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Neue jüdische Presse · 1906-08-31 · Heft 34 (31.8.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 34 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Frankfurter Israelitischer FaErnblaü. Seite 5. lings machten auf ihn einen fehr tiefen Eindruck. In früheren Jahren da fühlte er fick, wenig zur Synagoge hingezogen, und er pflegte sich mit den prahlerischen, buntschillernden Federn des Unglaubens zu schmücken-. Doch das doppelte Unglück hatte ihm die Augen geöffnet. Er hatte Momente, tvo er über die Nichtigkeit des irdischen Glückes nachzudenken begann; dazu Huldas Frömmigkeit uiid Inbrunst, die 'selbst einen Heiden zum Strenggläubigen hätte bekehren können, so daß nach und nach der Himmelstau seinen - dürren Seelenboden zu befruchten anfing. Es war' kurz vor den hohen Festtagen, daß Amatin nach Tschernigow kam, und Rüben gab sich die größte Mühe, den jungen Mann zum Dableiven zu veranlassen und tvährend 'seines Aufenthaltes der Gast seines Hauses zu sein. Er wußte, daß er seiner Tochter mit dieser Einladung eine besondere Freude bereiten werde. Ezra Amatin nahm die angebotcne Gastfreundschaft mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit an, denn er hatte erfahren, daß er da das schönste und tugendhafteste, zugleich aber auch das unnahbarste Mädchen treffen werde. Rüben ließ für ihn das schönste Zimmer jeinräumeu, und nach einigen Tagen schon fühlte Ezra sich da ganz heimisch. Er stand am -Fenster und sah nach dem Garten, der in seiner ganzen Herbst- Pracht vor ihm lag. Ein Papagei, der mit einem dünnen Kettchen an einem Aste befestigt war, schüttelte unwillig sein verschlafenes Haupt, als er durch ein heiteres Lachen, das aus einem der Fenster drang, aus seiner trägen Ruhe geweckt wurde. „Singe: do re mi sa sol la si do!" ein Befehl, dem der Vogel papageienartig sofort uachkam. Das Lachen ünd die vorgesungenen Töne elektrisierten förmlich den lauschenden Chasan, er 'wußte, wem diese Stimme gehörte, und er ging ins Wohnzimmer, um die Besitzerin persönlich kennen zu lernen. Und als er sie gesehen, da wußte er, daß dieses Mädchen ihm entweder namenloses Glück öder völlige Vernichtung bringen werde. Es war bei ihm „Liebe auf den ersten Blick". Seine Seelenruhe tvar dahin, und ein ansmerksamer Beobachter hätte seinen inner» Zustand aus der Art seines Vortrages am folgenden Sabbat leicht herauslesen können. Die Liebe, die ja auch göttlich ist, verlieh seinem Gesänge eine solche zarte Empfindung, daß keiner sich dein Zauber entziehen konnte; am wenigsten Rüben und Hulda. Die jüdischen Gebete für Neujahr und Nersöhnnngstag enthalten das erhabenste'Heldengedicht über die Taten, die Israel in seinem viertanscndjährigen Dasein vollbracht. Göttliche Allmacht wird menschlicher Unzulänglichkeit gegenüber gestellt; das etvig Unwandelbare mit dem irdischen Wechsel verglichen. Den Spuren der Vorsehung in der Weltgeschichte nachgegangen, die Mission Israels betont, und für das Wohlergehen der Menschheit Gebete verrichtet; die historischen Ereignisse, freudige und traurige, mit Jauchzen wiederholt, oder mit tiefer Wehmut angedeutct. Der ganze Gottesdienst ist priesterlich, poetisch und prophetisch, und für den Frommen eine Quelle der Erhebung, Belehrung und freudiger Zuversicht. Jahrhunderte der Seelengröße und der Todespein, der Tränen und Seligkeit sind in den traditionellen Gebeten enthalten und bieten darum einem Sangesmeister in der Synagoge die beste Gelegenheit, jede Faser, jede Saite des jüdischen Herzens ertönen „und fibrieren zu lassen. Und Amatin's Vortrag zeigte ihn als solchen. Den Teil des Gottesdienstes am Neujahr, der die Offenbarung wiederholt, trug er mit solcher dramatischer Lebendigkeit vor, daß die Andächtigen den flammenden Choreb und alle sinaitischen Vorgänge mit eigenen Augen zu schauen vermeinten. Einen noch tiefern Eindruck brachte er am Versöhnungstage bei dem Gebetstück hervor, das den feierlichen Dienst des Hohenpriesters im Tempel behandelt. Als er da mit machtvoll-bebender, kindlich-flehender Stimme bat: „Oh, Heiliger! Oh, Vater! Vergib, verzeihe die Sünden, Vergehen und Missetaten deines Volkes Israel!" da fühlte jeder einen heiligen Schauer sein Inneres ergreifen, und ein lautes, ängstliches Schluchzen war vernehmbar. Kein Wunder, daß der jugendliche Ehasan förmlich aus Händen getragen wurde, und die Begeisterung für ihn keine Grenzen kannte. Rüben erachtete es als seine Pflicht, seinen talentvollen Gast ans öde Art und Weise zu ehren, und er lud die Bornchmste» der Stadt in sein Haus, um Ezra zu unterhalten und an sein Hans zu fesseln.' Und jeder kam gern; denn die Duette zwischen Hulda und Ezra waren ein Kunstgenuß, wie sie ihn nicht oft zu hören bekamen. Heute waren besonders viele Gäste erschienen; denn neben dein Gesänge tvollte man auch Tinka Edclberg dort treffen, die erst kürzlich aus Moskau znrückgekehrt war und ans der Heimreise ein eigenartiges Abenteuer erlebt haben wollte-. Tinka Edelberg war eine resolute, mutige und aufopfernde Frau in den Fi'nrfzigerir und von einem Leibesumfänge, der es jedem unmöglich machte, neben ihr zu gleicher Zeit durch eine gewöhnliche Türe zu gehen. Natürlich glaubte sie an Geister und Gespenster und führte eine ganze Anzahl Amulette mit sich und bei sich, die alle mit irgend einer Spuck- Eeschichte in Verbindung standen und bei deren Erzählung den Zuhörern das Blut cisigstarr durch die Adern lief. Trotz dieser Schwäche genoß diese Fra» das höchste Ansehen durch ihre energischen, ja heroischen Versuche, ihren geistig zurückgebliebenen Sohn dem russischen Militär-Moloch zu entreißen, der ihn trotz seiner Beschränktheit als vierzehnjährigen Knaben gewaltsam genommen hatte. Das Kind war ein ausgesprochener Idiot, bei dem auch die reichlich zngemcsscncn Knutenhiebc ohne Erfolg blieben, so daß selbst 'der strenge Feldwebel endlich einsah, aus ihm keinen brauchbaren Soldaten machen zu können. Als Tinka dieses erfuhr, gründete sie darauf die Hoffnung, ihr Kind doch vielleicht wieder zu erlangen. Allerdings wußte sie, daß Eingaben und Bittschriften wenig fruchten werden, darum griff sie zu dem in Rußland erfolgversprechenden Mittel der — — — Trinkgelder, deren Größe sie nach der Charge des Vorgesetzten ihres Sohnes abzumesscn wußte. „Ja," Pflegte sic zu sagen, indem sie auf ihre billige Uhr zeigte, „jene mit Diamanten besetzte, die mir mein Mann noch kurz vor seinem Tode gekauft, habe ich dem Oberst 'Sedachef als „Andenken" geschenkt, oder ich hätte es nie erlebt, meine» Sohn Jsak in unserer Synagoge zu sehen." Außer den Trinkgeldern schrieb sie den Erfolg ihrer Bemühungen dein Beistände ihres verstorbenen Mannes zu, der ihr mit seinem letzten Atemzuge noch versprochen, ihr stets hilfreich bciznstchen, sobald sie in Not sein sollte, was ja auch bei ihrer Heimreise tatsächlich der Fall war — — —. „Es war grimmig kalt, als tvir den Schlitten bestiegen," so berichtete sie, „und der Schnee-Sturm, der schon einige Tage anhielt, nahm jetzt noch mehr zu. Unser Kutscher, ein kräftiger Russe, legte einen geladenen Revolver neben sich, was mir durchaus nicht sonderlich gefiel; er aber meinte: ich werde bald froh sein, daß er eine Waffe bei sich habe. Der Schlitten flog schnell dahin, und wir waren etwa sechs Stunden gefahren, als ich eine Anzahl kleine Lichter bemerkte, die auf der Schncefläche hin und her tanzten. Die Pferde spitzten die Ohren und fingen an unruhig zu werden; doch ich erkannte die Gefahr nicht eher, bisich den Kutscher sich bekreuzigen 'sah, und hörte, wie er leise sprach: „Wenigstens 50 Stück." Den Revolver hielt er schußbereit in der Hand. „Fünfzig Wölfe!" rief ich entsetzt. „Wenn nicht noch mehr," war seine Antwort; „die Hälfte könnte ich wohl erschieße»; wenn die Bestien sich mit diesen! Fraß sättigen, dann werden wir das nächste Dorf wohl lebend erreichen; wenn aber nicht, dann sei uns Gott gnädig —-. Hier nehmen Sie die Zügel; die Pferde wissen ganz genau, was ihnen bevorsteht — — —." „Beug, beug, beug! ging die Pistole hintereinander; er brauchte nicht lange zu zielen; cs waren zu viele vorhanden, so daß bei jedem Schuß in den Haufen eine Bestie niederstürzte, die bald von den ander» gierig verschlungen wurde. Doch der Haufen nahm eher zu als ab. Die Pferde jagten schnaubend, mit halsbrecherischer Geschtvindigkeit dahin, und nachdem der Kutscher unausgesetzt gefeuert hatte, wurden die glühenden Augen im'mer weniger und weniger, und ich fing bereits an, wieder aufzuatmen. Doch, ich hatte zu früh gejubelt; denn als wir an eine Brücke kamen, die wir passieren mußten, da sahen wir eine zweite Horde dieser blutgierigen Tiere, die ans uns znstürmte. „Wir sind verloren! Ich habe keine Kugeln mehr!" rief der Russe angstvoll, die Zügel ergreifend, die Pferde mit der Peitsche anfeuernd. Der Schlitten fegte über die Brücke wie der Wind, die Bestien hinter uns. Verzweifelt schlang ich die Arme um mein Kind und flehte inbrünstig zu dem Geiste meines Mannes, uns in unserer Rot bcizustehen. Unsere Lage war entsetzlich; die Wölfe hatten uns bereits eiiyzeholt und suchten uns den Weg abzuschneiden; und weit und breit keine Zuflucht, nirgends eine Hilfe. Die mutigen Pferde rasten freilich wie der Sturm dahin, dennoch glaubte ich unser Ende sei nahe, als der Kutscher schreckenvoll „Marie und Josef" ries und den Blick zur Seite gewendet, mich ans eine Erscheinung aufmerksam machte, die mich ebenfalls mit Angst und Staunen erfüllte. Ans einem prächtigen Rappen ritt eine majestätische Gestalt neben unserem Schlitten, von dessen Hand ein breiter Feuerstrahl, wie ein Schwert, ansging. Reiter und Roß glitten schweigend neben unserem Schlitten, ohne daß das letztere im weichen Schnee die geringste Spur hinterließ. Beiin Herannahen einer Bestie dehnte sich das feurige Schwert bis zu dieser aus, und sofort stürzte sie tot zu Boden; das ging so schweigend eine ganze Weile, bis auch nicht mehr ein einziges der unheimlichen Lichter zu sehen war; hingegen tauchte ein erleuchtetes Fenster ganz in unserer Nähe aus, und da tvir auch bald das Bellen eines Hundes vernahmen, wußten tvir, daß wir jetzt gerettet waren. Die befremdliche Erscheinung war geräusch- und spurlos verschwunden — — —. „Der heilige Prophet Elias hat uns das Leben gerettet, Jüdin," sprach der Kutscher, als wir die warme Wirtsstnbe betraten. Mir war das Herz voll, und ich vermochte kein Wort herauszubringcn. Aber ich bin fest überzeugt, daß cs mein armer Mann war, der uns beigestanden-. Er hat mich ja noch niemals verlassen, so ich seiner bedurfte — — —. Auch damals nicht, als ich. . ." Hätte Rüben sie hier nicht unterbrochen, so wären seine Gäste vernrteilt gewesen, noch eine zweite phantastische Erzählung anhören zu müssen, die Tinka als ihr größtes „Lebenswunder" bezeichnete. lind das hatte sich so zu getragen —-: In den eng zusainniengepferchten Juden-Quartieren der russischen Städte, wo die armen Bewohner nur von eine»! Sonnabend zum andern sich einen Bissen Fleisch gönnen und es auch als einen Luxus betrachte», sich zu dem Schwarzbrot und den Kartoffeln ein Stück Butter öder Käse zu leisten, da bildet der Besitz einer Kuh eine tvahre Quelle des Reichtums. Doch wie jeder Reichtunr hat auch dieser seine Sorgen — — — und die hauptsächlichste in diesem Falle besteht darin, daß man anr Sabbat auf die „Schabbes-Goje" angewiesen ist, um die Arbeit des Melkens zu verrichten. Bei einer solchen aber muß man die Augen offenhalten, nicht mur des „Kaschrus" wegen, sondern auch, weil diese Frauen die Eigenschaft besitzen, alle hernmliegendcn Wertgegenstände-unsichtbar zu machen. Tinka Edelberg besaß nun eine Kuh und konnte darum die Dienste der Schabbes-Goje nicht entbehren; Tinka Edelberg besaß aber auch inanche Wertgegenstände und war darum gezwungen, der Frau wie ihrem eigenen Schatten überallhin zu folgen. An einem Sonnabend nun hatte Tinka zu lange mit einer Nachbarin geplaudert und kam so spät nach Hause, daß sie nicht mehr Zeit hatte, ihre Festgewänder abzulegen, und in ihrem ganzen Staat der Schabbes-Goje in den Stall folgen mußte. Das aber erregte den Zorn der Kuh im höchsten Grade, den sie auf eigentümliche Art zu erkennen gab. Ganz genau wußte Tinka auch nicht, was vorging, nur fühlte sie sich bald in der Luft herumwirbeln und auf einen Haufen Heu niedersinken. Das Heu war tveich und Tinka war auch weich, und so entstand weiter kein großer Schaden, als der Schreck und die Hälfte des Kleides, welche die Kuh sich als Sieges-Trophäe um die Hörner gewickelt. Die Schabbes-Goje tat das, was alle tapsern Stierkämpfer zu tun pflegen: sie nahm Reißaus und flüchtete in den Milchkeller, und somit hatte Tinka für Ihr „Lebenswunder" keinen andern Be-

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