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Neue jüdische Presse · 1906-08-17 · Heft 32 (17.8.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 32 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. 32. berechtigt erscheint, der Bote habe den ganzen Berg Moriah mit sich genommen. Doch -zur Ehre des Boten sei es gesagt, er ist über jeden Verdacht des Eigennutzes hocherhaben, er betreibt auch dieses Nebengeschäft-nur als' Mittel zum heiligen Zweck. : Seine Hauptaufgabe jedoch ist, den Inhalt der Blechbüchsen an sich zu nehmen, 'die fast in jedem jüdischen Hause angebracht sind. In diese Büchse fließt jeder Groschen, den man der Wohltätigkeit weihen will. Ehe He Hausfrau die Hände emporhebt, um den Segen über 'die Sabbat-Lichter zu sprechen, ehe der Hausherr eine Reise unternimmt, wird eine Gabe in die Büchse getan; kehrt der Todestag eines lieben Angehörigen wieder, liegt ein Fämilienglicd auf 'dem Krankenlager, oder hat der Todesengel seinen Einzug gehalten, cs wird ein Opfer in die Büchse gelegt; wird ein Familienfest gefeiert, hat inan einen guten Verdienst gehabt, die Büchse erhält ihren Unteil. Auch in der Synagoge ist ein großer Behälter für den gleichen Zweck vorhanden, und bei den Gottesdiensten an den Wochentagen, besonders am Montag und Donnerstag, wird keiner versäumen, sein Schcrflein dort hinein zu legen. Wen» nun der Bote erscheint, wird der Inhalt sämtlicher Büchsen ihm übergeben, und nach einigen Tagen wird er mit derselben Herzlichkeit verabschiedet, mit der »ran ihn empfangen und während seiner Anwesenheit mit dem Besten bewirtet hatte. Ist über 'jeder Bote schon eine geachtete, vertrauenswürdige Persönlichkeit, so ist dieses bei demjenigen, von welchem der Fremde gesprochen, noch in weit höherem Maße der Fall; denn neben seiner Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit, war er auch klug und' mutig, um auch in weltlichen Angelegenheiten seinen Mann zu stehen uni» für eine gerechte Sache alles zu wagen und alles zu unternehmen; dazu besaß 'er noch eine gediegene Bildung, sowohl in den talmudischen, als auch in den profanen Wissenschaften, sodaß er in allen Kreisen der Judenheit ein gerngesehener Gast war. Während nun die Aufregung in Tanger immer höher stieg, verbreitete sich die Kunde wie ein Lauffeuer, daß dieser Bote, Zemach ben David, sich auf dem Wege nach Tanger befinde. Das war nämlich das Geheimnis, welches Rabbi, Rachum seiner Frau anvertraut und welches sie, mit großer Verschwiegenheit, bald weiter verbreitete. Eine große Ungeduld hatte sich der guten Frau bemächtigt, eine Ungeduld, die. sie mit ihrer hübschen Tochter Dinah teilte, die mit diesem Boten seit seinem letzten Besuche über die zärtlichsten Angelegenheiten einen Briefwechsel in der reinsten hebräischen Sprache unterhielt. Dieser Bote war cs nun, der auch von dem Fremden mit solcher Sehnsucht erwartet wurde. Doch, außer dem geistigen Oberhaupt der „Mellah", Rabbi Nachum, wußte kein. Mensch etwas davon. Der Fremde war ja verschwiegen und unzugänglich wie das Grab. Er sah ans, als ob man ihn vor kurzem erst ans der Folterkammer gezogen, und zu eineni mißgestalteten Dasein zurück gepflegt hätte — —. Sein Körper war hoch und massiv, doch schienen alle seine Glieder aus den Gelenken fallen zu wollen; sein Unterkiefer war zerschlagen und spitz und bildete mit der gekrümmten. Nase eine grade Linie; dicke, struppige Augenbrauen liefen wie ein Strich von einem Ende der Stirn bis zum Andern; sic waren so buschig und schwarz ivie der 'ungepflegte Schnurrbart, der ein Paar Lippen beschattete, die bei dem leisesten Versuch zum Sprechen heftig zuckten. Seine ganze Erscheinung machte einen peinlichen Eindruck, jedoch mehr Mitleid erregend, als abstoßend, ganz besonders durch seine tiefblauen, fenchtschimmernden Augen, die man sobald nicht vergessen konnte. Sein ganzes Wesen bekundete überstandene schwere Leiden, und man konnte ihin die herzlichste Teilnahme nicht versagen, auch wenn man ihn zum ersten Male sah. , Es war noch früh am Morgen. Während der Nacht war ein strömender Regen niedergegangen, und auch jetzt war kein Heller Schein in den dunkeln Wolken sichtbar. Am Ufer ivaren die nie fehlenden jüdischen Lastträger in großer Zahl vorhanden, deren geübtes Auge nach einem dunkeln Fleck in weiter Ferne spähte. > „Er fährt jetzt gleich ein," sprach einer. „Ja, er wird bald hier sein," erwiderte der An geredete. „Ist das nicht Rabbi Nachum mit dem Fremden?" fragte wieder einer, im Tone höchster Vcr- .wundcrung, ■ als die beiden Genannten aus dem Stadttore traten und sich dem Landungsplätze näherten. ' Frankfurter Israelitischer Famllirnblatt. „Sie kommen gewiß, den Boten von Zion zu empfangen," erklärte ein älterer Mann. Das Erscheinen des greifen Rabbi erregte nicht geringes Aufsehen; er wurde von allen freundlich begrüßt, und ehrfurchtsvoll traten sie zur Seite. „Dort ist Unser Dampfer," sprach er zu dem Fremden. „Wenn ich nicht tot zu Boden stürze, ehe er Anker wirst, dann werde ich den Herrn ewig preisen, daß er mich diesen Freudentag hat erleben lassen," erwiderte dieser mit kaum zu unterdrückender Aufregung. „Gebietet Eurer Erregung, Herr. Wir sind nicht unbeobachtet, und dort stehen die Diener des russischen Konsuls," nlahnte der Rabbi voller Mitleid. „Die Winde, die Winde! Wer kann dem Sturm gebieten?" murmelte der Mann wieder. Der Rabbi hatte es gehört. „Er, dem alle Elenlente gehorchen und dem alle Sphären dienen!" sprach der Greis ernst. „Das Schiff wird vor einer Stunde nicht einfahren, Herr, und Ihr seid zu schwach, um so lange hier zu warten. Warum wollt Ihr nicht lieber die Ankunft unter meinem Dache abwarten?" „Was, ich soll mein Kind, meine Kinder nicht hier erwarten, ich soll ihren Anblick, wenn 'auch nur um Minuten, selbst verzögern?" ries der Fremde, während heiße Tränen ihm über die Wangen liefen. „Ja, das ist meine Ansicht, Herr Pakarow. Ihr seid gefaßt gewesen unter dem Drucke der Leiden; doch könnte es geschehen, daß die Freude Euch niederwirft-. Und dann diese Feuchtigkeit, die der Arzt Euch doch streng verboten hat," mahnte besorgt Rabbi Nachum. „Rabbi, ich danke Euch für Eure Fürsorge; allein ich könnte eher die Erde verlassen, als meine Augen von jenem Schiffe wenden. Seid unbesorgt; Rüben Pakarow hat Nerven ans Eisen, Sehnen von Stahl und ein Herz aus glühendem Feuer, oder er wäre längst tot und begraben-! Wir werden meine Tochter und ihre Freunde hier erwarten." „Der Bote ans Zion war aber stets mein Gast, Herr Pakarow; meine Frau und Tochter werden es auch dies Mal nicht anders haben wollen." „Zemach hat eingewilligt, daß fortan mein Heim auch das seinige sein soll. Der junge Mann, den ich die Krone menschlichen Edelmutes nennen möchte, hat für mich inehr getan, 'als Ihr. ahnet; darum, Rabbi, bitte ich Euch herzlich, gebet mir Gelegenheit, meine Dankbarkeit zu bekunden. Ihr seid ihm zu nichts verpflichtet, ich aber schulde ihm alles," versicherte Pakarow ernst 'mit einer Stimme, die aus der Tiefe des Herzens kam. „Ihr irrt Euch," widersprach der Rabbi mit gleichem Ernst. „Wir alle sind ihm zu Dank verpflichtet wegen der Mühen und Beschwerden, die er aiif sich nimmt im Interesse unserer Brüder im heiligen Lande. Zemach ben David ist ein edeler Mensch. Nichts ziert mehr die Knospe der Jugend, als wenn sie sich mit der Tugend des Alters verbindet. Und bei ihm ist 'dieses der Fall. Er liebt meine armen Brüder, und darum liebe ich ihn. Uebrigens wollen wir eS ihm überlassen, zu entscheiden, wer ihn während feines Hiesigen Aufenthaltes beherbergen soll." Rabbi Nachum schlug dieses lächelnd vor, überzeugt, daß der grüßte Anziehungspunkt für den Jüngling doch in seinem Hause sei-. „Und sehet da," fuhr er fröhlich fort, „jetzt erscheint auch die Sonne, um unsere Gaste zu begrüßen." „Gäste für Euch, Rabbi," war Rubens leidenschaftliche Antwort, „doch die ganze Lebensfreude für mich!"- Kaum hatte der Dainpfer Linker geworfen, als er auch schon von einer Anzahl Bote förmlich umlagert war, und die Lastträger stürzten sich ins Wässer, um den Reisenden beim Landen behilflich zu sein. Pakarow hatte bald den Gegenstand seiner Liebe und seiner Sorgen erblickt. ' „Da, da sind sie! Meine Tochter, mein geliebtes Kind!" rief er außer sich vor Freude. „Sie sicht mich, sie erkennt mich! Oh, meine geliebte, meine herzige Hulda!" . „Ja, ich sehe Zemach ben David und noch zwei andere," bestätigte der Rabbi, der bei der Aufregung des andern nicht ungerührt blieb. Das Boot, welches Pakarow schon vorher gemietet hätte, schoß wie ein Pfeil davon, nachdein dem Führer die Personen auf dem Dampfer gezeigt waren, und nach wenigen Minuten wurde ein junges Mädchen .tief 'verschleiert, und zwei junge Leute, der eine in orientalischer Tracht, in das Boot hinabgelassen. Nachum ergriff Pakarows Arm und bat ihn, sich zu beherrschen, und nur gewaltsam konnte er ihn zurückhalten, sich nicht ins Wasser zu stürzen. Bald knirschte das.Boot aus dem Sande, Seite 5. und Rüben empfing seine Tochter mit einem Freudenschrei, der jedes Herz erbeben machte. „Kind, mein Glück, mein Leben, mein Alles — — —!" Das Mädchen war nicht minder erregt: ein Tränenstrom stürzte aus seinen Augen, doch spreche» konnte'es nicht. ' Inzwischen begrüßte der Rabbi den Abgesandten aus dem heiligen Lande, der ihm seinen Begleiter, Ezra Amitin, vorstellte. Nachdem Rüben auch diese nmarnrt und seine Freude noch immer nicht mäßigen konnte, machte Nachum der Szene ein Ende, indem er sie zu dem Fahrzeug drängte, das sic nach der Stadt bringen sollte. Rüben hatte ein ganzes Haus für sich und seine Angehörigen gemietet. Als der Wagen dort anlangte, wurde die Türe hastig anfgestoßen, und eine ältere Frau empfing das Mädchen mit leidenschaftlichen Küssen und Tränen. „Hulda, Liebling!" rief sie fortwährend. .Mein geliebtes Herz, sollen meine Augen Dich doch noch sehen-! Du süßes Kind, Du bist blaß geworden in dem gräßlichen Gefängnis-doch immer noch so schön als damals, da ich Dich auf meinen "Armen trug." ' - (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Holzappel. Der Bürgermeister ist im Recht. Kolmar. 1. Buch Mosis 3, 20: Und es nannte Adam den Namen seiner Frau Chawa (die Leben Spendende), denn sie war die Mutter aller Lebenden. 5, 4: "Adams Tage, nachdem er Scheth gezeugt, waren 800 Jahre und er zeugte Söhne und Töchter. Frankfurt. Sehr schwer zu eruieren! Falls Sie genauere Angaben machen können, wollen Sie sich init uns in Verbindung setzen. Offenbacbtr Druckluft=Anlage Telefon 123. Offenbach a. II. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichreinigung. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 18. August (=20. Aw): Sabbat - Anfang in Frankfurt a. M. 7 llhr 10 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 30 Min., Berlin 8 Uhr 15 Min. Die Sidra Re-ei zeichnet sich durch Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit gesetzlicher Vorschriften aus! Zunächst hören wir von Segen und Fluch, in Verbindung gebracht mit den beiden Bergen Gcrisim und Ebal. (Genaueres im Abschnitt Ki-aowau). Ausrottung des heidnischen Götzenkults, Vorschriften über freiwillige Opfer Heben und Zehnten, Verbot des Blutgenusses (daher unser Wäffern und Salzen des Fleisches), Hut vor falschen Propheten und Verführe', n zum Abfall, seien es Privatpersonen oder eine ganze Stadt. Strafbestimmung für diese genannten! Wiederholung der im 3. B. M. enthaltenen Speisegesetze, doch in verkürzter Form. Den Schlußteil bildet das bekannte Festtags-Kompendium: Asser-te-asser. Inhalt: Der vom Feldeigentümer selbst in Jerusalem zu verzehrende Maaser-sclieini, das siebente oder Brachjahr. Die volle Unterstützung jüdischer Armen, die F eilassung jüd. Knechte (nicht „Sklaven". welcher Namen im üblichen Sinne unangebracht erscheint!) Weihe des erstgeborenen männlichen Viehes, endlich Näheres über Geschichte und Gesetzliches der der Wallfahrtsfeste. Einsegnung des Neumondes Elul! Ransch-chandesch Elul ist am Dienstag und Mittwoch. (21. und 22. Aug.) In den überaus meisten Gemeinden ist am Eref-Ransch-chaudesch (Montag) Jaumkippnr-kotaan. Sehr häufig besucht die jüd. Bruderschaft an diesen! Tag das Üet-chajim. Elul ist der letzte Monat des bürgerlichen Jahres. Als Vorzeit zum ernsten Ranscbbascbonob- Feste ganz der Buße geweiht! Nach der Tradition betete Moses ganz Elul uud die ersten 10 Tage Tischri — also 40 Tage — um Vergebung der Kalbessünde. Am 10. Tischri kam die Verzeihung. Daher ganz Elul Bußeübung im Hinblick auf Gottes rege Gnade. Man bläst Schofar vom 2. Tage Rausch-chamiesch an, manche schon vom 1. Tage an. Viele fasten öfters freiwillig. In unfern Gegenden meist die letzten Elultage, die sogen. „Selichos-Tage." Häufig Friedhofsbesuch Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ——— Vornehmstes Tafelwasser. Schuhmacherei D U P P. Bdrneplatx 23. Reparatur. Billigste Preise. Möbelschreinerel Rosenthal, Uhlandstr.53. Anfertigung von Möbel in allen Holzn. Stylarten. — Aufpolieren yon Möbeln und Härteren. —

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