Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-08-24 · Heft 33 (24.8.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 33 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692493--02623-2697245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

I-;:.--1—■■■ ,-; - 7 ...r.-,- -, .■ ■ J ■- - .-' .' .-'-..t-- .-' .- ■ (,.., . -, FranHurter JsraelUMK Familpellblatk. Seite 2. stellte. Man vergleiche nun hiermit die Zusammensetzung eines Oberrates, seiner „Religionskonserenz" und seiner Synode und die Beschränktheit ihrer Kompetenzen. Wie kann es also einem Menschen oder einer Behörde in den Sinn kommen, zu Leiern, wegznlassen, hinzuzusügen zu Gebeten, Erklärungen und Gesetzen, welche die nationale religiöse Oberbehörde sür Gesa m t israöl nach lange» und sorgfältigen Erwägungen und Verhandlungen eingesetzt hat?! Wie soll, wenn schon zugegeben werden könnte, daß die Männer der badischen Zentralbehörden als Sanhedrinmitglieder zu fungieren die Tauglichkeit aufwiesen, es denkbar sein, daß dieses Miniatur-Sanhedrin mit seiner ans 25000 Inden beschränkten Kompetenz "etwas nmstoßen dürfte, was das eigentliche Sanhedrin für 10 Millionen Juden aufgestellt hat?! Wären auch in den oberrätlichen Acnderungen der Gebete und Berochaus nicht Sätze und Gedanken enthalten, welche dem Judentum durchaus widersprechen, so ist doch schon die einfache Tatsache der Aeuderung ein Abfall vom Judentum. Denn die Beschlüsse und Festsetzungen des Sanhedrin und jener Hochschulen haben für uns Juden bindende Kraft und wir haben die Thora nur in der Weise zu crfüllen und aufzufasscn, wie sie jene Instanzen lehren. (Fortsetzung folgt.) - Achad-Haam. Freunde und Jünger der neu-hebräischen Literatur hätten ani. 17. Aw den 50jährigen - Geburtstag eines Mannes feiern können, dessen Verdienste um die neu-hebräische Literatur erst der Historiker von morgen wird feststellen und würdigen können. . Heute, und noch unter so anormalen Zuständen,. wie sie in Rußland jetzt herrschen, ist es dem einsichtigsten Kritiker und scharfsinnigsten Literaturhistoriker unmöglich. Und vielleicht mag diese noch waltende Unsicherheit in der Beurteilung des Achad-Haam'schen Wirkens und seiner Schöpfung, sowie die Anarchie auf allen Gebieten des jüdischen Lebens in Rußland dazu beigetragen haben, daß man diesen Moment hat -vorbeischweben lassen, ohne den Jubilar nach seinen Verdiensten zu würdigen. Die nicht russischjüdische Presse aber hat allen Grund, dieses Mannes anläßlich der Wiederkehr seines 50jährigen Geburtstages, zu gedenken. Ich sage nur zu gedenken, nicht zu feiern, denn man feiert einen Helden, und nur einem Nationalheros bringt man bei solcher Gelegenheit Huldigungen dar. Achad- Haam ist — was ich gleich vorwegnehmen will — ein glänzender Stilist, ein feinsinniger Publizist,. aber weder unser Luther, noch unser Kant. Luthers brauchen wir auch gar nicht, und die es sein wollten, erscheinen uns heute als traurige Karrikaturen, aber Kants. Und Achad-Haam ist bei allem Glanz seines .Stils, bei allem Feinsinn in seiner Argumentation kein Kant, nicht einmal ein Maimon, sondern ein Schüler Nachman Krochmals, des Verfassers von „More Nehuchc Hasman" und ein Enkel Hegels. Seine ganze . Denkweise, wie wir sie aus den drei Bänden seines Al-Poroschath-Drochim (Am Scheidewege) kennen, verrät auch Spuren des Einflusses englischer Denker. Von ausschließlich jüdischem Einflüsse, der sich in seiner Weltanschauung bemerkbar nmcht, ist iwch der Italiener Luzzatti zu nennen. Im Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, empsinde ich keine Lust zu polemisieren; wiewohl ich nie ohlre Widerrede den Namen Achad-Haam über meine Lippen gebracht; aber als Jünger der hebräischen Literatur, der ich meine erste Erziehung und Bildung verdanke, weiß ich, daß Achad-Haam doch die bedeutendste literarische Persönlichkeit in jenem Kreise, den wir mit Jung- Juden bezeichnen, darstellt, daß er große Verdienste um unser Schrifttum hat. Wenn ich ihm auch noch jetzt wie. zuvor ganz reserviert gegenüberstehe, so . weiß ich ihm dennoch Dank und tiefe Achtung. Denn Achad-Haam hat den Gedanken, den historisch-philosophischen Gedanken, in die neu-hebräische Literatur gebracht. Ich sage noch nicht, daß er „den" Gedanken gebracht, aber er hat uns zu denken, nachzudenken gelehrt. Ihm verdanken wir eine Methode des Denkens. —, — Bis Achad-Haam herrschte in der neu-hebräischen Literatur, mit Ausnahme einiger weniger, eine Verworrenheit des Denkens, ein Phrascnschwall; erst mit ihm bekam das systematische und historische Denken im osteuropäischen Judentum das Ucbergewicht. Für eine gewisse Zeit machte sein System auch dem Inhalte nach in den national-jüdischen Kreisen Schule; besonders unter der'Jugend fand er vielen An klang und hatte viele Anhänger und Anbeter. Heute ist cs nicht mehr der Fall? Warum? Ich kann cs kurz sagen: Solange Achad-Haam's Jdealismits, der übrigens nicht der meinige ist, im Aether geschwebt und die Peripherie des Lebens nicht berührt, konnte ihm niemand sein Dasein rauben. Aber kaum versuchte er es/ihn am Leben zu erproben, als er sich — zunächst in der Politik als Spiritualist von der Art einer cncrgie- und nervenloscn Logik, resp. Idee entpuppte. Achad-Haam will auf der hohen Warte stehen, in die Zukunft schauen, nein, die Zukunft vorbcreitcn. Aber ohne Geige keine Töne und ohne Gegenwart keine Zukunft. Will der „historische" Mensch die Zukunft vorbereiten, dann muß er mit starker Hand in die Gegenwart eingreifen uird ihr zunächst den Stenipel seiner Persönlichkeit aufdrücken. Achad- Haam entbehrte dieser elementaren Einsicht, glaubte mit einer schönen Essay eine Umwälzung des ganzen öffentlichen Lebens unseres Volkes verursachen zu können — und das war sein Verderben. Er muß heute, im besten Mannesalter) in der besten Schaffenskraft zusehen, wie er ein Objekt philologischer Knauserei wird, tvie ihn Literarhistoriker bearbeiten, Kulturkritiker bekritteln oder lobhudeln — tvie er aber abgesehen davon außerhalb des Lebens, des öffentlichen Lebens, steht. Daß. Achad-Haam dem 'jüdischen Volke, wie jedem Volke überhaupt, eine Mission zuschrcibt, in der Mission des jüdischen Volkes die Schafftmg des Prinzips der absoluten Gerechtigkeit sieht, ist sehr schön und graualt. Das ethische Postulat der Nation in der Geschichte gehört der klassischen deutschen Philosophie (Kant: Das Jttdividuum und Hegel: Das Volk). Im übrigen kann Kant den Juden Philo und weiter herauf Plato und Sokrates als Vorläufer -nennen. Auch die Propheten kommen da in Betracht. Hegel ist in der ganzen Konstruktion seiner Moralphilosophie von dem dunkeln Hcrallit beeinflußt. Was ich damit sagen will, ist, daß in großen Linien diese Fragen, ob Individuum, ob Volk, 'schon im Altertum aufgeworfen worden und bekannt gewesen und in der Blütezeit der dcutscheli Philosophie - in differenzierter Gestalt weiter ausgebant worden sitld. Daß wir die Träger und Schöpfer des absoluten Prinzips der Gerechtigkeit sind, dieser Gedanke, vielmehr diese Einsicht war schon unabhängig von Achad-Haam bekannt. Wer nur unsere Propheten liest, wird cs einsehen. Nachman Krochmal hat aber diesen Gedankeit weiter ausgebaut und erst jüngst kommt Herrmann Cohen in seiner Ethik des reinen Willens unabhängig voll Achad-Haam darauf zurück. Da aber die zwei oben kurz skizzierten Grundgedanken der Ausgangspunkt und das letzte Endc der Achad-Haam'schen Weltanschauung sind,' so brauche ich cs nicht erst zu sagen, daß ich vor Maimon als Denker und auch sogar vor Krocht, mal mehr Respekt habe, als vor Achad-Haam. Aber — und darauf ko mint es hier wesentlich an — während N. Krochmal eines Packpapierstils sich.bediente und auf die Masse keinen Einfluß hatte, während Maimon in seinem Privatleben ein Objekt der Zoologie war und als Jude außerhalb des Judentums stand, ist Achad-Haam der fefnc, freisinnige Essayist und der iwbele Mensch und Jude. Sein politischer Einfluß ist heute Lein, aber jeder Jude und jeder gesittete Mensch bringt ihm als Inden, als jüdischen Schriftsteller und gesitteten Menschen Achtung und Verehrung entgegen. In dieser .Achtung und Verehrung vor dem südi? Nr. 33. schen Schriftsteller, vor dem glänzenden Darsteller und modernen Menschen schließe ich mich Meinen Gegnern und seinen Anhängern ganz an. Mein Philosoph —unser Philosoph ist er aber nicht. Eher schon unser philosophierender Brandes. Jedenfalls ist er nicht der Philosoph, als den ihn eine wenigen Anbeter anerkannt wissen wollen. In der Geschichte der neu-hebräischen Literatur aber und besonders in der Geschichte der hebräischen Stilistik wird er 'den ersten Mang.einnehmen. Ihm dankt die hebräische Sprache den Laren, modernen Ausdruck, die Präzision und die feine Formulierung philosophischer Gedanken. Das allein genügt schon, daß ich ihm zurufe: Ad meoh Schonoh! Maxime Le Maltr-, Die Woche. Die letzten Tage brachten eine E r s ch w e r n n g der Naturalisation in den „Vereinigten Staaten". Während jeder neue Ankömmling bis dato iiach Verbleib von einigen Jahren sich ohne weiteres naturalisieren lassen, konnte, soll fortan Kenntnis der englischen Sprache znr Naturalisation unerläßlich sein. Der Panamerikanismus unter Rosevelt hat eS mit dem Aussaugungsprozeß der Zuzügler fremder Nationalitäten eilig. Vielleicht liegt dem Gesetz noch der geheime Wunsch zugrunde: Das Proletariat, die Arbeitermasse», an einer allzu raschen Ausdehnung zu hindern, damit es kein Uebergewicht gegen die Bourgeoisie bekomme; sind es doch meistens die fremden Proletarier, denen die Kenntnis der englischen Sprache abgeht. Diese unsere Vermutung ist nicht ausgeschlossen, wen» sie -auch unwahrscheinlich klingt, denn die herrschende republikanische Partei, mit Rosevelt'an der Spitze, ist durchaus nicht von einer besonderen Sympathie für das Proletariat erfüllt. Uns interessiert das Gesetz hcnrptsächlich, soweit es unsere einwandernden Brüder angeht. Es 'trifft in erster Linie unsere Einwanderer. Die Zeiten der ruhigen, normalen Auswanderung sind dahin und an ihre Stelle trat die vom Pogroni getragene fluchtartige Auswanderung, und während elftere nur junge Kräfte in Amerika verpflanzte, führt letztere gereifte und ältere Männer .hin, für die die Erlernung einer fremden europäischen Sprache meistens eine ausgeschlossene 'Sache ist. Nun wird mancher meinen, daß der entrechtete russische Jude sich mit der Entbehrung politischer Rechte, leicht absinden können wird; allein dem ist nicht so: gerade der russische Jude wird die Ungleichheit in freiem Lande am stärksten empfinden. ... Ein zweites Moment kommt noch in Betracht: Das Gesetz wird die Assimilation der Fremden natnrgemäß mächtig fördern. Amerika sagt den Züziehen-' den: Wir geben dir alle Rechte des freien Amerikaners, verlangen aber von dir statt dessen als geringe Gegenleistung das Anfgebcn deiner kauderwelschen Muttersprache. Das andere, sagt sich Amerika, wird von selbst nachkoommcn. Es braucht wohl kaum gesagt-zu werden, daß das s o s o r t i g e Anfgebcn seiner Muttersprache für den russischen Juden eine große Gefahr für seine Eigenart, für sein Volkstum bildet War es doch seine Sprache, die ihm als Hauptmotiv seines 'Verbleibens unter .seinen Brüdern - galt. Diese Gefahr .muß ' vor Augen gehalten werden, und die jüdischen Organisationen, die für Erhaltung des Judentums arbeiten, müssen rechtzeitig' für einen Ersatz fü^r - die absterbende, etngetauschte Muttersprache. Bedacht. nehmen — und dieser Ersatz ist nur in unserer heiligen N a » t i o.N ü l s P r ach e, dem''Hebräischen, zu finden.' Wir verkennen die Schwierigkeit dieses Unterfangens, nicht, allein das muß geschehen,, unser Volkstum heischt cs! -V. Die reaktionären. Parteien aller Laichs siud-süh meistens in ihrem Handeln' gleich.. Gue Stiebte Methode . der Reaktion ist es von -jeher Verbrechen, die sie zu begehen pflegte/demsinternatipnalen,,Welt-S.ündLnbock'-,,den.-Ju.den,znr:Last,zn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.