Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 32 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Frankfurter JfraüttiWeS FamWeMaü. . München. Abgeordnetenkammer. In einigen.Blättern sind Ungriffe gegen das Verkehrsministerium gemacht worden, weil es das Nichtanhalten des v-Zuges 39 in Fürth verfügt hat. Minister v. Frauendorfer wies in der Abgeordnetenkammer diese Angriffe zurück und berührte hierbei die vom sozialdemokratischen Abg. Segitz gemachte Aeußcrnng, wonach der Referent des Verkehrsministeriums in dieser Sache gesagt haben sollte, in Fürth wäre sür das Anhallen kein - Bedürfnis, wer steige dort ein, höchstens ein paar In den Weib er! (Abg. Memminger ruft: Sehr richtig!) „Eine derartige Aeußerung — fuhr der Minister fort — Ware höchst beklagenswert: sie ist aber so nicht gefallen. Ich war .selbst Zeuge dieser Aeußerung. Der bctr. Beamte sagte: „Ich kenne die Verhältnisse persönlich aus meiner früheren Tätigkeit in Bamberg; wer benutzt denn den Zug, höchstens ein paar SB o nt» Berger Jude n", daraus sind dann, wie cs ja häufig geht, die „Paar Jndenweibcr" geworden, und das klingt allerdings häßlicher. (Heiterkeit. Abg. Memminger: Aber gleich ist's!) Ich Billige diese Aeußerung nicht und habe auch dem betr. Be-, amten die erforderlichen Bemerkungen zugchen lassen." Posen. (k.j Zu dm bedeutendsten Wobltätigkeitsanstallen Pofens gehört unstreitig das großartig eingerichtete jüd. Kranken- und Siechen Haus, Abrah am und Henriette Rohr'scheStift u n g. Herr Moritz Rohr stiftete im Jvhre 1886 am ersten Jahrestage nach seines Vaters Tode als Grundstock 100 000 Jk Am 1. Juli 1890 erfolgte dann von demselben Wohltäter eine weitere Schenkung im Betrage von 200000 Jk mit der Bedingung, daß die Verpflegung, wie bereits in der Urkunde vom 6. Oktober 1886 bestimmt/ auf 'streng rituell-jüdischer Grundlage erfolge und daß 'in Bern Krankenhause eine Synagoge eingerichtet werde, in welcher täglich, des Morgens und des Abends, nach altem Ritus Gottesdienst stattfindet. Am 8. Februar 1893 gab der Stifter vor dem Amtsgericht eine weitere Erklärung ab, daß er für die Zwecke des gedachten Kranken- und Siechenhauses den ferneren Betrag vou 300 000 Jk zu zahlen sich verpflichtet. Die Anstalt, die dein Vorstand der Synagogen- Gemeindc untersteht, hat sich in dem "Zeitraum ihres kurzen Bestehens ungemein entwickelt. Die innere Ausstattung entspricht allen Anforderungen moderner Hygiene. Die Räume sind Hell und luftig: das Anstallsgebäude bietet einen schmucken Anblick. Zur Zeit ist die Anstalt mit 50 Kranken und 12 Siechcnbetten belegt. Das Vermögen der Anstalt, die gut fundiert ist, beträgt zurzeit 680000 Jk Metz. Dm katholisch geborene Hausierer Josef Eschbach aus Sttaßburg i. Elf. t r a t z u m Judentum über, um dadurch bei jüdischen Gemeinden unter allen möglichen Vorspiegelungen U n t c r st ü tz - uugen erschwindeln zu können. Er fertigte sich Papiere auf den Namen Michael Anthes an nick) reiste als aus Rußland vertriebener Jude. Mit diesen Angaben lockte er dein Vorsteher der jüdischen Gemeinde Metz eine Unterstützung heraus. Das 'Gleiche versuchte er bei dem israelitischen Rcligionslehrer in Diedenhofen unter gleichzeitiger Vorlage des Ältestes eines Metzer Arztes. Der Lehrer stellte durch Beftageu des Arztes 'die Uncchtheit des Attcstcs fest und veranlatzte die Verhaftung des Gauners. Wegen Urkundenfälschung, Bettugs und' falscher Namcnsbeilegung wurde Eschbach von der Fericnkammer des Landgerichts Metz zu sechs Monaten Gefängnis und einer Woche Haft verurteilt. „Frkf. Ztg." Oesterreich-Ungarn. Wien. Unter der Ueberschrift »Der Papst erteilt Dispensation vom Ehehindernis k e der Religions-Verschiedenheit" bringt das „Extrabl." folgenden Bericht, der immerhin ein gewisses Interesse für uns hat: „Es ist 'allerdings nur dieser einzige Fall bekannt, er ist aber von einer ganz außerordentlichen Tragweftc: Der Papst hat es ermöglicht, daß ein Jude eine Katholikin heiraten konnte, ohne daß Mann und Frau ihre Religion zu wechseln brauchte». Die politische Behörde hat dann Nachträglich diese Ehe für giltig anerkamft. Da der Papst selbst das bisher in Oesterreich für unüberwindlich gehaltene Ehehindernis der Religions-Verschiedenheit beseitigt hatte, wollte der Staat nicht opponieren. Der österreichische Staatsangehörige mosaischer Religion A. in Cairo wollte die römisch-katholische Französin B. heiraten. Anstatt das erfahrungsgemäß aussichtslose Ansuchen um Erteilung der Dispensation vom Ehchindcrnisse an die heimatliche politische Behörde zu richten, wandte sich A. mit der Bitte um Dsspcns direkt an den Heiligen Stuhl, welcher diesem Unsuchcu auch willfahrte. Sodann bewog A. den Pfarrer der römischkatholischen Pfarrkirche Muski in Eairo, ihn mit der B. zu ttäuen. Es ist Allerdings eine in der Levante herrschende Rechtsgewohnheit, daß die Seelsorger nur dann Trauungen vornehmen, wenn vorher die Konsulärbehördeii erllärt habe», daß der abzuschlicßenden Ehe kein Hindernis entgcgensteht. Allein sowohl diese Gepslogenhell, als auch die Bestimmungen des österreichischen bürgerlichen Gesetzbuches waren für den Pfarrer natürlich von erheblich geringerem Gewichte, als die päpstliche Entscheidung. Die Eheschließung erfolgte am 15. Juni 1898. Natürlich leitete sofort nach deren Bekanntwerden das k. und k. Konsulat in Cairo gegen A. das nicht zur Konsular- Gerichtsbarkeit, sondern zur konsularischen politischen Geschäftsführung gehörige Verfahren wegen der durch Nichteinholung des konsularischen Ehekonsenscs begangenen Ucberttetung ein. Für A. war jetzt der richttgc Moment gekommen, um den Versuch zu machen, ob die polittsche Behörde päpstlicher sein werde als der Papst. Er suchte beim Konsulate um nachträgliche Dispenserteilung an. Das Gesuch gelaugte im Wege der Ministerien des Acußcrn und des JNnern an die k. k. Statthalterei in Triest. Nachdem sich dieser gegenüber noch das Konsulat dahin ausgesprochen hatte, daß nach seinem Dafürhalten dem A. schuldlose Unwissenheit zugute komme, weil er offenbar geglaubt habe, daß durch die kirchliche Dispensation das staatliche Ehehindernis beseitigt worden sei, erteilte die Statthalterci die nachträgliche Dispensation vom Ehehindernissc der Religions- Verschiedenheit. Heute lebt also A., ttotzdem er Jude geblieben ist, mit einer katholischen Christin jn einer sowohl nach dem Staatsgcsetze, als nach den kirchlichen Satzungen unanfechtbar gilttgen Ehe." Budapest. Mit dem neuen Schuljahr (1. September) wird in Szegedin "ein jüdisches Internat, das erste in seiner Art, eröffnet, welches in jeder Beziehung in streng-religiöser Weise geleitet werden soll. Das Institut steht unter Aufsicht der israel. Gemeinde daselbst. Graz. Auf dem an der spanischen Küste n n t e r g e g a n g e n e n „S i r i o" befand sich auch der' in Brasilien konditionierende Stiefsohn des hiesigen Produktenhändlcrs David Stern, Leopold Pollitzer. Herr Pollitzer bewies einen bewundernswerten Opfermut. Er ivar bereits eine Strecke weit geschwommen, als er vor sich eine Frau mit einem Kinde austauchen sah, die beide dem Erttinken nahe waren. Herr Pollitzer schnallte seinen Schwimmgürtel ab und befestigte die Frau und das Kind an demselben. Er selbst versuchte nun, durch Schwimmen sich zu retten und wurde später von einem Boote halb bewußtlos aufgefischt. Salischtschik (Galizien). Entführt und zur Taufe gezwungen wurde ein jüdisches Mädchen. aus einem benachbarten Dorfe. Nur mit großer Blühe gelang es den Eltern, das Mädchen zurückzubekommen. Krakau. Ein jüdisches Gymnasium in Krakau zu gründen, ist Herrn Dr. Jüng von der Regierung gestattet worden. Herr Dr. Jung hat bereits ein jüdisches"Gymnasium in Ilng.-Brod (Mähren) 'Und eines in Storozynetz (Bukowina) gegründet. — ES ist selbstverständlich, daß die Assimilationsiudcn des Vorstandes der jüdischen Kultusgemcinde eine Unterstützung des Unternehmens verweigert haben. Großbritannien. London. Auk Beschwerden der Presse und Interpellation im Parlamente hatte Anfang dieses Jahres der Minister des Innern die Einwanderiingsbehörden angewiesen, im Sinue des Gesetzes alle wegen politischer oder religiöser Verfolgung ans' ihrer Heimat Entflohenen zur Landung in England zuzulassen und das Gesetz -überhaupt humaner zur Anwendung zu bringen. Monate hindurch gab cs infolgedessen kaum einen Anlaß zur Klage 'Jetzt wird nun aber wieder über eine st r e n g c r c .Handhabung der Einwauder u n g s g c s e tz e berichtet, und zwar haben dies die ^remdeufeindc. besonders die Vereiniaung Church- Army. verschuldet. Es sind so krasse J-älle der Zurückweisuna vorgekommen, daß der jüdische D"vuii'rte Maurice Levy sich vorige Woche veranlaßt sah. Minister Gladstone deshalb zu inter>'elfte''en. G l a d - stv n e erwidertedan ihm die Zurückweisuna von politisch oder religiös Derfolatcu nicht bekannt sei. in den voraestihrten Fällen hätten sich die Beamten über das Vorhandensein einer Erwerbsmöalickikcit nickst bcnibigen können und er müsse wiederholen, daß cs "icht immer als hinreichende Mittel zur auständiaen Ernährung angesehen werden könne, wenn der Einwanderer Litr. 5 ftder etwas mehr vorzeiae. i"i übrigen enivfeble er der Presse, den Sitzungen des Board vf Immigration beizuwobncii. ' Niederlande. De Haag. Internationale jüdische Ausstell n n a. Gelegentlich der Einweihung des F r i e - densssalastes soll, wie verlautet, eine intcrnattouale jüdische Ansstcllnnq eröffnet werden. Man will in dieser Ausstellung den Besuchern vornehmlich Zahlen, Tabellen, Statisttken, historische Darstellungen, Illustrationen der Verfolgungen, deren Opfer die Israeliten im Laufe der Jahrhunderte, und besonders in diesem Jahrhundert in Rußland geworden sind, vor Augen führen; ferner Zahlen, Tabellen usw., welche zeigen sollen, eine >vie bedeutende. Rolle die Juden in der Entwicklung der Zivilisation, der Kunst, der Literatur, der Industrie gespielt haben. Die jüdischen Künstler der ganzen Welt sollen ersucht werden, ihre Werke auszustellen: die jüdischen Komponisten sollen ihre Komposftionen selbst dirigieren. Anläßlich der Ausstellung sollen auch wissenschaftliche Kongresse flattfinden. f Petit Bleu. Nr. 32. Rußland. Petersburg, 12. August. „Dwadza'.h Wjek" meldet aus Odessa, daß in der letzten Konferenz der Stadtärzte sich herausstellte, daß das Stadthäupt von der Administration die geheime Anweisung erhalten hat, als Stadtärztc keine Juden mehr an zu stellen. Ileberhaupt dürfe kein Jude im Dienste der Stadt angestellt werden. Odessa, 14. August. Der Rat der Universität beschloß beim Ministerium die Zulassung sämtlicher jüdischer Studenten zu beantragen, die zu Beginn des neuen Semesters um Zulassung zum Universitätsstudium bitten. Riga, 12. August. Während deS Gottesdienstes wurde die große Synagoge heute vou Polizei und Militär zerniert. 15 Personen wurden verhaftet. Verdächtiges wurde n i ch t gefunden. Personalien. Frankfurt a. M. Amtsrichter Dr. Levi wurde zum Anitsgerichtsrat befördert. . ' Iw 67. Lebensjahre starb der Driektor der Deutschen Effekten- und Wechsel-Bank, Hermann Rais. Berlin. Sterbefall. Im 68. Lebensjahr verschied Frau Geh. Koniinerzienrat I d a S i m o ii, geb. Lehweß, Schwiegermutter des Geh. Kommerzienrat Goldberger, eine Frau, die ivegen ihrer Humanitären Bestrebungen in weiteren Kreisen geschätzt wurde. Berlin. Beider Preisverteilung am Stiftungstage der Universität erhielten sind. mcd. Georg Rose u ow - Berlin eine lobende Anerkennung und cand. med. Ludwig L e w i s o h n - Berlin de» städtischen Preis. Schlochau. Rittergutsbesitzer B e r n st e n auf Domslaff wurde zum Oekonomierat ernannt. Karlsruhe. Der ehemalige Reichstagsaügcordnete Geh. Baurat B e n v i t feierte am 12. d. Mts. seinen 80. Geburtstag. Als langjähriges Vorstandsmitglied und Schatzmeister des „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat Herr Geh. Baurat Benoit sich Verdienste um die deutsche Judenheit erworben. Breslau. Das Ehepaar Heimann G o l d b a u m und Frau Henriette geb. Schiftan, feiert am 26. d. Mts. seine goldene Hochzeit. Budapest. Eine christliche Menschen- 'freundin. Hier starb die Oberstlcntnautswitwe Karoline de B' a b i t h , eine hervorragende Philanthropin christlicher Konfession, von der folgendes Faktum in einer jüdischen Zeitung Erwähnung verdient. Vor ungefähr fünf Jahren hatte sich Frau de B'abith ein Augenübcl zugezogen, und um sich zu überzeugen, wie mau mit den armen Spitalskranken umgeht, kleidete sie sich ärmlich und ließ sich im Jsraelitenspital auf der Abteilung des Professors Dr. Adolf v. Szily aufnehmen. Bevor sie das Spital als geheilt verlassen sollte, fragte sie, was sie schulde. Professor Szily sagte ihr, daß die Behandlung in dem der Jsraelitengemcindc gehörenden Spital kostenlos geschehe. Sie dankte und entfernte sich. Am darauffolgenden Tage jedoch kam sie wieder und brachte eine Spende von 5000 Kronen für das Israelitenhospital. Rom. Schatzminister L ü z z a t t i erhielt vom deutschen Kaiser das Großkreuz des Roten Adlerordeus. Zum Unterrichts m i n i st e r wurde der Ministerialdirektor R a v'a ernannt. 0 fßuiUefoa. 0 Getrennt und Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Zu getvisseu Zeiten erscheint auch in der kleinsten jüdischen Gemeinde ein Abgesandter aus dem heiligen Lande, um freiwillige Spenden zur Unterstützung der Armen und Kranken im Lande der Verheißung einzusammcln. Er wird überall mit Ehrerbietung empfangen und sein Erscheinen von allen als ein frohes Ereignis betrachtet. JNng und Alt drängt sich an ihn heran, um seinem Berichten aus der gottgeheiligten Gegend zu lauschen. Und der Bote versteht es, das unschuldige Begehren der frommen Seelen zu befriedigen und sie mit dem Zauber der Wehmut zu umstricken. Wohl sind seine Geschichten manchmal etwas unwahrscheinlich: doch was tuts; er erreicht dadurch seinen sronimen Zweck: je weicher das Herz, desto reicher die Spenden. Aus diesem Grunde ist er auch berechtigt, andere Gnaden auszuteilen, die man für eine besondere Entschädigung haben kann. Er führt nänilich kleine Säckchen mit sich, die mit Erde vom heiligen Boden gefüllt finb. und denen die Eigenschaft nachgesagt wird, wenn sie einem Toten als Kopfkissen dienen, dessen Körper nie verwesen zu lassen. Unerschöpflich wie die Splitter vom „echten Kreuz", die die Mönche verkaufen, ist auch die Erde, die der Bote den Bevorzugten anbietet, so daß die Annahme durchaus