Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. vorige Woche im Verein „Ez-chajim" bei. Es galt, den Sijum über die Gemoroh von Beza, zu deren Absolvierung man zwei Jahre gebraucht, festlich zu begehen. Fast dreimal.Miiijan war zugegen, als man zunächst das Maario - Gebet verrichtete, um dann die letzte Mischna in Beza mit dazugehörender Gemoro zu lernen. Nachdeur man den bekannten „Hadron-aloch" dreimal wiederholt hatte, wurde sofort mit dem Traktat Pesachim begonnen, um darzutun, daß eine Schlußfcier kein „Aufhören" bedeute. Hierauf ergriff der verdienstvolle Vorsitzende des Vereins, Herr H. I a k o b s o h n, das Wort, um die Ziele und Zwecke der Vereinigung, die Vereins tätig feit im abgelaufenen Jahre und speziell den Sijum in meisterhafter Rede zu beleuchten. Er wies darauf hin, wie der Verein, zumeist aus jungen Leuten kaufmännischen Berufes bestehend, Thora mit derech ercz zu vereinigen bestrebt sei, gedachte der Lehrer des Vereins und bedauerte die Abwesenheit des tüchtigen Talmud-Vortragenden Herr Schurr-Kitzingcn. Rauschender Beifall lohnte den allbeliebtcn Vorsitzenden. Alan wusch sich die Hände zum Souper, das sich zu «e iner Söndah schel mizwoh gestaltete, gewürzt durch Divrei tauroh und jüdische Gesänge. Lehrer M annh e i m c r - Dettclbach wies auf die Seltenheit einer solchen Feier in heutiger Zeit hin und ermahnte namentlich auch die junge Welt zuni fleißigen Besuch; der schar halicho ist auch schon zu würdigen, auch wenn jemand nicht bis zum Gemorolcrnen gefördert sein sollte. Herr Lehrer Bamberger dahier, lehnte seine wohlgclungene Rebe an die Mischna „Chozer gedauloh" in Rosch. hasch. Perek I an und bot einen sinnvollen Vergleich mit den Bestrebungen des Vereins und dem Sijumfestabend, unter schöner Anwendung der betr. Gemoro. Herr Steinmarder erinnerte in der Festesfreude an die traurigen Zustände in gkußland, an die Großtat Rabbi Jochonans in Jabne; ein Jabne wolle auch der Verein sein und blcibenlin trüber Zeit. Die beiden Geb r üdcrSclka.zu den rührigsten Tcilnehincrii zählend, ergötzten durch schön ausgcwählte Thorawortc, die sie auf den Ez-chajim-Percin bezogen. Zum ersten Male hörten wir die gesangliche Rezitation einer Mi sch nah: Herr Wallach verwendete hierzu die erste Mischna im 3. Perek Owaus. Der originelle Kantus fand großen Beifall. Erst nach 1 Uhr nachts trennte man sich von der Feier, allseits befriedigt und freudig angeregt. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Am Geburtstage des Kaisers wurden die beiden von Herrn kaiscrl. Rat Bernhard P o l l a k und Gemahlin gestifteten Kinderpavillons im Kaiser Franz Josef-Spital, deren Erbauungskosten 600000 Kronen betragen und die über hundert Kinder aufnchmcn können, eröffnet. Das „Kaiser Franz Josef-Ferienheim" hat diesen Sommer f a st '600 arme, kränkliche Kinder in Kolonien und Heilbäder verschickt. Prag. Unter der Ueberschrift .Wieder ein Ritual Märchen" schreibt das „Deutsche Abdbl.": Es scheint, daß gewisse Kreise in der czechischen Provinz sich Lur Aufgabe gemacht haben, jede sich ihnen bietende mysteriöse Gelegenheit in antisemitischem Sinne auszuschroten und die breiteren, solchen antisemitischen Märchen zugänglichen Volksschichten aufzuhetzen. Die czechischen Blätter verzeichnen aus Ehotzen eine Meldung, die folgendes besagt: Bei den Eheleuten Hondek in Ehotzen war seit zwei Jahren die 22jährigc Marie Kosina, die Tochter eines Eisenbahnarbeiters, als Dienstmagd beschäftigt. In demselben Hause mit Hondek wohnte auch der Kaufmann Gottlieb. Marie Kosina kam ab und zu in die Wohnung des Göttlich und half dort gegen Entgelt bei verschiedenen Hausarbeiten mit. Eines Tages.verbreiteten gewisse Elemente in der Stadt die Schauermär, daß die Kosina von den Ehegatten Gottlieb nachts in die Wohnung gelockt wurde. Nachdem mau sie narkotisiert hatte, sei ihr mittels einer Säugpumpe.Blut abgezapst worden. Das Blut sei von Gottlieb zu rituellen Zwecken verwendet worden. Wie eine Latvine verbreitete sich diese absurde Nachricht in der Stadt, und allerlei gräßliche Details wurden noch dazu erzählt. Marie Kosina bestätigte dieses Gerede nick» ging über Aufforderung von sensationslüsternen Personen, die schon einen materiellen Gewinn aus der Angelegenheit zu ziehen .hofften, zur Gendarmerie, wo sie gegen die Ehegatten Gottlieb die Anzeige erstattete. Sofort begaben sich Gcrichtsärzte mit einem Untersuchungsrichter zur Kosina, und diese wurde einer ärztliche» Untersuchung unterzogen. Da sic erklärte, infolge der Blutabzapfung am Oberkörper verschiedene Wunden zu haben, rmtersuchten die Aerzte zunächst diese Wunden. Laut ärztlichen Befundes wurde konstatiert, daß die angeblichen Wunden — kleine rote Flecke — durch Ungeziefer hervorgerufen worden'seien. Außerdem erklärten die Aerzte, daß die von der Kosina verbreitetcn Schauermärchen nur einem krankhaften Gehirn entspringen konnten, und daß Marie Kosina tatsächlich geistesgestört sei. Zum Schlüsse wurde konstatiert, daß die Unglückliche einer hereditär belasteten Familie entstamme. In Ehotzen und Umgebung macht sich schon eine starke antisemitische Strömung bemerkbar, und falls der weiteren planmäßigen Verhetzung nicht Einhalt getan werden wird, könnte es noch zu bedauerlichen Angriffen gegen die dortigen Jude» kommen. Von den hiesigen Blättern registrieren „Hlas Näroda" und „Nur. Politika" diese Sache. Sie warnen die Bevölkerung vor der Verbreitung solcher wahnwitziger Gerüchte. Budapest. Wohin der bis ins Sinnlose getriebene Chauvinismus unsere Assimilationsjuden zu führen vermag, zeigt folgender Vorfall: Die israelitische Gemeinde.in Zombor, einer von den verschiedensten Nationalitäten bewohnten Stadt, beschloß vor etwa zwei Jahren, daß in ihrer Synagoge bei sämtlichen rabbinischen Funktionen ausschließlich die ungarische Sprache benützt werden dürfe. Zufolge dieses Beschlusses ist nun jüngst gelegentlich einer Trauung in der Synagoge zu Zombor eine recht heitere Verwirrung entstanden. Der Bräutigam verstand nämlich nur Rumänisch und Deutsch, hatte daher keine blasse. Ahnung davon, was der Rabbiner während des Trauungsaktcs zu ihm in ungarischer Sprache sprach und so mußte der Rabbiner durch stumme Gesten d c m- B r ä u ti g a in zu verstehen geben, was dieser zu tun habe. Ebenso effektvoll war die ungarische Traunngsrede, von welcher ein großer Teil der Hochzeitsgesellschaft — die Verwandten des Bräutigams — kein Sterbenswörtchen verstand. Angesichts dieser lächerlichen Folgen des erwähnten Beschlusses will ei» Teil der Gemeinde eine Bewegung einleitc», daß wenitzstens bei'solchen Trauungen, bei denen Braut oder Bräutigam aus dem Auslände ist, die Gemeinde es dem Rabbiner gestatten möge, sich eventuell einer freinden Sprache zu bedienen. „Nationalztg." Lemberg. Auf Anregung des Reichsrats - Abgeordneten Rcgierungsrat Dr. S e i n f e l d wird die hiesige israelitische Kultusgcmeinde in Kürze eine Versammlung von Delegierten aller größerer israelitischen Kultusgemeinden Galiziens nach Lemberg cinberufen, die in Sache» der j ü d i s ch e n R c i ch srats- Mandate verhandeln wird. Großbritannien. London. Bret Harte — Jude. Die vor einigen Monaten in verschiedenen amerikanischen Bläitern ausgetauchte Nachricht über die jüdische Abstammung des verstorbenen anierikanischcn Humoristcii Bret Harte findet jetzt volle Bestätigung. Harte's Großvater, Bcrnard Harte, wurde 1764 als Jude in. London geboren und starb 1853 als Jude in New- Uork. Er spielte im politischen und gesellschaftliche» Leben des damaligen New-Pork eine ansehnliche Nolle und war auch Vorstandsmitglied der Gemeinde „Schcrith-Jsrael". Alle diese Angaben stammen von Frl. Ethcl Bret Harte, der Tochter des verstorbenen Dichters, und stellen die Abstainmuilg Hartes vom Judentum außer Zweifel. Jüdische Vorträge. Während der Sommcrferien werden an den englischen Universitäten für das gebildete Publikum Vorlesungen über allgemeine, außerhalb des Rahmens der Universitäts-Studie» liegende Themata gehalten. Der Vorstand des „Verbandes der englisch-jüdischen Literatur-Vereine" hat sich nunmehr an die Behörde der Universität Cambridge mit dem Ersuchen gewandt, unter diese Vorlesungen auch solche von speziell jüdischem Interesse aufzuiiehmen. Diesem Ersuchen ist mit größter Zuvorkommenheit willfahrt worden; die Universitäts-Behörde selbst hat schon für diesen Sommer die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, und seit Anfang August haben bereits drei derartige, von Glanbensgenossen gehaltene Vorlesungen stattgcfiindeii, welche von einer zahlreichen, zuineist nichtjüdischcn Zuhörerschaft besucht waren. Der erste Vortrag hatte „Moses Mendelssohn, sein Leben und Wirken" zum Gegenstände; der zweite behandelte „Die Geschichte der Inden-Emanzipation in Frankreich"; in dem dritten sprach der gefeierte Maler Salomo» I. Salomon unter Vorführung von zahlreichen Bildern, Skizzen usw. über „Die Kunst im Judentum", deren Wesen und Leistungen er an dem ersten und zweiten Tempel zu Jerusalem, an der von König Chiskija angelegten Wasserleitung usw. illustrierte. Rußland. Petersburg, 24 August. Zur Meldung, daß das Ministerium S t o l y p i» ein Projekt zur Lösung der I u d c n f r a g e binnen kurzem fertigstcllen werde, erfährt die „Nowoje Wremja", baß Stolypin dem Departement der inneren Angelegenheiten lediglich de» Auftrag erteilt habe, Materialien zur In d enfrag c zu sammeln und zu bearbeite». In Regierungskreiscn, sagt das Blatt, sei man der Allsicht, daß die Rechtslage der Juden möglichst der allgemciueil Rechtslage genähert werden müsse. In der Gewährung der Freizügigkeit erblickt man ein Mittel zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Inden. Man glaubt, daß die bisherige Lage das hungernde jüdische Proletariat der Revolution in die Arme getrieben habe. Außerdem soll den Juden volle Handelsfreiheit gewährt und' der Zutritt zu deu Hochschulen erleichtert werden. Der Gesetzentwurf soll der kommenden Duma zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Nr. 34. 0 MUefon. I 0 Getrennt und Vereint. Mus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Als Hulda achtzehn Jahre zählte, konnte sie sich kaum der Schadchonim erwehren, die nun ailfingen, das Haus zu überlaufen. Sie wollte davon nichts hören; aber auch die Versuche angesehener Familien, die diese Perle der Weiblichkeit für eine» verwandten Jüngling erobern wollten, fanden ihrerseits nicht die geringste Ermutigung. Sie wollte sich nicht von ihrem Vater trennen und ewig bei ihm bleiben, und ihr Wille war oberster Gerichtsherr im Hause. Rüben hätte cs freilich gern gesehen, wenn sie sich doch für den einen oder andern jungen Mann entschlossen hätte; schon aus dem einfachen Grunde, um sie der zudringlichen Aufmerksamkeit eines höheren Offiziers zu entziehen, der die Dreistigkeit besaß, sich unverschämt ausfallend vor ihr zu verbeugen, wo immer er ihr begegnete. Und dieses war kein geringerer als der General Grebow, dessen Palast Ruben's Haus gegenüber stand. Auch Hulda erfüllte dieses mit Mißmut; allein es blieb da weiter nichts übrig, als den Unverschämten mit Ber- und Nichtachtung zu strafen, und keiner verstand es so gut wie Hulda, unliebsame Begegnungen zu vermeiden, und solche, die sie nicht vermeiden konnte, einfach nicht zu beachten. Im Innern fühlten Bater und Tochter sich sehr beunruhigt, und auf den ausdrücklichen Wunsch Hulda's mußte Rüben ihr einen doppelläufigen Revolver besorgen. Ein frohes Ereignis im Leben der Tschernigower Juden bildete damals die Ankunft eines jungen Kantors, der bestimmt war, auch in den häuslichen Angelegenheiten Pakarow's eine wichtige Rolle zu spielen. Ezra Amatin war damals kaum 24 Jahre alt, aber sein Ruhm war schon weit verbreitet, und alle erklärten ihn als den ersten und tüchtigsten Mann seines Berufes. Sein Singen und Vorbetcn war künstlerisch vollendet, und er übte sein heiliges Amt mit einer Kraft, mit einer Seele auZ> wie noch keiner vor ihm. Wie er auch die Gleichgültigen zur Andacht und Inbrunst hinriß, war direkt zauberhaft. Gewöhnlich hat der. russische Chasan auch in der kleinsten Gemeinde einen Chor beim Vorbeten: Amatin aber war sein eigener Ehor; ja in seinem Halse schien ein ganzes Orchester vorhanden zu sein, der jeden Ton und jede Note mit Höchster Vollendung zu Gehör brachte. Er verstand cs meisterhaft, auch dem Laie» die Bedeutung der hebräischen Worte bcizubringen. Bei seinem Vortrage schien es den Lauschenden, als ob ein prophetischer Geist sich über sie ergieße. Ob er sang oder nur vorlas, ein jeder fühlte cs, daß er hier die Geschichte von Israels Leiden und Freuden zn hören bekam, und die ganze Gemeinde folgte ihm mit Entzücken oder Tränen, je nachdem das Gebet es mit sich brachte. Sein erster Vortrag in der großen Synagoge rief das höchste Entzücken der .ganzen Gemeinde hervor. Kein Vogel und kein Instrument hätte die Töne und Melodien mit mehr Reinheit und Schönheit hervorbringe» könne». Manche wollten sogar bemerkt haben, daß er auch noch mit geschlossenen Lippen singen könne-und das wahr mehr, als selbst der unsterbliche Wcintraub vermocht hätte. Ja, noch mehr, während dieser fromme Sangesmeister, seligen Angedenkens, nach jedem Vortrage förmlich im Schweiße zu schwimmen schien und jedes Stück seiner Kleider das Aussehen hatte, als wäre cs eben iin heißen Wasser gekocht-- war es das Gegenteil bei Amatin: er verursachte, daß andere schwitzten, während er selbst kühl und trocken blieb, wie ein windiger Herbsttag; es war etwas in ihm, das das Werl verrichtete, und das war auch das Wunderbare an dem Manne. Ezra Amatin besaß neben der hebräischen auch eine gute weltliche Bildung, dazu einen gesunden Humor und eine persönliche Liebenswürdigkeit, so daß er auch in den feinsten Familien stets ein gerngesehener Gast war. Rüben Pakarow fühlte sich von dieser Persönlichkeit ebenfalls stark angezogen, denn die außerordentlich^ Begabung des Jüng-