim" geändert ist, wollen wir nicht so streng beurteilen, da ja diese Aenderungen nicht niehr neu sind. Warum man sie aber als Nr. 11a bezeichnet, ist uns unerfindlich. Erstens hat sie mit der Berochoh über die Richter keinen Zusammenhang, und zweitens haben ja wissenschaftliche Untersuchungen (s. Breslauer Monatsschrift) dargetan, daß nicht durch die Birchas welamalschinim, sondern durch die Trennung von „es zemach dovid" von „uwnei jeruscholajim" die Zahl 18 überschritten worden ist (s. später). (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Ein beneidenswertes Volk sind Ivir . . . alle Völker müssen selbst ihre Interessen wahren, nur wir Juden haben cs nicht nötig, uns um unsere Angelegenheiten zu beklimniern . . . wir sind in der angenehmen Lage, sagen zu können: „Mlachteinu naascs al jedei acheirim, unsere Arbeit wird durch andere erledigt". Zwar verrichten es die „Andern" nach ihrer Weise und in ihre in Sinne, allein der Sorge sind wir doch enthoben.Dieses „mlachteinu naases al jedei acheirim" ist von jeher unsere beliebte Art sowohl auf religiösem wie. nationalem Gebiete gewesen: Die Wiedererlangung der einstigen Selbständigkeit überläßt man ausschließlich dem Himmel, die Gründung von Schulen — den Christen, in bestem Falle christelnden Juden, die Führerschaft der Nation Assimilationsjuden. Nüßland steht vor einer Umwälzung, es soll und muß erneuert werden, es muß auf dem Gebiete der jüdischen Schulen etwas geschehen; allein ändern heißt reformieren, und daher muß cs unterlassen werden, wird die Regierung Schulzwang einführen, dann steht man eben vor einer „Gseiro"... der man sich fügen muh . . . Die Chedorim Galiziens bedürfen dringend einer Reorganisation, sind' sie doch in ihrer alten Gestalt unhaltbar; dennoch darf nicht daran gerüttelt .Iverden . . . frische Luft, ein frischer Zug, ist nujüdisch. . . . Wohl schicken sich unsere Freunde aus der Polakai an, an die Chedorim Hand zu legen, sind sie doch bei all' ihren großen Mängeln noch immer ein unversiegbarer Quell des jüdischen Wissens, des -jüdischen, wenn auch getrübt jüdischen Gefühlsund Selbstbcwußtseins, alles Dinge, die für die chauvinistische Pölakak unbiskutabel, da undenkbar, sind, wohl hat 'die ungarische Regierung noch im vorigen Jahre manchen Cheder „wegen ihrer Nutzlosigkeit" geschlossen, wohl ist mancher Zög-