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Neue jüdische Presse · 1906-08-17 · Heft 32 (17.8.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 32 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32. Seite 3. Frankfurter Israelitisches FämilrenLlati. „internationalen Geldjudentums" als spezifisch jüdisch hinstcllt. Das „internationale Gelojudentnm" handelt nicht anders wie die durchschnittliche internationale und nationale Geldaristokratie überhaupt, siehe die vor einigen Monaten aufgcdccktcn, von einer Skrupellosigkeit und gemeinen Gesinnung sondergleichen zeugenden Schandtaten amerikanischer Fleischmillionäre; auch, an die Lieferung von Munition und Lebensmitteln an die Buren seitens englischer Geldaristokraten im Kriege der Engländer mit den Bnren sei hier erinnert. Es liegt eben in der Natur des Reichtums, daß er, je geivaltiger er ist,-desto mehr die Sorge um seine Erhaltung und weitere Ausdehnung in Anspruch nimmt und die Regungen der Menschlichkeit erstickt. Uebrigens ist das „i n t e r u a t i o n a l e G e l djndentu 11t" nur ern Phantasiebild an - t i s c m i t i s ch c r G e h i r u e. Es gibt wohl Millionäre von internationaler .Bedeutung, die zufälligerweise Juden sind, aber eine Solidaritätdieser Le utc untereinander als Irr den Besteht nicht einmal im Traume. Denn wäre dem so, dairn würden diese Leute, in denen häufig das jüdische Herz des Mitgefühls für die Leiden anderer noch nicht erstorben ist, nicht, wie es heute in den meisten Fällen geschieht, ihre Generosität fast ausschließlich „interkonfessionellen" Zwecken zugute kommen lassen; die grauenhafte Lage der jüdischen Massen würde sie zwingen, ihre Wohltätigkeit auf diese aus sich selbst angewiesenen Massen zu konzentrieren. Wir selbst bedauern die Zustände, wie sie nun einmal sind, nicht, denn nicht seine Reichen, sondern nur seine große Masse kann dem jüdischen Volke die Rettung bringen. -> * * * Ein Teil der jüdischen Presse Westeuropas brachte vorige Woche einen Aufruf an die auf dem Boden der Tradition stehenden Zionisten, insbesondere an die Misrachi-Gruppcn, in welchem um die Ansicht der gesctzestrcuen Zionisten in Bezug auf die „f cr - n c r c G e st a l t u n g der Beziehungen des Misrachi zu der zionistischen Organisation" gebeten wird. Dieser Aufruf wird damit begründet, daß in der zionistischen Bewegung „zwei von den gcsetzestreuen Zionisten mißbilligte Strömnngen vereint zur G e l t u n g g e l a n g t, nämlich die „Kulturzionisten" und die „Poale-Zion", „die sich zur Aufgabe st c l l t e n, den jüdischen R a t i o n a l s i n n vom Thoragesetz l o s z u l ö s e n". Es liegt für uns keine Veranlassung vor, des näheren darauf einzugehcu, inwiefern die Beschuldigungen gegen die oben erwähnten Richtungen, „das Bestreben zu haben, den jüdischen Nationalsin» vom Thoragesetz loszulöseu", zntrifft; hat doch Schreiber es ruiterlassen, seine Behauptung mit Beweisen zu belegen. Worauf wir reagieren tvollen, ist Bas Moment des B e r h ä l t n i s s e s des M i s r a ch i zur zionistischen Gesamtorganisation. Auf dem Misrachi-Kougreß zu Preßburg hat das Aktionskomitee den Misrachi als eine Fraktion innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation anerkannt, der Misrachi seinerseits hat sich mit diesem Rechtsverhältnis einverstanden erklärt und cs in seinen Statuten festgclegt. Dieses Verhältnis war eine logische Konsequenz der zionistischen Ausfassnng: Der Zionismus repräsentiert die jüdische Nation, — und wie sollte da eine religiös-nationale Gruppe, die der Gesamtheit an gehören will, da sie ihr augehören muß, sich von derselben ansschließen? So dachte*man vor zwei Jahren. Und jetzt? Hat sich etwas ereignet, das die Veranlassung sein könne, dieses Verhältnis zu korrigieren? Nichts! Wohl steht der l i n k s st e h e n d e Flügel der Zioniste>i der Leitung nahe, wohl macht das Parteiorgan „Die Welt" hier und da manchen ungehörigen, scharf 511 verurteilenden Uebcrgriff; aber dem kann abgeholfen werden, cs muß nur der Wille zur Verständigung vorhanden sei». Denn nur dieser ist es, der zur gedeihlichen Arbeit die gemeins ch a f t l i ch e B a s i s bildet, und gerade dieser Wille geht unsern Intransigenten von rechts und links ab. Allein unsere Intransigenten sollten dessen eingedenk sein, daß nian Scharfmacherei nur als spezifische Tugend oder Untugend der Feinde, nicht aber der Freunde kennt.*) . . . Gewiß darf Objektivität von der Leitung mit Recht verlangt werden, denn nur den Fraktionen steht es zu, sich mit Differenzen kultureller Natur zu befassen, nicht aber der Leitung. Allein darüber braucht mau sich keine grauen Haare wachsen zu lassen, das ist mit ein wenig Energie zu erreichen. Ans aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Hilfsverein der deutschen Juden. Entsprechend dem Antrag der Deutsch- Israelitischen Kultus - Gemeinde zu S o f i a, die dringend um einen Lehrer für die deutsche Sprache bat, hat der Hilfsverein eine tüchtige Kraft gewonnen — Herrn Siegmund Ruda, z. Z. Berlin, der im Oktober sein Amt an der Schule lu Sofia autreten wird. Bei der wachsenden Bedeutung, die der deutsche Handel in den Donauländern und im Orient gewonnen hat, ist die Kenntnis der deutschen Sprache ein höchst wertvolles und in seiner Wichtigkeit in immer weiteren Kreisen erkanntes und geschätztes Mittel um Handelsbeziehungen imd ev. gute kaufmännische Stellungen zu erlangen. Es besteht daher ein lebhaftes Bedürfnis unserer Glaubensgenossen in den osteuropäischen Ländern und der europäischen wie asiatischen Türkei, der jungen Generation die Kenntnis der deutschen Sprache in einer zur Verwertung im praktischen Leben geeigneten Weise zu verschaffen. Es liegen dem Hilfsverein eine ganze Reihe von Gesuchen aus den genannten Ländern um Bewilligung von Mitteln für deutschen Unterricht resp. Entsendung von deutschen Lehrern oder Lehrerinnen vor. Der Hilssverein der deutschen Juden wird im Rahmen seiner fiuauzielleii Mittel den in dieser Dichtung an ihn herautretenden Wünschen zu entsprechen suchen. Umfassendes und äußerst segensreiches wäre für unsere Glaubensgenossen in dieser Richtung noch zu leisten, wenn in immer reicherem Maße Spenden dem Hilfsverein der deutschen Juden zufließen. Für Jurburg (Georgenburg), die russische Nachbarstadt Tilsit's, die durch ein großes Brandunglück heimgesucht worden ist — -/3 der Stadt sind cingeäschert und etwa 300 Familien von Glaubensgenossen haben ihr Hab und Gut eingebüßt — hat der Hilssverein auf Antrag seines Königsberger Pro- Viuzial-Komltces 1000 Jf. bewilligt. Die 1000 Ja sind an das Orts-Komitee überwiesen worden, das als Vorsitzende die Fürstin Wassilitschikow gewählt hat, und das sogleich eine umfassende Hilfsaktion für die Betroffenen eingeleitet hat. Als Beihilfe für die Slbgebrannten in Gon i o n d z (bei Bialystok) wurden pOO Jk übersandt. Für die Opfer der Brandkatastrophe in Ur et sch je (bei Bobrinsk) — die den halben Ortin Asche legte und zahlreiche jüdische Familien auf das härteste betroffen hat — hatte der Hilssverein Ende Juni 5000 Jk überwiesen. Dieser Betrag ist, zusammen mit einer Spende der Stadt Bobrinsk zur Verwendung gelangt, lieber die Verteilung der zur Verfügung stehenden Summe ist dem Hilfsverein der folgende Bericht zugcgangen: Zur Verteilung kamen: vom Hilfsverein der deutschen Juden Rbl. 2309,45, von der Stadt Bobrinsk Rbl. 600,— in Sa. Rubel 2909,45. Hiervon wurden 52 Unterstützungen verteilt in Sa. Rbl. 1871. Dem Wunsche der Einwohner des Ortes Uretschje entgegenkommend, wurde zum Bau einer Badestube assigniert Rbl, 200; an 15 Christen, die durch das Feuer Schaden gelitten Rbl. 75, svdaß ein Rest von Rbl. 763,45 verbleibt, welcher, unter Billigung des Hilfsvereins der deutschen Juden, um der schwer geprüften Gemeinde wieder aufzuhelfen, zur Gründung eines Spar-Lcihkasscn-Vereins für Kleinhändler und Handwerker bestimmt wurde. Berlin. Hilfsverein der deutschen Juden. Gegen Schluß des Jahres 1905 wandten sich russische Studenten in Z ü r i ch an den Hilssverein der deutschen Juden mit der Bitte, die Eröffnung eines Abendkursus für russische Arbeiter durch' eine entsprechende Subvention zu ermöglichen. Die Studenten legten dar, wie durch Förderung der Bildung unter den Emigranten viel gutes gestiftet werden könnte. Das Fortkommen der Emigranten außerhalb Rußlands werde dadurch erleichtert; aber auch wenn sie nach Rußland zurückkehrten, werde ihre Lage eine bessere sein. Der Plan der idealistisch gesinnten jungen Leute erschien so zweckmäßig, daß der Hilfsverein die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellte. Die Verwirklichung entsprach den Hoffnungen. Den Bericht über die Wirksamkeit der Vereinigung im ersten halben Jahre, den Herr Garkawy erstattet hat, entnehmen tvir das Folgende: *) Mail verschanze sich nicht hinter der „Wahrung höherer Interessen"; ist doch einem jeden, wie er auch denken mag, seine Ueberz e n g u n g hoch und heilig, und den Anspruch mrf Existenzberechtigung der eigenen Ueberzeugung muß man bei aller Festigkeit ehrlicherweise auch seinem Gegner gewähren. Nach sorgfältigster Prüfung der Bedürfnisse und Wünsche der in Betracht kommenden Kreise, die zu den strebsamsten Elementen der russisch-jüdischen Arbeiterschaft gehören, wurden als Lehrgegenstände Deutsch, Mathematik und Russisch gewählt. Drei Studenten und drei Arbeiter arbeiteten gemeinsam den Lehrplan aus. Für einen Teil der Arbeiter, welche die Geiverbeschule der Stadt Zürich besuchen, ist es vom größten Wert, sich in Mathematik und deutscher Sprache zu vervollkommnen, da die mangelhafte Vorbildung gerade in diesen Fächern es ihnen unmöglich machte, dem Kursus in der Gewerbeschule mit vollem Nutzen zu folgen. Ein anderer Teil der Arbeiter, der die Wsicht hat, nach Rußland zurückzukehren, will die Möglichkeit ausnutzen, sich unter anderem auch in der russischen Sprache fortzubilden. Eiirmal in der Woche wird ein Leseabend veranstaltet. Ferner ist mit gutem Erfolge ein populärer Kursus über die Grundbegriffe der Naturwissenschaft gehalten worden. Es konnte schließlich den Arbeitern die Benutzung einer aus einem Nachlaß herrührenden, sehr guten Bibliothek, die wissenschaftliche und literarische Werke enthält, ermöglicht werden. In Folge des ständigen Fluktuierens der Emigranten, ist die Zahl der Schüler erklärlicherweise eine wechselnde. Im ganzen haben die Schule, die zwei Kurse abhielt, einen für Anfänger, einen für Vorgerückte, 123 Schüler besucht, darunter auch einige Frauen. Es wurden 'an 74 Schultagen 259 Unterrichtsstunden erteilt; in Folge einer besonderen Spende von Herrn Rechtsanwalt Garkawy-Moskau konnten, so weit es möglich, die Schulsachen gratis gegeben werden. Gegen eine entsprechende Vergütung hat Zürich eines ihrer Schullokale hergegeben. Im Winter haben 7, im Sommer 11 Lehrer und Lehrerinnen den Unterricht erteilt. ' Es ist nicht zu zweifeln, daß eine ganze Anzahl jüdisch-russischer Arbeiter, die in Zürich Station gemacht haben, auf diese Weise in ihrem späteren Fortkommen wesentlich gefördert worden sind. Berlin. Durch eine neue Ministerial- Verfügung ist, wie das „Berl. Tgbl." aus Thorn meldet, eine Erschwerung der russischen Einwanderung eingetretcn. Alle russischen Auswanderer, die die preußische Grenze passieren, müssen jetzt außer den vorgeschriebenen Legitimationspapieren den revidierenden Gendarmen eine bestimmte Summe baren Geldes, für Erwachsene 400, für Kinder 300 ,/£, vorweisen. Wer das nicht kann, wird über die Grenze zurückgeschoben. Köln. Ausweisungen russisch er Juden. Das Beispiel Berlins in der Frage der Aufenthaltserlaubnis russischer Juden scheint jetzt auch hier Nachahmung finden zu .sollen. Es sind in letzter Zeit eine Anzahl Ausweisungen russischer Juden erfolgt. Es' soll dies der Anfang einer größeren Älktion sein. Auch hier handelt es sich nur um 'Juden. Bon einer Ausweisung von Nichtjuden verlautet nichts. Dabei sollen die .ausgewiesenen Juden ihr gutes Einkommen haben, keinem zur Last gefallen sein und sich politisch nicht im geringsten betätigt haben. Allenstein. Jüdisches Vereins- und Altershaus. Die hiesige jüdische Gemeinde hat das ganze Grundstück Liebstädterstraße 5, neben der Synagoge für 42 000 Ji erworben. Es wird« vorläufig umgebaut und zu einem Vcreinshaus und Altersheini eingerichtet iverden und wird so ausgebaut werden, daß es allen Anforderungen der Neuzeit genügt. Stratzburg i. Elf. Das israelitische Konjsistorinm des Unter-Elsaß hat an seine Gemeinden folgendes Rundschreiben erlassen: „In Anbetracht des mißlichen Standes des Religionsunterrichtes in unseren Gemeinden, der das jüdische Leben und den öffentlichen Kultus sehr gefährdet; in Anbetracht der Aufhebung der israelitischen Schulen wegen geringer Schülerzahl, hat d«as israelitische Konsistorium des Unter- Elsaß in seiner Sitzung vom 15. Juli 1906 folgendes beschlossen: Es soll eine Kasse gegründet werden, die nachstehende Verwendung in Aussicht stellt: 1. Beiträge für Religionsunterricht, wo es erforderlich ist, zu gewähren. 2. Den Unterricht den armen Kindern zu erleichtern. 3. Die Fortbildung des Religionsunterrichts der nicht mehr schulpflichtige» Kinder, in Bibel und in Talmud usw., zu unterstützen. 4. Vergütungen den Vorsängern zu gewähren, die in den Fächern ihres Amtes Unterricht erteilen; die Jünglinge oder Männer zur Ausübung des Gottesdienstes vorbereiten, besonders im Thoravorlesen, damit die Vorbereiteten im nötigen Falle einen Vorsänger ersetzen können. Das Konsistorium oder die hierzu berufene Verwaltung hat diesen Unterricht zu überwachen und jedes Gesuch genau zu prüfen. Die Vorstände und Gönner unseres Werkes werden gebeten, Unterzeichnungen für jährliche Beiträge aus der Kultuskasse Und bei den.Mitgliedern ihrer Gemeinde zu veranlassen uird die Listen Herrn Jules Klein, Konsistorialmitglied des Unter-Elsaß in Bischheim bei Straßburg, übersenden zu wollen. Dieses Zirkular soll am nächsten Sabbatmorgengottesdienste in der Synagoge abgelesen werden; dann einen Monat in der Vorhalle angeschlagen bleiben."

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