Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 31 des Frankfurter Israelitischen FmmliMattes. Inhalt Ser Beilage: Artikel: Palästina-Pioniere von Dr. Israel Auerbach, — Die Juden in England von Max Gillis. — Jahrbuch III der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft Von Dr. Philipp Frankl. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. Palästina-Pioniere. Bon Dr. Israel Auerbach. (Fortsetzung). Der Herzlianismus in seiner zweiten Periode war Line erneuerte Ausschaltung der Demokratie, eine neue veränderte Phase der Einzelregierung, die die Volksinitiative lähmte und hintenanhielt. - Desto näher an den Leib rückte den Massen des' Ostens das Leiden, das Leben der 'Gegenwart überhaupt, das kein Warte» auf eine veränderte Zukunft verstummen machen konnte. Was jetzt zu leiden war, ließ sich spüren, was jetzt zu tun war, blieb ungewußi. Wenigstens auf Seiten der Zionisten und auf einem Wege, der die Richtung des Zionismus nicht verließ. Dafür schienen andere Parteien .mit der Lösung der Gegenwartsfragen nur um so schneller. Sozialdemokratie und Revolutionismns riefen ihre Heilmittel auf Straßen und Märkten aus. Streikpolitik und' Terrorismus wiesen auf Kleinerfolge nicht geringer Zahl mit prahlerischem Finger hin. Das fing die Massen, denen der Zionismus nichts Aehnliches zu bieten hatte. Und besonders die tatenfreudige Jugend, in der die edelsten Säfte am tollsten gärten, wandte sich von der Zukunftsbewegung des Zionismus ab, in der sie „gegenwärtig nichts Positives" zu tun erhielt, den neuen, rot flatternden Fahnen zu, die freilich für andere als jüdische Ehre auf das Kampffeld flogen. Die treu bleibende national-radikale jüd. Jugend aber, die gleichermaßen zu kämpfen brannte und der man weder 'Schwerter noch Gegner zeigte, grollte in tiefer Unzufriedenheit, auf , den Tod betrübt, zusehen zu müssen, wie ihr theoretisch dem Judentuni viel gemäßerer Gedanke durch mangelnde Anwendbarkeit auf die Dinge des Tages praktisch immer tiefer in's Hintertreffen kam. Aus diesem qualvollen Zwiespalt der Seele der Massen erhob, sich jetzt der alte Schrei, den die Ankunft Herzls einst hatte schweigen machen: Gegenwartsarbeit! Bon Kongreß zu Kongreß war er angewachsen, erst schüchtern hallend, dann machtvoll dröhnend. Herzls Wundererscheinung überschattete erst sein Dasein, dann suchte ihn seine starke Hand am Boden zu halten, dann brachte er — Ostafrika. Der sechste und der siebente Kongreß bewiesen, daß der Wille des Volkes nicht getroffen wurde, als man ihm Ostafrika als Tummelplatz zur Betätigung seiner überschüssigen Kräfte anwies. Nie war ans dem Boden seiner Seele heraus ein einziger, wenn auch noch so entfernter Gedanke dieser Richtung gezogen. Als Schlachtfeld des Augenblicks bot sich ihm seine nächste Umgebung, während die Region seiner Zukunft für seine Träume allein und ausschließlich am Jordan lag. So kann man sagen: das Volk wäre von selbst, ohne die diplomatische Zufälligkeit des englischen Angebotes an Herzl, auf eine Ostafrikasache — gleichgültig wie dieses Ostafrika hieß —, niemals verfallen. So ging es über den ihm innerlich freniden, nicht von ihm selbst erzeugten, nur von oben als hypothetischen Segen ihm dekretierten Plan hinweg. Wäre Ostafrika in Wahrheit ein Produkt des demokratischen Denkens gewesen, so hätten die großen Schichten des Volkes ihre ersehnte Gegenwartsarbeit' gehabt, wenn sie auch, die vorbereitenden - Studien und Grundlagen dazu noch Jahrzehnte hätten warten lassen. So aber war das Dürsten nicht gestillt, das Gären, nahm nach diesem Intermezzo erst recht seinen Fortgang, und der Schrei nach Gegenwartsarbeit verdichtete sich in einer neuen Bildung, der Bewegung der Poalei-Zion, dieser merkwürdigen kraftstrotzenden Zwie-Geburt des nationalen Gedankens und der — Revolution. Beide Faktoren rangen und ringen um seinen seelischen Besitz, und die Zeit ist nicht allzulang bemessen, wo noch beide sich in seinem Inneren die Wagschale zu halten vermögen. Die Spaltung kommt, und dann rechts oder links: hinein in die Revolution mit Haut und Haaren — oder hinauf nach Palästtna. Esistkein Zufall,daßdieBewegung- -ung der Palästina-Pioniere aus dem Schöße der Poalei-Zion her.vorging! Die Palästina-Pioniere sind das letzte, naturnotwendige Resultat des Bedürfnisses unserer Massen nach Arbeit, oas neue uneindämmbareSichanfrichtendes jüdischen demokratischen Geistes, der lange scheintot dalag. -II. < ' Die zweite Palästina-Wanderung hat wesentlich andere Charakteristika als die erste. Damals war das Menschenmaterial so unzureichend als möglich. 'Nihilistisch gesinnte Studenten, die den unklaren Willen hatten, Bauern aus sich zu machen, und' nach ihnen überwiegend Händler. ■ Also Kraftlose, Ungeeignete und Unerprobte, vom Zufall der Gesinnung oder des Zwanges zur Flucht Zusammengewürfelte, nicht Zusammengcführte durch eine Auslese nach, Eignung. Heute bilden den Grundstock geschulte Handwerksgesellen und eingelernte Industriearbeiter, auch schollengeivohnte Bauern sind unter ihnen. Daneben vereinzelte Industrielle mit mehr oder weniger Kapital, das Initiative und Arbeitsgelegenheit für .die Muskelärbciter mitbringt. Ein kleinerer Flügel von Intellektuellen geht ihnen zur Seite, keine Geistesproletarier, die an höheren Aufgaben verzweifelnd ihre kraftlosen Leiber zu physischer Ausbeutung hingeben wollen, sondern solche, die d a ihre Leistungen' suchen, ioo ihre Anlage, Neigung und Ausbildung sie hinweist: Agronomen, Ingenieure, Aerzte, Bankleute, und Lehrer. Also brauchbare Fachleute, ganz nach Bedürfnis sozial geschichtet, geeignet und bereit, die einen die anderen in ihrer Arbeit zu stützen und.^u ergänzen. Nicht unwichtig ist chließlich der Sceleiizustand. Die erste Kolonisation 'ah verzweifelte und zugleich tollkühne Abenteurer, die nicht im geringsten ahnten, in was sie 'gingen, kaum was sie wollten, die Pioniere von heute ziehen von den Barrikaden der Samobarone herunter, gestählt, verhärtet, stark und bewußt. ' ein Eroberertypus. Auch das Land findet die neue Wanderung anders vor: Damals fremd und rauh — heute 'vertraut und ausgekannt; damals uneingeschränkt von einem Volkstum besessen, in dessen Lkrt und Sprache man sich von der Kulturwelt abgeschnitten und wie ein Schaf unter Wölfen verloren.fühlte — heute von Angehörigen eigeneil Bluts durchsetzt, die überall, wo sie zu finden sind, auch das .Heimatsgefühl bei sich finden lassen, die die Volkssprache der Neuen reden, durch Glaube und Sitte mit den Zuwanderern vereint sind; damals wüst wie ein Felsen für die Ankömmlinge, heute vielfach vorbebaut und vorbearbeitet, nach seinen Bodenkräften und -Produkten wohlbekannt. Damals ein Territorium der schlechtesten Verkehrsbedinguugen — mit allergeringster Ein- und Ausfuhr — heute durchzogen von einigen guten Straßen und zwei überaus wichtigen 'Schienensträngen, im wesentlichen dein Handel erschlossen; damals roh, ohne Möglichkeit für 'Fortbildung und höhere Kulturentwicklung — heute nicht mehr allzu arm an Schulen, Bildungsanstalten und Bibliotheken. Zum dritten sind aber auch die Arbeitsformen und -Methoden total verändert. Zur Zeit der Bilu hatte man keine Ahnung, wie der Kauf von Bode», der Abschluß der Verträge, die Anlage der Häuser, Brunnen und Pflanzungen erfolgen lnüssen, vor allem keine Ahnung von der sozialen Organisation der neuen Gemeinden. Heute, wo der Baron und die Fca ihre Experimente hinter sich haben, wissen wir aufs allergenaueste, wie eine Leitung, eine Verwaltung nicht sein sollen. Man kennt den Fluch, und die Sklaverei der Wohltat und den Segen der eigenen mühseligen Verantwortung. Damals kannte mau nur das Klimpern der ewig zum Aushelfen bereiten Philanthropentasche, heute sind gesunde Ansätze von Genossenschasts- und Kreditverbänden, Bank- und Handelsinstituten vorhanden, die die Kolonisten lehreix können, sich aus eigener Kraft zu helfen. Und eben erst in diesen Tagen sind Grundlagen zur Industrie gelegt, von der früher sich niemand hätte träumen lassen. So sind die Auspizien der neuen Wanderung für eine gesunde, demokratische Kolonisation im wesentlichen viel günstiger als vor einem Vierteljahrhundert. Und doch sind die Bedenken unserer Warner, die wie ganz natürlich, überwiegend in den Reihen derjenigen sitzen, die für eine Volksarbeit außerhalb Palästinas waren und sind, ernst zu erwägen. Selten hatdiegesamteZionsbewegungvor einem so verhängnisvollen Wendepunkte gestanden als in diesen Tagen, wo die Methode zur Gewinnung.des Landes, die theoretisch schon drei Jahre hindurch (von Achad Haam übrigens schon viel länger) hin und her diskutiert ist, nun praktisch ins Leben übergeht. Wird jetzt versäumt oder überhastet, so sind die Folgen nicht abzusehen. Die politischen Besorgnisse sind zur Genüge bekannt. Man fürchtet bei zunehmender Wanderung die Aufmerksamkeit der Behörden, die durch das Geschrei überholter Konkurrenten bei Gründungen und Unternehmungen noch mehr genährt und in Atem gehalten würde. Man fürchtet ein Mißtrauen von seiten der türkischen Regierung, die in dem Ausbau unserer Posittonen, in der Stärkung unserer Zahl und unseres Besitzes Im Lande ein im ganzen ihr feindseliges System, ein Ertrotzen des bon ihr nicht gutwillig Gewährten erblicken könnte. Man fürchtet von diesem Mißtrauen letzten Endes eine Schädigung unserer diplomatischen Arbeit bei der hohen Pforte. Man fürchtet endlich eine spätere gewaltsame Unterbrechung der kolonisatorischen Arbeit, ein neues Einwanderungsverbot, Konfiskation der Güter und Ausschlachtung — ein „Armenierschicksal". Diese Einwände basieren auf einer-irrtümlichen Annahme, die leicht zur Unterstellung ausarten kann: daß der Plan einer wirtschaftlichen Gewinnung Palästinas in sich etwas dem türkischen Staate Feindseliges logisch involvieren müsse, oder daß er von irgend einem der Pioniere, ihrer Führer oder Freunde oder gar vom zionistischen Mttouskoinitee und einem Teil der Bewegung in feindseligem Sinne auch nur gedacht sein könne. Das ist nach d, r ü ck l i ch st zurückzuweisen. Die zionistische Politik ist nicht weniger friedlich als unter Herz l. Wir wollen nicht das Gering st e gegen den türkischen Staat oder etwas von i h m, das ihm verloren ginge. Wir denken nie und nimmer an eine Lostrennung, die das Jordangebict außerhalb seiner Hoheit brächte. Wir wollen i in Gegenteil mit unserer S t ä r k u n g i m he i l i g e u L a nde e i n e s o lche Stärkung des türkischen At a ch t b e r e i ch s, daß wir, nach unseren Kräften es selber stützend, an ihm die machtvollste Stütze gegen alle Fährnisse unserer friedlichen Zukunft finden können. Wir denken, indem wir von der Türkei empfangen, ihr auch zu geben: nicht bloß — und das mag einmal ernstlich betont sein — finanzielle Bereicherung eines ihr gehörigen Gebiets und somit wertvolle Erleichterung ihrer drückenden Staatslast, sondern auch — und dazu wird sich irgend' eine für die türkische Staatsverfassung erlaubte Form finden lassen müssen — Blutsteuer durch Militärdienst unserer jungen Mannschaft!*) Unser Aktionskomitee oder seine diplomatischen Vertreter werden unablässig darüber wachen müssen, daß nicht von anderer, unberufener Seite gegenteilige, Mißtrauen säende Auffassungen über unsere Absichten an die höchste» türkischen Stellen gelangen. Sie werden unablässig auf die bisherige überaus friedliche jüdische Jmmigrationspolitik und ihre» ökonomischen Nutzen für das Land und die Regierung Hinweisen müssen. Sie werden alle jene Schritte einleiten und durchführen müssen, die geeignet sind, im angedcnteten Sinne Unlertanenleistungen der Juden für deu türkischen Staat zu ermöglichen und nach Maßgabe zu steigern. Bei solchen Absichten und einer sogestalteten diplomatischen Arbeit scheint es wohl so gut wie ausgeschlossen, daß Juden des ottomauischen Reiches, die so lange und ausschließlich Gerechtigkeit und.mehr als Gerechtigkeit von den Herrschern am Bosporus erfahren haben, irgend einmal ein „Armenierschicksal" finden könnten. Einstweilen ist man im Irrtum oder man fälscht, wenn man behauptet, daß Besitz und Leben Palästinischer Juden jeden Augenblick gefährdet seien. Aber auch mit per vagen Idee einer irgend einmal vielleicht drohenden Gefahr vor Augen müssen wir uns getrauen, in kolonisatorischer Richtung vorwärts zu schreiten. Wir müssen daran denken, was in Rußland die Juden noch sicher erwartet, daran denken, daß unsere Generation auch gelernt hat, Verteidigung zu gebrauchen, und vor allem, daß kein Volk von Opfern verschont bleiben kann, welches die Freiheit für sich erringen will, ja daß es der Stolz jedes Volkes ist, für seine Größe einmal geblutet zu haben. Wir haben es für unsere Schwäche übergenug getan. Wir könnten noch manches von den russischen Revolutionären lernen. Am Ende mögen es sich^ unsere Angstmeier und Unheilspropheten einmal Pesagt sein lassen: es ist nicht gut, den Teufel so oft an hie Wand zu malen, immer wieder und wieder von der Möglichkeit einer Auffassung unserer Tätigkeit als einer irgendwie staatsgefährlichen und von drohenden Repressalien zu faseln. Wir sind uns bewußt, daß sie es nicht ist und damit basta. In diesem Bewußtsein ist nichts zu fürchten und Ruhe zu wahre». Wer viel schreit, kann endlich unerwünschte Antwort erhalten. Und die Verantwortung bleibt dann ihnen. Dabei muß gleich noch eins erinnert werden: Es " ist Mode geworden, von 'der „revolutionären Psychologie" zu sprechen, die die Palästina-Pioniere aus Rußland mit sich nach Mtneuland bringen und — voll gelindem staatserhaltendem Schauder wird's ausgeflüstert — betätigen könnten. Wissen diese Helden, wer Perlmann aus Königsberg ist? Das mag genügen. Unsere Pioniere waren in Rußland Revolutionäre, weil man sie zum' Verhungern zwingen oder abschlachten wollte; in Palästina, wo man sie leben läßt, sind sie friedliche Bürger. Die lammfrommen Bauern von Katra waren — so sagt die Legende — vor 25 Fahren in Rußland Nihilisten. Nein, die Furchtlosen sehen die Gefahren, deren es wirklich gibt, an äüderer Stelle. Es sind innere, wie sie aus dem Wesen einer jeden Kolonisation sich ergeben müssen. Und mit aller Brette der Wahrhett, mit der Schonungslosigkeit, die eine so ernste Sache verdient, seien sie an diesem Platze aufgezählt: Die neuen Elemente kommen vielleicht zu früh, bevor industrielle Arbeitsgelegenheit geschaffen ist und bevor die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft ausgeprüst ist,- die einzig die Gewähr im *) Die hier angeregte Idee, die ernstester Beachtung wert ist, stammt von anderer Seite, deren Autorschaft hiermit ausdrücklich anerkannt sei. (Anin. d. Verfassers.)