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Neue jüdische Presse · 1906-08-24 · Heft 33 (24.8.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 33 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 legen. So veksiihrman im Mittelalter, so verfährt man noch in der Gegenwart. Die Reaktion in Frankreich beging Verbrechen; unh wer war der Schuldige? — die Juden; die Reaktion in Rußland häuft Verbrechen auf Verbrechen, und wer ist der wirkliche Urheber all der Schandtaten? — die Juden; sogar die P o g r o in e sind ein Werk der Juden. Doch nicht geilug damit — man geht sogar so weit, die Sünden Einzelne r den Jüden zur Last zu legep. Irgend ein Minister, eine feste Säule des Junkertilms, soll durch Beteiligung an- 'Geschäften nicht fair gehandelt haben, und wer trägt wieder die Schuld? — der Jude; die inammoiiistische Weltanschauung (d. ivill heißeil der jüdische Geist) ist's, die das-heilige Altpreußentnin verseucht hat, heißt es in der jnnkerischcn Presse. Es liegt uns fern, die Reaktion anzuklagen. Die Reaktion handelt, wie sie kann, wie cs ihr ziemt. Wir wollen nur diese Tatsache, die eigentlich uralt ist, mit einem neUen Faktum belegen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bon dem Deutschen Bureau der Alliance I s r a ö l i t e Universelle g?yt uns folgende Mitteilung zn: Das Hilsswerk in Bialystock ist zwar noch nicht beendet, aber zu einem gewissen vorläufigen Abschluß gebracht ivordcn. Insgesamt sind denr Komitee, das die Verteilung der Unterstützungs- und Entschädigungssummen in Bialystock übernomme» hatte, 246 000 Rubel znr Verfügung gestellt worden. Davon waren über 20 000 Rubel aus Warschau, 'über 12 000 Rubel ans Kiew, etwa 10000 gtnbel aus Moskau gekonimen, rund 8000 Rubel hat die jüdische Bewohnerschaft von Bialystock selbst aufgebracht; 77 500 Rubel waren von Petersburg aus den Mitteln der vereinigten - Hilfsorganisationen (Alliance Jsraolite Universelle, Anglo Fewish Assoziation und Russo Jewish Assoziation) zur Verfügung gestellt worden; 20 000 ,lk hat die A. I. U. bei der ersten Nachricht von dem Pogrom nach Bialystock geschickt. Für sofortige Hilfe an die Verunglückten und deren Familie», für Lebensmittel, Kleidung ustv. wurden 8500 Rubel aufgewendet. Aerztliche Hilfe beanspruchte Ausgaben von 1000 Rubel, wobei zu erwähnen ist, daß das Komitee an einzelne Spitäler noch Zahlungen zu leisten hat, z. B. an Warschauer Hospitäler. An die Verwundeten wurde» 17 000 Rubel verteilt. Den Witwen und Waisen sowie den sonstigen Angehörigen der Getöteten, wurden 66 000 Rubel überwiesen oder sichergestellt. So hat man für jedes 'Waisenkind 200—300 Rubel bei Seite gelegt. Die Zinsen dieses Geldes fallen der Mutter zu. Wird das Kind mündig, so bekommt cs den betr. Betrag; stirbt es vor der Mündigkeit, so wird der Betrag der Mutter ausgehändigt. Es ist im. Werke,, die Waisenkinder, die der Pogrom geschaffen' hat, zwischen 60 und 70, die noch nicht anderweit versorgt sind, durch einmalige Zahlungen zu versichern, sodaß sie bei Erlangung der Mündigkeit je 1000 Rubel bekommen. Die Verhandlungen mit den Versicherungsgesellschaften sind hierüber noch im Gange. Der Plan wird etwa 15 000 Rubel in Anspruch nehmen. Für die 35 Kinder, die in das Ausland geschickt worden sind, waren zur Equipierung und zum Reisegeld bis Lemberg 1000 Rubel nötig. An Schadenersatz wurden etwa 115 000 Rubel ausgegeben. Es bleibt somit noch ein verfügbarer Rest von 35000 Rubel, wovon allerdings die zurückzustellenden Rubel 15000 für die Kinderversicherungen abzuziehen sind. Die noch etwa freie» 20000 Rubel sind, teilweise zur Verwendung für die Opfer des vorjährigen Pogrom in Bialystock, für die nur in sehr knapper Wdise gesorgt werden könnte, in Aussicht^ genommen. Die danach noch zur Verfügung stehenden Gelder dürften für alle Anforderungen, die. berechtigter Weise kommen werden, kaum, ausreichen. Noch. heute erfährt man neu von Opfern des Pogroms, von Leuten, die erschossen sind und deren -Leichen man erst später gefunden, von Verwundeten, die . sich - geflüchtet., hatten, von Geflüchteten, die um , ihre Habe gekommen sind. I Infolge des Pogroms sind 20 000 PcrsonenausBialystock fortgezogen. Noch mag erwähnt werden, daß die vereinigten Hilfsorganisationen, die oben genannt sind, 9000 Ml. unter Bezeichnung besonderer Verwendungsbestimmungen gegeben haben, . darunter 3000 Rubel für Arbeitslose. Herr A. Wölkowyski, der an der 'Spitze des.'Bialystocker Hilfskomitees fleht, hat sich den obliegenden Mühewaltungen mit ebenso viel Ausdauer Wie Klugheit unterzogen. Es war viel Energie nötig, das.Hilfswerk in .den Grenzen zu halten, die die Frankfurter Israelitisches Fämilienblatt. Helfenden vorgeschrieben hatten, und manche Forderung abznwcisen, die das ganze Werk aus eine andere Basis zn stellen drohte. Herrn Wolkowyski's Tätigkeit ist esin erster Reihe zuznschreiben, daß beispielsweise für die durch den Pogrom arbeitslos gewordenen ein besonderes'Komitee eingesetzt wurde, dem auch Gelder nicht aus dem ällgemeinen Hilfsfonds, sondern mit der entsprechenden ausdrücklichen Zweckbestimmung von Wohltätern zugewiesen waren. Reben Herrn Wolkowysli waren namentlich die Herren Julius Gordon und S. Goldberg in aufopfernder Weise tätig.' Auch, alle anderen Mitglieder des Komitees sind mit 'beispielloser Selbstlosigkeit beflissen gewesen, den von dem Pogrom Heiingcsnchten beiznstehen. Berlin. Die «Toleranzstraße", wie die Große Hamburger Straße im Volksmunde wegen der dort befindlichen vielen Institute der drei Religionsgemeinschaften genannt wird, ist vor etwa 200 Jahren angelegt und neuerdings durch 'jetzt fertige üwderne Wohngebäude bereichert ivorden, welche die Gemeinde der Sophienkirche auf den ihr gehörigen Grundstücken Nr. 28 bis 31 hat errichten lassen. - Besonders ist das stattliche Gemeindehaus Nr. 28 mit seinen vielen Hintergebäuden zu erwähnen, wo unter andere» die Diakonisscnanstalt, der Jünglingsvereiil und die Kinderbewahranstalt ein neues Heim gefunden haben. Links davon hat die Gemeinde eine ebenfalls mit neuen Häuser» bestandene kllrze Privatstraße anlcgeu lassen, durch die von der Großen Hamburger Straße aus ein Zugang znr Sophienkirche geschaffen worden ist. Auf dem Grundstück Nr. 27 geht der Neubau der Knabenschule der jüdischen Gemeinde seiner Vollendung entgegen. Daran schließt sich bis znr Oranienburger Straße die Altervcrsorgungsanstalt dieser Gemeinde, und hinter dieser langgestreckten Gebäudegruppe liegt der älteste jüdische Friedhof, auf dem u. a. Moses Mendelssohn, ruht. großer Teil der Westseite der Großen Hamburger «strafte gehört der katholischen Gemeinde, die hier ihr St. Hedwigs-Krankenhaus und vor einigen Jahren ein sich daran schließendes Hospital hat erbauen' lassen. Berlin. Eine rheinische Synagog enge mcinde hatte eine» Rechtsanwalt zu den Kultus st c n e r n herangezogen. Dieser klagte und machte geltend, 'sein Bäte r sei schon vor 20 Fahren aus der Synagogengemeinde infolge religiöser Bedenken ausgetreten; mithin sei er auch ausgeschieden. Das Oberverwaltnngsgericht wies jedoch die Klage ab, indem cs ausführtc: Allerdings sei der Vater des Klägers ans der Synagogengemcinde ansgeschieden; für seinen minderjährigen Söhn habe er aber seinerzeit keine AustrittScrklärunP abgegeben. Der Sohn sei mithin nicht ans der Synagogcngemeindc ausgeschieden. Nach dem Gesetz vom 23. Juli 1847 soll jeder Jude der Synagogcngemelnöe seines Wohnorts ankschören. Die Möglichkeit des Austritts aus dem Judentum sei erst geschaffen ivordcn durch das Gesetz vom 14. Juli 1873; der Austritt aus der Gemeinde ohne gleichzeitigen Austritt aus denr Judentnin wurde den Juden in allen Teilen der Monarchie erst durch Gesetz vom 28. Juli 1876 ermöglicht. Die von einem Juden für sich vor denr Richter abgegebene Erklärung, daß er religiöser Bedenken ivegen aus der Synagogengemeinde austrcte, äußere Rechtswirkungen nur ztvischen ihm und der Gemeinde; sie lasse die Zugehörigkeit seiner Ehefrau und Kinder unberührt. Frei von dem gesetzlichen Gemeindcb'ande werde ein Kind erst mit der eigenen Erklärung. Bis vahin bleibe es der Synogagengemcinde beitragspflichtig. Berlin. Am 15. ds. abends sind vom Hamburg aus 30 russis ch e jüdische Waisenkinder nach Amerika, 19 nach England eingeschifft worden. Fräulein Perlmann, die der russischen Sprache 'mächtig ist, geleitete die nach Amerika, Fräulein Pappenheim die nach London bestimmten Kinder. Fräulein Klausner brachte am 17. acht Kinder — sechs Mädchen und zwei Knaben — in das Ahlemer Erziehungsinstitut bei Hannover. Diese acht Kinder gehören zwei Familien an, sechs sind Geschwister Mordche Lewin, zwei Geschwister Mäkicl. Man hatte sie für Ahlem ausgesucht. um den Wunsch der Verwandten, zn genügen, daß sie ungetrennt blieben. Der Verpflichtung zu jüdisch-religiöser Erziehung wird in iilhlem vollkommen Genüge getan. Ein neunjähriger Knabe, Daniel Lewin, war masernverdächtig gewesen. Ans diesem Grunde hatte die Reise nach Ahlem verzögert werden müssen, bis der Verdacht sich als ungerechtfertigt erwiesen hatte. In Hamburg waren die Mädchen von dem dortigen Hilfskomitee mit neuen Kleidern änsgestattet worden. Es verdient besondere Erwähnung, daß alle Bcamten der Hamburger Aüswanbererhallen der Dapag wetteiferten, den Hinterbliebenen der russischen Pogromopfer jede erdenkliche Aufmerksamkeit zu erweisen. '■ Am Freitag reisten die acht Kinder mit Fräulein Klausner nach Hannover, wo sic von Herrn Inspektor Silberberg einpfangen wurden, lim 5 llhr nachmittags' trafen die Kinder in Ahlem ein, wo herzliche Aufnahme sie bald zutraulich machte. Am Montag (20. August) beginnt der Unterricht, den sie mit 5 anderen, vor kurzem in Ahlem aufgenommenen russischen Kindern gemeinsam erhalten, bis sie des Hochdeutschen mächtig geworden sind. 5 von den neu eingetretenen Kindern — die 5 jüngeren Ge¬ Seite 3. schwister Lewin — sind Schützlinge der Alliance Jsraolite llniversellc, die drei anderen unterstehen der Fürsorge des deutschen Hilfsvercins. Marburg. Das israel. Schlüter- und Lehrlingsheim versendet seinen Rechenschaftsbericht. In schlichter Weise wird auf knapp elnerzseite über die Tätigkeit der Anstalt berichtet, lieber ihre Ziele äußert sich der Bericht kurz: „Sie soll einem doppelten Zwecke dienen: einem sozialpolitischen, indenr sie es Pen toeniger Bemittelten unter unseren Glaubensgenossen ermöglicht, ihre Kinder einer besseren Schuldbildung zuzuführen, und einem religiösen, welcher aber auch zugleich ein sozial-ethischer ist, indem diese Kinder durch gediegenen Unterricht in unserem Religionstvcsen gegen die Verführungen der Zeit wehrhaft gemacht werden." Das Schülerheim ist ein gut bürgerliches Pensionat, wo die Schüler gegen eine mäßige Vergütung eine recht gute Verpflegung erhalten und sich einer vorzüglichen Beaufsichtigung erfreuen. Jedem der beiden Heime — die wachsende Zahl der Pensionäre machte die Erwerbung eines zweiteir Hauses nötig — steht ein Direktor vor, der von einem Lehrer in der lleberwachnng der Schüler unterstützt wird. Dabei erhalten sie eine» gründlichen Religionsunterricht, so daß die Befähigtsten Talmud lernen. Die beiden Heime zählen gegenwärtig 77 Zöglinge, von denen 51 die Oberrealschule, 15 das Ghmnasium und 6 die trefflich geleitete Volksschule besuchen. Auch einige .Handwerkslehrlinge finden in der Anstalt eine vortreffliche Unterkunft. Noch ist die finanzielle Basis der 'Anstalt keine gesicherte und besonders wäre es wünschenswert, 'wenn die aus dem neu angekauften Hause ruhende Hypothekcnschnld von 35 000 ,lk recht bald getilgt werden möge. Köln a. Rh. In Bezug auf die Ausweisung r u s s i s ch c r Juden erhält das hiesige „Jsr. Gemeindebl." von gut unterrichteter Privater Seite folgende Mitteilung: „Ihre Notiz in Nr. 32 des Genrcindevlattes „AuStoeisungen russischer Juden" bedarf der Richtigstellung. Ausweisungen russischer Juden sind, mit einer einzigen Ausnahme, nicht erfolgt. Dagegen hat die Polizei eine Anzahl von neuen Niederlassungsgcsuchen russischer Juden, die ihr in den letzten Monaten und Wochen Vorlagen, nicht genehmigt And hie Petenten innerhalb einer bestimmten Frist zum Ausstichen eines anderen Wohnortes (in dessen Wahl in Preußen und Deutschland die Betroffenen nicht beschräirkt sind) ausgefordert. Bei dieser Handhabung wird es bleiben; ein Vorgehen gegen hier sch on o r ts ansässige a il s l ä n d i s ch e I u d e n i st n i ch t e r f o l g t u n d wird nich t erfolgen, sofern nicht besondere, von den gegenwärtigen Zeitumständen und der dadurch veranlaßten Zuwanderung aus Rußland ganz unabhängige Gründe vorliegen; und ebensowenig ist bei der Durchführung der oben geschilderten Maßregel gegen die armen Betroffenen, zumeist tüchtige und fleißige Handwerker und Arbeiter, hart verfahren worden. Trotzdem ist für sie die Maßregel schwer genug; gehetzt und verjagt wegen der einzigen Schuld, Juden zn sein, sind sie von neuem hoffnungsbcraubt, müssen sie von neuem mit Weib und Kind ans die Wanderschaft, und wissen nicht, wo ein Asyl für sie bereit steht. . Möge doch die hiesige Polizeibehörde, die bis jetzt von der Spitze herab in allen ihren Organen in der Ausländer- Angelegenheit so viel Wohlwollen gezeigt hat. unter den gegebenen Verhältnissen erst recht bei ihren Entschließungen dieses rein menschliche Moment mitsp'rechen lassen. Es ist für die beteiligten Kreise — und jedes jüdische Herz ist nntbeteiligt — eine bitter ernste Frage, was hier zn tun. >vie hier 31t raten und zn helfen ist. Mer zn den weiteren Besorgnissen, welche Ihre Notiz in Nr. 32 erregen könnte, liegt keine Veranlassung vor." Suhl. Dieser Tage fand die Einweihung d e r n e u e r h a u t e >r Synagoge statt. Die städtischen Behörden, sowie auch die beiden ersten evangelischen Geistlichen waren bei der Feier vertreten. Altona. Die Arbeiter derMöbrschen Margarine fab rik beschlossen, ihre Unterstützungskässe aufznlösen und von dem ca. 1100 Jk betragenden Kapital 300 - lk f ü r die notleidenden Juden nach Rußland zu senden. Jerkow, Regierungsbezirk Polen, (f) Ein ko sts p i e l k g e r Schüler. Die hiesige israelitische öffentliche Volksschule zählt mir noch einen Schüler, mit dem sich der Lehrer täglich fünf Stunden beschäftigen muß. Da der Knabe hierdurch geistig zn sehr angestrengt wird, will sich der Vater desselben an die zuständige Behörde wenden, daß der Unterricht täglich aus 3 Stunden ermäßigt wird. Glücklicher Kollege! wird mancher Lehrer beim Lesen dieser Zeilen ausrufen, der an seine 150 und mehr Schüler denkt, mit denen er täglich 5 Stunden und darüber arbeiten muß. Zu seiner Beruhigung sei ihm aber mitgeteilt, daß sich der hiesige jüdische Lehrer auch nicht mehr lange seiner Stellung erfreuen wird, weil die Regierung diese Schule aufznlösen gedenkt, denn dieser eine Knabe würde ihr und der jüdischen Gemeinde jährlich ungefähr 2400 JL kosten. Fürwahr, ein teurer Schulknabe!

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