Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 84. ._ in b.cr- ^chM für den systematischen Religions¬ und Geschichtsunterricht halten die Herren ihr Buch für' geeignet. Die Sprüche sind sehr gut und geschickt ausgewählt, insofern sie klar und deutlich und prägnant die Lehre wiedergeben, welche sie einprägen wollen.. Sie sind auch meistenteils kurz und bündig, also zum Memorieren sehr geeignet- Ans dies ist hervorzuheben, daß das talmudische luid midraschische Schrifttum häufig und ausgiebig mit herangezogen fittb. Jedoch fehlen unter denselben Belege über die Bedeutung des Sabbats, der Festtage, lvir vermissen die Verse für die Mizwaus und dergl-, und wenn das Buch resp. die Zusammenstellung der- Sprüche, 'wie die Vorbemerkungen die Absicht andeuten,' ein Rcligionsbuch entbehrlich machen sollen, so muß dieselbe doch, vollstäudig sein und alles enthalten'; sonst wird der Anschein erweckt, als seien jene paar Verse die ganze jüdische Lehre, lind diese Gefahr liegt ja so außerordentlich/ nahe in unserer Zeit, welche so wenig vom Judentum und dessen Literatur weiß. Sagte ja auch der Hohepriester am Versöhnungstag nach seiner Thoraverlesung im Tempel: „Mehr als ich Euch da borgelesen habe, steht in diesem Buche der Lehre." Und dabei zeigt er doch die ganze Thorarolle 'dem Volke vor. Um .so eher hätten also die Herren „Ordner" des Gebetbuches, welche von ihren badischen Glaubensgenossen die schlimme Meinung haben, daß sie keine religiösen Schriften im Hause haben (S. 7), sich einer erschöpfenden Vollständigkeit befleißigen' müssen, aber nichts Halbes bieten sollen. Ich gebe freilich zu, daß Lehren der Religion mit dem Gebetbuch zu vereinigen, ein glücklicher Gedanke ist, weil sie ans diese Weise dem Publikum in die Hände gelangen. Aber darum hüte man sich erst recht vor Halbheit! — In Stück XXII der Gebote und Lehren vermissen wir Messias, Zukunft Israels, ja sogar die „erhabene Messiasidec". Wenn wir uns darüber auch nicht wundern, da'ja diese Dinge aus den Gebeten gestrichen sind, so dürfte man aber trotzdem erwarten, daß sie in „Lehren und Geboten", welche ja nicht wie das Gebet Ausfluß des Willens sind, sondern Gegenstand objektiver Darstellung bilden sollten, erwähnt würden, denn da wollen doch die Herren das "Judentum „darstellen" und da darf doch niemand, welcher Ueberzcugung er auch für seine Person sein mag, etwas weglassen, sonst macht er sich der Vergeßlichkeit und wenn 'diese, wie ja bei diesem Werk offen ersichtlich und zugegeben, beabsichtigt ist, der Unterschlagung schuldig. Und selbst die „erhabene Messiasidee" an sich, gegen welche ja die badischen Glaubensreformer nichts einzuwenden haben, ist nicht vertreten. In Stück III, Absatz 15 . hätte auch hereingehört: „Ein jeder habe Ehrfurcht vor Mutter und Vater, aber meine Sabbate beobachtet." Ich würde auch die einzel-- nen Verse daselbst in besondere Wsätze getrennt abgedruckt haben, der Prägnanz halber. — Auf Seite 1 ist die Ueberschrift zu rügen: „Gedenke dieser Worte"; wäre denn „Die zehn' Gebote" nicht eindrucksvoller und nachhaltiger gewesen? In der Wiedergabe des 3. Gebotes ist ein schlimmer Fehler passiert: Das Wort „Schow" hat noch nie „freventlich" bedeutet, sondern „vergeblich", allenfalls, wenn man dem Targnm Onkelos folgen will, „falsch", aber: Du sollst den Namen rc. nicht „freventlich aussprechen", ist . eine Fälschung des Gebotes, resp. Unterschlagung, da schon sehr vieles vor dem „freventlichem", zum Beispiel der „vergebliche" Gebrauch des Gottesnamens verboten ist. 'Was sollte überhaupt „freventlich" bedeuten? — ,Jm 4. Gebote hätte man doch das,Wort „keinerlei Arbeit", das Franffnickr JsraelitrWI.'FamillenAaÜ. soviel gerügte/ in „Werk" oder „Werkverrichtung" ändern sollen. Siehe Hirsch zum II. B. M. Kap. 20. Wir sind darum der Ansicht, daß diese Zusammenstellungen trotz der einzelnen guten Seiten, die sie aufiveisen, für den systematischen Religionsunterricht nicht zu verwenden sind. Gehen wir nun über zu den einzelnen Gebetsstücken, so fällt uns zunächst schon in der Birchas ascher jozar eine Aenderung auf. Statt uvoro Vau Nekovim nekovim Challulim challnlim stehen daselbst Worte, welche bedeuten: er schuf darin Wunder ohne Zahl und machte Heilmittel, ihn gesund und lebensfähig zu erhalten. Der Grund zu dieser Aenderung einer matbea schetovau chachomim ist mir unerfindlich; ist die Konstitution der badischen Glaubensgenossen verschieden von derjenigen der übrigen Judenheit, oder ist dort im Lande liberaler Schulen und Lebensauffassung die Prüderie so groß, Haß man die Ding» nicht mit ihrem richtigen konkreten Namen bezeichnen darf oder was liegt sonst vor? — Da man techias hammeisim leugnet, ist auch das clokai neschomo geändert worden, in'den birchaus häschachar sind die vier Vrochaus: schelau osani nochri, eved, ischoh weggelassen und durch scheosani jisroel ersetzt. Letztere Berochotz wird ja allerdings ein gewisses jüdisches Selbstbewußtsein zeigen, allein 'die Alten, welche die Berochaus eingesetzt haben, wußten ja 'auch, weshalb sie jene Formeln wählten, die negativ lauteten und entsprechende Steigerung auswiesen. Ebenso ist mir unerfindlich, warum die'Form rauka hoorez al hamajim weichen mußte. Es ist dies ja ein Ausdruck aus der heiligen Schrift und wenn er auch nicht gariz unseren modernen geographischen Anschauungen entspricht, wir sind' ja, - insbesondere im neu-hebräischen Stile, gewöhnt, die alten Wörter in etwas' anderem Sinne zu gebrauchen. Ileberdies entspricht auch der von den „Ordnern" gewählte Ausdruck nicht unseren wissenschaftlichen Anschauungen. Ferner, weshalb stellt man die birchas hama-avir schekno den übrigen Berochaus voraus? Sie gehört doch so eng zu dem nachfolgenden jehi rozaun, daß sie' mit diesem nur eine einzige Berochoh bildet; darum sagt man auch nicht Amen nach derselben. — Der (2.) jehi rozaun schetazileini ist weggelassen. Die Herren hielten diesen, scheints, fiir überflüssig, indenr sie nicht wußten, daß der erste jehi rozaun den Wunsch ausdrückt, vor Menschen und Situationen, welche die' Moralität gefährden, gesichert zu werden, während in dem zweiten darum gebetet wird, daß man vor bösen und frechen Menschen und dcren Bosheit geschützt werden möge. Fehlt vielleicht in Baden diese Klasse? — Dann haben die Herren das zweite atto hu nach schema weggelassen, das in wunderbarer Erhabenheit das Bekenntnis vom Dasein, der Ewigkeit, der Einheit und Hoheit Gottes enthält und die Anerkennung der Regierung Gottes. Hat den Herren vielleicht der Wünsch, in den dies Stück ansflingt, zu schwer im Magen gelegen: „Erfülle, was geschrieben steht : zu jener Zeit werde ich Euch bringen und zur Zeit Euch sammeln, denn ich mache Euch zum Namen und zum Ruhme unter allen Völkern der Erde, wenn ich Eure Gefangenen vor Euren Augen zurücksühre, spricht Gott." So gönnen also diese Herren ihrem jüdischen Volke weder Zukunft noch Ruhm, noch wollen sie zulassen, daß es seinen Glauben an Gott, den ewig Seienden und Regierenden, ausspricht. Berichtigung. Wie wir von befreundeter Seite ausinerksam gemacht werden, beträgt die Zahl der Mitglieder der Badischen Synode nicht 5, sondern 26. Wir müssen also unsere Bemerkung im ersten Artikel dahin abändern, daß nicht 13 Personen, daß ca. 54 Personen darüber zu be- Seite 8. schließen haben, was die 25000 badischen Juden zu ihreni Gotte beten sollen. (Fortsetzung folgt.) Aus alter Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Cs wird uns zu unserem vorwöchentlichen Berichte geschrieben: IN den Ausführungen „Nachklängc zur Bialystoker Judenhetze" ist leider eine Organisation vergessen worden, nämlich der „Hilfsverein der Deutschen Juden". Es ist das um so bedauerlicher, als gerade diese hervorragende Organisation, die mit großen Mitteln am Hilsswcrk beteiligt ist, sich um das russische Hilfswerk so außerordentlich verdient gemacht hat und durch ihr „Zentralberichtsbureau" für die Einheitlichkeit und zweckmäßige Arbeit der ganzen Aktion bon Anbeginu bis heute in umfassendster Weise Sorge trägt, wie ich als Vorsitzender des Bialystooker Komitees aus bester Erfahrung weiß. Besonderen Dailk muß ich dem Hilfsverein aüssprechen, daß derselbe 35 Kinder, deren Eltern während des Pogroms getötet worden, übernommen und für deren Erziehung und Weitcrkommen in bester Weise gesorgt hat. Berlin. Die .Mitreil, aus d. Verein z. Abwehr des Antisem." berichten aus Salzbrunn: „Dort' wurde, wie wir lesen, eine Bekanntmachung der herzoglichen Brunnendircktiou angeschlagen, daß vom nächsten Jahre ab das T r a g e u v o n K a f t a n s äuf den Promenaden nicht mehr geduldet werden soll. Dieses mittelalterliche Kleiderregulativ ist gegen die rufsschen Juden gerichtet, die sich in Kaftans — das sind lange Röcke — zu kleiden lieben. Ob die herzogliche Brunnendirektion sich auch herausgenommen haben würde, die dekolletierten Mondainen und Demimondaincn, falls diese überhaupt sich nach Salzbrunn verirrten, aus den, Promenadenwegen zu graulen?" Berlin, 26. August. Der HilfsVerein der Deutschen Juden erhält aus Amerika die telegraphische Nachricht, daß die 30 russischen Waisenkinder, die durch seine Vermittelung nach Amerika gefahren sind, heute wohl behalten drüben angekommen sind. Das „National Committee for Relief of Sufserers by Russian Massacres" hat die Kinder, welche die Seereise sehr gilt bestanden haben, in Empfang genommen und wird für deren Unterbringung in zweckentsprechender Weise Sorge tragen. Auch von den Kindern, die nach England gingen und die vom dortigen Russo Jewish Committee versorgt werden, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gute Nachrichten erhalten. Die durch die Großloge für Deutschland in Deutschland versorgten Kinder beginnen bereits in ihren Pflegestellen heimisch zu werden. Saarburg i. Lothr. Bon vielen der hier durchkommenden russischen Flüchtlinge wird darüber Klage geführt, daß sie trotz des Mkommens, bis Antwerpen oder Rotterdam ohne Nachzahlung befördert zu werden, in Wienwon dem dortigen A g e n - ten Polak noch extra in Kontribution genommen werden. Der genannte Herr soll nämlich behaupten, die Reise sei nur bis Wien bezahlt, weshalb für die Weiterfahrt noch eine weitere Fahrkarte gelöst werden müsse. Die armen Flüchtlinge müssen dann alles hergeben, um nicht aufgehalten oder gar zurückspediert zu werden. Viele davon haben nicht einmal so viel Mittel mehr, um sich ein Stück Brot kaufen zu können. Dazu kommen noch die Beschwernisse der Fahrt, die in einem übermäßig vollgepfropften Wagen zurückgelegt werden muß. Hier müssen dann die Leute von 9 Uhr abends bis 5 Uhr des andern Morgens reisen, was sie aber gerne tun, da die hiesigen Israeliten mit der größten Opferwilligkeit ihre unglücklichen Glaubensgenossen mit Speise und Trank, sowie mit Kleidern und Geld versehen. Der Zweck dieser kurzen Mitteilung ist hauptsächlich der, diejenigen Kreise, die sich der Auswanderungsleitung annehmen, auf die Beschuldigungen. die über den Wiener Agen'en laut geworden, aufmerksam zu machen, und eventuell Älbhilfe zu schaffen. (Wir haben auf Grund vorstehender Einsendung Erkundigung in Wien einziehen lassen und in Erfahrung gebracht, daß dort ähnliche Klagen laut geworden sind, weshalb die betreffende Stelle da, wo es möglich ist, es vermeidet, sich des Herrn Polak, der Vertreter der Cunardlinie und anderer in Deutschland nicht konzessionierter Linien ist, sich zu bedienen. Aber auch in den seltenen Fällen, wo sie durch Herrn Polak die Beförderung von Emigranten ab'Wien ausführen läßt, pflege sie vorsichtshalber ein paar Wochen mit der Bezahlung zu warten, um sicher zu sein, daß keine Reklamationen von den Zwischenstationen wegen unterbliebener Weiterbeförderung oder sonstiger Ausbeutung erhoben werden. Die Red.) „Franks. Ztg.". Kitziugen. (r.) Sijum-Feier. Einer ungemein anregenden, echt jüdischen Feier wohnten wir