Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 31 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter ZsraeMWeS FamMEaL Nr. 31. immer böses tut, haben jetzt, bis eine neue Affaire ausbricht, den Namen Jude aus der Liste ihrer Erbfeinde gestrichen, und böswillig, wie sic oft sind, amüsieren sie sich jetzt über den „tiefen Schmerz" der „Calotte". Im besten Falle bleiben jetzt die Massen angesichts der sauguiiiären Sprache der französischen Prcßhoolygane gleichgültig, und keine Zeitung, die nicht direkt antiseniitisch ist, reproduziert jetzt das blutrünstige Geschreibsel eines Rochefort oder Drumont. Rußland. Petersburg. Ein jüdisches Gymnasium beabsichtigen die Herren Eisenbet und Kvhn hier zu gründen. Wie dem „Weg" berichtet wird, ist die Genehmigung im Ministerium bereits im Prinzip beschlossen, das Gymnasium würde schon deshalb prosperieren, weil die prozentuale Begrenzung für die jüdischen Schüler in allen Mittelschulen noch in der alten Weise besteht. Petersburg. Der Verband zur Erlangung der „Gleichberechtigung für die Juden Rußlands" ist behördlich bestätigt und legalisiert worden. Kischiuew. Todesschrecken du>chlebten die' hiesigen Juden wieder; wer Kischinew verlasse» kann, geht fort. Der berüchtigte Kruschewan arbeitet wieder mit Hochdruck; erst jüngst hat er 1000 Rubel zur Wetterführung der Pogrom-Agitation erhalten. Jurburg lKow.-Gouv.). Am 8./21 Juli hat ein furchtbarer Brand zwei Drittel unserer Stadt zerstört und 300 Familien obdachlos gemacht. Die Not ist grauenhaft. Personalien. Berliu. Den Geheimen Sanitätsrätcn Dr. Boas und Dr. K a l i s ch e r wurde der Rote Adlcrordcn 4. Klasse verliehen. Halle. Nach langem Lechen starb Kommissionsrat Moritz P r o b st, Mitinhaber der Firma L. Hagelberg. Der Verstorbene war Vorstandsmitglied der Israel. Knltnsgemeinde, der Cohn-Oppenheim-Stiftung, des Kaufmännischen Vereins usw.; auch gehörte er der Handelskammer und dem Kuratorium der Kaufmännischen Fachschule an. — Der ordentliche Professor der Geographie in Bern, Dr. Alfred Philipp son, der in gleicher Eigenschaft an die hiesige ilniversität berufen ivorden ist, ist der jüngere Bruder des in Berlin lebenden Historikers Prof. Dr. Martin Philippson und ein Sohn des verstorbenen Reformrabbincrs und Schriftstellers Dr. Ludwig Philippson. München. Zum kgl. Hauptmann der Landwehr 1. Aufg. wurde befördert: der Oberleutnant Eduard Bloch in München; zu kgl. Oberleutnants der Reserve: die Leutnants Alfred Heimann im 8. Feldart.-Rcgt., Heinrich Stcrnberg im 2. Fuß-Art.-Regt., Jakob Binswanger im 1. Trainbataillon und Bernhard Marx (Kaiserslautern) in der Landwehr-Feldartillerie 1. Aufgebots; zum kgl. Leutnant der Reserve: der Vizefeldwebel Max Böhme im 7. Jnf.-Regt. Zu kgl. Stabsärzten der Reserve wurden befördert: die Oberärzte Dr. Julius Veith-Aschaffcnburg und Dr. Ignaz Steinhardt-Nürnberg; zu kgl. Oberärzten der Reserve: die Assistenzärzte Dr. Wilhelm Engelmann-München, Dr. Gustav Büllmann-Mindelheim, Dr. Paul Roscnthal-Hof, Dr. Hermann Wolfs-Hof, Dr. Hugo Neuhäuser-Hof, Dr. Alfred Falk-München I, ferner die Assistenzärzte der Landwehr 1. Aufgebots Julius Bing-Nürnberg und Georg Goldmann-Kissingcn; zum kgl. Assistenarzt der Reserve: der Unterarzt Dr. Joseph Platiel-München. — Der Abschied wurde bewllligt: dem Hauptmann der Landwehr-Jnf. 2. Aufg. Julius Löwensohn, den Oberleutnants Albert Ncufeld-Müncheu, Heinrich Stern-Aschaffcnburg, Max Heß-Gunzenhausen und Albert Mayer-Augsburg, sämtlich von der Landw.-Jnf. 2. Aufg., ferner den Oberärzten der Landwehr 2. Aufg. Dr. Ludwig Hccht- Mindelheim, Dr. Hermann Simon-Aschaffenburg und Dr. David Erlanger-Nürnberg. — Zum kgl. Amtsanwalt wurde ernannt: der Rcchtspraktikant Hermann Kahn in Kandel. — Zum Mitglied der Kaisers. Leop. Carol. Dtsch. Akademie in Halle wurde gewählt: der Privatdozent und 1. Assistent Dr. Richard GoldschmÜ>t in München. — Zu kgl. Handelsrichtern wurden ernannt: die Großkauflente David .Raff in München, Hugo Weingart-Ludwigshafen und Mvriz Wolfs-Ludwigshafen. „General-Anzeiger s. d. Jnteress. d. Indent." Stratzburg. Die zu weltlichen Mitgliedern des Israel. Konsistoriums des Unterelsaß gewählten Manuel Meyer- Oberehnheim und Aron D u r l a ch - Straßburg sind von der Negierung bestätigt worden. Zirke a. W. Herin Rentier Lippmann Plonski ist der Kroneuorden 4. Klasse verliehen worden. Borek lPosen). Bei den Vorstands- resp. Repräsentantenwahlen wurden gewählt: Hirschfeld, Sandberg, Siegfried Neustadt/ Jakob Neustadt, Weißbart, Springer, M. Hirsch feld, W ern e r, H eim und Albert Neustadt. Paris. Der Rat vom Appellgericht M. Dalab r ß g u e wurde zum Kammerpräsidenten ernannt. ■ Kimberlcy jKaplandj. Als Bürgermeister ist ein Jude namens Sogar gewählt worden. Aus der Lehrerwett. Wilna. Hier fand zwecks Gründung eines Vereines eine Versammlung jüdischer Lehrer statt. Ms Aufgabe des Vereins wurde beschlossen: 1) Schutz der materiellen, rechtlichen und geistigen Interessen der Lehrer, 2) Kämpf für die Demokratisiernng der Schulen. Mitglieder des Vereins können werden: Lehrer von Regierungs- und Privatschulen und von Musterchedorim und 'Persönlichkeiten, die auf dem Gebiete der Volksbildung arbeiten. Als Name des Vereines wurde bestimmt: „Professioneller Verein jüdischer Lehrer und Lehrerinnen in Rußland." Es wurde ein Zentralbureau gewählt und die Mitglieder aufgcfordert, Ortsgruppen zu gründen. Budapest. Nunmehr ist — gemäß dem Vorschlag der von der orthod. Landesrcpräscntanz eingesetzten Talmud-Thauro-Kommission — der Verein derungarländischen orthodoxen israelitischen Gemeindebeamten (Agudas Pekudc Hakchillim) gegründet worden, dessen Mitglieder sämtliche Gcmeindesunktionäre orthodoxer Gemeinden — mit Ausnahme der Rabbiner — sein können. Der Zweck des Vereines im Sinne seiner Statuten ist: 1. Auf Grundlage der Gegenseitigkeit den erwerbsunfähig gewordenen Mitglieder Pension, ihren Witwen Versorgung, ihren Waisen Erziehung zu sichern. 2. Unterstützung der ohne eigenes Verschulde» und ohne Arbeitsunfähigkeit zeitweise erwerbslosen Mitglieder. 3. Die gesellschaftliche Stellung der Gemcindebeamten zu heben und speziell fachtüchtige Schächter heranzubilden. Prag. Auf Anregung des jüdischen Vertreters im Landesschulrate, Herrn Dr. L. Bendiencr, hatte sich s. Zt. der Landesschulrat an die - Prager Kultusrepräsentanz gewendet, eine P r ü f u n g s k o iwm i s - sion für israelitische Religionslehrer ins Leben zu rufen, und hatte dann das von der Kultusrepräsentanz ausgcarbeitctc Elaborat dem Kultusniinisteriunl cingercicht. Das . Kultusministerium hat nunmehr die Angelegenheit mit folgendem Erlaß erledigt: Im Sinne der Bestimmungen der Art, usw. ist die Art der Besorgung, Leitung und Beaufsichtigung des israelitischen Religionsunterrichtes eine innere Angelegenheit der Kultusgcm e i n d e n. Auf welche Weise sich die kompetente Kultusgemcinde die llebcrzeugung von der Befähigung der Kandidaten für die Religionslehrerstelle verschaffen will, ist ihr überlassen. Es erscheint demnach n i ch t z u l ä s s i g, seitens der Schulbehörde auf die Zusammensetzung der Prüfungskommission, welche Israel. Rcligionslehrer sich qualifizieren würde», Einfluß zu nehmen und auszusprechen, daß Kandidaten im Grunde des von einer solchen Prüfungskommission ausgestellten Zeugnisses allein als isracl. Rcligionslehrer befähigt seien.. Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Errichtung einer Prüfungskommission für israel. Religionslehrer im Interesse der Hebung des Bildungsniveaus der isracl. Rcligionslehrer erwünscht wäre und wird hierbei bemerkt, daß gegen die Errichtung einer Prüfungskonrmission im Sinne des borgelegten Entwurfes als eine Institution der Kultusgemein de.Prag ohne Einflußnahme der staatlichen Behörden kein Anstand obwalten Ivird. Insbesondere würde das Ministerium für Kultus und Unterricht auch den nach den gestellten Anträgen von dem. Prüfnngskanbibaten zu fordernden Nachweisen der Vorbildung zustimmen. Die Zeugnisse dieser Prüfungskommission hätten selbstverständlich im Hinblicke auf die bezogenen gesetzlichen Vorschriften nur d a s E r g e b n i s des Prüfungserfolgcs aus jedem einzelnen Lehrgegenstande und die Erklärung der Kommission zum Ausdrucke zu bringen, daß der Kandidat der israel. Kultusgemeinden als zur Erteilung des israel. Religionsunterrichtes an Volks- und Bürger-, beziehungsweise Mittelschulen geeignet. f Aus den Vereinen. Berlin. Am 23. und 24. Juli weilten hier die Delegierten der „Vereinigungen Jüdischer Akademiker" von München und 'Straßburg i. E., um mit den Vertretern der V. I. A.-Berli» die Gründung eines „Bundes I. A." zu beraten. 'Die Festlegung der Bundesstatuten und die Stellung, dle der Bund gegen» über den Zcitströmnngen innerhalb der jüdischen und akademischen Welt einnehmen sollte, waren Gegenstand der 2 Tage dauernden Verhandlnngen. Mn Dienstag Abend wurde der Bund einstimmig begründet. Zum gegenwärtigen Präsidialverein wurde die V. I. 8l> Berlin gewählt, deren Vorsitzender cand. Phil. I. Wohlgemuth*) statutengemäß zugleich zum Vorsitzenden des Bundes ernannt wurde. ' - . Der Bund erstrebt, alle Vereinigungen Jüdischer Akademiker, die auf dem Boden des gesetzestrcuen Judentums stehen, zu verbinden, um so, geeint, sich untereinander zu stützen und zu stärken und stach außenhin eine mächtige Phalanx zu bilden gegen alle, das Wesen des.Judentums bedrohende. Tageserscheinungen. Dieses hehre Ziel kann nur erreicht werden, wenn alle Kräfte,, welche sich bereits in der aka- *) Herr Wohlgemuth, Berlin, Auguststraße 29, ist zu jeder Ausftinft gern /bereit. demischcn Welt befinden, und diejenigen, die ihr noch zugeführt werden sollen, sich einen. Daher rufen wir allen denen zu, denen die lebendige Fortpflanzung des altüberlieferten Judentums Lebensinhalt und Lebensnerv bedeutet: „Führtuns alle diejenigen zu, -die einst als akademische Bürger zugleich' Träger sein sollen der lichtvollen jüdischen Ideenwelt!" Möge unser Streben Anklang finden und dem Judentum zum Heile gereichen! ' B. Aus der zionistischen Bewegung. Krakau. Hier gründete sich eine Gruppe Palästina-Pioniere. Die Gruppe, die zumeist aus Arbeitern besteht, beschloß, innerhalb eines Jahres nach Palästina auszuwanderu Und dorr als österreichische Bürger unter dem Schutze der österreichischen Regierung zu leben. London. Ein christlich-zionistischer Verein. H'icr besteht unter dem Namen „Gesellschaft zur Unterstützung der verfolgten Juden" ein Verein, dessen Zweck es ist, die Juden nach Palästina zurückzubringen. An der Spitze des Vereines, dessen Mitglieder ausnahmslos Christen sind, steht Lord A m h o r st. Vorige Woche hielt dieser Verein eine Versammlung, auf welcher Reverend G r i p i n das Referat hielt über: „Die neuen Jndeuaustreibuugeu aus Rußland". Die Rede schloß mit einem Appell an die Vereinsleitung, zugunsten der Juden Schritte zu unternehmen. QI fentffefoR. | 0 Getrennt und Vereint. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. I. Tanger ivird von den Marlreu als die herrlichste Stadt der östlichen Hemisphäre bezeichnet. Uild in der Tat, der Anblick Tangers aus der Ferne scheint diese Ansicht zu rechtfertigen. Wenn der Dampfer, majestätisch dahiusegelnd, Silberfurcheu nach sich ziehend, von den Sonnenstrahlen überflutet wird, dann ist das Auge des Reisenden förmlich geblendet von dem Irrgarten menschlicher Wohnungen, die terrassenartig malerisch hingelagert sind und bis zur Meerenge sich ausdehuen, durch ivelche der alte Atlantic seinen Uebcrsluß an Salzwasser in die liedergeheiligte, heimatliche See ergießt. Tanger könnte ein ganzes Geschichtsbuch für sich selbst bilden. Eine der ältesten Städte Afrikas, war es einst die Hauptstadt eines 'Königreiches, doch jetzt, ein verkommenes und verwittertes Ueberbleibsel seiner ehemaligen Herrlichkeit. Ist mau bis an die' Mauer gelangt, sv kann man ein Gefühl der Enttäuschung nicht unterdrücken. Welch' ein gewaltiger Unterschied zwischen dem -uneinnehmbaren Gibraltar, nur wenige Meilen dahinten, und dieser berfaflencu Citadelle-! Fürwahr, wenn du, o, schöne Stadt, nicht verwitwet bist, daun muß dein Herr Gemahl betrunken oder gar schwachsinnig sein-! So vom Himmel begünstigt, und doch von Menschen so vernachlässigt — —! Hier wäre das Sprichwort anwendbar: „Schönheit mit der Bestie vermählt —!" Wie verfallen, wie verkonimen ist da alles! Die Mauern» von breiten Lücken klaffend, von MooS bedeckt, von Unkraut überwuchert; Scherben, Unrat,' Spinngewebe, Schwalbennester überall; verrostete Kanonen, unbrauchbar, unbewacht-. Die Natur, im Sonntags-Staat lächelnd, doch die Menschheit im Elend vergehend! Neun Monate des Jahres ist die maurische Küste, Spanien gegenüber, ein Paradies, wahrhaft entzückend, aber ungeachtet des himmlischen Segens, der Fruchtbarkeit des Bodens, verkümmern die Bewohner in Schmutz, Armut und Unwissenheit, die historische Dreieinigket des orientalischen Niederganges. Die ganze Umgebung knospt und blüht und prangt in den herrlichsten Farben, erquickend und labend, die Feigen, Orangen und Citronen wachsen wild allcntbalben; doch Aberglaube, Fanatismus und Trägheit sind die chronischen Plagen, die der Islam über seine Bekenner verhängt, und Unzucht und Ungesetzlichkeit sind die traurigen Folgen. Mer ' aber sind jene, rührigen Menschen dort, sonnenverbrannt, dunkeläugig, schwarzhaarig, elend, zerlumpt, barfüßig, und dennoch mit kräftigen Gliedern, mft eisenstarkxn Sehnen? Es sind die Söhne Israels, die Nachkommen derer, die das katholische Spanien aus ihrem Geburtslande, aus ihrer viel-