Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3f*itn&fnxiet Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro' Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Austänh Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifhand bezogen: Deutschland und Oesterreich -Ungarn Mk. -1,50, sonstige Länder Mk. 2.— \ KedaKtion und chekchafrsstekle: ' Frankfurt a. M.. Bleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Helefo« 10507. Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag, de« 3. Elul 5666 (24. August 1906). No. 33 Jerusalem getilgt werden aus dem .Herzen (jaale | gerade in diesem Zusammenhang, wo der morgcn- >ogar Gott die Gebete frische Mensch die Frische der Natur und die vc jovau)/ darum darf sogar Neuerstehung des Tages aus sich wirken läßt und Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Gebetbuch, b.splochcn von Dr. Emmes Sncbicus. — Achad-Haam, Llaximo Le Maitre.' — Die Woche. — Aus allerWelt. - Feuilleton- Getrennt und Vereint, aus dem Englischen übersetzt von M. Pnlvcrmann. — Wochen-Kalendcr — F a m i l i c n n a ch r i ch t c n. Gebetbuch. Erster Teil. Für Werktage, Sabbate, Befreiungssest, Osfenbarnngsfest und Lanbhüttcnfest. Herausgegcben von dem Großh. Bad. Oberrat der Israeliten. Besprochen von D r. Emmes S u c b i c u s. iForcsetzung). Nachdem >vir nun auch diese Momente hervorgchoben haben, die meines Erachtens zu besprechen unumgänglich ist,- fahren wir fort mit der Kritik der „Vorbemerkungen". — „Zu lang" findet der Reformer die Gebet? und „hat sie", so rühmt er sich, „zu ihrem Vorteil gekürzt." Wenn er dies meint, so hat er eben kein Verständnis. Weist er denn nicht, daß jedes Wort, aiech das dem Oberflächlichen überflüssig erscheinende, seine tiefe Bedeutung, seinen erhabenen Sinn hat, daß es Gedanken und Rttancicrungen von Gedanken und Gefühlen ausdrückt. Und wenn er selbst noch nicht auf diese Erfahrung gekommen . ist, so hätte er sich doch Kommentare auf die Tephillo anschauen können, ich will noch nicht einmal kabbalistische Vorschlägen, obgleich gerade diese auch nach Abzug des Kabbalistischen wunderbare tiefe Gedanken in den Worten der Gebote entdeckt haben, aber z. B. Kommentare wie von S. Bär in der Avaudas jisro« l das sog. Lissa'er Siddur, von .Hirsch rc. Weiß der Reformer nicht, daß unsere Gebete zusammengesetzt sind aus Stellen der hl. Schrift, wo doch jedes Wort, jede Wortform ihren besonderen tiefen Sinn hat? Und wo bleibt endlich das Gefühl für die Poesie, für die Anschaulichkeit der poetischen Schilderungen, für den Ausdruck der Empfindungen bei den Streichern? Wenn sie gute Absichten gehabt hätten,-so hätten sie, wenn schon etwas getan werden muß, in Anmerkungen in deutscher Sprache die scheinbaren Pleonasmen und Tautologieen erklären können rc.!! Und dann, wo bleibt das geschichtliche .Verständnis und der historische Sinn bei diesen Ueberweisen, die nicht zu wissen scheinen, daß unsere Gebete. nicht künstlich gemacht, sondern von selbst durch unsere Entwickelung icnd unsere Schicksale entstanden sind, daß sie also den Ausdruck in Gedanke» und Worten darstellen für das, kvas unbewußt in uns lebt und was unser Wesen ausmacht infolge der geschichtlichen Vergangenheit. Aber man Ivill ja eben mit' dieser brechen, man tvill das' spezifisch Indische in uns, das doch gewiß mit ein Erzeugnis unserer Geschichte ist, ertöten! — Darum dürfen wir nicht 'für die Kranken Israels beten (Schemone-esre), darum nmßZion und Israels nicht mehr erhören (birchas jchenia kauleina). Darum darf im Mnssaph der Festtage nicht mehr gesagt werden nmipnc chattoeinn goiiim meiarzcinn rc., darum darf das Gotteshaus der Zukunft nicht mehr ein „beischer kevatchilo", „ein Gotteshaus wie ehedem", sondern ein „beis tephillo lcchol hvainmiiu" sein, wahrscheinlich damit die Juden desto leichter in die Kirchen geführt werden können, denn dies ist ja eher zu erreichen, als daß die Ehristen in die Synagoge kommen. Und bei dieser sich in diesen Zügen zeigenden charakterlosen selbst aufgcbeudcn Anbieter» an die nichtjüdischc Welt, die um so mehr zu verurteilen ist in der jetzigen Zeit, wo jedes Völkchen und Stämmchen seine Eigenheit hochhält und seine .Heimatseigentümlichkeit sorgfältig Pflegt und als das Höchste hinstcllt, da muten ein Oberrat und seine theologischen Mithelfer dem Judentum zu, seine tvohlbcrechtigten, ans der hl. Schrift beruhenden, hochheiligen Besonderheiten und kostbaren Ideale für die Zukunft Israels und der Menschheit aufzugcben. Meint man da nicht, der kurzsichtige Verstand der Frauen Kommerziell-, Justiz-, Regierungs- und .Hofrat hätten da inspiriert, damit sie um so leichter mit den Damen der christlichen Beamtenwelt und Gesellschaft verkehren könnten? Aber die Herren mit ihren Tamenspeknlationen irren sich gewaltig. Nichts, zeigt ja die Erfahrung, widert unsere christliche Gesellschaft mehr an, als die Eharaktcrlosigkeit der vei ihnen sich eindrängcnden Juden. — Und während sonst die Reformer wenigstens die hl. Schrift und insbesondere die Propheten anerkennen nnd sich rühmen, die wahren Israeliten zu sein, weil sie zur Schrift, znriickkehren, haben nirscre badischen "Reformer selbst von dieser sich abgekehrt. Die Keduscha in der birchas janzer aur haben sie vollständig gestrichen, die Schilderung von den erhabenen Eigenschaften der Gottesdicncr (janzer meschorasim) vollkommen lveggelassen nnd wie entspricht gerade diese Stelle so sehr dem Empfinden der heutigen Welt, welche durch die Fortschritte der Natnrivisscnschasten einen so tiefen Einblick besitzt in die Wnnderwelt der GottcSschöpfungen nnd deren über alle menschliche Begreiflichkeit hinausgehende Weisheit, Zweckmäßigkeit und Regelmäßigkeit. Und ist diese Stelle nicht ein wunderbarer .Hymnus ' auf den Sonnenaufgang, ist sie nicht die poetische Ausgestaltung der tief ethischreligiösen Lehre: - wie die Werke der Schöpfung, ihrem Naturgesetze gehorchend, 'Gottes Millen vollziehen, so sollst Du, mit, Verstand und freien! Willen begabter Mensch, in der gleichen Willfährigkeit und Unentwegtheit das Gesetz Deines himmlischen Vaters erfüllen?! Ist diese Stelle nicht auf den so herrlichen Psalm 19 anfgebaut und tut cs unserem Wahrheitsgefühle Abbruch, wenn noch etwas Sphärenmusik hereintönt aus einer Zeit, da man poetischer gesehen und gehört hat. Und endlich, wie kann man sich erkühnen, :das hocherhabene Kodausch-kodausch wegznlassen er so recht die .Heiligkeit Gottes begreift und versteht, wenn er im Gebete daran erinnert wird. Und waS stört es selbst den, der nicht an das Vorhandensein von Mallochim glaubt, wenn ihm das erhabene Boruch-kevod im Anklange an die tiefsinnige Erscheinung des Jccheskel geboten wird. Und warnin das Leöl-bornch weglassen, in Ivelchem das Walten GotteS so schön und kurz geschildert ist, nnd das an die Schöpfung des Lichtes erinnert nnd ansklingt an den sehnsüchtigen Wunsch „ein neues Licht laß über Zion leuchten und laß uns teilhaftig werden seines Glanzes." Will vielleicht das oberrätliche Irrlicht dasselbe unnötig machen?! Haben >vir nun im Voransgehenden ausgcsührt, wie sehr die Gebetbuchreformer bei ihrer Streicharbcit des geschichtlichen Sinnes, der Kenntnis der Bibel, der poetischen Empfindung, des allgemeinen religiösen Gefühles erniangeln, haben wir gezeigt, daß sie so wenig Liebe zu Juden und Judentum empfinden, daß sie sogar in den Gebeten, wo der Jsraölite vor seinem Gotte steht, sich schämen, für Israel Bitten auszusprechen und Ihn den Fürsorger Israels zu nennen, so wollen wir auf die Frage überhaupt eingehen, ob es gestatte! ist, die Gebete zu verändern. Und da muß jedermann mit „Nein" antworten. Unsere Gebete, ich meine diejenigen des Siddur, sind nicht von Privaten, von einzelnen unverantwortlichen Leuten gedichtet mit» eingeführt, sondern das oberste Sanhedrin, welches, in Jerusalem seinen Sitz habend, dazu berufen war, die religiösen Angelegenheiten der Juden auf der ganzen Welt zu ordnen und zu beaufsichtigen, nnd später die großen Schulen der Thora nnd des Talmuds, die in Palästina nnd später in Babylonien blühten und welche inbczug aus Lehre und KnltuSangelegenheiten die einzigen und obersten Instanzen bildeten für die Juden sämtlicher Länder der Erde, diese Schulen haben die Gebete verfaßt, ihren Wortlaut festgesetzt und ihre Einführung angeordnet. Und jenen Schulen gehörten immer die größten und bedeutendsten Männer nnd Gelehrten aller Zeiten an, Männer, deren Bedcutuirg an Thoralvissen und Empfindung uiid Verständnis für d.as Judentum und für seinen ethischen Inhalt an sprachlichem Feingefühl nie ivieder erreicht ivordcn ist. Darum sagt der Talmud : „Es ist verboten, die Gebetsf o r me ln, welche die Weisen geprägt haben, zu verändern." In Berachoth 33a heißt es: „Die Männer der großen Synode (also von 114 vor Ehr. an) verfaßten für Israel Berochans und Gebete (die Schemone-esre), die Kiddusch, Keduscho und Havdalo"; also sind diese Stücke uralt und von der obersten und einzigen religiösen Instanz eingesetzt und geprägt, von Männern, welche in der Tat und durchaus den Anforderungen entsprachen, welche das jüdische Religionsgesetz an die Mitglieder einer Behörde nnd eines Sanhedrins