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Neue jüdische Presse · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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, Seite 1v. Frankfurter Israelitischer FamUienblatt. Nr. 31. Krvorhineiu auf eine wirklich demokratische Bauernschaft geben könnte; durch vorschnelle, zu starke Einwanderung könnte ein Ueberangebot von Arbeitskräften und daraus: eine Vermehrung des unproduktiven städtischen Proletariats entstehen; die Umwandlung der überschüssigen Industriearbeiter in ländliche Tagelöhner könnten die auf den meisten Kolonien beschäftigten Araber züm Teil brotlos machen und die Antagonie zwischen Arabern und Juden erheblich steigern; zwischen den ländlichen Arbeitgebern, die wenig leistungsfähig sind, und den jüdischen Arbeitnehmern, die in ihrer Lebensführung j>eit unendlich anspruchslosen Arabern nicht vergleichbar sind und ein ausgesprochenes Klassenbewußtsein haben, werden sich vielleicht scharfe soziale Gegensätze bilden; der übermäßige Selbstäirdigkettsdrang könnte unsere jungen Leute verführen, zu früh mit unzulänglichen Mitteln eigene Niederlassungen zu gründen, die sich nicht halten und den Typus der Unter* stützungskolonisten vermehren könnten; die Neuen könnten überhaupt durch die hyperkritische, unzufriedene, teilweise verzweifelte Stimmung der alten Kolonisten entmutigt, zermürbt und verdorben werden; es könnten Käufe und industrielle Gründungen von privater Seite erfolgen mit allen Unvorsichtigkeiten, Fehlern und Unzulänglichkeften jener bekannten Art, welche zu Krachs und'Krisen führen müssen und dadurch das ganze Land, Besiedlungswerk und die jüdische Arbeit in Verruf und Mißkredit bringen; es könnten endlich leichtsinniger Weise, ohne vorherige genügende rechtliche Sicherungen von Einzelnen oder Gesellschaften neue Kolonien angelegt werden, die als choveve-zionistische im schlimmen Sinne und als verhängnisvoll zu betrachten wären. Wl diese Gefahren sind in ersten Spuren bereits ausgetreten, und es besteht kein Zweifel, daß sie — falls ihnen nicht auf rationelle Weise vorgcbeugt und begegnet wird — verderblich werden könnten. Aber schon hier mag vorgreifender Weise gesagt sein: den'meisten dieser Schäden ist abzuhelfen; und die übrigen sind solcherart, daß sie auf jeden Fall irgend einmal der kolonisatorischen Arbeit ent gegentreten und überwunden werden müssen, wenn nicht heute, so später, und ganz genau so nach erlangtem Charter als vor demselben. Es stehen aber diesem Berg von gefahrvollen Problemen nicht wenig gewaltige Vorteile gegenüber, . die die Bewegung der Palästina-Pioniere in ihrem Gefolge mitführt, und ein Tell von ihnen ist direkt geeignet, der einen oder der anderen oben skizzierten Gefahr zu begegnen: der allen, durch Leiden und enttäuschten Idealismus erschlafften, durch die Kolonisatton-Chaluka, d. h. gewohnheitsmäßige Unterstützung, demoralisierten palästinischen Bauernschaft wird ein Strom jugendfrischen, arbetts- und hofsnungsfteudigen, selbst bewußten, Wohlätttgkeit und Bevormundung hassenden Blutes zugeführt; ' unproduktive, sozial zersetzende Elemente werden durch die Verpflanzung in ftiedliche produkttve umgewandelt; die Abhängigkeit der palästinischen Bauern vom tagelöhnernden arabischen Landarbeiter wird aufgehoben; die Schaffung eines jüdischen Landarbeiterstan des, ein wichtiger Schritt zur physischen Regeneration, wird durch Ueberführung weiterer Schichten von jungen Juden zur wirklich persönlichen Boden bearbeitung die ganze bisherige Kolonisation zu einer normalen machen, was sie bis heute nicht war; die Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe wird durch das größere Interesse und die besseren Anlagen und Kenntnisse des jüdischen Au Leiters erhöht; ‘ die Schaffung von Jndustrieen wird ermöglicht und beschleunigt, wodurch auch bisher unprodukttve einheimisch jüdische Arbeitskräfte Verwendung finden und das städtische Bettelproletariat perlleinern; die Absatzmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Produtte werden durch die sie verwertende Industrie gesteigert, die Ausfuhr und der allgemeine Wohlstand gehoben, insbesondere die Unabhängigkett vom philanthropischen Kapttal beschleunigt; die physische und invralische Stärke des Jüdischen Elements gegenüber dem eingeborenen wird vermehrt; ' ' die Steuerfähigkett der Juden wttd erhöht und dadurch ihre .Position der Beamtenschaft und den hohen Landesbehörden gegenüber verbessert; die diplomattschen Aufgaben der zionisttschen Leitung werden durch Hinweis auf unsere wachsenden Interessen im Lande, ganz besonders aber durch den Nachweis unserer Befähigung zur Erschließungsarbett und zur Schaffung ökonomischer Werte für den türkischen Staat wesentlich erleichtert; die jüdische Kulturarbeit im Lande erhält hervorragenden 'Zuwachs. Es will scheinen, daß diese fast sicheren Vortelle dem möglichen Schaden die Wage hallen oder ihn stark Lberwiegen. Aber an uns liegt alles: Wir können, wenn wir nur wollen, die Gefahren ausschalten oder überwinden, die Nutzbarketten bis ins Unendliche steigern. An unserem Verhalten hän gt alles: kvenn tS f o oder anders in Wirkung tritt, wird das ganze zionistische Selbsterlösungswerk entweder verzögert, vielleicht gar vernichtet — oder es wird gesunder, schneller und schöner seiner Erfüllung züschreiten. (Schluß folgt.) Die Juden in England. Ein Rückblick auf ihre Geschichte und ihre gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Stellung. Bon Max Giklis. (Fortsetzung). Die Dankbarkeit der Juden für die humane Behandlung, die sie in England erfuhren, zeigte sich bald in dem großen Interesse, das sie an dem Wachsen und Gedeihen ihres neuen 'Vaterlandes zu nehmen begannen. Vermöge ihrer geistigen Begabung taten sich bald Juden lauf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in England hervor. ' Schon im 18. Jahrhundert gab '■ es hervorragende Juden in England. Außer Jacob Wendana und David Nieto, bekannten rabbinischen Schriftstellern, die aber außerhalb der englischen Gesellschaft standen, zeichneten sich aus der Mathematiker Sarmento, Gompertz, Emanuel Mendes da Costa, der Bibliothekar der Royal Society, Sir Salomon Me dina, ein General des Herzogs von Malbourough, der Mediziner Meyer, Loewe Schömberg u. a. Fast alle Genannten waren Fellows der Royal Society. In der kurzen, ihrer völligen Emanzipation folgenden Zeit haben sich Juden rasch zu hohen Stellungen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens emporgearbeitet. Insbesondere aber in der Politik. Als erster und größter käme hier d'Jsraeli, der spätere Lord Beaconsfield, der große Staatsmann und Red ncr, in Betracht. Andere bekannte jüdische Parlamentarier, die alle der liberalen Richtung an gehören, -sind Montague, Arthur Cohen, Lionel Cohen und Sir Julian Goldsmid. In der konservativen Partei nimmt eine hervorragende Stellung ein der Baron von Worms. Auch in dem jüngst zur Herr schaft gelangten Ministerium Campbcll-Bannerman belleiden mehrere Juden hervorragende Aemter. Die City von London wählte als jüdische Sheriffs Lionel Nathan von Rothschild, Sir David Salomons und Sir Moses Montefiore. Die höchste Würde, die die Wettstadt London zu vergeben hat, wurde mehrere Male an Juden übertragen. Jüdische Lord Mayors waren Sir Salomons, Sir Philipps, Sir Carden Baronet und Sir Aron Jsaacs. Vor zwei Jahren war Sir Marcus Samuel Lord Mayor von London. Und so erlebten wir damals das seltsame Schauspiel, daß in derselben Stadt ein Jude die höchste Würde belleidete, aus der seine Ahnen fiov 600 Jahren mit Schmach und Spott, als pogelsrcic Bettler, verttieben worden waren. r- In der Justiz zeichneten und zeichnen sich sehr viele Juden in England aus. So war Sir George Fessel Vizekanzler der Universität London und Master os the Rolls, zu deutsch: Reichsarchivar. Als Philanthrop genoß Sir Moses Montefiore, dessen Neffe Stt Francis einer der „loaäsr" der zionistischen Bewegung in England ist, eine sellene Popularität und Achtung. In der .Literatur taten sich hervor die d'Jsraelis, Vater und Sohn, Samuel Philipps, Ehrendottor der Universität Göttingen, bekannt als Novellist üird literarischer Kritiker der „Times" und Dr. Max Schlesinger. Auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Philologie, Medizin und Presse nahmen und nehmen viele englische Juden einen hohen Rang ein u. a. der berühmte Mathematiker Sylvester, der Sanskrttforscher und Gründer der Indian Association Prof. Goldstücker, die Orientalisten Cedner mrd Deutsch, Sir Rob. Carden, als Mitbesitzer der „Times" und Mr. Joseph Moses Levy, als Eigentümer des „Daily Telegraph". Bekannt als Philanthrop und Gründer vieler gemeinnütziger Anstalten ist Sir Jacob Behrens. Die Zahl der Juden, welche sich seit der Emanzipation in England zu hohen und einflußreichen Stellungen emporgearbeitet haben, ist so groß, daß es unmöglich ist, sie auch nur zu nennen. ■ Ms ein weiterer Beweis für das Schwinden engherziger Anschauungen in England kann die Ausnahme der Juden in die englische Aristokratie gellen. Im „Genealogical Dictionnary" finden wir als jüdische Mitglieder des englischen Wels,"als P'airs: Rothschild und Hershell; als Baronets: Goldsmid, Jessel, Montefiore, Salomons; als Knights: Behrens, Barrow, Ellis, Philipps, Samuel, Sassoon, Simon, Magnus, Vogel, Lopes, Samuelson, d'Aguilar, Goldsmid und Wolfs. Neben den genannten jüdischen Adligen gibt es noch eine Anzahl solcher, die von väterlicher oder mütterlicher Seite jüdischer Abstammung sind. So ist Sir 'Francis Head ein Nachkommen von Moses Mendes, mit dessen Familie auch die Earls von Galloway und Gallway verwandt sind. Der Sohn einer Jüdin aus dieser Familie ist der vor einigen Jahren verstorbene hervorragende Lord Houghton. Mit der jüdischen Familie Ricardo, die den größten Nationalökonomen Englands, David Ricardo, hervorgebracht hat, ist der Earl of March, der Erbe des Herzogtumsvon Richmond und Gordon verwandt. Jüdinnen sind außerdem noch die Gräfin von Orkney, die Gräfin von Desart, die Herzogin von St. Mbans, die Gräfin Rosebery, die Lady Lindsay, die Lady Ducane und die verstorbene Lady Lanhon, die als Mädchen Miß Levy hieß. Die St. Mbans, de Vismes und die Lonsadas sind mit dem englischen Königshause verwandt. Es würde zu wett führen alle adligen englischen Juden oder die Christen jüdischer Wstammung aufzuführen. Erwähnt sei nur noch, daß bei dem letzten Ministeriuinswechsel in England, bei dem ein wahrhaft Preußischer Wolkcnbruch von Ordensverleihungen und Standescrhöhungen aus den englischen Adel niederging, auch ' viele Juden ausgezeichnet wurden. In England sind nicht nur Ehen zwischen Christen und Jüdinnen, sondern auch solche zwischen Juden und Christinnen nicht selten. In beiden Fällen werden die solchen Ehen entsprossenen Kinder ohne die Formalität der Taufe als Christen erzogen. Es dürfte von Interesse sein, etwas über das Leben der reichen englischen Juden zu erfahren. Sie sind tatsächlich derarttg in der vornehmen englischen Gesellschaft aufgegangen und haben sich derarttg assimiliert, daß auffallende Unterschiede, vielleicht die Namen ausgenommen, überhaupt zwischen beiden nicht existieren. Ein Hervorragender englischer Jude sagt über sie folgendes: „Das häusliche Leben der reichen Juden in England leidet sehr unter dem Einfluß des Klublebens, dem die Männer huldigen. Die Frauen bewahren die alle Sittlichkeit, der wir Juden soviel verdanken; von den Männern kann dies nicht gesagt werden. Sie sind große Gönner der Oper und der Music-halls. Den großen Hang der kontinentalen Juden zur Literatur besitzen sie nicht, dafür aber eine ausgeprägte Vorliebe für Pferderenncnwetten. Es gibt sehr wenige Künstler, Journalisten, Schriftsteller, Professoren öder Aerzte unter ihnen, denn größtenteils widnien sie "sich dem Handelsstand oder den Rechtswissenschaften. Es gibt auch einige wohlbekannte jüdische Offiziere. In der Regel ist jedoch der Militärdienst bei den englischen Juden nicht beliebt." (Anin. In Widerspruch dazu steht die Tatsache, daß etwa 100 jüdische Offiziere und 1200 jüdische Soldaten unter voller Anerkennung ihrer soldatischen Vorzüge seitens der öffentlichen Meinung im südafrikanischen Krieg wacker mitkämpften.) ' Wenn wir aus dem Verhalten jener jüdischen Kreise in bezug auf ihr Judentum einen Schluß auf ihre Zukunst als Juden ziehen wollen, so müssen wir uns gestehen, daß sie dem Judentum teils verloren sind, teils verloren sein werden. Ihr eifriges Bestreben, ihre Kinder mit Christen resp. Christinnen zu verheiraten, rechtserttgt diese Annahme, umsomehr als die Kinder aus solchen Ehenwie bereits erwähnt, als Christen erzogen werden. Schaible sagt über die Assimilation der englischen Juden folgendes: Die Juden in England verdanken ihre heutige Stellung, ihre völlige Gleichheit mit den übrigen Staatsbürgern ihrer Adoptivheimat, ihrem englischen Patriotismus, ihrem gänzlichen Aufgehen im englischen Volke, ihrem Aufgeben eines jeden exllusiveN Stammesgefühls. Sie sind in erster Linie Engländer und'erst in zweiter Linie Juden. Ja, es ist schon behauptet worden, daß viele unter ihnen noch englischer wären als die Engländer im allgemeinen. (Schluß folgt.)

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