Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-08-10 · Heft 31 (10.8.1906) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 31 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692491--02595-2697214
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 31. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. »»gen für Rqbbiner- und Lehrerwitwen 1500 Jk, für Unterstützungen an Gemeinden zur Bestreitung der Ausgaben für den Religionsunterricht 5145 Jk, für den Fortbildungskurs der Kantoren 720 Jk usw. Der Religionsschul- 'und Pensionssonds hatte Ende 1005 ein Vermögen don 178163 Jk und wurden in diesem Jahr an Pensionäre 5685 Jk bezahlt. Der Landcsfonds für soziale Zwecke hat ein Vermögen von 22 745 Mark, es wird aus diesem das israelitische Lehrlingsheim unterhalten. Die Dukas-Stiftnng, von deren Zinsen Gartenbau-Kurse abgehalten werden, hat ein Kapital von 26 773 Jk München. Bei dem jüngst abgehaltenen allgemeinen Kinder hilfstag wurden von dem Ergebnis der Sammlungen auch zwei jüdische Vereine bedacht. Es erhielt der Israelitische Verein für Ferienkolonien und' zur Bekleidung von Schulkinder» in München 3000 Jk und der Israelitische .Verein sür Kindergärten 300 Jk Angewiesen. Beuthen (O.-Schl.). In einer der letzten Stadtverordnctensitznngcn gab Rechtsanwalt Frendenberg namens der liberalen Partei des Stadtverordnetenkollegiums die Erklärung ab, daß von dieser Partei die Einleitung des Strafverfahrens gegen die antisemitische „O b e r s ch l e s i s ch e Z c i t - u n g" in Beuthen wegen eines jüngst gebrachten Artikels betreffend die letzte Stadtratswahl, in welchem gegen die jüdischliberale Partei der Vorwurf des Vertrauensbrnches, der Verleumdung und der Persidic ans Grund des angeblichen Verhaltens dieser Partei bei der Wahl 'erhoben wird, beantragt werben'soll. Posen (k.) Stiftungen. Rentier Philipp Todtmann, gebürtig aus Rawitsch, in Homburg vor der Höhe, hat in dankbarem Gedenken an seine Heimat mit einem der hiesigen Synagogcn-Gemeinde übergebenen Kapital von 200000 Jk eine Stiftung errichtet, welche de» Namen: „Isaak und Philipp Todtmann-Stistung" führt. Ans den Zinsen werden bedürftigen jüdischen Bräuten ans dem Regierungs- Bezirk Posen Beihilfen zur Aussteuer gewährt. — Stadtrat Medizinalrat Herr Dr. Mankiewicz hat der hiesigen Stadt lctzttoillig 10 000 Jk zur Verstärkung der Eduard Kaatz-Stiftung hinterlasscn. Diese Stiftung, die 'fortan die Bezeichnung „Stadtrat Eduard Kaatzu. Mcdizinalrat Dr. Mankiewicz- Stistnng" führen soll, ist dazu bestimmt» bedürftigen Rekonvaleszenten, die ans den städtischen und den jüdischen Krankenhäusern entlassen werden, in der ersten Zeit nach ihrer Entlassung, bis sie eine Erwerbsmöglichkeit gefunden haben, der dringendsten Nahrnngssorgcn zu entheben und ihnen eine Beihilfe zur Erlangung einer Wohnungsunterknnft zu gewähren. Posen, 5. Aug. (f.) Ein jüdischer G astlos rt als Vorstandsmitglied einer kat h o l i s ch e n S ch u l g e m c i n d e. Wie dcni „Dziennik Knj." berichtet wird, ist'zum Vorstandsmitglicde der katholischen Schulgemeinde in Woytschin der jüd. Krugwirt Baschwitz 'gewählt worden. Das Dorf ist durchweg polnisch und es wohnt dort nur'ein Jude, der genannte Krugwirt. Herr Baschwitz teilt dem „Dzicunik" nun mit, daß er die Wahl ablehne, um den Angriffen der polnischen Zeitungsprcsse ein Ende zu machen. Im übrigen habe er an der katholischen Schule in Woytschin dasselbe Interesse - wie jeder andere Bürger, da er zu den Unkosten der Schule beisteuere und die Schule als Kind selbst besucht habe. Obornik. Unsere neue Synagoge ist letzten Samstag von Herrn Rabbiner Dr. W r e s ch - n e r - Samter feierlichst eingeweiht worden. In F r i e d l a n d ist die Synagoge auf 'Abbruch verkauft worden. Oesterreich-Ungar«. Wien, 2. Aug. Die russischen Waisenkinder. Wie wir erfahre», werden von den in Oesterreich verbleibenden jüdischen Waisenkindern aus Rußland vorläufig einige Mädchen und Knaben in verschiedenen Städten Mährens untergebracht, bis die Aufnahme in Waisenhäuser oder sonstige Erziehungsanstalten geregelt sein wird. Erwähnenswert ist die Bereitwilligkeit einer angesehenen Wiener Familie, ein Mädchen im Alter von 21/» bis 4 Jahren an Kindesstatt anzunehmen. Die drei Kinder, welche für das Waisenasyl in Florenz bestimmt sind, werden im Laufe des heutigen Tages in Begleitung einer Vertrauensperson die Reise nach ihrem künftigen Aufenthaltsort antrei'en. Lemberg,. 4. Aug. Um den Wahlkreis des verstorbenen D r. Byk in Brody-Zloczow bewirbt sich der Redakteur des „Slovo Polskie", der bekannte polnische Essayist Dr. Adolf Stand, Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees. Lezajsk Galizien). Ein großer Brand hat 1800 jüdische Seelen obdachlos gemacht imd mehr wie 700 000 Kronen Schaden.verursacht. (Das Städtchen Lezajsk zählt ungefähr 3000 jüdische Seelen. Die Redaktion). Kopyczynce. Eine schwere Konkurrenz machen die „Barmherzigen Schwestern" den jüd. Geschäftsleuten, indem sie ein Geschäft gegründet haben, welches alles für die Bauern Notwendige führt. Die „Barmherzigen Schwestern" bemühen sich auch noch um die Erlaubnis, geistige Getränke verkaufen zu dürfen. Schweiz. Kurort Lenk (Berner Oberland). Wie aus den Tagesblättern zu ersehen war, wurde hier die Ankunft des früher» Hauptmann, jetzt zum Major und Ritter der Ehrenlegion ernannten Herrn Alfred D rey fu s'angekündigt. Der Angemeldete kam auch Freitag den 27. v. M. hier an und stieg im Hotel Wildstrubel ab. Es braucht nicht besonders erwähnt zu werden, daß sein Eintreffen die Neugierde der hier anwesenden Kurgäste wachgernsen hat und ein jeder sich angelegen sein läßt, diese weltbekannte Persönlichkeit zu sehen. Es fällt dies auch nicht schwer, denn, obschon er 'hierher gekommen ist, um Erholung von all den Strapazen, die er dnrchgemacht, und von den 'Anstrengungen der letzten Zeit zu suchen und' Ruhe zu haben, und deshalb sich so viel als möglich der Oeffentlichkeit zu entziehen sucht, so macht er doch seine Spaziergänge und verkehrt ganz gemütlich mit seinen Tischgcnosse». Auch ich wollte nicht die günstige Gelegenheit unbenutzt vorübcrgehen lassen,' den Mann zu sehen, der durch seine Erlebnisse zu einer weltgeschichtlichen Persönlichkeit geworden und dessen Los so eng mit dem unserer Glaubensgenossen verknüpft wurde. Ms ich ihn heute in einem Winkel auf einer Bank sitzen sah, bemächtigte sich meiner ein Gefühl der Freude und der Beklemmung zugleich. 'Ich freute mich, dem Manne gegenüberzustehen, der nach einem so langen Ringen und Kämpfen mit den Mächten der Finsternis, mit de» wahren Malchai Chabole endlich als Sieger hervorgegangen und dem es gelungen ist, die Schmach, mit welcher unsere Gegner Und Feinde uns zu beflecken gesucht'haben, abzuwälzen und auf ihre Schultern zurückzuwerfen, und eine Beklemmung ergriff mich, indem ich in diesem Bilde eine Welt voller Leiden vor mir vorüberziehen sah. Ich konnte nicht stillschweigend Vorbeigehen. Ich faßte Mut und ging auf ihn zu. „Pardon, mein Herr," sprach ich ihn französisch an,' „Sie sind Herr Dreyfus, nicht wahr?" „'Jawohl, mein Herr," antwortete er, sich von seinem Sitz erhebend. „Verzeihen Sie," sagte ich wieder, „ich kann nicht bei Ihnen Vorbeigehen, ohne Sie zu begrüßen und Ihnen die Hand zu reichen. Gestatten Sie mir, geehrter Herr, Sie zu beglückwünschen zu Ihrer Rehabilitation und zu dem endlichen Sieg, den Sie über Ihre und unsere Feinde davongetragen haben. Ich tue dies nicht nur in meinem Namen, sondern auch sm Namen meiner Gemeinde, und glaube, wohl sagen zu dürfen, auch im Namen meiner Glaubensgenossen. Denn wir haben alte mit Ihnen gelitten und gefühlt und sind glücklich darüber, daß das Wort Zolas, die Wahrheit ist auf dem Wege (la verite est en marche), sich endlich bewährt hat, daß sie nach längerer Wanderung angekommen ist und ihre Feinde aus dem Felde geschlagen hat. Ich bin glücklich darüber, Ihnen die Hand' drücken zu können, und deshalb wollen Sie meine Freiheit entschuldigen." Er hielt meine Hand fest und sagte zu mir: „Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Begrüßung und Ihre Worte. Es freut mich, hier von einem Glaubensgenossen derart begrüßt worden -zu sein. Ich persichere Sie, daß Sie mir Freude gemacht habe». Ich danke Ihnen bafür und bitte Sie, Ihrer werten Gemeinde (Biel) meinen innigsten Dank dafür anszusprechen." Er erkundigte sich auch nach den Gemcindeverhältnissen, und 'ich verabschiedete mich von ihm mit nochmaligem herzlichen Händedruck. — Von einem s. Z. über ihn gefaselten unsympathischen Austreten war nichts zu merken. Vielleicht ist 'es in den Fahren des Leidens anders geworden. „Jsr. Wochenbl. f. d. Schweiz." Großbritannien. London. Der .Hajehudi". die einzige hebräische Wochenschrift Englands, ist in den Besitz einer Aktiengesellschaft übergegangen. Die Subskription der Aktien — cs werden 2000 Stück Aktien zum Emissionskurse von 1 Pfund Sterling ausgegeben — wurde bereits begonnen. Unter den Subskribenten befinden sich sowohl Führer der englischen JNdcnschaft, wie auch minderbemittelte Juden aus allen Bernfskreisen. Sobald 500 Aktien gezeichnet sein werden, wird sich die Aktiengesellschaft gesetzlich, konstituieren. London, 6. August. Auf dem großen Meeting, das Samstag Abend im Anschluß an die erste J'ahressitznng des Jnternationalrates der I t o stattfand, sprachen Israel Z a n g w ill, der Präsident der Jto, Prof. M a n d e l st a m m - Kiew, Oskar Straus, der frühere amerikanische Gesandte bei der Pforte, Advokat J'assinowsky-Warschan, Cyrus Sulzberger -Newyork, Dr. Klee-Berlin und Dr. Stein- Elisabethgrad. Zangwill: Die Sitzung des Jnternatioaalrates war streng vertraulich, da ihr die Frage gewisser Territorien vorlag und hierbei die Oeffentlichkeit Schaden stiften konnte. Wenn man fragt, welche Aussichten hat die Jto, so ist die Antwort: Drei Viertel der Erde ist noch unbesetzt! Wir Inden bedürfen aber ei» großes, fruchtbares Land, wo wir politisch gesichert sind, sodaß der jüdische Emigrant mit dem Gefühl, in ein jüdisches Heim zu gehen, dahin wandere. — Deshalb sind sorgfältige Vorarbeiten nötig und jede Uebereilung unangebracht. Wohl ist alles Land schon den Völkern verteilt, aber trotzdem kann das jüdische Volk noch ein Land erwerben. Lord Rothschild und Mfred von Rothschild haben der Jto ihre Sympathie ausgedrückt. Als die Depeschen vor einigen Wochen von Rußland die Nachricht brachten, daß an dem russischen Feiertage gewaltige Judenmetzeleien in ganz Rußland sein werden, da hat Lord Rothschild bei der russischen Regierung erfolgreich interveniert. Als dennoch in Odessa ein Pogrom zu beginnen drohte, da gab die russische Regierung Lord Rothschild die offizielle Versicherung, daß kein Pogrom sein werde. Der beste Beweis, daß Rußland die Pogroms an- und abdrehen kann wie ein elektrisches Licht. — Zangwill schließt: „Die Aufgabe der Jto ist eine schwere,'aber nach der Arbeit eines einzigen Jahres fühlen wir, daß» wenn man Uns Zeit geben wird, wir das Land, das Geld und das Volk finden werden." M a n d e l st a m m schildert die traurige Lage der Inden Rußlands. Die Emanzipation werde nicht die Judenfrage Rußlands lösen; höre der Antisemitismus der Regierung ans, so werde an seine Stelle der Antisemitismus des Volkes treten. Mark Twain sagt: Wenn das Pferd seine Kräfte kennen würde, würde man aushören, auf ihm zu reiten. So auch das jüd. Volk; würde es seine Kraft kennen, dann würde man nicht mehr auf ihm reiten. Straus erklärt, daß er den leidenden Brüdern nicht nur als Juden, sonder» auch als freier Amerikaner helfen ivolle, und meint, daß, wenn wir schon 2000 Jahre gewartet haben, wir dann auch noch 10 Jahre warten können. „Vereinigt stehen wir, scheidend fallen lvir." I a s s i n o w s k y: Er sei Zionist geblieben, aber vorläufig sei der Territorialismus notwendig. Sulzbcrger spricht die llcbcrzengnng ans, daß die Jto ein Land bekommen werde. Klee: Mit Philanthropie kann man keinem Volke helfen; nur ein freies Land kann dem jüdischen Volke die Rettung bringen. & tei n schildert die Lage in Rußland und ruft aus: „Du Volk, das der Welt den Gottheitsbegriff und die größten Lehren gegeben hat, nimm dein Schicksal in deine eigenen Hände!" London. Die vereinigten Kommissionen des Unter- und des Oberhauses haben die Ausarbeitung des neuen S o n n t a g s g e s e tz e s vollendet, das in seiner nunmehrigen Gestalt für die englische Judenheit günstig ist. Die wesentlichsten Punkte sind: Die Umstände des modernen Lebens verlangen, daß man in bestimmten Gegenden bestimmte Waren Sonntags während des ganzen oder während des halben Tages verkaufen darf und daß jeder Angestelltc den ihm gesetzlich zustehenden Ruhetag nicht am Sonntag halten muß, wenn das gegen seine Ucberzeugnng ist. Die Kommission erklärte, daß in Stadtteilen, die nur von Inden bewohnt sind» jedem Juden die Erlaubnis gegeben werden müsse, Sonntags sein Geschäft offen zu halten. Frankreich. Paris. In Verfolg des Gesuchs, das von der A l l i a n c e Israölite Universelle im Interesse der vom Aergsten bedrohten Odessaer Juden an den französischen Minister des Aeußern gerichtet worden ist, hatte der Präsident der Alliance, Narcisse Leven, mit dem Direktor der politischen Angelegenheiten — der Minister ist ans Urlaub — eine längere Unterredung. Der Direktor erllärte,' daß die Regierung Informationen erhalten hätte, die lediglich ans Mitteilungen der französischen und englischen Konsuln beruhten und die darin nbcreinstimmten, daß die Bewegung, die in Ddessa eingesetzt habe, augenblicklich zum 'Stillstand gekommen sin. Infolgedessen liege für die Entsendung von Lchirfen zur Aufnahme von Flüchtlingen kein unmittelbarer Anlaß vor. Uebcrdies sei diese Maßnahme nicht leicht zu nehmen. Ohne Präzedenzfall könne sie leicht als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten bes Landes gedeutet werden. Jedensalls werde der Minister den angeregten Schritt im Auge behalten und werde wohlwollend prüfen, wie weit der Anregung Folge zu geben sei. Paris. (Ick.) In der antisemitischen Presse der Lichtstadt herrscht jetzt ei» unglaublicher Ton. Die Judenfrage war für diese.Presse wohl immer ein bedeutender Punkt ihrer Tagesordnung, jetzt, nachdem der Kassationshof sein Urteil gesprochen, gibt es für sie in der Welt und im Leben überhaupt nur eine Frage — die der Juden. Vom aristokratischen „Gaulois", dessen Redakteur bekanntlich Arthur Mayer ist, bis zum pöbelhaften „Jntrasigant", von der „Patrie" bis zur „Libre Parole" hört man seit der Befreiung Dreyfus nur ein Wort „Tod den Juden", nur eine Frage gibt es noch im Lebe» zu lösen — die Judenfrage. Die russische Revolution haben die Juden provoziert, Deutschland dankt seine Macht den Inden, Japan habe nur dank dem jüdischen Gelbe gesiegt. Vermacht ein großer jüdischer Philanthrop größere Geldsummen für gemeinnützige Zwecke, toben die Antisemiten, das Geld sei doch erwuchert. Ueberläßt ein reicher Jude wenig den Armen, da wird erst recht gelärmt.. Kurzum, es gibt nur noch eine Frage, ein Uebel, eine Ursache alles Unglücks — die Juden. — Das ist ein gutes Zeichen. Denn die großen Massen, einmal durch hohen Richterspruch überzeugt „qns c'eat n’eat pas ]e jnif qui fait toujonrs le mal“, daß eslnicht^ der Jude ist, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.