Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 32 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 32. ^eite ä. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ' Da wir gerade bei der Frage über die Berechtigung^ zu diesem Attentate auf das Judentum angelangt sind, so wollen wir auch einmal die Zweckmäßigkeit desselben prüfen. In unserem heutigen deutschen Judentum gibt es der Parteien so viele. Da sind vor allem die religiösen Gegensätze: Gesetzestreue und solche, die vom Judentume sich abgewendet haben und nur noch durch eine ganz kleine Scheu vor der Taufe sich zurückhalten, dann Leute, welche wenigstens bei Begräbnissen, Jahrzeit, Rosch haschono und Jom- Kippur sich ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erinnern, weiter solche, die zwar gerne ihr Judentum betätigen würden, würde ihnen der Sabbat, die Speisegesetze und ähnliches nicht gar so unbequem sein, dann gibt es, und dies sind die Mehrzahl, Leute, welche schlecht und recht ihre Religion halten, am Sabbat das Geschäft ruhen lassen und trepho nicht essen und die voll Liebe am alten Judentum hängen und es vor allen Angriffen und Neuerungen schützen möchten. Dann existieren noch Gegensätze zwischen Land- und Stadtgemeinden, soziale Unterschiede, politisch-religiöse Abweichungen: da gibt es eine zionistische Bewegung und deren Gegner, da muß inan sich gegen äußere Angriffe auf unsere Gleichberechtigung, auf Schcchita, Schulchan aroch und dergl. wehren, da existieren Vereine zur Erhaltung von Waisen, Altershäuscrn, lokale Wohltätigkeitseinrichtungen re. Und bei dieser Sachlage, wo auf der einen Seite schon genug der Entzweiung und Zwietracht existiertsodaß es eigentlich wunderbar erscheint, daß das Haus der Judenheit noch zusammenhält, und auf der anderen 'Seite, wo all die Humanitären, sozialen und politischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse zur Einigkeit drängen, da wirst die Weisheit eines Großh. Oberrates einen Zankapfel zwischen, die Glaubensgeuossenschaft seines Landes, ja sogar des deutschen Reiches und ruft den religiösen Hader hervor und verbittert die Gemüter. Und trennt die badischeJudenheit von dem Zusammenhänge mit der Judenheit der Welt, indem er rhr einen ganz neuen Glauben aufzwingt. Denn was hält uns Juden auf der Welt noch zusammen, da wir weder gemeinsames Land, noch gemeinsame Sprache besitzen, als die gemeinsame Hoffnung auf die Erlösung und die Wiederherstellung des Reiches der Thora auf hl. Boden und im hl. Gottestempel, und gerade diese Momente streicht der Oberrat und seine Genossen aus dem Gebete und den Herzen der bad. Israeliten! / (Fortsetzung folgt.) Brief aus Rumänien. Verlad, 10. Aug. 1906. (Das Elend der jüdischen Intelligenz. — Die Bukarestcr I ubiläumsausst ellung.) Unter allen Ausnahmegesetzen, mit denen die rumänische Regierung die Juden bedacht hat, sind diejenigen, die die jüdische Intelligenz betreffen, die schlimmsten und ungerechtesten. Nicht so sehr dadurch, daß die Intelligenz den Druck von oben mehr spürt, als der Handwerker oder Kleinkrämer — sondern die Begründung liegt in der Natur der Sache. Die Maßregeln, die gegen die gebildeten Stände — besonders aber gegen die studierende Jugend — gerichtet sind, sind die schärfsten in ihrer Art; sie gehen weit über die russischen hinaus. Während in Rußland die Juden zwar nur prozentual zum, Studium zugclassen werden, aber geschieht dies einmal, so steht dem Studierenden freie Studien- und Berufswahl zu, — beschrankt das rumänische Ausnahmegesetz die Juden blos auf ein Studienfach: die Medizin. Nominell werden jüdische Abiturienten — bei erhöhten Kollcgicngeldern — zu allen Fakultäten zugelassen. Die praktische Ausübung des Berufs aber ist blos den Aerzten erlaubt. Die Folge davon ist,' daß kein Jude Jurisprudenz oder ein technisches Fach wählt, wo ihm im voraus die Praxis untersagt ist. Was' aus dieser „klugen Gesetzgebung" entstanden ist, spottet jeder Beschreibung. Es ist ein Elend, das das der ärmsten Schichten imJudentume weit übertrifft. Hunderte von jüdischen Abiturienten, von praktischen Aerzten gehen brotlos herum — sterben buchstäblich vor Hunger. Der Ücberfluß au Aerzten ist so groß, daß zum Beispiel in einer Stadt wie Verlad — es wohnen blos 1500 jüdische Familien hier — nicht weniger als 17 jüdische Aerzte „existieren". Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß von diesen 1500 Familien höchstens 20 einen beständigen Hausarzt haben. Sonst wird „der Doktor" nur bei schweren Erkrankungen hcrbcigeholt. Die Kurpfuscher — sog. „Rofim" — versehen meist dje Stelle des Arztes. Kann der bedrückte jüdische Arbeiter durch Auswandern sich zu helfen suchen, so ist dieser Weg der jüdischen Intelligenz verschlossen, da ihr jegliche Mittel fehlen — um sich in der „großen Welt" eine Existenz zu begründen. Wie ungerecht diese Gesetze, die soviel Elend geschaffen haben, sind, zeigt am besten die jetzige Jubiläumsausstellung in Bukarest. Dort soll gezeigt werden, was Rumänien alles in den letzten 40 Jahren hervorgebracht, welchen Aufschwung es genommen hat. Alle Produkte der Technik und Industrie werden in Prachtsälcn vorgeführt. Dabei ist verschwiegen worden, daß mindestens ein Viertel dieser Produkte aus jüdischen Händen stammen, daß die „Fremden" (so nennt die rumänische Regierung die Juden) in dieser Zeit den Handel und die kleine Industrie gefördert haben, ja, daß bis vor kurzem in ganzen.Berufszweigen — besonders im Handwerk — ausschließlich Inden tätig waren. Die deutsche Presse — und besonders die französische — hat mit Begeisterung den Aufschwung Rumäniens unter seinem gerechten Fürsten besprochen; .doch kein Wort war zu lesen über die ungerechte und schmähliche Behandlung der Juden, die zum großen Teil an diesem Aufschwung mitgewirkt haben. Das nimmt uns nicht wunder, wenn wir an Rußland denken — jedoch darüber das nächste Mal. Isidor Berkowici, cand. phil. Brief aus Rußland. In der politischen Ucbergangszeit, die Rußland gegenwärtig durchmacht, schwebt zwischen Tag und Nacht auch unsere Lage. Wir befinde» uns ständig in einem unklaren Zustande, unfreiwillig sind >vir in den allgemeinen Stronr hineingeraten, wir werden von ihm getragen, ohne zu wissen, wohin er uns führt. Nur dieser eine Weg liegt vor uns, ein anderer nicht: wird die Revolution durch einen Volksaufstand siegen, wird sie überhaupt ausbrechen und zum Ziel gelangen, dann sind wir gerettet, dann ist unsere Lage gesichert, denn das nationale Bewußtsein, das in uns lebt, bürgt uns dafür, daß wir nicht in denselben Fehler, den unsere westeuropäischen Brüder in ihrem Befreiungskämpfe gemacht haben — nämlich, sich mit einer halben Freiheit zu begnügen — verfallen werden. Wir russischen Juden sind in den Streit nlit einem festen nationalen Programm gezogen. Zwar ist das Programm nicht dasselbe bei allen, aber darin sind sich alle einig — von der liberal-bürgerlichen Partei bis zur radikal-sozialen —, daß dem russischen Judentum sein nationales Dasein gesichert werden muß. Wohl gibt es hier und da Assinrilationstendenzen, allein sie wagen sich nicht hervor. — Sollte aber die Volksrevolution überhaupt nicht ausbrechen oder bei ihrem Ausbruch eine Niederlage erleiden, dann ist unsere Hoffnung auf bessere Tage in eine weite Ferne gerückt. Ein weiterer Umstand, der für den Sieg der Revolution in Frage kommt, ist 'die Politik der Regierung. Wird sie eine reaktionäre Haltung einnehmcn, dann ist die Sache der Revolution gesicherter, denn dann >vird eine Einigung und ein festes Zusammenhalten der freiheitlichen Kräfte erzielt. Anders aber, wenn die Regierung sich zu halben Reformen entschlösse, denn diese würden eine Spaltung der oppositionellen Kräfte bewirken, indem einerseits ein Teil des gemäßigt-liberalen Bürgertums und andererseits auch sogar ein Teil der Bauernschaft zur Regierung abschwenken und auf diese Weise die Regierung eine ihr genehme Mehrheit bei den Wahlen zur Duma erzielen würde. Somit würde dann an die Stelle der Revolution von u n t e n die Revolution von oben treten. Daß die Lage der Juden sich unter diesen Umtänden sehr traurig gestalten kann, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Schon sprechen die Regierungszeitungen voir Erweiterung der b ü r g e r - lichcn Rechte der Inden, Ausdehnung des jüdischen' Rayons und größerer Freiheit im Handel n. dgl., aber nicht von der Gewährung politischer Rechte; weder sollen sie das Recht erhalten, zu wählen, noch das Recht, gewählt zu werden, und nicht nur aus dem Parlament, sondern auch aus den Stadt-Dumas sollen ie entfernt werden. Die offiziöse „Nowjc Wremja" geht sogar so weit, zu fordern, daß man die Inden vom Militärdienste entferne, damit man ihnen die Klage vorlvcgnehmc, daß sie alle Pflichten zu erfüllen haben, aber keine vollen Rechte genießen. Sollte dieser Fall cintretcn, dann würde sich unsere Lage noch schlimmer als jetzt gestalten. Der Haß und die Geringschätzung der unteren Schichten den Juden gegenüber fußen auf unserer Entrechtung, und da unsere Ungleichheit nach wie vor bestehen wird, so kann dieser Haß nicht schwinden, und seine praktischen Folgen für uns Inden können sogar noch schlimmer sein wie bisher, da wir durch die neue Gestaltung. der Lage im ganzen Lande zerstreut und somit überall nur schwache Minderheiten bilden werden. Ja, wir werden noch geringschätziger als jetzt in den Augen der Bevölkerung dastchen, da dann auch sämtliche anderen Nationalitäten Rußlands, die gegenwärtig rechtlos sind, ihre vollen Rechte haben ivcrden. Glücklicherweise ist jedoch von den Stolypin'schen Reformplänen nicht viel zu befürchten. Auch Witte hatte bei seinem Antritt zur Beruhigung der Börse viel von Reformen gesprochen, und ebenso, wie seine schönen Versprechungen im Sande verlaufen sind, so wird es auch wahrscheinlich mit dem Stolypin'schen Liberalismus enden — die Tatsachen beweisen cs bereits. Wie dem auch sei: der gegenwärtige Zustand ist für uns Inden ein überaus schwerer, mit Schrecken verfolgen wir die politischen Metamorphosen Rußlands, ohne zu wissen, wohin sie uns bringen. S. T s ch e r n o w i tz. Die Woche. Die „G e r m a n i a" brachte jüngst unter der Ucberschrift „Zweierlei Ehre" ans Brasilien einen Artikel, in dem sie der Solidarischerklärung von 4000 Eisenbahnarbcitern mit einigen von einem groben Ingenieur drangsalierten Kollegen und dem dadurch veranlaßten Streik dieser Leute, der sie auf Wochen der Not und ihre Zukunft dem Zufall preisgab, die Handlnngslveise der jüdischen Geldaristokrat i e gegenüber ihren Glaubens- "und Stmnmesbrüdcrn in Rußland gegenüberstellte. Das Bruderband des Rafsenblutes und der Religion sei zweifelsohne ein natürlicheres und verpflichtenderes, als das der Arbeit; dazu komme im Gegensatz zur Abhängigkeit des Proletariers.die freimachende Wirkung des Besitzes, auch die Momente der höheren Bildung seien in Betracht zu ziehen, und es sei demnach klar, daß die jüdische Geldaristokratie einmal befähigter und zum andernmal verpflichteter war, ihren leidenden Brüdern zu helfen, wie die Proletarier. Und nun schaue nian den nackten Tatsachen ins Gesicht. Die Scheußlichkeiten von Bialystok, die Vergewaltigung von Frauen, die Zerschmetterung von Kindern, die ganzen grauenhaften, organisierten Metzeleien bilden das vorläufig letzte Glied einer schon langen Kette ähnlicher Verbrechen, deren Schauplatz das Zarenreich und deren Anstifter, offen zugegeben, die russischen Behörden waren. Und diese Blutbäder sind mit Waffen, mit Henkersknechten angerichtet worden, deren Bezahlung großenteils aus den Taschen des internationalen Geldjlldentums kam. Hätten diese Leute auch nur eine Spur von der ganz gemeinen Proletarierehre des Arbeiters in sich, so wäre das Reich des Zaren schon lange seinem mehr als verdienten Schicksal verfallen, so würden sie die Zumutung, den Peiniger» ihrer Brüder Geld zu deren.Vernichtung zu verschaffen, als schmachvolle Beleidigung von sich weisen. — Traurige Wahrheit — doch , irrt die „Germania", wenn sie die Handlungsweise des